Aus dem Redeprotokoll der Hauptversammlung der Volkswagen AG am 3.
Mai 2006 in Hamburg:
Redebeitrag von Herrn Dr. Teunis:
Vors. Prof. Dr. Piëch: Ich bitte Herrn Dr. Teunis, Braunschweig, ans
Pult.
Dr. Teunis: Herr Vorsitzender! Sehr geehrte Damen und Herren! Ich
vertrete eigene Aktien.
Bei erfolgreicher Werbung für Automobile ist das Wichtigste die
Interaktion von Sprache und Bild. Allerhöchste Priorität muss der
Verständlichkeit und Eingängigkeit der Botschaft zukommen. Bei
Volkswagen wird dieser werbepsychologische Grundsatz seit Jahren
verletzt, und zwar dadurch, dass für Produkt- und
Funktionsbeschreibungen zunehmend englische Bezeichnungen und
Kunstworte Verwendung finden.
(Beifall)
Ich habe vor einigen Monaten einen Passat bestellt und dabei
erfahren, dass man fundierte Englischkenntnisse braucht, um alles zu
verstehen, was angeboten wird.
Bei der Ausstattung kann man wählen zwischen Trendline, Highline,
Sportline und Comfortline.
Bei den Motoren gibt es u. a. TDI und FSI. Was "FSI" bedeutet, weiß
der Berater nicht genau; es heiße wohl "Full Selected Injection" oder
so. In Wirklichkeit heißt es natürlich "Fuel Stratified Injection".
Es gibt weiterhin den FSI 4MOTION. Meine Nachfrage nach der Bedeutung
von "4MOTION" lautet: "Das ist doch klar: unser Allradantrieb!" Der
Berater weiß nicht, dass die korrekte Übersetzung für Allradantrieb
"Four wheel drive" ist. "4MOTION" ist eine grammatikalische
Unmöglichkeit und stellt eine böse Verstümmelung der englischen
Sprache dar. Denn "Motion" für Bewegung kann morphosyntaktisch nicht
mit einer Zahl kombiniert werden. Im Englischen ist das genau so
unmöglich, wie es "4Bewegung" im Deutschen wäre.
Bei den Farben ist es so bunt, dass es mir wegen der vielen
englischen Qualifizierungen einfach zu bunt wird, bei denen man sich
offenbar nicht die Mühe gemacht hat, nach deutschen Äquivalenten zu
suchen. Ich darf wählen aus Candy-Weiß, Granite Green, Arctic Blue
Silver, Wheat Beige, Shadow Blue, United Silver usw.
Gibt es wirklich keine treffenden deutschen Namen für unser deutsches
Produkt? Wo bleibt die Kreativität unserer Werbeabteilung?
(Beifall)
Darüber hinaus bietet die Volkswagen Individual GmbH ein
individuelles Designpaket aus Sensitive-Leder, in Snow Beige und
Türinserts in zeitlosem Design.
Und dann zum Entertainment: Ich darf bestellen: Multimedia-Kit,
PhatBox und Rear-Seat-Entertainment-Geräte.
Bei all den englischen Vokabeln, die ich höre und lese, frage ich
mich: Ist das eine Beratung für einen deutschen Kunden oder einen
englischen Kunden?
Nun fahre ich ihn, den Passat, und muss mich zurechtfinden mit
Bezeichnungen wie TIM für Traffic Information System, TMC für Traffic
Message Channel, EPC für Electronic Power Control, ACC für Adaptive
Cruise Control, mit MUTE, DEST, NAV, MAP, Scan und Autostore, mit
Autohold, Reset, SPEED, CANCEL,
(Heiterkeit und Beifall)
mit KESSY für Keyless Entry Start Exit System. - Es ist ein Graus,
meine Damen und Herren!
(Beifall)
Es gibt nicht nur die unverständlichen Abkürzungen, sondern unter dem
Navigationssystem prangt ein Satz: PASSENGER AIR BAG OFF. - Zu
Deutsch, frei übersetzt: Passagier Luft Sack aus.
(Heiterkeit)
Ohne Englischkenntnisse und intensives Studium des Bordbuches kommt
man nicht mehr zurecht!
Warum steht auf dem Zündschloss der Schriftzug "ENGINE Start/Stop"?
Es ging doch Jahrzehnte ohne diesen völlig überflüssigen und
unverständlichen Hinweis!
Nach der Übergabe des Fahrzeugs war früher der Kundendienst für mich
zuständig. Nun ist er umbenannt worden in After Sales Service.
(Heiterkeit)
Das ist absolut nicht einzusehen. Das ist nicht nur rücksichtslos,
sondern es erscheint mir auch verkaufsstrategisch gesehen als dumm,
so mit deutscher Kundschaft umzugehen.
(Beifall)
Ich empfehle, sich ein Beispiel an McDonald's zu nehmen. McDonald's
hat in Deutschland bis vor gut einem Jahr mit "Every time a good
time" geworben. Eine Marktanalyse ergab, dass dieser Werbespruch von
der Bevölkerung nicht verstanden wurde. McDonald's hat seinen
Werbespruch geändert in "Ich liebe es!".
(Heiterkeit und Beifall)
Aus demselben Grund hat auch unsere Konzerntochter Audi umgeschwenkt
von "Driven by Instinct" auf "Pur und faszinierend".
Herr Dr. Bernhard, auch Ihre Mitarbeiter in der Produktion verstehen
nur unzulänglich Englisch. Sie haben trotzdem vier "Product Units" ?
abgekürzt PUs ? für vier selbständig wirtschaftende Einheiten
eingeführt. Es sind dies die PU A-Klasse, die PU Presswerk, die PU
Trim und die PU Fahrsysteme - ein schönes Mischmasch aus Deutsch und
Englisch!
Gemeint sind aber offensichtlich gar nicht "Product Units", sondern
"Production Units". Abgesehen von diesem Fehler empfehle ich, die
jetzt von Ihnen eingeführte Bezeichnung "Product Unit" wieder
zurückzunehmen. Die bisher gebräuchliche "Fertigung" kann genau so
wirtschaftlich arbeiten wie eine "Product Unit".
(Beifall)
Meine Damen und Herren, wenn der Kunde nachhaltig an Volkswagen
gebunden werden soll, muss die Sprache stimmen. Die ist für deutsch
Sprechende nun mal Deutsch und kein deutsch-englisches Mischmasch.
(Beifall)
Außerdem hat jeder das Recht, nicht Englisch zu können.
(Beifall)
Herr Dr. Pischetsrieder, ich habe abschließend zwei Fragen und einen
Vorschlag. Meine erste Frage: Beabsichtigen Sie, im deutschen
Volkswagen Konzern, der bereits seit Jahrzehnten global agiert, jetzt
zunehmend englische Bezeichnungen einzuführen, insbesondere auch
dann, wenn es gute deutsche Wörter gibt? Meine zweite Frage: Ist
schon einmal geprüft worden, welche Haftungsrisiken bestehen, falls
ein des Englischen nicht mächtiger Kunde den im Zweifel
lebenswichtigen Warnhinweis "PASSENGER AIR BAG OFF" nicht
berücksichtigen konnte?
Und nun mein Vorschlag: Herr Dr. Pischetsrieder, Sie haben vor gut
einem Jahr einen neuen Namen für unseren deutschen Volkswagen Konzern
gesucht, um eine Abgrenzung zu Volkswagen Aktiengesellschaft zu
erreichen. Ich habe auf der letzten Hauptversammlung "People's Wagon
Group" vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt.
(Beifall)
Dr. Pischetsrieder, Vorsitzender des Vorstands: Das müsste doch ganz
in Ihrem Sinn gewesen sein, Herr Teunis!
(Heiterkeit)
Dr. Teunis: Ich versuche es heute mit einem anderen Vorschlag. Falls
Sie eine englische Bezeichnung für unseren Betriebsrat suchen
sollten, ich habe ein Angebot: "Work Council" mit der Abkürzung "WC".
(Große Heiterkeit und Beifall)
- Meine Damen und Herren, ich freue mich, dass Ihnen mein Vorschlag
so gut gefällt. Dann dürfen wir zusammen auf die Antwort von Herrn
Dr. Pischetsrieder gespannt sein.
Falls der Vorschlag angenommen wird, kann der Worker an der
Finishline künftig während oder nach seiner Shift zu seinem
vertrauten WC gehen.
(Heiterkeit)
Meine Damen und Herren, ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und
wünsche allen Volkswagen-Fahrern eine gute Zusammenarbeit mit ihrem
After Sales Service.
(Heiterkeit und Beifall)
Dr. Pischetsrieder, Vorsitzender des Vorstands: Herr Teunis, Ihre
Anregungen zur Verwendung der deutschen Sprache finde ich so
unterhaltsam, wie auch Sie, verehrte Aktionäre, sie fanden. Es ist
so, dass manche der Bezeichnungen, die Sie im Fahrzeug finden,
tatsächlich international genormt sind. Ihre spezielle Frage: Was
passiert denn mit dem Hinweis "Airbag off" für den Fall, dass jemand
nicht englisch lesen kann? - In der Betriebsanleitung ist genau
beschrieben, was das auf Deutsch heißt. Ich glaube trotzdem ? das
sage ich durchaus aus Überzeugung ?, dass die allzu intensive
Verwendung der englischen Sprache im Deutschen nicht nur im
Automobilbereich ein gewisser Kulturverlust ist.
(Beifall)
Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dr. Geert Teunis
"... jeder muss im job permanently seine intangible assets mit high
risk neu relaunchen und seine skills so posten, dass die benefits
alle ratings sprengen, damit der cash-flow stimmt. Wichtig ist
corporate- identity, die mit perfect customizing und eye catchern
jedes Jahr geupgedatet wird!"
gruß vs ... der es lieber deutsch mag.
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