von Edelknabe » 12. März 2022, 19:01
Dies fand ich in der FAZ vom Mittwoch,9.März 2022 unter "Briefe an die Herausgeber"
"Ein neuer Gorbatschow!
Zu: „Steck wenigstens ein paar Sonnenblumenkerne ein“ von Kyrylo Tkatschenko in der F.A.Z. vom 5. März: Die Erörterung der folgenden, sehr aktuellen Frage wäre denkbar für eine anspruchsvolle Klausur im Ethikunterricht der Oberstufe: „Ein kleiner Staat wird von einem mächtigen Nachbarn überfallen. Er hat nicht die allergeringste Chance, sich auf die Dauer erfolgreich zu verteidigen. Über kurz oder lang wird er dem Stärkeren als sichere Beute zufallen. Wie soll sich die Staatsführung des kleinen Staates entscheiden? Sofortige Kapitulation oder heldenhafte Verteidigung bis zum Letzten?“ Mein Erwartungshorizont wäre dieser: „Eine heldenhafte Verteidigung, die schließlich unweigerlich mit einer Niederlage endet, führt zur Zerstörung des ganzen Landes (riesige Schäden an Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden, Krankenhäusern, Straßen, Bahnlinien, Kraftwerken, Wasser- und Stromleitungen), Flucht von Millionen Menschen mit all dem damit verbundenen Elend, Tausende Tote und Verwundete unter den Zivilisten, humanitäre Katastrophen unvorstellbaren Ausmaßes in belagerten Städten, Abertausende Tote und Verwundete unter den kriegführenden Männern, unsagbares Leid von Frauen und Kindern, schließlich sogar Gefahr eines Weltkrieges, wenn starke Nachbarn dem angegriffenen Land auf dessen Bitte zu Hilfe kommen.
Folge der Kapitulation: All das wird vermieden, allerdings um einen hohen Preis: Der Staat wird einverleibt in den Machtbereich eines autoritär regierten Imperiums. Wägt man die jeweiligen Folgen gegeneinander ab, ist das Ergebnis klar: Die Entscheidung zur Kapitulation ist klüger und moralisch sogar geboten; denn die Zerstörung eines ganzen Landes verbunden mit dem Leid von Millionen und dem Tod von Abertausenden ist ohne Zweifel ein weit größeres Übel als das Leben unter fremder Herrschaft. Außerdem besteht die Hoffnung, dass die siegreiche Großmacht eines Tages zerfällt oder dass liberale Kräfte (in Russland zum Beispiel ein neuer Gorbatschow!) dort die Oberhand gewinnen.
Bezöge ich die allgemein formulierte ethische Grundfrage auf Russland und die Ukraine, würde Kyrylo Tkatschenko widersprechen, denn aus einem mir unverständlichen Grund glaubt er beziehungsweise will er an den Sieg der Ukraine glauben. Wenn er recht hätte (aber er hat nicht recht), dann wäre ein entschlossener Verteidigungskrieg, der seinen Erfolg einer „absoluten Kampfbereitschaft“ verdanken würde, natürlich selbstverständliche Pflicht.
Zurück zu meinem Erwartungshorizont: Es gibt nur ein einziges Argument, das man seinem Ergebnis entgegenhalten kann: Die Kapitulation macht es dem Angreifer zu einfach. Mühelos gewinnt er ein neues Gebiet, und er fühlt sich eingeladen, weitere kleine Länder zu überfallen mit der nicht unbegründeten Hoffnung, dass auch sie sofort oder nach kurzer Zeit kapitulieren. Im Fall Russland/Ukraine lässt sich der Einwand leicht widerlegen: Putin wird sich hüten, ein europäisches Land zu überfallen, das zur NATO oder zur EU gehört. Die Gründe liegen auf der Hand. Wirksame Abschreckung ist möglich. Wolfgang Illauer, Neusäss-Westheim
Unverantwortlich
Krieg ist nicht alternativlos. Besonders dann nicht, wenn der Kampf so eindeutig aussichtslos ist wie beim Einmarsch Russlands in die Ukraine. Natürlich ist das völkerrechtswidrig und einfach ein großes Unrecht, aber man kann sich auch in sein Schicksal ergeben und kampflos aufgeben. Ist das feige oder naiv? Nein, weder noch! Es ist vernünftig und verantwortungsbewusst. Unverantwortlich und unvernünftig hingegen ist das Verhalten Europas, die Ukraine in diesem aussichtslosen Kampf verbal zu bestärken und auch noch mit Waffen zu unterstützen. Waffen, die den Krieg nur verlängern, aber keinesfalls entscheiden können. Wohin soll das führen, als nur zu noch mehr Tod und Vernichtung? Hans-Dieter Klingberg, Darmstadt
Rainer Maria