Reservistenkollektive in der DDR

Alles zum Thema NVA, außer GT

Reservistenkollektive in der DDR

Beitragvon Gerd Böhmer » 24. Oktober 2019, 18:27

Nabend,

Angeregt durch die Anfrage eine Users kam es auf der Seite von Drehscheibe-Online im historischen Forum unter https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?017,9089381,page=all zu einer sehr interessanten Diskussion über Reservistenlok, Reservistenkollektiven und einige andere Details in der DDR und auch auf die NVA bezogen.
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Re: Reservistenkollektive in der DDR

Beitragvon augenzeuge » 24. Oktober 2019, 18:34

Gerd Böhmer hat geschrieben:Nabend,

Angeregt durch die Anfrage eine Users kam es auf der Seite von Drehscheibe-Online im historischen Forum unter https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?017,9089381,page=all zu einer sehr interessanten Diskussion über Reservistenlok, Reservistenkollektiven und einige andere Details in der DDR und auch auf die NVA bezogen.


Toll. Die haben echt ein paar user, die hierher passen würden: [grins]
Mit Verlaub: Du kennst diese Dinge - wenn überhaupt - leider nur von einem gezielt gefilterten Hörensagen, während unsereins sowohl den Grundwehrdienst bei der NVA, als auch die Politclownerien in den Betrieben hautnah - wenn auch bewußt distanzierend und deshalb mit Nachteilen belegt - miterleben durfte.

Die amüsante Debatte hier zeigt sehr schön, wie ein weiteres Mal versucht wird, westdeutsche Denkmuster auf Gegebenheiten der ehemaligen DDR (die ich an dieser Stelle überhaupt nicht werten möchte) anzuwenden.

[flash]
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Re: Reservistenkollektive in der DDR

Beitragvon Volker Zottmann » 24. Oktober 2019, 19:02

Diese Reservistenkollektive scheint es wohl in großen Betrieben gegeben zu haben.
Bei uns im WBK krähte kein Hahn nach den Reservisten. Nach NVA-Zeit war man eben Reservist. Ich sogar recht glücklich, denn ich wurde nie wieder eingezogen.
Mein ehemaliger Mitlehrling und Kollege zog mit mir auf eine Bude. Wurde dort aber Militärkraftfahrer. Zum Dank wurde er 2 oder 3 mal für 3 Monate zur Reserve gezogen. Das hatte er also von seiner "Liebe zum Fahren".
Mich beorderte man noch 2 mal kurz ins Wehrkreiskommando...
Kurz vor meiner Selbständigkeit kam eine Vorladung: Ich gehörte nun zu irgendeiner schnellen Truppe, die am Tag X hätte binnen 2 Stunden an einer Scheune in Badeborn stehen müssen. Warum, wieso, weshalb, hatte man sich gespart uns zu erörtern.
Nach einem weiteren Jahr wieder Vorladung: Alle Kommanos retour, hieß es da. "Was hier erzählt wurde, hat nie stattgefunden! Vergatterung!"
Also war mir die drückende Last vor dem Tag X genommen. Das Militär hat mich nie wieder belästigt. Nur in meinen Erinnerungen.

Vielleicht war ich ja auch in einem "Reservistenkollektiv ohne was davon zu wissen?

Gruß Volker
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Re: Reservistenkollektive in der DDR

Beitragvon Gerd Böhmer » 24. Oktober 2019, 19:53

Noch einmal Nabend,

Ich zitiere einmal einen meiner Beiträge aus der verlinkten Diskussion:
... das war doch auch bei der Verabschiedung aus dem aktiven Dienst bei der NVA genauso. Auch in meinem Leben spielte die NVA im zivilen Bereich keine Rolle. Da gab im Laufe der Jahre es nur einige wenige Reserveübungen im Wehrkreis, bei Denen eben wie schon geschrieben zivile Kleidung getragen wurde. Bei diesen Reserveübungen ging es auch nur um das Prozedere bei der Einberufung von Reservisten im Fall des Falles. Noch zumal meine aktive Zeit von Mai 1976 bis Oktober 1977 war und meine Einberufung zur Reserve im Herbst 1989 fiel den Ereignissen der Zeit zum Opfer.
Vielen Dank für die ersten Reaktionen.
MfG Gerd Böhmer,
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Re: Reservistenkollektive in der DDR

Beitragvon Beethoven » 25. Oktober 2019, 08:08

Von der Reservistenlok habe ich keine Ahnung und schreibe dazu nichts.

Jeder Soldat der NVA, wie übrigens auch der BW, ist nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst, Reservist. Da kann er gar nicht gegen machen.

Seine Wehrstammkarte wurde in dem jeweiligen Wehrkreiskommando durch die Abteilung "Organisation / Auffüllung" weiter geführt. Dort wurden, ohne dass der Reservist etwas dagegen oder dafür machen konnte, alle wesentlichen Veränderungen im Leben des Reservisten eingetragen. Wie ordentlich das gemacht wurde weiß ich natürlich nicht.
Das waren z.B. Abschluss eines Studiums, andere Berufsabschlüsse, Hochzeiten, Kindesgeburten usw. Daraus konnten sich für den Reservisten neue Dienststellungen ergeben. Aber man wusste auch, wieviel Geld die daheim Gebliebenen zu erhalten hatten, wenn es in den Krieg gehen sollte. Also solche Dinge wurden sehr ordentlich bearbeitet. Eine ungeheure Arbeit, die da in den WKK´s geleistet wurde, hüben wie drüben.

Die Landstreitkräfte der NVA hatten sechs aktive Divisionen und fünf Mobilmachungsdivisionen. Hinzu kamen noch eine große Anzahl von Einheiten und Truppenteilen im Soll 1 (Friedensstruktur) , die kadriert waren. Das bedeutet, diese Einheiten & TT bestanden nur aus einem Rumpfkontingent, meistens nur der Stab und einige Zivile Kräfte, manches mal auch als richtige Truppe, deren Bestand nach Auslösung der Mobilmachung auf die Stärke Soll 2 (Kriegsstruktur) gebracht wurde. Hier kann ich z.B. das FuFuTAB - 3 oder - 5 benennen oder das LStR-40. Diese waren aktive Truppenteile, die im Mobilmachungsfall aufgestockt worden wären.

Der einzelne Soldat / Uffz. / Offz, wurde durch das WKK auf Anforderung durch höhere Organe, in irgend einer dieser Truppenteile verplant und hatte eine Gestellungszeit und einen Gestellungsort, der ihm bei Auslösung der Mobilmachung kurzfristig, durch sein zuständiges Wehrkreiskommando, mitgeteilt worden wäre. Das waren in der Regel Sammelpunkt für Personal und Sammelpunkte für Technik.

Die im Sammelpunkt arbeitenden Soldaten und Zivilisten hatten konkrete Listen und jeder der sich meldete und seinen Schein vom WKK vorlegte, bekam eine Nummer in der seine zukünftige Funktion und die Einheit / Truppenteil, verschlüsselt zu erlesen war, einen in der Nähe liegenden, weiteren Sammelpunkt (meistens wurden die Männer gesammelt und dann zu diesem Punkt kutschiert) und waren somit bereits in ihrem Truppenteil. Dort wurden sie dann auf die jeweiligen Einheiten aufgeteilt und erhielten ihren Dienstgrad der oft jener war, mit dem sie die Armee verließen und vor allem bekamen sie ihren Dienstposten. Also z.B. RPG-Schütze im II. MSB, 4. MSK, 2. Zug, erste Gruppe.
Hatte unser Reservist inzwischen ein Studium absolviert (z.B. Bauingenieur) konnte es passieren, dass er als Gefreiter eines Mot.-Schützenregimentes die Armee seinerzeit verließ und nun als Leutnant und Zugführer in einem Pionierbaubataillon (z.B. Neiden) eingesetzt worden wäre. Natürlich war die Kaserne in Neiden längst leer und das Pio-Bat. lag im Wald bei x y.

Weiter in nächster Antwort, weil über 5000 Zeichen ...
Zuletzt geändert von Beethoven am 25. Oktober 2019, 08:15, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Reservistenkollektive in der DDR

Beitragvon Beethoven » 25. Oktober 2019, 08:08

Hier geht mein Beitrag weiter

Unterschiede gab es, ja nach dem wie die Regielager aufgebaut wurden / waren, wo und wie die Männer eingekleidet und bewaffnet wurden.
Kam unser Soldat in eine Liniendivision, so wurde bereits bei der ersten Meldung am Sammelpunkt, die Uniform und all das Zeug, was der Reservist benötigte übergeben. Dazu standen entweder große Hallen zur Verfügung oder es wurden große Zelte aufgebaut, die der Reservist durchlaufen musste. Hatte er alle Stationen abgelaufen, stand er als voll ausgerüsteter Soldat, jedoch noch mit langen Haaren und ohne Munition auf dem Acker, im Wald oder sonst wo und wurde nun, wie bereits beschrieben, zu seinem Truppenteil, zu seiner Einheit gekarrt und eingegliedert.

Dieser Vorgang, der ja einen sehr hohen administrativen Aufwand erforderte, wurde alle zwei Jahre in Gänze, öfter in Teilbereichen trainiert.

Die Armee zog auch Technik aus der Volkswirtschaft ein.
Beispiel: Lkw-Fahrer Heinz, hatte mit seinem LKW, der dem Betrieb "Schwarze Socke" gehörte, am Sammelpunkt zu erscheinen. Heinz durchlief die Prozedur, die ich oben beschrieb. Sein LKW wurde kurz auf technische Mängel untersucht und kleine Reparaturen durchgeführt. War es richtiger "Krieg" wurde der LKW kurz umgespritzt. Da kam es nicht auf Schönheit an. Und am Ende saßen Männer auf uns Heinz fuhr diese dann zum Sammelpunkt des Truppenteils, weil Heinz nämlich im Kriegsfalle seinen LKW weiter fuhr. Genauso war es natürlich auch für andere Spezialtechnik (Baumaschinen, Tanker und was es alles noch so gibt).
War es nur eine Mobilmachungsübung, wurde die Technik nicht umgespritzt.

Die Mobilmachungsdivisionen waren z.B. alle Unteroffizierschulen der NVA Landstreitkräfte und das AZ-19 (Burg bei Magdeburg).

Jede Division hatte ein oder mehrere große Regielager in welchen die gesamte Gefechtstechnik, vom Jeep über den Panzer bis zur taktischen Rakete, untergebracht und regelmäßig gewartet wurde.
Der / die Reservist(en), der / die also einen Panzer fahren sollte(n), wurden zu diesem Lager gefahren, übernahmen dort die Technik und kullerten darauf hin, mit diesem Panzer in den Konzentrierungsraum des jeweiligen Truppenteils.

All das war eine wahnsinnige logistische Aufgabe im Vorfeld und erst recht wenn es heiß geworden wäre.

So wie ich es eben schilderte, wird es wohl in allem stehenden Heeren der Welt gemacht.

Die fünf Mob-Divisionen der NVA hatten zwischen zwei bis vier Tagen Gefechtsbereit sein müssen.
Wenn es sich nicht gerade um Deckungseinheiten gehandelt hat, wie z.B. im AZ 19, verlegten die Truppenteile der Divisionen auf Truppenübungsplätze und es begann eine Ausbildung zur Herstellung der Geschlossenheit über die Gruppen-, Zug- und Kompanieausbildung. Die Stäbe der Einheiten (Bataillone), die ja auch zusammen gewürfelt waren (meist war nur der Kommandeur und der Stabschef aktive Soldaten) trainierten die Stabsarbeit, bis der Truppenteil konkrete Aufgaben bekam.

Freundlichst
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Re: Reservistenkollektive in der DDR

Beitragvon pentium » 25. Oktober 2019, 08:30

Beethoven hat geschrieben:Von der Reservistenlok habe ich keine Ahnung und schreibe dazu nichts.



Ist aber Teil des Themas...sonst hätte es bei der Drehscheibe Ärger gegeben.
*Dos Rauschen in Wald hot mir'sch ageta, deß ich mei Haamit net loßen ka!* *Zieht aah dorch onnern Arzgebirg der Grenzgrobn wie ene Kett, der Grenzgrobn taalt de Länder ei, ober onnere Herzen net!* *Waar sei Volk verläßt, daar is net wert, deß'r rümlaaft of daaner Erd!*
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