Es gibt Russland-Versteher und Putin-Versteher. Ein Buch über den Unterschied.Es gibt Russland-Versteher und Putin-Versteher. Manchmal sind diese Haltungen, wie im Fall Gabriele Krone-Schmalz, deckungsgleich. Es gibt aber auch viele Russlandfreunde, die ausgesprochene Putin-Verächter sind. Sie sagen, wer Russland mag, kann Putin nicht mögen. So einer ist Boris Reitschuster, langjähriger Moskau-Korrespondent des Focus. Er ist der Anti-Krone-Schmalz des deutschen Journalismus. Er hat mehrere Bücher geschrieben, die sich kritisch mit dem System Putin befassen. Sein jüngstes trägt den Titel „Putins verdeckter Krieg“ und meint es auch so.Ich selbst verstehe trotz einer russischstämmigen Großmutter weder das riesige „Mütterchen“ noch Wladimir Putin. Ich war einmal als Journalist in Russland und fühlte mich dort wie ein Fisch in der Sahara. Ich bewundere vieles an der russischen Kultur, ganz vorn natürlich die Literatur und die Musik, und halte die russische Politik nach Gorbatschow für ein Trauerspiel. Aber eben nur als gelegentlicher Beobachter von außen. Und das alles sage ich nur, damit Sie wissen, dass ich Reitschusters Buch zwar hoch interessant finde, aber nicht wirklich sachkundig beurteilen werde oder möchte.
Auffallende Diskrepanz zwischen der journalistischen Außen- und Innenansicht
Immerhin: Was mir schon früh, als ich noch bei meiner Zeitung aktiv war, aufgefallen ist, war die Diskrepanz zwischen der journalistischen Außenansicht und Innenansicht. Als wir weit vor der Ära Gorbatschow die russische Politik noch sehr kritisch oder wenigstens skeptisch kommentierten, schrieb unser Korrespondent mit großer Wärme über die friedlichen Ambitionen der Kreml-Führung. Als wir daheim in der Redaktion dann von Michail Gorbatschow schwärmten, schrieb unsere Korrespondentin aus Moskau über die Abneigung und die Verachtung, die Gorbatschow als „Verräter“ und „Ausverkäufer“ damals schon in Russland auf sich zog.
Boris Reitschuster war viele Jahre Russland-Korrespondent, nicht, weil er dorthin geschickt wurde, sondern auf eigene Faust und geradezu aus einer Russland-Sehnsucht heraus. Das Putin-Regime, das er schon früh äußerst kritisch kommentierte, wurde dann für ihn immer mehr zum Alptraum und zur Gefahr für seine Familie. Seit mehreren Jahren beobachtet und beschreibt er Russland aus der deutschen Ferne, unterstützt durch gelegentliche Besuche bei seiner enttäuschenden Liebe. Dabei helfen ihm viele Kontakte zu Russen, die sich in Deutschland in Sicherheit gebracht haben, und zu Russen, die in ihrer Heimat als Dissidenten ausharren.
In seinem vorletzten Russland-Buch „Putins Demokratur“ fragte Reitschuster: „Wie gefährlich ist Wladimir Putin?" Und er gibt eine nicht sehr froh stimmende Antwort. Jetzt wird er noch deutlicher.
Er sieht Putin als Feldherr eines verdeckten Krieges, dessen Minimalziel er so beschreibt: „Wie Moskau den Westen destabilisiert“. Damit sei Europa, vor allem die Europäische Union gemeint. Amerika sei nur indirekter Kriegsgegner: Putin gehe es vor allem darum, einen Keil zwischen die beiden westlichen Großbetriebe diesseits und jenseits des Atlantik zu treiben. Er selbst sehe sich als Stratege einer eurasiatischen Großmacht.
Die putinsche Politik als Fortsetzung StalinsDiese Politik, die Reitschuster als gar nicht neu, sondern als Fortsetzung der Politik Stalins beschreibt, sei seit der Krim-Annektion und der Ukraine-Krise deutlich sichtbar, aber schon viel länger latent gewesen. Was Putin von Stalin unterscheide sei seine kapitalistische, im Zweifel mafiose Ideologie, die nichts mehr mit dem alten Kommunismus zu tun habe. In seiner geopolitischen Expansionslust aber greife Putin die Linie Stalins wieder auf, der unter ihm in Russland wieder neues Ansehen erworben habe. (Dass Putin natürlich weit davon entfernt ist, im stalinschen Ausmaß über Leichen zu gehen, sei hier der Ordnung halber angemerkt.)
Reitschuster berichtet von medialen Verunsicherungs-Kampagnen und von einer Art fünfter Kolonne, die Putin auch in Deutschland etabliert habe; er tadelt die unentschlossene Haltung deutscher Medien und die Schwäche des Westens angesichts einer aggressiven Taktik Putins; und er endet seine sehr entschlossene Betrachtung mit dem Aufruf: „Wehrt euch!"Eine gelassene und betont objektive Beschreibung des Kreml-Chefs und seiner Politik ist das alles nicht, will es auch nicht sein. Wohl aber ein spannender und herausfordernder Lagebericht eines auch persönlich enttäuschten, aber hervorragend informierten Journalisten. Sollte Gabriele Krone-Schmalz das Buch lesen, so wird ihr wohl das Kurzhaar zu Berge stehen. Wer aber beim Blick auf den persönlichen und politischen Macho Putin ein ungutes Gefühl in der Magengrube bekommt, der findet bei Boris Reitschuster jede Menge Material, sein ungutes Gefühl mit Daten und Fakten aus dem Bereich der Magengrube herauszuheben.
Zu Recht? Als Russland-Nichtversteher bin ich gelegentlich versucht zu sagen: Nun übertreib mal nicht. Aber selbst dann bleibt unterm Strich eine beunruhigende und aufrüttelnde Bilanz des Mannes und der Politik Wladimir Putins.Boris Reitschuster, Putins verdeckter Krieg, Econ, 335 Seiten
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