von pentium » 1. März 2013, 22:18
Ja ich weiß, die Geschichte hat nichts mit Geheimnissen zu tun und eigentlich auch nichts mit der Wismut. Ich finde die Geschichte aber gut.
Aus "Im Banne der Finsternis" Neuzeitliche Bergmannssagen aus dem Erzgebirge von Jürgen Bergmann 1991
Das Jaucheauto
Wer auf dem Schacht "mal musste", hatte mehrere Möglichkeiten. Übertage war das "Klo" recht einfach und doch praktisch beschaffen. Ein Raum mit Betonfußboden. Darin mehrere Löcher und vor jedem Loch ist eine Haltestange einbetoniert. Hose runter, schön weit, damit man nicht hintendrauf pinkelt, festhalten an der Stange und die Beine schön gespreizt. Dann auf das Loch zielen! Wer kein Papier bei sich hat ist, ist arm dran. Die Vorschrift verlangte, "nach dem Geschäft" eine (kleine) Schaufel Chlorkalk in das Loch zu werfen, den Wasserschlauch von der Wand zu nehmen und alle Überreste vom Betonfußboden in das Loch zu spritzen. Unter Tage war die "Lathrine" aufzusuchen. Wer seinen Arbeitsort weit davon entfernt hatte, scherte sich nicht darum und "kackte" ganz einfach in die "Masse". Das war zwar verboten, aber wer konnte denn Übertage feststellen, von wem des "Bergmanns warme Würste" waren? Und so pißte und kackte jeder wie es ihm gefiel und wo es am praktischsten erschien.
Übertage waren im Schachtgelände auch die Geologen und Markscheider, die Feuerwehrleute, Förderpersonal und Maschinisten angesiedelt. Die gingen natürlich auf "Saschas Scheißhaus", wie das eingangs beschriebene Örtchen genannt wurde. Natürlich fand auch hin und wieder eine Leerung der Grube statt. Das erfolgte mit dem Jaucheauto. Der Prototyp dieses Gefährts war vermutlich durch die Bewährungsproben des 2. Weltkrieges gegangen und hatte technisch interessante Details zu bieten , die einer Beschreibung würdig sind.
Auf dem Militärfahrzeug "SIL" befand sich der Jauchekessel. Auffällig war ein auf dem Kessel befestigter Trichter mit einem großen Metallpfropfen, der an einer Kette hing. Vom Kessel aus führte dann der Schlauch hinab in die Grube. Das Gefährt besaß keine Jauchepumpe, die man mit dem Motor antreiben konnte. Dafür aber eine bemerkenswerte Vakuumeinrichtung, mit welcher die Jauche in den Kessel gezogen wurde. Der Fahrer füllte in einen dafür vorgesehenen Verschluß etwas Benzin, pumpte mit der Hand kurz nach und faltete sich aus etwas Papier eine Lunte. Angezündet näherte er selbige einer kleinen Öffnung. Dann krachte es vernehmlich! Der Pfropfen hob sich vom Trichter ab und lies das Explosionsgas aus dem Kessel. Sofort schloß er oben den Kessel dicht ab und durch das entstandene Vakuum strömte die Flüssigkeit in den Behälter. Diese kurze Schilderung ist notwendig, um der gesamten Tragweite des Geschehnisses folgen zu können.
Es war an einem wunderschönen Mai-Vormittag. Die ganze Schachtanlage strahlte im Sonnenschein Ruhe und ausgeglichene Zufriedenheit aus. Oben am Schacht, auf der Förderbrücke, "rollte" es ohne Stockungen. Die Markscheider hatten die Fenster ihres Barackenbaues weit geöffnet und zeichneten Grubenrisse. Daneben, in der Abteilung Geologie, war es nicht anders. Dieser Bau hatte zwei Geschosse, und am Oberen war noch eine umlaufende Veranda angebracht, damit die Fenster geputzt werden konnten. Scherzhaft meinten die Geologen: "Damit der Chef von draußen reingucken kann, ob wir auch fleißig genug arbeiten." Wie dem auch sei, an diesem Vormittag hatten es sich einige Leute aus dieser Abteilung auf der Veranda bequem gemacht und untersuchten Gesteinsproben. Die Feuerwehrleute hängten ihre Schläuche zum Trocknen, auf und die Posten am Eingang dösten vor sich hin. Keiner nahm Notiz von dem Jaucheauto, das nur wenige Meter von den Gebäuden stand, und an dem der Fahrer herumhantierte. Nur der alte Rißzeichner, Jantzschke Arno, hinter seinem überdimensionalen Zeichenbrett, schloß das Fenster. "Mit dem Ding scheint etwas nicht richtig zu funktionieren", muffelte er vor sich hin. "Der hat mir schon zu viel probiert, ohne das es geklappt hat." Arno schlurfte zur Tür und teilte den Kollegen auf der Terrasse seine bösen Vorahnungen mit. Sonst hörten alle auf seine Sprüche. Nur diesen nahm keiner für voll: "Hüte Dich vor den Blondinen und solchen russischen Maschinen." Niemand reagierte. Im Gegenteil, nun schauten alle erwartungsvoll auf das Auto. Wieder hielt der Fahrer die brennende Lunte in das Loch. Aber nur ein kurzes Husten im Kessel und das war alles. Wieder schüttete er Benzin in den Verschluss - vielleicht mehr als genug. Der Mann war sichtlich nervös: der Kessel musste doch bald voll sein! Ohne dem wollte er aber nicht fahren, denn seine Leistung bestand in Litern bei sparsamsten Kraftstoffverbrauch. Nun pumpte er wie toll: Vielleicht mehr als erforderlich. Vor sich hinfluchend, entfachte er die Lunte, hielt sie an den Verbrennungsbehälter und - es krachte. Es krachte weit mehr, als es durfte. Der Pfropfen riß sich von der Haltekette los und fauchte wie eine Rakete über den Schachthof. Dann stieg sie auf, die Fontäne aus Jauche, Papier und was sonst noch in das Klo geworfen wird. Über dem Auto war sie noch schlank, aber dann fächerte sie auf und überzog einen Teil des Hofes mit ihrem unwiderstehlichem Parfüm. Der "Jauchepumper" hatte keine Chance. Wäre er in die Grube gesprungen, würde er besser davongekommen sein. Auf die Veranda klatschten Fladen und Papierfetzen. Fenster, Wände, Tische und Stühle wurden bekleckert. Aufschreie im Markscheideraum. Grubenrisse vergilbten in Sekunden zu stinkender Makulatur. Nur Arno wiegte bedächtig den Kopf: "Glaubst Du nicht dem alten Mann, hast Du schon die Scheiße dran."
Und Arno hatte oft recht.
Glück Auf!
pentium