Ernest 4. Juni 2010, 17:42 hat geschrieben:karl143 hat geschrieben: Der Flüchtling damals hatte keinen Grund sich an dem westdeutschen Beamten auszulassen.
Karl, genau so ist es.
Hätte ich an der Grenze das Weite gesucht, dann wärd ihr wahrscheinlich auch mein erster, begehrter Anlaufpunkt gewesen, denn man braucht ja anfangs einen "Ansprechpartner", um zu sagen...... """Hier bin ich und hier möchte ich bleiben""".
Von einem normalen Flüchtigen und das waren ja ( man kann bald sagen) alle, ging keine Gefahr aus.
Alle "Anderen" waren von der Prozentzahl genau so verschwindend klein, wie der angeblich "böse Grenzverletzer", der dem Grenzer nur Schlimmes antun will. Obwohl dieser Vergleich vielleicht hinken mag.
Was das Schießen an sich betrifft, so hätte ich damals nie gezielt auf einen Menschen schießen können.
Das ist natürlich eine Aussage, die leicht dahergesagt ist. Dazu müßte ich sehr weit ausholen, um zu erklären, warum es so war und ist.
Der Tod war für mich schon immer was sehr Schlimmes. Als Kind (12/13) habe ich ein Mädchen, es ging eine Klasse unter mir , bei einem Verkehrunfall sterben sehen.......vom Zusammenprall an einer Bushaltestelle, über das ewige Liegen in ihrer Blutlache, bis hin zu den letzten Zuckungen vor ihrem Tod. Monate danach hatte ich noch Alpträume und ich sagte mir, warum hast du dir das bis zu letzt angeschaut.
Selbst heute habe ich den Anblick noch vor mir.
Der Tod machte mir Angst und ich hätte es rein moralisch nie geschafft, den Finger zu krümmen. Es gibt innere Hemmungen, die selbst mit der größten angedrohten Strafe nicht überwunden werden können. Und die oft angeführte Drohung mit Schwedt empfand ich als nichtig. Selbst mit höheren Strafen hätte ich diese Barriere nicht überwinden können.
Einen Menschen im Sichtbereich anzuschießen, ihn zu verletzen, an töten will ich gar nicht denken.............unvorstellbar.
Ist er im Fernbereich, es ist nur ein kleiner, schwarzer, laufender Punkt........gezielte Schüsse, der Punkt bleibt liegen. Je näher man kommt (und man kommt näher), dann wird es immer mehr ein Mensch, verletzt, blutend, tot, .....eventuell getötet durch mich.
Auch das war für mich unvorstellbar. So ein Gedanke war der Horror, von mir nie durchführbar. Da zählten weder Befehle, noch Androhungen oder Horrorgeschichten über Grenzverletzer. Es gibt bestimmte Dinge, die kann man einfach nicht.
Man wollte uns an der Grenze immer gern weiß machen, da drüben ist der "böse Westen" und alle Grenzverletzer sind Verbrecher.
Das Erste fand ich von je her schon lachhaft. Dazu hatte ich genügend Verwandtschaft drüben, die ein anderes Bild vermittelten. Was man im Fernsehen sah, war im Grunde nur Beiwerk und Bestätigung. Wenn ich von klein auf ein anderes Bild vermittelt bekomme, ist es logisch, daß man mich mit diesen Dingen nicht beeinflussen konnte. Rein logisch müßte (und könnte) ich jetzt mit einigen Beispielen diese Äußerung verhärten. Aber ich hoffe, momentan ist es auch so glaubhaft.
Grenzverletzer............Grenzverletzer waren für mich nicht das, was man uns immer erklärt hatte. Verbrecher schon lange gar nicht. Nur weil man auf der anderen Seite Deutschlands leben möchte, ist man noch lange kein Verbrecher. Und wie ich ganz oben schon schrieb, diesen prozentual verschwindend kleinen Anteil an wirklich Gewaltbereiten, kann das Gesamtbild meines Erachtens nicht Schlechtreden.
Mein "Kusscousin", der Sohn von meinem Vaters Cousine, ist schon zu frühen Zeiten abgehauen, hat eine Weile in Düsseldorf gelebt und ist in den 60er Jahren wieder zurückgekehrt. Hat das Auffanglager Barby (war erst vor kurzem hier ein Thema) durchlaufen. Da sie neben uns wohnten, ich sehr oft mit ihm zusammen war, hatte er mir viel von seiner Flucht, seiner Zeit im Westen und allem erzählt. Für mich damals natürlich hochinteressant. Obwohl ich seine Vespa, die er mit rübergebracht hatte, noch interessanter fand.
In der Lehre hatte ein Mitschüler von mir einen Fluchtversuch unternommen, nur etwa ein Jahr bevor ich selbst an der Grenze war. Er war ein Kumpel durch und durch. Haben damals gestaunt, daß er soviel Mut hatte, zumal er eigentlich sehr ruhig war.
In den letzten Monaten der Lehre, in meinem Stammbetrieb, wollte ebenfalls ein Arbeitskollege abhauen. Er hatte, so wie wir, ein paar Jahre vor uns in Tambach gelernt. Ebenfalls ein super Kumpel.
Das man diese Leute später einmal als Grenzverletzer, als Verbrecher einstuft, wußte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Wußte ja nicht einmal, daß ich zur Grenze kommen werde.
Selbst an der Grenze.........mein Zugführer ist abgehauen. Hat da keinen anderen mit reingezogen. Er, der uns als "Mensch" gesehen hat, nicht nur als Befehlsempfänger. Er selbst, jemand mit Ecken und Kanten, so wie wir alle.
Nur wie kann ich diese Leute, teils Freunde, Verwandte, Bekannte als Verbrecher ansehen ??????? Nur weil man es uns später gesagt hat ????? Neeeeee, beim besten Willen nicht, so weit reichte die ideologische Beeinflussung bei mir nicht.
Und auf diese Menschen im Notfall schiessen ???????
Nie im Leben hätte ich das gekonnt.....................................................
Erstens die innere Hemmschwelle, die es eh unmöglich gemacht hätte und zweitens waren es Menschen, wie du und ich.
Hätte ich den Vorsatz gehabt abzuhauen, dann hätte ich auch nicht gewollt, daß man auf mich schießt. Nur halt mit dem Unterschied, ich hatte das Wissen, wie groß die Gefahr ist, erschossen zu werden.
Mein Schulfreund aus Tambach dagegen hatte nicht die geringste Ahnung, in welche Gefahr er sich begibt, er wollte nur rüber.
Und so ging es den meisten. Das es gefährlich ist, wußten viele.............nur das an der Stelle ihr Leben schlagartig zu Ende sein könnte, das war den Wenigsten so richtig bewußt.
Das beste Beispiel, der noch laufende Thread, wo einem 15 jährigen in den Rücken geschossen wurde. Die Angst trieb ihn nach hinten und er wird erschossen. Wem hätte er schaden können ???? Was hatte er verbrochen, was dies rechtfertigt ?
Nur aus Angst bestraft zu werden, ist für mich keine Rechtfertigung jemanden das Leben zu nehmen.
Man hört so oft, man muß die Situation der Grenzer (die geschossen haben) bedenken....................
sie hatten Angst vor Bestrafung, mußten sich in Sekunden entscheiden, sie waren aufgeregt und nervös und, und, und, und..............
Hätte ich das alles nicht selbst mitgemacht, würde ich vielleicht darüber grübeln, ob man so etwas berücksichtigen kann und muß. Nur ich für mein Teil kann diese Argumente nicht akzeptieren.
Angst vor Bestrafung............................ ob man wirklich bestraft wurde, wußte keiner im Vorfeld. Hatte ja oben schon geschrieben, wie ich damals dazu stand. Nur auf den Verdacht hin, bestraft zu werden, eventuell jemanden zu töten, empfinde ich als Mord. Ich könnte mein Gewissen nicht damit beruhigen, daß ich ja nur nach Befehl gehandelt habe.
mußten sich in Sekunden entscheiden........................ als ich an die Grenze kam, kreisten meine Gedanken automatisch darum, """""was wäre wenn"""". Gedanklich spielte ich alle Szenarien durch, die passieren könnten, wie man reagieren würde. Ich jedenfalls bin da nicht "doof" rausgerannt, ohne darüber nachzudenken. Und bei diesen Gedankenspielen kommt man auch automatisch zu den Fragen """"schiesse ich im Ernstfall???"""",...... """"nehme ich Strafen in Kauf???""" ......."""""Wie weit gehe ich mit, was mache ich unter keinen Umständen""""". So war es damals jedenfalls bei mir und im Endresultat wußte ich genau, was ich mache und was nicht. Für mich hätte es diese finale Situation nicht gegeben, wo ich mich in Sekunden hätte entscheiden müssen. Diese Entscheidungen lagen bei mir schon lange fest und nicht erst in der Sekunde.
Wenn jetzt einer den Einwand bringt, er mußte sich in Sekunden entscheiden, dann hatte er entweder vorher nicht darüber nachgedacht oder er war sich vorher schon nicht sicher, """"schiesse ich oder schiesse ich nicht"""", Oder halt bezüglich Bestrafung, das eigene Wohl zählte bei ihm mehr als ein Menschenleben.
sie waren aufgeregt und nervös....................aufgeregt und nervös wäre ich in solchen Situationen natürlich auch gewesen. Nur diese Aufregeung, auch wenn mich (als Beispiel) jemand angeschrien hätte endlich zu schießen, hätte mich trotzdem nicht dazu gebracht, Dinge zu tun, die ich einfach nicht kann.........also gezielt auf einen Menschen zu schießen.
Das alles ist natürlich nur meine eigene Auffassung, wie ich es damals erlebt habe, warum ich so und nicht anders gedacht und gehandelt hätte.
Jeder hat diesbezüglich andere Erfahrungen gemacht und vielleicht auch anders gedacht.
Wie schon anfangs gesagt, bei diesem Thema muß man weit ausholen, um den eigenen Standpunkt halbwegs verständlich darzulegen.
Mit einem einfachen """ja oder nein""" ist die obige Thread-Frage schlecht zu beantworten, da zwangsläufig als nächste Frage kommen würde """"und warum ????""""
Falls nun einer sagen sollte: """" Tja und wenn dich nun wirklich mal einer angegriffen hätte?????""""
Dazu hatte ich meine Waffe. Zum Eigenschutz und zur Verteidigung bei Notwehrsituationen war es natürlich ok. Im Gegenteil, sie gab mir diesbezüglich sogar die Sicherheit, daß ich über solche Eventualitäten gar nicht nachdachte.
Gruß
Herbert