Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Spartacus » 26. August 2013, 17:53

Rüganer hat geschrieben: Und all dieses Nachdenken hat damals nur Unverständnis zu Tage gefördert, denn selbst hatte man nicht diesen Drang, nun auf Biegen und Brechen abzuhauen. Im Gegenteil, hier war die Familie und hier war die weitere Zukunft schon geregelt.


Genau das ist der springende Punkt, Rüganer [hallo] ( und bleib mal ruhig [grins] )

Für den GV war die weiter Zukunft nämlich nicht geregelt, aus welchen Gründen auch immer. Und eins ist mal ganz
klar, diese Gründe mussten es in sich haben, wenn man dafür sein Leben riskierte.

Das euch das nicht in den Kopf kam, verstehe ich ehrlich gesagt nicht. [smile]

Klar, ich denke mal, das Grenzer mal nicht eben so zur Grenze kamen, sondern schon irgendwie von den Genossen
"abgecheckt" wurden. Dementsprechend war da wohl bei allen irgendwie die Zukunft geregelt und somit das Risiko
sehr gering, das man es eben mal anders sah und - noch schlimmer - entsprechend handelte.
Das setze ich mal vorraus.
Andererseits war ich ja auch soweit gelernter DDR - Bürger, das ich heute weiß, das ich damals von der Welt gar nichts wußte, vor allem da in meiner sächsischen Ecke nicht. Noch nicht mal, was in der DDR alles so lief.
Ich nehme das also nicht nur Dir, sondern auch den anderen hier ab, das ihr so gut wie nichts über relevante
Gesetze gewußt habt. Keine richtige Ausbildung war auch nicht gegeben und ich denke letztendlich, das war so
durchaus auch alles irgendwo gewollt. In den ewigen Parteischulungen hat man euch sicherlich eingeredet, das ihr
die Guten seit und die GV eben die Verbrecher und sowas zeigt dann eben auch Wirkung.

Kurz, ich kann das Erstaunen vieler ehem. Grenzer nachvollziehen, wenn man ihnen heute vorwirft, das sie das
doch alles hättet wissen müssen.

Nein, ihr wusstet es eben nicht und seid auch erst heute schlauer.

Aber, Du bist ein intelligenter Mensch Rüganer und das waren wohl die meisten von Euch und daher muss eben auch
gelten, was ich oben schon schrieb:

Das euch das nicht in den Kopf kam, verstehe ich ehrlich gesagt nicht. [smile]

LG

Sparta

P.S. Wie viele Grenzen gab es eigentlich weltweit, wo die Verhältnisse genauso waren, wie an der DDR - Grenze?


Ich bin stolz darauf, kein Smartdingsbums zu besitzen.
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon karnak » 26. August 2013, 17:57

LEGO hat geschrieben:

Also entweder hattet ihr da eine Flinte minderer Qualität oder es gab bei den eingesetzten Kräfte Probleme mit der Grobmotorik.

Wenn ich den Schalter auf "E" stelle, steht er auf "E" und er rutscht ganz sicher nicht auf "D".

Das macht Ihr Euch hier ein wenig zu einfach.

Ich muss da Lego recht geben.Man konnte sicher im Stress statt auf E auf D stellen,versehentlich also.Aber verrutscht ist der Hebel nicht,zumindest nicht bei den Kalaschnikows die ich kenne.Und wenn diese,doch recht robuste Mechanik,wirklich ausleiern konnte,ich kann mir nicht vorstellen,dass man die Waffe nicht repariert,ausgetauscht hätte.
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon pentium » 26. August 2013, 18:13

So wie ich mich erinnere musste der Sicherungshebel mit der ganzen Hand bedient werden. Diese Unbequemlichkeit ließ sich jedoch leicht abstellen: Man klappte den Sicherungshebel senkrecht nach oben und bog ihn in dieser Stellung kräftig nach außen, so dass er sich leicht verbog und sich die Einrastung in den Funktionsstellungen stark abschwächte. So ließ sich der Sicherungshebel bequem mit dem Abzugzeigefinger bedienen, während die Hand am Griffstück bleiben konnte.
Ob das an der Grenze auch gemacht wurde entzieht sich meiner Kenntniß.

mfg
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*Dos Rauschen in Wald hot mir'sch ageta, deß ich mei Haamit net loßen ka!* *Zieht aah dorch onnern Arzgebirg der Grenzgrobn wie ene Kett, der Grenzgrobn taalt de Länder ei, ober onnere Herzen net!* *Waar sei Volk verläßt, daar is net wert, deß'r rümlaaft of daaner Erd!*
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon LEGO » 26. August 2013, 18:36

pentium hat geschrieben:So wie ich mich erinnere musste der Sicherungshebel mit der ganzen Hand bedient werden. Diese Unbequemlichkeit ließ sich jedoch leicht abstellen: Man klappte den Sicherungshebel senkrecht nach oben und bog ihn in dieser Stellung kräftig nach außen, so dass er sich leicht verbog und sich die Einrastung in den Funktionsstellungen stark abschwächte. So ließ sich der Sicherungshebel bequem mit dem Abzugzeigefinger bedienen, während die Hand am Griffstück bleiben konnte.
Ob das an der Grenze auch gemacht wurde entzieht sich meiner Kenntniß.

mfg
pentium



OK, pentium, ich hab`s zwar von der Ausführung her nicht ganz verstanden, aber egal.

Jetzt muß ich dann aber doch mal fragen: Wozu macht man so etwas?

Ich gehe mal davon aus, daß die Waffe im Grenzdienst zumindest unterladen wenn nicht durchgeladen war. Dann war ich es so gewohnt, peinlichst darauf zu achten, daß die Waffe gesichert war.
Wäre der Fall eingetreten, daß ich plötzlich hätte schießen müssen, würde wahrscheinlich die eine Sekunde des Entsicherns nicht "kriegsentscheidend" sein.

Wozu muß ich mir also so eine beknackte Konstruktion a la John Wayne einfallen lassen bzw. benutzen. Damit ich noch schneller auf den Flüchtling schießen kann?
LEGO
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon vs1400 » 26. August 2013, 19:00

LEGO hat geschrieben:
pentium hat geschrieben:So wie ich mich erinnere musste der Sicherungshebel mit der ganzen Hand bedient werden. Diese Unbequemlichkeit ließ sich jedoch leicht abstellen: Man klappte den Sicherungshebel senkrecht nach oben und bog ihn in dieser Stellung kräftig nach außen, so dass er sich leicht verbog und sich die Einrastung in den Funktionsstellungen stark abschwächte. So ließ sich der Sicherungshebel bequem mit dem Abzugzeigefinger bedienen, während die Hand am Griffstück bleiben konnte.
Ob das an der Grenze auch gemacht wurde entzieht sich meiner Kenntniß.

mfg
pentium



OK, pentium, ich hab`s zwar von der Ausführung her nicht ganz verstanden, aber egal.

Jetzt muß ich dann aber doch mal fragen: Wozu macht man so etwas?

Ich gehe mal davon aus, daß die Waffe im Grenzdienst zumindest unterladen wenn nicht durchgeladen war. Dann war ich es so gewohnt, peinlichst darauf zu achten, daß die Waffe gesichert war.
Wäre der Fall eingetreten, daß ich plötzlich hätte schießen müssen, würde wahrscheinlich die eine Sekunde des Entsicherns nicht "kriegsentscheidend" sein.

Wozu muß ich mir also so eine beknackte Konstruktion a la John Wayne einfallen lassen bzw. benutzen. Damit ich noch schneller auf den Flüchtling schießen kann?


so wie von pentium richtig beschrieben hatten ich das alles schon in diesem thema erwähnt LEGO
und es nicht ohne grund mehrfach darauf verwiesen.
hin zu deiner frage.
es war verboten und wurde trotz allem gemacht. bei waffenkontrollen wurden derartige waffen raus gezogen und zur reparatur übergeben, nachweisen lies sich diese manipulation nicht.
zur antwort bekam man, dass man im busch irgendwie hängen geblieben ist und schon war die kiste erledigt.
der hebel wurde manipuliert, weil er teilweise echt sehr schwergängig war und die leute jeden tag diesen hebel bedienen mussten, bei objektwachen sogar mehrfacher wechsel innerhalb der 12 stunden.
mit kalten finger hat man diesen hebel teilweise auch nicht bewegen können und jedesmal den uvd bitten ...
laut vorschrift sollte die schulterstütze zb. auch immer ausgeklappt sein und hübsch den lauf nach oben. so gab es die theorie vor und diese fand nur bei kontrollen ihre anwendung.
die länge des trageriemens war auch vorgegeben, wegen des einziehens der waffe beim schießen. auch das nur graue theorie.
die masse waren dort vorne GWD'ler und es war nicht "ihre" grenze, die wollten nicht zur armee und hatten beruf, familie usw. im wahren leben, aus dem sie heraus gerissen wurden.

gruß vs [hallo]

ps: die waffe war natürlich unterladen.
vs1400
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon vs1400 » 26. August 2013, 19:22

karnak hat geschrieben:
LEGO hat geschrieben:

Also entweder hattet ihr da eine Flinte minderer Qualität oder es gab bei den eingesetzten Kräfte Probleme mit der Grobmotorik.

Wenn ich den Schalter auf "E" stelle, steht er auf "E" und er rutscht ganz sicher nicht auf "D".

Das macht Ihr Euch hier ein wenig zu einfach.

Ich muss da Lego recht geben.Man konnte sicher im Stress statt auf E auf D stellen,versehentlich also.Aber verrutscht ist der Hebel nicht,zumindest nicht bei den Kalaschnikows die ich kenne.Und wenn diese,doch recht robuste Mechanik,wirklich ausleiern konnte,ich kann mir nicht vorstellen,dass man die Waffe nicht repariert,ausgetauscht hätte.


karnak,
ne waffe die ständig in der wafenkammer steht, leiert auch nicht aus.
es gab waffen, da hast du durchladen können wie mit ner pumpgun im schönsten aktionfilm.da hat man schlichtweg versäumt zu kontrollieren.
in schierke gab es da mal nen vorfall während der a-zug ausrückte und der LO immer recht zügig unterwegs war. da löste sich ein schuss und zum glück hatte der gefreite seine waffe vorschriftsmäßig zwischen den beinen. der LO durchfuhr ein sehr kräftiges schlagloch und hinten hoben die leute ab.
eine waffe mit drei fehlern sicherungshebel verbogen, rückzugsfeder ausgeleiert und nen ausgeleierter schlagbolzen.
dem gefreiten wollte man unterstellen, er hätte seine waffe geladen und raus kam es erst, als die waffe geprüft wurde.
unglaublich aber wahr.

gruß vs [hallo]
vs1400
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon vs1400 » 26. August 2013, 19:41

Wosch hat geschrieben:Die gelegentlichen Aussagen daß sich der Sicherungshebel schon mal aus Versehen oder fast von alleine von "E" auf "D" gestellt hatte, ist für mich eben genau so eine Schutzbehauptung wie " Der (tödliche) Schuß löste sich als ich stolperte und es tut mir schrecklich leid, gewollt hatte ich das aber nicht".
Eines ist meiner Meinung auch klar, eine auf Dauerfeuer gestellte Kalaschnikow erhöht die "Chance" einen Fluchtversuch zu vereiteln. Ein "Dummkopf" der dabei an nichts "Böses" denkt, oder ein "Schlauer" der meint die Anderen wären ein bischen "blöder" als er selber.
"Schutzbehauptungen" sind oftmals nicht zu widerlegen, deswegen wird es sie immer wieder geben, man sollte ihnen aber nicht all zu großen Wahrheitsgehalt attestieren, schon gar nicht wenn sie im Gericht von bestimmten Anwälten vorgetragen werden. Denen geht es doch nur um den "Freispruch" und nicht um die Wahrheit oder um die Hinterbliebenden.
Schönen Gruß aus Kassel. [hallo]


mensch Wolfgang,
für was brauche ich denn ne schutzbehauptung?
theorie und praxis, dass sind zwei absolute unterschiede und dass sollte man beachten.

gruß vom Torsten [hallo]
vs1400
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Ernest » 26. August 2013, 19:47

Die Problematik, des Schießens an der Grenze, hatten wir schon vor drei Jahren einmal in einem Thread.
Der Thread hieß: """ hättet ihr geschossen ? """" vom Juni 2010.
Ich hatte damals versucht, meinen Standpunkt darzulegen, wie ich zu meiner Grenzzeit darüber dachte.
Der Einfachheit halber kopiere meinen Beitrag........so spare ich mir Schreibarbeit.


Ernest 4. Juni 2010, 17:42 hat geschrieben:
karl143 hat geschrieben: Der Flüchtling damals hatte keinen Grund sich an dem westdeutschen Beamten auszulassen.



Karl, genau so ist es.
Hätte ich an der Grenze das Weite gesucht, dann wärd ihr wahrscheinlich auch mein erster, begehrter Anlaufpunkt gewesen, denn man braucht ja anfangs einen "Ansprechpartner", um zu sagen...... """Hier bin ich und hier möchte ich bleiben""".
Von einem normalen Flüchtigen und das waren ja ( man kann bald sagen) alle, ging keine Gefahr aus.
Alle "Anderen" waren von der Prozentzahl genau so verschwindend klein, wie der angeblich "böse Grenzverletzer", der dem Grenzer nur Schlimmes antun will. Obwohl dieser Vergleich vielleicht hinken mag.

Was das Schießen an sich betrifft, so hätte ich damals nie gezielt auf einen Menschen schießen können.
Das ist natürlich eine Aussage, die leicht dahergesagt ist. Dazu müßte ich sehr weit ausholen, um zu erklären, warum es so war und ist.
Der Tod war für mich schon immer was sehr Schlimmes. Als Kind (12/13) habe ich ein Mädchen, es ging eine Klasse unter mir , bei einem Verkehrunfall sterben sehen.......vom Zusammenprall an einer Bushaltestelle, über das ewige Liegen in ihrer Blutlache, bis hin zu den letzten Zuckungen vor ihrem Tod. Monate danach hatte ich noch Alpträume und ich sagte mir, warum hast du dir das bis zu letzt angeschaut.
Selbst heute habe ich den Anblick noch vor mir.
Der Tod machte mir Angst und ich hätte es rein moralisch nie geschafft, den Finger zu krümmen. Es gibt innere Hemmungen, die selbst mit der größten angedrohten Strafe nicht überwunden werden können. Und die oft angeführte Drohung mit Schwedt empfand ich als nichtig. Selbst mit höheren Strafen hätte ich diese Barriere nicht überwinden können.
Einen Menschen im Sichtbereich anzuschießen, ihn zu verletzen, an töten will ich gar nicht denken.............unvorstellbar.
Ist er im Fernbereich, es ist nur ein kleiner, schwarzer, laufender Punkt........gezielte Schüsse, der Punkt bleibt liegen. Je näher man kommt (und man kommt näher), dann wird es immer mehr ein Mensch, verletzt, blutend, tot, .....eventuell getötet durch mich.
Auch das war für mich unvorstellbar. So ein Gedanke war der Horror, von mir nie durchführbar. Da zählten weder Befehle, noch Androhungen oder Horrorgeschichten über Grenzverletzer. Es gibt bestimmte Dinge, die kann man einfach nicht.


Man wollte uns an der Grenze immer gern weiß machen, da drüben ist der "böse Westen" und alle Grenzverletzer sind Verbrecher.
Das Erste fand ich von je her schon lachhaft. Dazu hatte ich genügend Verwandtschaft drüben, die ein anderes Bild vermittelten. Was man im Fernsehen sah, war im Grunde nur Beiwerk und Bestätigung. Wenn ich von klein auf ein anderes Bild vermittelt bekomme, ist es logisch, daß man mich mit diesen Dingen nicht beeinflussen konnte. Rein logisch müßte (und könnte) ich jetzt mit einigen Beispielen diese Äußerung verhärten. Aber ich hoffe, momentan ist es auch so glaubhaft.
Grenzverletzer............Grenzverletzer waren für mich nicht das, was man uns immer erklärt hatte. Verbrecher schon lange gar nicht. Nur weil man auf der anderen Seite Deutschlands leben möchte, ist man noch lange kein Verbrecher. Und wie ich ganz oben schon schrieb, diesen prozentual verschwindend kleinen Anteil an wirklich Gewaltbereiten, kann das Gesamtbild meines Erachtens nicht Schlechtreden.
Mein "Kusscousin", der Sohn von meinem Vaters Cousine, ist schon zu frühen Zeiten abgehauen, hat eine Weile in Düsseldorf gelebt und ist in den 60er Jahren wieder zurückgekehrt. Hat das Auffanglager Barby (war erst vor kurzem hier ein Thema) durchlaufen. Da sie neben uns wohnten, ich sehr oft mit ihm zusammen war, hatte er mir viel von seiner Flucht, seiner Zeit im Westen und allem erzählt. Für mich damals natürlich hochinteressant. Obwohl ich seine Vespa, die er mit rübergebracht hatte, noch interessanter fand.
In der Lehre hatte ein Mitschüler von mir einen Fluchtversuch unternommen, nur etwa ein Jahr bevor ich selbst an der Grenze war. Er war ein Kumpel durch und durch. Haben damals gestaunt, daß er soviel Mut hatte, zumal er eigentlich sehr ruhig war.
In den letzten Monaten der Lehre, in meinem Stammbetrieb, wollte ebenfalls ein Arbeitskollege abhauen. Er hatte, so wie wir, ein paar Jahre vor uns in Tambach gelernt. Ebenfalls ein super Kumpel.
Das man diese Leute später einmal als Grenzverletzer, als Verbrecher einstuft, wußte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Wußte ja nicht einmal, daß ich zur Grenze kommen werde.
Selbst an der Grenze.........mein Zugführer ist abgehauen. Hat da keinen anderen mit reingezogen. Er, der uns als "Mensch" gesehen hat, nicht nur als Befehlsempfänger. Er selbst, jemand mit Ecken und Kanten, so wie wir alle.
Nur wie kann ich diese Leute, teils Freunde, Verwandte, Bekannte als Verbrecher ansehen ??????? Nur weil man es uns später gesagt hat ????? Neeeeee, beim besten Willen nicht, so weit reichte die ideologische Beeinflussung bei mir nicht.

Und auf diese Menschen im Notfall schiessen ???????
Nie im Leben hätte ich das gekonnt.....................................................
Erstens die innere Hemmschwelle, die es eh unmöglich gemacht hätte und zweitens waren es Menschen, wie du und ich.
Hätte ich den Vorsatz gehabt abzuhauen, dann hätte ich auch nicht gewollt, daß man auf mich schießt. Nur halt mit dem Unterschied, ich hatte das Wissen, wie groß die Gefahr ist, erschossen zu werden.
Mein Schulfreund aus Tambach dagegen hatte nicht die geringste Ahnung, in welche Gefahr er sich begibt, er wollte nur rüber.
Und so ging es den meisten. Das es gefährlich ist, wußten viele.............nur das an der Stelle ihr Leben schlagartig zu Ende sein könnte, das war den Wenigsten so richtig bewußt.
Das beste Beispiel, der noch laufende Thread, wo einem 15 jährigen in den Rücken geschossen wurde. Die Angst trieb ihn nach hinten und er wird erschossen. Wem hätte er schaden können ???? Was hatte er verbrochen, was dies rechtfertigt ?
Nur aus Angst bestraft zu werden, ist für mich keine Rechtfertigung jemanden das Leben zu nehmen.

Man hört so oft, man muß die Situation der Grenzer (die geschossen haben) bedenken....................sie hatten Angst vor Bestrafung, mußten sich in Sekunden entscheiden, sie waren aufgeregt und nervös und, und, und, und..............
Hätte ich das alles nicht selbst mitgemacht, würde ich vielleicht darüber grübeln, ob man so etwas berücksichtigen kann und muß. Nur ich für mein Teil kann diese Argumente nicht akzeptieren.

Angst vor Bestrafung............................ ob man wirklich bestraft wurde, wußte keiner im Vorfeld. Hatte ja oben schon geschrieben, wie ich damals dazu stand. Nur auf den Verdacht hin, bestraft zu werden, eventuell jemanden zu töten, empfinde ich als Mord. Ich könnte mein Gewissen nicht damit beruhigen, daß ich ja nur nach Befehl gehandelt habe.

mußten sich in Sekunden entscheiden........................ als ich an die Grenze kam, kreisten meine Gedanken automatisch darum, """""was wäre wenn"""". Gedanklich spielte ich alle Szenarien durch, die passieren könnten, wie man reagieren würde. Ich jedenfalls bin da nicht "doof" rausgerannt, ohne darüber nachzudenken. Und bei diesen Gedankenspielen kommt man auch automatisch zu den Fragen """"schiesse ich im Ernstfall???"""",...... """"nehme ich Strafen in Kauf???""" ......."""""Wie weit gehe ich mit, was mache ich unter keinen Umständen""""". So war es damals jedenfalls bei mir und im Endresultat wußte ich genau, was ich mache und was nicht. Für mich hätte es diese finale Situation nicht gegeben, wo ich mich in Sekunden hätte entscheiden müssen. Diese Entscheidungen lagen bei mir schon lange fest und nicht erst in der Sekunde.
Wenn jetzt einer den Einwand bringt, er mußte sich in Sekunden entscheiden, dann hatte er entweder vorher nicht darüber nachgedacht oder er war sich vorher schon nicht sicher, """"schiesse ich oder schiesse ich nicht"""", Oder halt bezüglich Bestrafung, das eigene Wohl zählte bei ihm mehr als ein Menschenleben.

sie waren aufgeregt und nervös....................aufgeregt und nervös wäre ich in solchen Situationen natürlich auch gewesen. Nur diese Aufregeung, auch wenn mich (als Beispiel) jemand angeschrien hätte endlich zu schießen, hätte mich trotzdem nicht dazu gebracht, Dinge zu tun, die ich einfach nicht kann.........also gezielt auf einen Menschen zu schießen.

Das alles ist natürlich nur meine eigene Auffassung, wie ich es damals erlebt habe, warum ich so und nicht anders gedacht und gehandelt hätte.
Jeder hat diesbezüglich andere Erfahrungen gemacht und vielleicht auch anders gedacht.
Wie schon anfangs gesagt, bei diesem Thema muß man weit ausholen, um den eigenen Standpunkt halbwegs verständlich darzulegen.
Mit einem einfachen """ja oder nein""" ist die obige Thread-Frage schlecht zu beantworten, da zwangsläufig als nächste Frage kommen würde """"und warum ????""""

Falls nun einer sagen sollte: """" Tja und wenn dich nun wirklich mal einer angegriffen hätte?????""""
Dazu hatte ich meine Waffe. Zum Eigenschutz und zur Verteidigung bei Notwehrsituationen war es natürlich ok. Im Gegenteil, sie gab mir diesbezüglich sogar die Sicherheit, daß ich über solche Eventualitäten gar nicht nachdachte.

Gruß
Herbert


Mein Beitrag liegt zwar nun schon drei Jahre zurück, ist aber immer noch aktuell
Ernest
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon vs1400 » 26. August 2013, 19:56

vielen dank Ernest,
die wenigsten möchten aber eigentlich "dich" verstehen wollen, dass ist das eigentliche problem.
noch weniger möchte sie sich wirklich mit diesem thema beschäftigen, sonst würden sie erst mal lesen, was bisher so geschrieben wurde.
einige füllen, so scheint mir, nur ihren recht lahmen alltag.

deinen beitrag hab ich bereits vor einiger zeit gelesen und bedauert das der user sich hier nicht mehr zu wort meldet.

gruß vs [hallo]
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Wosch » 26. August 2013, 20:10

vs1400 hat geschrieben:
mensch Wolfgang,
für was brauche ich eine Schutzbehauptung?.......[hallo]

Du nicht, aber vielleicht ein Anderer, ein "erfolgreicher" Fluchtverhinderer nach der Wende, vor einem gesamtdeutschen Gericht.
Aus Kassel, Wosch.
Wosch
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon vs1400 » 26. August 2013, 20:24

Wosch hat geschrieben:
vs1400 hat geschrieben:
mensch Wolfgang,
für was brauche ich eine Schutzbehauptung?.......[hallo]

Du nicht, aber vielleicht ein Anderer, ein "erfolgreicher" Fluchtverhinderer nach der Wende, vor einem gesamtdeutschen Gericht.
Aus Kassel, Wosch.


das ist dann aber nen anderes thema Wolfgang,
damit würden wir hier wohl eher den rahmen sprengen.
könnte man aber mal wieder aufgreifen, der diskussion halber.

gruß vom Torsten [hallo]
vs1400
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Wosch » 26. August 2013, 20:59

vs1400 hat geschrieben:
Wosch hat geschrieben:
vs1400 hat geschrieben:
mensch Wolfgang,
für was brauche ich eine Schutzbehauptung?.......[hallo]

Du nicht, aber vielleicht ein Anderer, ein "erfolgreicher" Fluchtverhinderer nach der Wende, vor einem gesamtdeutschen Gericht.
Aus Kassel, Wosch.


das ist dann aber nen anderes thema Wolfgang,
damit würden wir hier wohl eher den rahmen sprengen.
könnte man aber mal wieder aufgreifen, der diskussion halber.

gruß vom Torsten [hallo]

Ok, aber Du hattest mich gefragt und deswegen meine Antwort!
[hallo]
Wosch
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon vs1400 » 26. August 2013, 21:11

absolut kein problem Wolfgang,
bin schon auf der suche nach dem passendem fred und falls ich nichts finde,
wird halt nen neues thema eröffnet.

gruß vom Torsten [hallo]
vs1400
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Volker Zottmann » 26. August 2013, 21:53

Hallo Ernest,
Dein schon drei Jahre alter Beitrag ist genau meine Auffassung. Du beschreibst das, was auch ich sagte: Jeder hatte Zeit zum Nachdenken...
Das aber wird hier vehement bestritten, so zum Beispiel vom User Edelknaben. Seine mir gegenüber verächtliche Aussage war sinngemäß, dass er sich lustig machte, über einen wie mich. Einen, der schon vor der Einberufung wusste, dass er nie auf Menschen schießen wird.
Er selbst habe nur an Urlaub und "Weiber" gedacht.
Wenn ein mittlerweile "Fast-Rentner" aber so was heute noch von sich gibt, zeugt dies niemals von Reife.

Wie Du es formuliertest, es kam bestimmt auch auf die Einflüsse an, denen man vor der Militärzeit ausgesetzt war.
In meinem "Baupionier-Zottmann" beschreibe ich genau diesen Spagat, den ein WBK-Kollege machte, welcher das Schießen auf einen Flüchtling verweigerte. Dafür hat er rund zweieinhalb Jahre eingesessen. Auch in Schwedt.
Für diese wahren Schilderungen wurde ich von @Alfred und Konsorten beschimpft. Ich sei ein Lügner, ein Aufschneider (sinngemäß), denn in Schwedt war das Höchstmaß "nur" 2 Jahre.
Nun, ob er die U-Haft woanders absaß kann ich nicht mehr erfragen.
Schlimm aber, dass die Schießwütigen (nur die) der "NVA- und Stasifraktion" aber damit Themen zerschießen, nur um den Kern der Aussagen nicht behandeln zu müssen.

Nochmal zum Fall des 15-jährigen Heiko Runge.
Ein User namens @Rafimo hat sich der Sache angenommen. Ihm etwas helfen konnte ich mit einer Vor-Ort-Recherche. Er hat minutiös Heikos Weg von Halle bis in den eigenen Tod erforscht. Ich habe mittlerweile zum damaligen Geschehen volle Kenntnis.
Für mich, ich betone für MICH, ist es sanktionierter Mord gewesen. Ob Angst oder Nervosität des Schützen eine Rolle spielten, ist für mein Empfinden nebensächlich. Der Staat DDR hat unreife junge Männer (GWL) bewusst an dieser Grenze ohne Scheu ins Verderben geschickt.

Gruß Volker
Volker Zottmann
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon SkinnyTrucky » 27. August 2013, 12:11

Ernest hat geschrieben:Was das Schießen an sich betrifft, so hätte ich damals nie gezielt auf einen Menschen schießen können.


Ernest, warum hat man dich an die Grenze gezogen....hast du dieses Erlebnis mit dem sterbenden Mädchen und deine Einstellung zum Schiessen für dich behalten bei der Musterung....????

Vielleicht haben das sogar viele so getan aus Angst vor Repressalien und haben gehofft das man die 18 Monate ohne besonderen Vorkommnisse übersteht....

....ich hab übrigens auch aus Angst vor Repressalien den Dienst an der Waffe nich verweigert, ich hab aber angegeben, Skrupel zu haben um auf Menschen anzulegen....ich bin in ein Truppenteil gekommen, wo selbst im Kriegsfall, die Wahrscheinlichkeit sehr gering war, auf Menschen schiessen zu müssen....

groetjes

Mara
Wenn es heute noch Menschen gibt, die die DDR verklären wollen, kann das nur damit zusammenhängen, dass träumen schöner ist als denken.... (Burkhart Veigel) Bild
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Volker Zottmann » 27. August 2013, 16:23

Hallo Mara, zu Deiner Wehrzeit hättest Du höchstwahrscheinlich verweigern können und wärest bei den Spatensoldaten gelandet. Ich glaube aufgrund der vielen Verweigerer wären Dir in 1988/89 Repressalien erspart geblieben.
Ganz anders sah es um 1970 aus.
Zugern hätte ich den Waffendienst total verweigert. Doch die Kommunikation diesbezüglich war seinerzeit eine andere. Unser Jahrgang wusste gar nicht, dass er auch als Atheist verweigern darf. Uns wurde wissentlich Falsches gesagt, wenn überhaupt. Es hieß lediglich, es gäbe eine "Grauzone" der kirchlichen Verweigerer.
Von dem mit Spatensoldaten wiederbelebten Koloss von Prora hatten wir bis dato keine Ahnung.
Das Bekenntnis aber, niemals auf Menschen zu schießen, konnte ich zumindest im Wehrkreiskommando QLB unbeschadet ablegen.

Gruß Volker
Volker Zottmann
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon dein1945 » 27. August 2013, 17:24

SkinnyTrucky hat geschrieben:
Ernest hat geschrieben:Was das Schießen an sich betrifft, so hätte ich damals nie gezielt auf einen Menschen schießen können.


Ernest, warum hat man dich an die Grenze gezogen....hast du dieses Erlebnis mit dem sterbenden Mädchen und deine Einstellung zum Schiessen für dich behalten bei der Musterung....????

Vielleicht haben das sogar viele so getan aus Angst vor Repressalien und haben gehofft das man die 18 Monate ohne besonderen Vorkommnisse übersteht....

....ich hab übrigens auch aus Angst vor Repressalien den Dienst an der Waffe nich verweigert, ich hab aber angegeben, Skrupel zu haben um auf Menschen anzulegen....ich bin in ein Truppenteil gekommen, wo selbst im Kriegsfall, die Wahrscheinlichkeit sehr gering war, auf Menschen schiessen zu müssen....

groetjes

Mara


Erstmal Danke für Ernest (Herbert) seinen ausführlichen Beitrag, ich sage mal DANKE !

Herbert war zu einer ganz anderen Zeit an der Grenze, sechziger Jahre, da war wohl nichts mit Wehrdienstverweigerung, oder ! So mal für Volker und Mara !

Nun mal noch ein anderer Punkt, es wird hier oft geschrieben, ankommen in der GK und man wurde befragt ob man schießen würde und wer nein sagte kam nicht zum Grenzdienst, auch bezogen auf die sechziger Jahre, gab es nicht ! Aussage meines ehemaligen Mitarbeiters Uffz. in einer GK von 1966 bis zu seiner Verabschiedung in Richtung Feind [laugh] , Also immer schön die Zeit im Auge behalten !

Gruß aus Berlin
dein1945
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon SkinnyTrucky » 27. August 2013, 17:57

dein1945 hat geschrieben:Also immer schön die Zeit im Auge behalten !


Ja okee dein1945, mir ist klar, das man früher wohl strenger war als zu meiner Zeit....

....wenn man überlegt, das ich heftig geschminkt und mit toupierten langen pechschwarz gefärbten Haaren und scenetypischen Klamotten zur Musterung erschienen bin....1965 oder so hätt' man mich wahrscheinlich schon deswegen gelyncht....

....und Volker, bei uns herrschte das Vorurteil, das die Spatensoldaten nichts zu lachen hatten und da ich eh schon genug provoziert hatte, liess ich es bleiben den Dienst an der Waffe rigoros zu verweigern....

groetjes uit San Pietro in Gu

Mara
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Ernest » 27. August 2013, 19:36

SkinnyTrucky hat geschrieben:Ernest, warum hat man dich an die Grenze gezogen....hast du dieses Erlebnis mit dem sterbenden Mädchen und deine Einstellung zum Schiessen für dich behalten bei der Musterung....????



Hallo Mara,

da könntest du auch Andere fragen, warum sie zu den Mot-Schützen oder zu den Panzern gekommen sind. Keiner hätte darauf eine Antwort.
Gemustert wurde ich am 02.04.1971 in Gotha ( weil wir in Thüringen gelernt hatten) zu den Pionieren.
Da war ich sogar noch 17 Jahre alt, da ich erst am 29.04. das 18. Lebensjahr erreichte.

Die 18 Monate Grundwehrdienst waren eine Last, die auf jeden lauerten. Man wußte zwar nicht wann, aber man wußte, irgendwann kommt sie. Und sollte es so weit sein, dann wollte man nur so schnell als möglich alles hinter sich bringen. Das war ein Fakt.
Mehr Gedanken habe ich mir eigentlich nicht gemacht. In dem Alter hatte man andere Interessen, als nur an die Armeezeit (irgendwann) zu denken. Das Thema war dann sozusagen abgehakt.

Na und dann ging alles ganz flott..........

02.04.71 Musterung in Gotha
Mitte Febr. 1972 ausgelernt im Stammbetrieb
Mitte März 1972 Einberufungsüberprüfung
02. Mai 1972 Einberufung

Erst bei der Einberufungsüberprüfung erfuhr ich wohin ich wirklich komme. Na und eineinhalb Monate später war ich auch schon in der Ausbildung in Magdeburg.

Gruß
Herbert
Ernest
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon SkinnyTrucky » 27. August 2013, 19:53

Ernest hat geschrieben:Erst bei der Einberufungsüberprüfung erfuhr ich wohin ich wirklich komme. Na und eineinhalb Monate später war ich auch schon in der Ausbildung in Magdeburg.


Danke Herbert....ja, so war das wohl....jeder blieb im Ungewissen wohin er mal kommen wird und so richtig schlau wurde man nicht nach deren Auswahlkriterien....

....ich hab auch erst kurz zuvor erfahren, das ich zur Radartruppe der *Luftwaffe* kommen sollte....so richtig warum, kann ich dir auch nicht sagen....

....man wusste nur mit Sicherheit, das man sogut wie nie jemanden ausmusterte und das man soweit wie möglich wegkam, oft mehrere hundert Kilometer weit....

groetjes

Mara
Wenn es heute noch Menschen gibt, die die DDR verklären wollen, kann das nur damit zusammenhängen, dass träumen schöner ist als denken.... (Burkhart Veigel) Bild
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Volker Zottmann » 27. August 2013, 20:38

SkinnyTrucky hat geschrieben:
....und Volker, bei uns herrschte das Vorurteil, das die Spatensoldaten nichts zu lachen hatten und da ich eh schon genug provoziert hatte, liess ich es bleiben den Dienst an der Waffe rigoros zu verweigern....

groetjes uit San Pietro in Gu

Mara


So war das zu meiner Zeit schon, denen erging es laut Berichten vom Hörensagen elendig.
Nur im Nachhinein, nachdem ich mit mindestens 6 Spatensoldaten nach meiner Veröffentlichung in engere Gespräche und Kontakte kam, zeigte sich, dass zwischen denen und uns Baupionieren, also mit Waffen, kaum ein Unterschied bestand. Beide Einheiten wurden miserabel behandelt, menschenunwürdig!
Die Spatis hatten aber immerhin eine Lobby, die Kirche, die teils Einfluss bei Übergriffen und Härten nehmen konnte. Wir hatten keinerlei Fürsprecher...

Gruß Volker
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Ernest » 27. August 2013, 21:41

SkinnyTrucky hat geschrieben:
Danke Herbert....ja, so war das wohl....jeder blieb im Ungewissen wohin er mal kommen wird und so richtig schlau wurde man nicht nach deren Auswahlkriterien....


neee, da ist man wirklich nicht drau`s schlau geworden.

--- Fast die ganze Verwandtschaft meiner Mutter wohnte drüben. Die meines Vaters in Westberlin ( da lebten aber nur noch 2 Cousinen von mir)
--- Der Bruder meiner Mutter kam jedes Jahr mit meiner Tante und meiner Cousine für zwei Wochen zu Besuch, seit 1968 regelmäßig.
--- kurz vor den schriftlichen Abschlußprüfungen in Tambach-Dietharz kamen sie bei uns zum Werben wegen 3 Jahre. Als sie nicht mehr weiter kamen, weil ich auf stur geschaltet hatte, sagte einer, ich wäre eigentlich ein Schmarozer, weil ich nur vom Staat nehme, aber nicht bereit bin etwas zu geben und ich würde wohl erst mit 26 Jahren eingezogen. ( dabei stand ich ein Jahr später schon fast an der Grenze).
--- bei der Verteitigung unserer schriftlichen Prüfung wurde mir das im Fach Staatsbürgerkunde noch zum Verhängnis. Meine Klassenlehrerin griff sich einen Satz meiner Arbeit heraus und fragte, wie es denn bei mir ausschaut, ob ich mich bereit erklärt habe, drei Jahre zu gehen. Als ein "nein" kam, meinte sie, dann ist ja alles gelogen, was ich geschrieben habe. Da müssen sie mich eine Note schlechter bewerten.
--- in der schriftlichen Beurteilung (Abschlußzeugnis), für die 2jährige Zeit in Tambach, mußte man natürlich vermerken, dass ich nicht bereit war, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Damit meinte sie Aufgaben, die sich im Wohnheim ergaben.....schrieb es aber nicht.

Das waren bei mir eigentlich so die Ausgangskriterien, denn wie schon geschrieben, zweieinhalb Monate nach dem endgültigen Lehrabschluss ( das letzte halbe Jahr im Stammbetrieb) war ich schon bei der "Fahne". Ich glaube kaum, dass man auch nur einen Punkt bei der Auswahl kannte. So viel nur, weil man immer hört, es wurde an der Grenze soooo gesiebt. Ich glaube schon, dass dies vielleicht der Fall war, aber bestimmt nicht generell.


dein1945 hat geschrieben:Nun mal noch ein anderer Punkt, es wird hier oft geschrieben, ankommen in der GK und man wurde befragt ob man schießen würde und wer nein sagte kam nicht zum Grenzdienst.....


Hallo Achim,

du hast recht, direkt an der Grenze war das kein Thema mehr.
Das man vor der Einberufung (Einberufungsüberprüfung) eventuell gefragt wurde, erfuhr ich erst aus den Foren. Das war bei mir auch nicht der Fall. Da ging bei mir eh alles drunter und drüber.
Im Stammbetrieb fragte man mich, ob ich studieren wollte. Noch vor dem Lehrabsabschluß wurde alles eingereicht, im März `72 waren alle nötigen Unterlagen von der Ingenieursschule Sonnberg da. Zeitgleich kam dann Mitte März der Termin mit der Einberufungsüberprüfung. Der Betrieb selbst konnte nichts dagegen unternehmen (Aufschub Wehrdienst). Man meinte nur, ich könnte bei der Einberufungsüberprüfung alles ansprechen, vielleicht klappt doch noch etwas.
Naja und das war dann dort das große Thema. Nach einigen Telefonaten hieß es aber, ich muß gezogen werden, der Betrieb soll versuchen, mein Studium zurückzustellen.
Ich hatte schon die Türklinke in der Hand, da fiel mir ein, ich wußte gar nicht , wo ich eigentlich hinkomme. Ich war immer noch der Annahme zu den Pionieren ( so wie ich im Beitrag gestern schon schrieb)..........aber welcher Standort ???
Die lapidare Antwort......na an die Grenze.

Da fielen vorher keine Fragen, bezüglich schießen oder so. Weil auch vorher ein ganz anderes Thema wichtig war. Nur dadurch hab ich nie davon erfahren, dass solche Fragen überhaupt gestellt wurden. Wie gesagt, erst aus den Foren.

Gruß
Herbert
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon vs1400 » 27. August 2013, 23:38

Interessierter hat geschrieben:Unabhängig von unterschiedlichen Meinungen bleibt aber eines unumstößlich bestehen und davon kann sich auch ein ehemaliger AGT nicht befreien:

Jeder Mensch muß die Verantwortung übernehmen für alles, was er tut oder veranlasst, auch wenn er nicht schuldig im " DDR - strafrechtlichen Sinne " war.

" Der Interessierte " [hallo]


mir stellt sich die frage Wilfried
ob du hier, im thema, eigentlich wirklich mit liest? ... und dass ist meine meinung, keine pickserei! ... die du mir seit einiger zeit zu unterstellen versuchst.

jeder der hier aus seiner zeit berichtet,
berichtet aus seiner zeit und dem,
was er damals tat und damals verantworten konnte.
ethisch und aus dem heute betrachtet, kann und muss man einiges anders sehen,
nur sollte man erkennen, dass es so ist.
du bist ein ewig gestriger,
indem du user auf ihre vergangenheit verweist, zb. S51.
ziehst dich an seine festnahmen hoch, welche du nicht mal einschätzen kannst.
seine geschichte ignorierst du schlichtweg, kannst sie ja nur theoretisch bewerten oder eben emotional.
nebenher ignorierst du geschriebenes und wandelst es in unterstellungen um.

denk mal bitte drüber nach Wilfried.

gruß vom Torsten
vs1400
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Interessierter » 28. August 2013, 09:04

Grenzfälle
Ein Interview mit Andreas Weiß von
Dirk Jungnickel


Ein Interview über den Dienst und die politische Indoktrination an der Grenze, über Fluchtgedanken und Fluchtversuche und über Widerstände im Alltag von Grenzsoldaten.

Andreas Weiß wurde 1949 in Cunewalde (Oberlausitz) als Sohn eines Schlossers und einer Säuglingsschwester geboren. Nach dem Abitur studierte er ab September 1968 vier Jahre Metallkunde an der Bergakademie Freiberg und erwarb dort 1972 sein Diplom. Im August 1983 wurde er auf dem Gebiet der Gefügebildung in Stählen promoviert. Dr. Weiß arbeitet nach wie vor an der Bergakademie Freiberg, heute als Dozent.

Hier das Interview aus dem Jahr 2011 über seinen Dienst ca. 1973:
http://www.bpb.de/themen/4MMZ5V,0,Grenzf%E4lle.html

" Der Interessierte "
Interessierter
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Hausfreund » 28. August 2013, 12:35

Danke für dieses interessante Interview der Bundeszentrale für politische Bildung! Die Aussagen sind sehr gründlich und differenziert.

Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, daß bei solchen Lebensgeschichten der "Widerstands"apekt etwas überhöht wird und man hin und wieder (sicher unbewußt) heutige Urteile einbaut ("Verbrecherstaat", "menschenfeindliche[s] kommunistische[s] System" möglicherweise). So arbeitet die menschliche Erinnerung halt.

Nur eine Sache kommt mir etwas komisch vor. Ihm war dort das "verbrecherische kommunistische System" klar und er hatte mindestens eine wunderbare Gelegenheit, diesem System den Rücken zu kehren. Warum tat er es nicht?

Und dann geht's dir durch den Kopf: Du hast im Westen keine Verwandtschaft, Bekannte schon, die dir geholfen hätten. Und dann der Vater in der Partei, na ja, Sippenhaftung. Es war ja immer so, war jemand in den Westen abgehauen, dann hatten die Zurückgebliebenen drunter zu leiden. Und mein Vater war ja auch überzeugt, zu der Zeit jedenfalls. Und das belastet eben schon. Du lebst immer in dem Zwiespalt, du müsstest das machen, aber eigentlich kannst du's deiner Familie nicht antun. Und dann kannst du nie mehr zurück, nie mehr zu deinen Freunden, du gehst in eine völlig neue Welt ... – Ich war paarmal entschlossen, heute machst du's.

Von einer eigenen Familie lesen wir nichts - was für jeden Wehrdienstler die reine Hölle gewesen wäre - er war also vermutlich unverheiratet und ohne eigene Kinder. Mehrmals wird zwar der Vater erwähnt; ob das aber für den erwachsenen Mann ein solches Gewicht hatte? Dieser Vater eines längst erwachsenen Sohnes hätte sicher etwas Ärger bekommen betr. Republikflucht; aber "Sippenhaft" - nun ja. Bleiben also "Familie" und "Freunde" in diesem Verbrechersystem. OK.

Das wichtigste dürfte der Professor wohl inzwischen vergessen oder verdrängt haben: Er hatte in der DDR eine ordentliche akademische Karriere vor sich. Von dieser Sicherheit wäre im Westen nichts übrig geblieben. Selbst mit seinem DDR-Diplomzeugnis in der Hosentasche wäre das höchst fraglich gewesen. So übersetze ich das "du gehst in eine völlig neuen Welt" und das könnte ein wichtiges Motiv zum Bleiben gewesen sein; menschlich völlig normal.
[hallo] mfG

Fragen am Rande
1. Warum duzt ihn der Interviewer?
2. Es muß schon frühere Veröffentlichungen oder Interviews gegeben haben. Der Interviewer wirft teilweise nur Stichworte ein ("Und die Sache mit den Dioden? "). Weiß jemand näheres?
3. Erhielt er die Professur vor oder nach dem 14.06.2011?
Hausfreund
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon vs1400 » 28. August 2013, 16:14

"... Gib doch mal ein Beispiel für eine Parole.

Die Parole, die wurde immer abverlangt, wenn nachts jemand kam. Auch wenn der Kontrolleur kam. Die war dann zum Beispiel: "Welt-?", und dann musste der andere "-frieden" darauf sagen. Und wenn das nicht kam, durfte geschossen werden. Nicht durfte, musste. ..."

[shocked]

"... Wie sah denn die Ausrüstung aus? Dann, wenn ihr an vorderster Front standet?

Wir hatten Stiefel ... unser Käppi.

Keinen Stahlhelm?

Keinen Stahlhelm, das Käppi, die Uniform, dann ein Messer ..., 'ne Bluse. Am Gürtel hatten wir unsere Patronen, scharfe. In der Kalaschnikow hatten wir das Magazin. Das war auch voll mit scharfer Munition. Da gab's Einzelschuss und Dauerschuss. Und dann hatte man extra noch eine Tasche mit Patronen, [b]falls das Magazin nicht ausreicht[/b]. Die Kalaschnikow wurde mit dem Lauf nach oben getragen, auf dem Rücken. Die Waffe war quasi Heiligtum, und man musste sie exakt säubern. Und – es hatte oft geregnet – da durfte man sich nicht erwischen lassen, wenn man die Waffe unter dem Regencape trug. Die Waffe musste immer außen getragen werden. Da wurde sie nass, und man hatte sie dann wieder zu pflegen. Und wenn man sie unter dem Cape trug, war das ein Verstoß gegen die Waffenordnung. ..."

ganz genau [flash]
"klasse" link eben.

gruß vs [hallo]
vs1400
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon Hausfreund » 28. August 2013, 19:07

Eine mehr technische Frage am Rande, vs1400.

Und dann hatte man extra noch eine Tasche mit Patronen, falls das Magazin nicht ausreicht

In dieser Aussage von Weiß wird von Dir die Stelle "falls das Magazin nicht ausreicht" optisch besonders hervorgehoben - warum? Ich selber hatte zigmal Wachdienst (Kaserne und spezielles "Objekt") und dort war eine 4er Magazintasche völlig normal (plus Stahlhelm??).

mfG [hallo]
Hausfreund
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon vs1400 » 28. August 2013, 19:33

"... Da gab's Einzelschuss und Dauerschuss. Und dann hatte man extra noch eine Tasche mit Patronen, falls das Magazin nicht ausreicht. ..."

weil es einfach eine aussage ist die etwas suggeriert und dass ist, aus meiner sicht, billige polemik.
selbstverständlich kommt gleich wieder jemand und haut mir nen beispiel um die ohren, es war jedoch kein standard.

vs
vs1400
 

Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon SkinnyTrucky » 28. August 2013, 19:40

Ja wie, kein Stahlhelm.... [shocked]

Bei den ach soooo gefährlichen Grenzverletzern wär doch noch viel mehr angebracht gewesen.... [wink]

Mara.... [blush]
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Re: Aussagen von Ex-DDR-Grenzern zur Anwendung des Schiessbefehls

Neuer Beitragvon pentium » 28. August 2013, 19:42

Wieso um die Ohren hauen, VS ?
Er redet von Patronen am Gürtel. Ich gehe mal davon aus er meint die Magazintasche.
Wir sind ja nicht im wilden Westen.

mfg
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*Dos Rauschen in Wald hot mir'sch ageta, deß ich mei Haamit net loßen ka!* *Zieht aah dorch onnern Arzgebirg der Grenzgrobn wie ene Kett, der Grenzgrobn taalt de Länder ei, ober onnere Herzen net!* *Waar sei Volk verläßt, daar is net wert, deß'r rümlaaft of daaner Erd!*
Anton Günther

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