Interessierter hat geschrieben:...Aber es einfach mit einem Mythos zu begründen und zu behaupten vor dem Dienstantritt an der Grenze oder während des Dienstes, sich nicht intensiv mit dieser Problematik allein gedanklich befasst zu haben, ist einfach unglaubwürdig oder ist der Ausdruck, daß man von der Sache überzeugt war.
...
Es hat nichts mit Mythos zu tun. Es ist einfach ein Denkfehler an sich.
Deine und die offizielle Meinung in allen Ehren. Doch sie war nicht die Meinung der aus der DDR-Bevölkerung gezogenen Soldaten. Sie entsprach auch nicht der damals auf dem Gebiet der DDR herrschenden Gesetzeslage.
Die und nur die war aber für uns entscheidend.
Der Flüchtling war eben für uns ein Rechtsbrecher. Der das Risiko im Prinzip kannte und es trotzdem einging. Ganz bewußt einging und also Gründe haben mußte, die dieses Risiko für ihn rechtfertigten.
Dem Gesetz nach war ein Grenzverletzer ein Verbrecher. Ihn bewußt durchzulassen konnte also Beihilfe zu einem Verbrechen sein. Da war der Spielraum gering. Vollkomen egal, ob die Konsequenzen Schwedt oder sonstwie hießen. Man hat eventuell einem Verbrecher geholfen und dies musste man verantworten. Der schwarze Fleck wäre ewig in der Kaderakte geblieben...
Was man verantworten konnte und wie, das war nicht nur von der Ausbildung abhängig, sondern auch Charaktereigenschaften, Stressresistenz und vielen Faktoren mehr.
Da war der einfache Soldat mangels polizeilicher Ausbildung aber auch der jeweils herrschenden politischen Meinung wegen eindeutig im Nachteil. Abwägen, besonnen handeln, das alles ist nach einer halbjährigen Ausbildung und davon wenigen Stunden Recht einfach so nicht vorauszusetzen. Theoretisch ja, praktisch eher nein. Also war die Folge zu oft eben "Schema F" oder die Schaltstufe "D"...
Nicht, weil die Mehrzahl der Soldaten dies so wollte, töten wollte, sondern um etwas zu tun, nachweisbar gehandelt zu haben und vielleicht hatte man dabei ja Glück.
Deshalb so viele Schüsse und so wenig Treffer.
Das war das Problem einer Grenzsicherung mit Soldaten, deshalb gingen die Planungen immer mehr zu Anlagen hin, die einen Schußwaffeneinsatz so selten wie möglich machen sollten.
So etwas aber war noch teurer als die Grenze ohnehin schon und die DDR war klamm. Soldaten waren vergleichsweise günstig.
Deine Lesart und auch die der offiziellen Politik ist genau umgekehrt. Durchaus beabsichtigt, denn würde man dies aus der Sicht der Grenzer betrachten, wären die Verurteilungen rechtswidrig und die Empörung über das Geschehene reiner Hohn.
Dabei nimmt die offizielle Lesart in Kauf, dass sie Rechtfertigung für heutige Verbrechen liefern kann (weil der Täter sie eben nicht als "Verbrechen" sieht oder sehen will) wie auch Soldaten und Polizisten oder Zöllner einer späteren Verurteilung ausliefert, sollte sich die offizielle Sichtweise später da oder dort mal ändern.
Einfach weil man das, was an der Grenze geschehen ist verurteilen will. Anders könnte man dies nicht.
Oder, wie woanders schon vorgeführt:
"Genug diskutiert, handeln..."
Es macht wenig Sinn, mit Leuten wie dir zu diskutieren. Weil es vollkommen egal ist, wie die euch entgegengesetzte Meinung ist. Wer recht hat oder nicht, es zählt nur die offizielle Meinung. Auch abseits aller Fakten. Die werden dann eben gebogen bis sie halbwegs stimmen.
Wobei es nun wieder umgekehrt auf der Gegenseite nicht anders war. Kein bisschen.
Leidtragende sind vor allem die Toten und Verletzten. Egal, wie man es dreht, es endet immer mit "selbst schuld" oder "Pech gehabt", sie "wußten es ja". Aber die Grenzer ganz genauso.
Ich diskutiere hier ja nicht, um daran etwas zu ändern. Das geht nicht. Nicht so bald, das braucht eine Zeit, in der keiner der daran so oder so Beteiligten mehr lebt. Vorher sind Zugeständnisse kaum denkbar. Aber diesen Zwiespalt immer wieder aufzuzeigen schützt vielleicht diesen oder jenen heute oder später davor, wieder in solche politischen Messer zu laufen.