Viktor Remizov 'Permafrost'

Hier können Bücher vorgestellt und besprochen werden, die in den Bereich politische Systeme gehören.

Viktor Remizov 'Permafrost'

Neuer Beitragvon Nostalgiker » 1. Oktober 2026, 17:36

Jetzt habe ich das Buch von Viktor Remizov ' Permafrost' zu Ende gelesen. 1250 Seiten lesen sich nicht an einem Abend weg, es braucht schon ein paar Tage.

Auszug aus dem (Rück) Covertext:
Im Herzen der unerbittlichen Wildnis wird ein absurd großes Bauprojekt geplant. Hunderttausende Guleg-Häftlinge beginnen, unter unmenschlichen Bedingungen eine unsinnige Eisenbahnlinie durch die Taiga zu errichten. Dabei wird die Liebe zum Leben, trotz aller Widrigkeiten zur stärksten Form des Widerstandes gegen das totalitäre Regime

Das Buch stützt sich auf nachweisbare, historische Fakten,und spielt zwischen 1947 und 1953 im sibirischem hohen Norden im Gebiet südlich von Workuta über den Nordural bis nach Norrilsk. Zentraler Handlungsort ist die Siedlung Jamarka welche am Jenissei liegt. Hintergrund ist der Bau der "Stalinbahn" oder der "Nordpolarbahn" welche sich in die drei großen Bauprojekte ; Projekt 501, 502 und 503 aufgliedern und sich zwischen Chum und Igarta auf einer Länge von 1460 km erstrecken. Die Stadt Norlilsk spielt auch eine wichtige Rolle.
Außer den NKWD Leuten, die Freie sind, sind alle anderen handelnden Personen Verurteilte nach Artikel 58, Verbannte für 5, 10, 25 oder auf Lebenszeit (Politische), Seka (Strafgefange allgemein), Pridurki (Häftlinge in Verwaltungspositionen), Suki (Kriminelle welche den Ehrenkodex der Diebe im Gesetz oder "ehrliche Diebe" gebrochen haben und die Urka welche als Verbrecher galten und teilweise der Unterwelt angehörten. Es herrschte ein tötlicher Krieg zwischen den Urka und Seki. Ein Urka war verpflichtet wenn auf einen Seki traf ihn zu töten.
Ein 'Verkümmerer' ist ein Häftling welcher kurz vor dem Tod steht.
Dazwischen müssen sich die Haupthelden behaupten und veruchen am Leben zu bleiben.
Eine der schrecklichsten Episoden im Roman ist der Abschnitt wo der Hauptheld in die Fänge eines frustierten NKWD Oberst gerät und er ihn ohne Grund Monatelang einsperrt und Foltern lässt.
Der Roman endet mit den Häftlingsaufstand im Sommer 1953 in Norilsk.

Insgesamt liest sich der Roman sehr gut, bedingt auch durch die Sprachgewalt und Sachlichkeit.

Wer sich an den Roman wagt wird hinterher festellen das der so gelobte Solschenizyn im Prinzip nur eine Labertasche ist welche sich in pseudophilosophischenGewäsch ergeht.

Da ich mehrmals in Sibirien war, Sommer und Winter, fand ich die Schilderungen der Landschaft ebenfalls sehr beeindruckend und vor meinem inneren Auge entstanden die geschilderten Landschaften sehr real .....
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin

Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, dass man nichts zu verlieren hat. Janis Joplin

Psychologen haben herausgefunden, dass Menschen, die immer bei anderen auf die Rechtschreibfehler hinweisen, eine Persönlichkeitsstörung haben und unzufrieden mit ihrem Leben sind. Netzfund
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Re: Viktor Remizov 'Permafrost'

Neuer Beitragvon pentium » 1. Oktober 2026, 17:48

Der Perlentaucher dazu:

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.06.2025
Selbst vor einem Tolstoi-Vergleich schreckt Rezensent Ulrich M. Schmid nicht zurück in seiner Besprechung des Romans Viktor Remizovs. Mit einem veritablen Nationalepos haben wir es hier zu tun, meint Schmid, die Figuren handeln nicht bloß als Individuen, vielmehr bleiben sie stets schicksalhaft den über sie hereinbrechenden historischen Kräften ausgeliefert. Konkret handelt das laut Kritiker von Franziska Zwerg exzellent übersetzte Buch von einem historischen Eisenbahnbau in Sibirien, beteiligt ist daran unter anderem Below, ein einstiger Stalinist, der bald in die Fänge des staatlichen Terrors gerät. Eine weitere wichtige Figur ist der Geologe Gortschakow, der ebenfalls zu Zeiten des stalinistischen Terrors in Gefangenschaft gerät. Zudem geht es Remizov darum, aufzuzeigen, wie der stalinistische Terror in der Folgezeit gerade nicht aufgearbeitet wurde. Eindrücklich findet der Rezensent auch die Naturbeschreibungen. Vor allem aber lobt Schmid, dass Remizov seine formulierte Forderung, die Menschen in Russland müssten ihre staatsbürgerliche Verantwortung wahrnehmen, mit diesem Roman auf "höchstem moralischem und literatischem Niveau" umsetzt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2025
Rezensent Urs Heftrich mit diesem Roman hat ein "Monumentalwerk" über die Bedingungen vor sich, unter denen Stalins absurdes Eisenbahnprojekt in Sibirien durchgesetzt werden sollte: Der Autor Viktor Remizov basiert seine Geschichte auf historisch verbürgten Fakten und hat eng mit der 2021 in Russland verbotenen Organisation Memorial zusammengearbeitet. Die Gulag-Häftlinge sollen die unmögliche Aufgabe erfüllen, in unwegsamem Gelände Gleise zu verlegen, das Projekt wird nie fertiggestellt, erfahren wir, schuften müssen die, die es gewagt haben, "Väterchen Stalin" zu widersprechen. Remizov und seine Übersetzerin Franziska Zwerg widmen sich mit "unerbittlichem Scharfblick" der alles beherrschenden Angst vor Denunziation, Verhaftung und Folter, so Heftrich, aber auch der Hoffnung auf Menschlichkeit, die der Autor mit den komplizierten, aber widerständigen Liebesgeschichten einflicht. Dass seine Helden ihre Humanität nicht verlieren, ist für den Kritiker "ein Wunder", das er dem Autor jedoch abnimmt. Er ist froh, dass dieser "Sisyphos am Polarkreis"-Roman nun auf Deutsch zu entdecken ist.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 17.04.2025
Ein eindrückliches Buch über Zwangsarbeit in der stalinistischen Sowjetunion legt Viktor Remizov laut Rezensent Christoph Vormweg hier vor. Wobei das Buch zwar auf ausführlichen Archivrecherchen und Gesprächen mit Zeitzeugen basiert, aber gleichzeitig, erläutert Vormweg, die Form der Fiktion wählt und darin auch an Solschenizyns "Archipel Gulag" anschließt. Allerdings gibt es bei Remizov anders als bei Solschenizyn ein festes Stammpersonal - konkret geht es um drei Figuren, die am Bau der "Großen Stalinbahn" 1950 bis 1953 beteiligt waren: den Gefangenen Gortschakow, den Schiffskapitän Below und den Wärter Romanow. Am Beispiel Gortschakows beschreibt Remizov die stalinistische Willkürherrschaft, die vor allem auf die Ausbeutung billiger beziehungsweise kostenloser Arbeitskräfte aus war, resümiert der Rezensent. Zudem geht es um den entmenschlichenden Lageralltag und die Rolle des Alkohols im Leben der Gefangenen, auch auf die Nutznießer des Systems kommt der Autor zu sprechen, sowie auf die Rolle der Frauen. Vormweg wundert sich, dass dieser Roman in Russland erscheinen und zum Bestseller avancieren konnte, schließlich handelt er ungeschönt von der Gewalt, die die russische Geschichte prägt und die Frage, wie sich das auf die putinistische Gegenwart auswirkt, schwingt zumindest untergründig mit, meint der beeindruckte Kritiker.
*Dos Rauschen in Wald hot mir'sch ageta, deß ich mei Haamit net loßen ka!* *Zieht aah dorch onnern Arzgebirg der Grenzgrobn wie ene Kett, der Grenzgrobn taalt de Länder ei, ober onnere Herzen net!* *Waar sei Volk verläßt, daar is net wert, deß'r rümlaaft of daaner Erd!*
Anton Günther

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