Arne Petrich
Die Auflösung der DDR-Grenztruppen und ihre Folgen nach 1989
Mit dem Fall der Mauer endete für Millionen Menschen die Unfreiheit, doch für rund 47.000 Angehörige der Grenztruppen der DDR markierte der Herbst 1989 den Beginn einer existenziellen Auflösung.
Die Geschichte der deutschen Einheit wird oft als reine Erfolgsgeschichte erzählt, doch die Abwicklung der bewaffneten Organe der DDR stellt ein komplexes Kapitel der Nachwendezeit dar. Während Teile der Nationalen Volksarmee zumindest vorübergehend in die Bundeswehr integriert wurden, galt für die Grenztruppen eine andere Prämisse. Sie waren das sichtbare Instrument der Teilung und des Schießbefehls.
Der Befehl Nummer 49/90 vom September 1990 besiegelte das Ende dieser Formation. Faktisch über Nacht verloren tausende Berufssoldaten und Zivilbeschäftigte nicht nur ihren Dienstgrad, sondern ihre berufliche Identität und soziale Absicherung. In einer Zeit, die ohnehin von massiven wirtschaftlichen Umbrüchen in Ostdeutschland geprägt war, standen diese Männer vor dem Nichts. Eine Übernahme in den Bundesgrenzschutz oder die Armee der Einheit war politisch und moralisch kaum vermittelbar.
Juristisch folgte eine jahrelange Aufarbeitung, die als Mauerschützenprozesse in die Geschichte einging. Der Rechtsstaat stand vor der schwierigen Aufgabe, individuelles Handeln in einem totalitären System zu bewerten. Die Anwendung der Radbruchschen Formel, wonach positives Gesetz unrecht ist, wenn es unerträglich der Gerechtigkeit widerspricht, führte zu Verurteilungen, die das Spannungsfeld zwischen Befehlsgehorsam und Gewissensentscheidung ausloteten.
Für die betroffenen Biografien bedeutete dies oft einen Rückzug ins Schweigen. Viele ehemalige Grenzer sahen sich pauschal als Täter stigmatisiert, unabhängig von ihrem konkreten Dienstgrad oder Handeln. Die Differenzierung zwischen jungen Wehrpflichtigen, die dem Zwang unterlagen, und überzeugten Ideologen fand im öffentlichen Diskurs kaum statt. Dies führte in vielen ostdeutschen Familien zu einer Tabuisierung der eigenen Vergangenheit.
Die Erinnerungskultur konzentriert sich zurecht auf das Leid der Opfer und der Hinterbliebenen. Dennoch bleibt die Geschichte der 47.000 Grenzer ein relevanter Teil der Transformationsgesellschaft. Sie zeigt exemplarisch, wie Systeme zerfallen und welche langfristigen sozialen und psychologischen Folgen die Einbindung in einen repressiven Apparat für das Individuum nach dem Systemwechsel hat.







