„Es ist die Geschichte unserer Eltern“: Das vergessene Erbe der Wismut in Chemnitz – und seine Retter
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Das vergessene Erbe der Wismut in Chemnitz – und seine Retter
Frank Hommel
„Es ist die Geschichte unserer Eltern“: Das vergessene Erbe der Wismut in Chemnitz – und seine Retter
Chemnitz und das Erzgebirge sind voller Hinterlassenschaften der einstigen SDAG Wismut. Das Kulturhauptstadtjahr hat dieses Erbe nun neu ins Bewusstsein der Menschen gerückt.
Chemnitz, Aue-Bad Schlema.
Der Internetseite der Chemnitzer Tourist-Information ist das Thema unbekannt. „Entschuldigung“, antwortet die Seite auf den Suchbegriff „Wismut“, „wir haben leider keine Ergebnisse für Sie gefunden!“ Dabei sind die Hinterlassenschaften der einstigen Deutsch-Sowjetischen Aktiengesellschaft besonders im Westen der Stadt so zahlreich wie eindrücklich. Wer sich mit Stadtführerin Edeltraud Höfer auf Wismut-Spurensuche durch die Stadtteile Siegmar und Rabenstein begibt, ist gut beraten, Zeit mitzubringen.
Besser wäre: viel Zeit. Die Wismut förderte einst Uran für sowjetische Atombomben, später auch für Kernkraftwerke. Als Staat im Staate wird sie oft bezeichnet. Was das hieß, das lässt sich nirgends so anschaulich nachvollziehen wie in Chemnitz. Der einstige Kulturpalast. Das Haus für Körperkultur. Das sogenannte Prophylaktorium, heute Ärztehaus. Dazu die Läden des Wismuthandels, die Telefonzentrale eines eigenen Telefonnetzes, die Außenstelle des geologischen Betriebs, der Sitz einer eigenen Polizeibehörde, der sowjetische Klub, der Kraftfahrzeugreparaturbetrieb, die Villa des sowjetischen Generaldirektors, die Unterkünfte des sowjetischen Sicherheitspersonals. Und natürlich das übrig gebliebene Stückchen von jenem Zaun, der ganze Straßenzüge zeitweise in Sperrzonen verwandelte, bewacht von Posten mit Maschinengewehren.
Es sind Dutzende Hinterlassenschaften. Niemand kennt sie besser als Edeltraud Höfer. „Ich bin sozusagen ein Wismut-Kind“, hatte die Stadtführerin dem Publikum bei einem der Nachgespräche zur Wismut-Oper „Rummelplatz“ erklärt. Ihre Eltern und zwei ihrer Onkel arbeiteten bei der Wismut. Ihr Vater war zunächst Dolmetscher des sowjetischen Schachtleiters in Schlema.
Als bei ihrer Mutter damals die Wehen eingesetzt hatten, veranlasste der, dass sie mit dem Schichtbus zur Entbindung gefahren wurde. „Und mein Erscheinen auf der Welt“, so bekam es Edeltraud Höfer später berichtet, „wurde dann auch ordentlich mit Wodka begossen.“
Sieben Jahrzehnte später sitzt sie auf dem Beifahrersitz und lotst den Fahrer die Jagdschänkenstraße in Siegmar entlang. Vorbei geht es an Parkflächen, an einem Sportplatz an einem typischen DDR-Plattenbau. Gleich dahinter ein ebenso typisches Bürogebäude, verkleidet mit buntem Glas.
Auf den ersten Blick wirkt die Straße wie jede andere. Doch diese hat eine besondere Geschichte. Im Plattenbau, in dem heute die Autobahnpolizei sitzt, hatte die Stasi-Dienststelle der Wismut ihr Domizil. Das Bürogebäude, der Sportplatz – beides Wismut-Hinterlassenschaften.
Der Flachbau gleich nebenan beherbergte die Kantine. Das Wandbild aus jenen Tagen ist heute im Industriemuseum zu sehen, sagt Edeltraud Höfer. Nur die Rakete aus den Händen der Bergmänner habe man entfernt. In der Jagdschänkenstraße schlug einst das Herz der Wismut. Ein paar Meter weiter ist das nicht mehr zu übersehen.
Auch im Haus der Körperkultur mit Schwimmbad und Turnhalle sind heute Eigentumswohnungen. Doch ein Schild an der Tiefgarage erinnert noch an die Vergangenheit. Bild: Andreas Seidel
Edeltraud Höfer dirigiert das Auto auf den Parkplatz. Sie läuft zum imposanten Portal eines klassizistischen Baus. Dicke Säulen tragen einen schweren Giebel. Darauf prangt das steinerne Relief aus Schlägel und Eisen, gesäumt von einem Mann mit Schirmmütze und einer Frau mit Kind auf dem Arm. Heute ist darin die Regionaldirektion der Knappschaft Bahn-See untergebracht. Das 1951 als Sitz der Sozialversicherung errichtete Gebäude wurde ab 1954 zur Generaldirektion der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft umfunktioniert.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eine Stele mit Wismut-Schriftzug. Es ist das Logo der bundeseigenen Wismut GmbH, die sich um die Hinterlassenschaften der SDAG kümmert. Und die nun der Bundesregierung angeboten hat, sich stärker in aktive Rohstoffsuche einzuschalten. Einst, erzählt Edeltraud Höfer, war die SED-Gebietsparteileitung der Wismut hier untergebracht. Das Unternehmen war den Bezirken gleichgestellt.
Einer ihrer Onkel, der schon mit 16, nach seiner Entlassung aus einem sowjetischen Internierungslager, zur Wismut gekommen war, arbeitete dort. Bis er sich das Leben nahm. Niemand wisse, warum, sagt sie, aber es habe sicher mit seiner Arbeit zu tun gehabt. Die verschlossenen Gesichter der Genossen zu seiner Beerdigung werde sie nie vergessen.
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