Das vergessene Erbe der Wismut in Chemnitz

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Das vergessene Erbe der Wismut in Chemnitz

Beitragvon pentium » 2. Januar 2026, 11:05

„Es ist die Geschichte unserer Eltern“: Das vergessene Erbe der Wismut in Chemnitz – und seine Retter
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Das vergessene Erbe der Wismut in Chemnitz – und seine Retter
Frank Hommel

„Es ist die Geschichte unserer Eltern“: Das vergessene Erbe der Wismut in Chemnitz – und seine Retter

Chemnitz und das Erzgebirge sind voller Hinterlassenschaften der einstigen SDAG Wismut. Das Kulturhauptstadtjahr hat dieses Erbe nun neu ins Bewusstsein der Menschen gerückt.

Chemnitz, Aue-Bad Schlema.

Der Internetseite der Chemnitzer Tourist-Information ist das Thema unbekannt. „Entschuldigung“, antwortet die Seite auf den Suchbegriff „Wismut“, „wir haben leider keine Ergebnisse für Sie gefunden!“ Dabei sind die Hinterlassenschaften der einstigen Deutsch-Sowjetischen Aktiengesellschaft besonders im Westen der Stadt so zahlreich wie eindrücklich. Wer sich mit Stadtführerin Edeltraud Höfer auf Wismut-Spurensuche durch die Stadtteile Siegmar und Rabenstein begibt, ist gut beraten, Zeit mitzubringen.

Besser wäre: viel Zeit. Die Wismut förderte einst Uran für sowjetische Atombomben, später auch für Kernkraftwerke. Als Staat im Staate wird sie oft bezeichnet. Was das hieß, das lässt sich nirgends so anschaulich nachvollziehen wie in Chemnitz. Der einstige Kulturpalast. Das Haus für Körperkultur. Das sogenannte Prophylaktorium, heute Ärztehaus. Dazu die Läden des Wismuthandels, die Telefonzentrale eines eigenen Telefonnetzes, die Außenstelle des geologischen Betriebs, der Sitz einer eigenen Polizeibehörde, der sowjetische Klub, der Kraftfahrzeugreparaturbetrieb, die Villa des sowjetischen Generaldirektors, die Unterkünfte des sowjetischen Sicherheitspersonals. Und natürlich das übrig gebliebene Stückchen von jenem Zaun, der ganze Straßenzüge zeitweise in Sperrzonen verwandelte, bewacht von Posten mit Maschinengewehren.

Es sind Dutzende Hinterlassenschaften. Niemand kennt sie besser als Edeltraud Höfer. „Ich bin sozusagen ein Wismut-Kind“, hatte die Stadtführerin dem Publikum bei einem der Nachgespräche zur Wismut-Oper „Rummelplatz“ erklärt. Ihre Eltern und zwei ihrer Onkel arbeiteten bei der Wismut. Ihr Vater war zunächst Dolmetscher des sowjetischen Schachtleiters in Schlema.

Als bei ihrer Mutter damals die Wehen eingesetzt hatten, veranlasste der, dass sie mit dem Schichtbus zur Entbindung gefahren wurde. „Und mein Erscheinen auf der Welt“, so bekam es Edeltraud Höfer später berichtet, „wurde dann auch ordentlich mit Wodka begossen.“

Sieben Jahrzehnte später sitzt sie auf dem Beifahrersitz und lotst den Fahrer die Jagdschänkenstraße in Siegmar entlang. Vorbei geht es an Parkflächen, an einem Sportplatz an einem typischen DDR-Plattenbau. Gleich dahinter ein ebenso typisches Bürogebäude, verkleidet mit buntem Glas.

Auf den ersten Blick wirkt die Straße wie jede andere. Doch diese hat eine besondere Geschichte. Im Plattenbau, in dem heute die Autobahnpolizei sitzt, hatte die Stasi-Dienststelle der Wismut ihr Domizil. Das Bürogebäude, der Sportplatz – beides Wismut-Hinterlassenschaften.

Der Flachbau gleich nebenan beherbergte die Kantine. Das Wandbild aus jenen Tagen ist heute im Industriemuseum zu sehen, sagt Edeltraud Höfer. Nur die Rakete aus den Händen der Bergmänner habe man entfernt. In der Jagdschänkenstraße schlug einst das Herz der Wismut. Ein paar Meter weiter ist das nicht mehr zu übersehen.

Auch im Haus der Körperkultur mit Schwimmbad und Turnhalle sind heute Eigentumswohnungen. Doch ein Schild an der Tiefgarage erinnert noch an die Vergangenheit. Bild: Andreas Seidel

Edeltraud Höfer dirigiert das Auto auf den Parkplatz. Sie läuft zum imposanten Portal eines klassizistischen Baus. Dicke Säulen tragen einen schweren Giebel. Darauf prangt das steinerne Relief aus Schlägel und Eisen, gesäumt von einem Mann mit Schirmmütze und einer Frau mit Kind auf dem Arm. Heute ist darin die Regionaldirektion der Knappschaft Bahn-See untergebracht. Das 1951 als Sitz der Sozialversicherung errichtete Gebäude wurde ab 1954 zur Generaldirektion der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft umfunktioniert.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht eine Stele mit Wismut-Schriftzug. Es ist das Logo der bundeseigenen Wismut GmbH, die sich um die Hinterlassenschaften der SDAG kümmert. Und die nun der Bundesregierung angeboten hat, sich stärker in aktive Rohstoffsuche einzuschalten. Einst, erzählt Edeltraud Höfer, war die SED-Gebietsparteileitung der Wismut hier untergebracht. Das Unternehmen war den Bezirken gleichgestellt.

Einer ihrer Onkel, der schon mit 16, nach seiner Entlassung aus einem sowjetischen Internierungslager, zur Wismut gekommen war, arbeitete dort. Bis er sich das Leben nahm. Niemand wisse, warum, sagt sie, aber es habe sicher mit seiner Arbeit zu tun gehabt. Die verschlossenen Gesichter der Genossen zu seiner Beerdigung werde sie nie vergessen.

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*Dos Rauschen in Wald hot mir'sch ageta, deß ich mei Haamit net loßen ka!* *Zieht aah dorch onnern Arzgebirg der Grenzgrobn wie ene Kett, der Grenzgrobn taalt de Länder ei, ober onnere Herzen net!* *Waar sei Volk verläßt, daar is net wert, deß'r rümlaaft of daaner Erd!*
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Re: Das vergessene Erbe der Wismut in Chemnitz

Beitragvon pentium » 2. Januar 2026, 11:09

Fortsetzung

Harte Arbeit, Aufbruch, Lebenshunger und Willkür: Die Oper „Rummelplatz“ sorgte für Begeisterung. Bild: Nasser Hashemi

Das Thema treffe den Nerv der Menschen. „Es ist lokal verankert und überregional relevant.“ Letzteres zeigte eben die Oper „Rummelplatz“ nach dem gleichnamigen Roman von Werner Bräunig über die Anfangsjahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals begann die rücksichtslose Uransuche. Arbeiter wurden zwangsverpflichtet. Die Oper zeichnete ihre Hoffnungen und Entbehrungen nach. Ihren Hunger nach Leben. Aber auch Repressalien und Willkür. Das fesselte Publikum wie Kritiker. Alle Vorstellungen waren ausverkauft. Zu den Nachgesprächen nach den Vorstellungen im Foyer mussten anfangs extra Stühle herbeigeschafft werden. So groß war der Redebedarf.

„Meine Eltern waren Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei“, erzählte etwa Edith Lorenzen, die für die Opern-Vorstellung aus Niedersachsen kam. „So ein Neuanfang, bei dem man in einer durcheinandergeschüttelten Gesellschaft seinen Platz finden musste, aber nicht dazugehörte, hat sich durch meine ganze Kindheit gezogen.“

Auch Mitarbeitern des Opernhauses ging die Oper nahe. „Man hat schon gemerkt, dass das Stück durch alle Abteilungen hinweg die Leute betrifft und inspiriert“, beobachtete Intendant Christoph Dittrich. „Sie haben mehr als bei anderen Produktionen über die Interpretation diskutiert. Das Ensemble besteht ja auch aus Menschen, die hier aufgewachsen sind.“ Nun hat das Opernhaus bestätigt, dass „Rummelplatz“ auch in der neuen Saison auf dem Spielplan steht.

Wismut-Identität

„Aus grauen Halden sind grüne Täler entstanden“: Andy Tauber, Bereichsleiter Aue bei der Wismut, vor dem legendären Schacht 371 bei Hartenstein. Bild: Frank Hommel

„Drastisch“ sei das gezeigte Wismut-Bild gewesen, war eine der ersten Reaktionen von Edeltraud Höfer, nachdem sie die Oper gesehen hatte. Sie wendet sich dagegen, das Wismut-Erbe einseitig zu betrachten. Der Blick durch die Nostalgie-Brille würde ihm ebenso wenig gerecht wie absolute Verdammnis. Beides, sagt sie, ist ihr bei den Führungen schon über den Weg gelaufen.

Sie sagt, sie weiß heute, dass sie privilegiert aufgewachsen ist. Dass Wismut-Angehörige besser versorgt wurden, weniger vom alltäglichen Mangel betroffen waren als der Rest der Gesellschaft. Dass sie bessere Gesundheitsversorgung hatten. Und bessere Möglichkeiten auf Urlaub.

Die sowjetischen Machthaber hatten schnell gemerkt, dass positive Anreize mehr bewirkten als Daumenschrauben. „Mein Vater kam weit aus dem Osten, er war ein armer Bauernsohn“, erzählt sie. Nach seiner Internierung im Donbass kam er zur Wismut, weil seine Brüder schon dort waren. Dort fiel auf, dass er Russisch konnte. So begann eine bis dahin undenkbare Karriere. „Wir hatten schon in den 1960er-Jahren ein Auto“, erzählt Edeltraud Höfer.

Sie kennt auch die Schattenseiten. Als sie Mitte der 1970er-Jahre zum Studium nach Polen kam und erstmals einen Blick von außen auf die DDR warf, stellte sie staunend fest, dass sie bis dahin politisch in einer Blase lebte, sagt sie. Sie kennt die schweren Folgen des Uranbergbaus für die Gesundheit vieler Kumpel. Den politischen Druck, der vielleicht auch ihrem Onkel zugesetzt haben mag. Und die Umweltfrevel.

Im Gespräch in der Oper erzählte sie von Erinnerungen an ihre frühe Kindheit in Schlema. Vor ihrem inneren Auge war das Bild einer Abraumhalde aufgetaucht, die bis an den Zaun ihres Kindergartens reichte. „Und dann meinte ich doch, das kann ja wirklich nicht sein“, sagte sie. Aber bei der Haushaltsauflösung ihrer Eltern fand sie Fotos, die eindeutig bewiesen: „Die Halde ging bis an den Zaun des Kindergartens ran.“

Dennoch war die Arbeit bei der Wismut für viele Menschen identitätsprägend. Noch immer tauschen sie in sozialen Netzwerken Fotos und Erinnerungen aus. „Besonders in Aue und Schlema gibt es diese Identität noch immer“, sagt Andy Tauber. Tauber ist Bereichsleiter der heutigen Wismut GmbH am Schacht 371.

Zwei seiner Bergleute waren noch bei der SDAG im Einsatz. Heute halten sie die Schächte unter Bad Schlema in Schuss, damit das schädliche Radon zum Abluftturm strömen kann und keine Keller verseucht. „Die Mitarbeiter sind stolz auf ihre Arbeit – heute nicht auf geförderte Tonnen Erz, sondern auf das, was aus der Landschaft geworden ist“, sagt Tauber. „Aus grauen Halden sind grüne Täler entstanden.“ Auch das gehört heute zur Wismut-Identität.

Und die Stiftung will den Standort am einst tiefsten Schacht Deutschlands noch stärker als bislang für die Öffentlichkeit nutzen. So soll die „No-Secret“-Ausstellung am Schacht 371 auch 2026 an ausgewählten Tagen öffnen. Ab Frühjahr soll eine neue Aussichtsplattform den Blick über begrünte Haldenlandschaften bieten. Auch in Ronneburg in Thüringen und im Netz will die Stiftung das Wismut-Erbe besser präsentieren als bislang.

Es scheint also inzwischen doch ganz gut bestellt um das weltweit einmalige Erbe des Uranabbaus in der Region. Was SPD-Stadträtin Jacqueline Drechsler im Chemnitzer Stadtrat über die Oper „Rummelplatz“ sagte, gilt wohl für die gesamte Wismut: „Es ist die Geschichte unserer Eltern“, so Drechsler, „unserer Großeltern, unserer Freundinnen und Freunde, Nachbarinnen und Nachbarn.“ (fhob)

Der Artilel ist hinter der Bezahlschranke...
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