von pentium » 12. September 2024, 14:26
„Wir haben 30 Jahre auf Verschleiß gelebt“
Dresden - Bauprofessor Manfred Curbach half mit Innovationen bei der Sanierung der Carolabrücke. Über den Einsturz des alten Teils ist er erschüttert – und verlangt Konsequenzen.
Von Oliver Hach
Freie Presse: Herr Prof. Curbach, Sie haben an der Sanierung der Carolabrücke mitgewirkt und als Erfinder des Carbonbetons dafür gesorgt, dass Teile des Bauwerks auf innovative Weise – sicher, material- und gewichtsparend – erneuert werden konnten. Was dachten Sie, als Sie vom Einsturz hörten?
Prof. Manfred Curbach: Ich war unglaublich erschrocken – und gleichzeitig heilfroh, dass niemand zu Schaden gekommen ist.
FP: Konnten Sie sich selbst vor Ort ein Bild machen?
Curbach: Ich war heute früh da. So etwas habe ich persönlich noch nie gesehen. Das kannte man nur von Fernsehbildern aus anderen Städten, zum Beispiel aus Genua. Mit dem Einsturz der Autobahnbrücke in Italien war ich damals stark befasst.
FP: Inwiefern?
Curbach: Es war dramatisch, es gab viele Todesfälle. Und ich wurde gefragt, ob so etwas in Deutschland passieren kann. Ich habe gesagt, dass ich die Wahrscheinlichkeit für außerordentlich gering einschätze, dass so etwas in Deutschland passiert, weil wir ein sehr ausgeklügeltes Sicherheitssystem haben.
FP: Müssen Sie sich revidieren?
Curbach: Was das Sicherheitssystem anbelangt, nicht. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir eines der sichersten oder vielleicht das sicherste Bausystem der Welt haben. Es gibt aber immer eine sehr geringe Versagenswahrscheinlichkeit.
FP: Der Einsturz kam also auch für Sie überraschend.
Curbach: Völlig. In Deutschland geht tatsächlich Sicherheit vor Wirtschaftlichkeit. Hätte in Dresden irgendjemand nur eine Ahnung gehabt, dass das hier passieren könnte, dann wäre die Carolabrücke mit Sicherheit sofort gesperrt worden.
FP: Alle sechs Jahre gibt es den sogenannten Brücken-Tüv. Bei der Carolabrücke war das 2021. Damals soll der Brückenbereich, der jetzt eingestürzt ist, die Bewertung „nicht ausreichend“ mit einer Note von 3,0 bis 3,4 erhalten haben.
Curbach: Wenn so eine Note herauskommt, werden die Prüfintervalle von sechs Jahren drastisch reduziert. Im konkreten Fall ging man auf eine kontinuierliche Überwachung mit fest installierten Messgeräten über, was jetzt für die Auswertung sehr wichtig ist, weil wir jede Menge Daten haben. Aber diese Messwerte haben eben weder in den letzten Monaten noch in den letzten Tagen irgendein Indiz darauf gegeben, dass hier Gefahr im Verzug ist.
FP: Gab es bei der Brücke grundsätzliche Konstruktionsmängel? Ihr Institutskollege Steffen Marx sagt, die Carolabrücke sei eine der ersten großen Spannbetonbrücken in der DDR gewesen, und die habe Defizite gehabt.
Curbach: Man kann es so zusammenfassen: Das statische System war damals ein sehr fortschrittliches. Aber es fehlten Redundanzen. Bei der Morandi-Brücke in Genua reichte es aus, ein Seil wegzunehmen und die Brücke funktionierte nicht mehr. So was würden wir heute nicht mehr bauen. Heute konstruieren wir so, dass, selbst wenn an irgendeiner Stelle mal ein Versagen eintritt, die Brücke nicht als Ganzes einstürzt. Was übrigens bei der Carolabrücke zum Teil auch geklappt hat. Die verbliebenen Teile des Brückenzuges sind natürlich einsturzgefährdet, man muss sie sichern. Aber dass eine Brücke so große Verformungen macht, wie man sie jetzt sieht, ist ein gutes Zeichen. Man kann sagen: Dieser Teil der Brücke war redundant, aber nicht der eingestürzte Teil über der Flussöffnung.
FP: Regelmäßig wird über den schlechten Zustand Tausender Brücken in Deutschland berichtet. Wie sicher sind die Brücken?
Curbach: Die Frage ist sehr berechtigt. Ich gehe im Moment davon aus, dass das Sicherungssystem, was wir haben, einschließlich dieser Brückenüberprüfungen, immer noch das sicherste System ist, was man sich vorstellen kann. Sehr viele Brücken sind aber in einem Zustand, der nicht mehr lange tragbar ist. Wir haben jetzt 30 Jahre auf Verschleiß gelebt. Das heißt, wir sanieren und bauen neu in viel geringerem Tempo, als die Brücken altern.
FP: Tut die Politik hier zu wenig?
Curbach: Dazu zwei Zahlen: Das Bauwesen hat einen Anteil von 11,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Von den Forschungsmitteln, die der Bund zur Verfügung stellt, bekommt die Branche aber nur 0,6 Prozent. Was wir in Deutschland an Bausubstanz haben, halten wir für auf Dauer gegeben. Und die Politik unterschätzt, was hier an immer neuem Know-how und an Forschungstätigkeit nötig ist. Vor zweieinhalb Jahren hatten wir ein Großforschungszentrum zum Bauen beantragt, das in Bautzen entstehen soll. Wir kamen aber zunächst nicht zum Zuge, weil die Politik die Astrophysik für interessanter hielt.
FP: Wie geht es jetzt weiter?
Curbach: Verkehrsminister Wis--sing will statt der aktuell 200 jährlich 400 Brücken instand setzen oder neu bauen. Mit dem vorhandenen Personal schafft man das nicht, man braucht neue Materialien, Verfahren, Methoden, Techniken, Roboter. Das Großforschungszentrum soll nun doch kommen. In der Geschwindigkeit, mit der wir das machen, darf es nicht weitergehen.
Manfred Curbach
Der gebürtige Dortmunder ist Professor und Leiter des Instituts für Massivbau an der TU Dresden. Er gilt als Erfinder des Carbonbetons. Bei der Sanierung der ersten beiden Züge der Carolabrücke kam Carbonbeton erstmals bei einer Großbrücke zum Einsatz.
freie presse