Es wird höchste Zeit, daß Europa eine eigene Rating- Agentur bekommt, daß jedenfalls hoffe ich um so mehr, nachdem ich diesen kritischen Beitrag las: 09.12.2011
S.P.O.N. - Der Kritiker
Volkswirtschaften wie Vieh vor sich hertreiben
Die Cowboy- und Lügnergeschichte des Banken-Kapitalismus: Der mit einem Oscar prämierte Dokumentarfilm "Inside Job" erzählt, wie es zur Finanzkrise kam und warum sich danach nichts geändert hat - er gehört unter den Weihnachtsbaum kultivierter Kapitalismuskritiker.
Info
Menschen sind Lebewesen, die mit aller Macht versuchen zu verbergen, wie lächerlich, klein und schwach sie sind. Manche nennen das Zivilisation.
Entschuldigung, das klingt jetzt etwas sarkastisch oder zynisch. Aber wir reden ja auch vom Kapitalismus: Das Schauspiel des Jahres, Kindertheater, Märchenstunde, Lustspiel, Marionettenstück, echte Tragödie, man kann es sehen, wie man will. Sicher ist eh nichts. Sicher ist nur: Keiner weiß wirklich, was gerade passiert.
Kapitalismus: Hier verbinden sich Fakten und Fiktionen auf abenteuerliche Art und Weise. Kapitalismus: Hier ist der Nullpunkt unserer Zeit. Kapitalismus: Hier kann man der erbärmlichen Existenz des Menschen mal ganz direkt ins Gesicht schauen. (Ja, ja, ja, mein lieber Bankerfreund Dirk, er hat auch gute Seiten, der Kapitalismus, aber heute geht es eben um die schlechten.)
Meine Lieblingskapitalismusszene 2011 stammt aus dem grandiosen, markerschütternden und in diesem Jahr mit dem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm "Inside Job". Erzählt wird die Cowboy- und Lügnergeschichte des Banken-Kapitalismus, erzählt wird, wie es zur Finanzkrise 2008 kam und dass sich danach nichts geändert hat. Im Gegenteil, sie kommen wie Springteufel immer wieder aus ihrer Schachtel, die gleichen Typen in den gleichen Anzügen, phantastisch.
Meinung wird Wahrheit
Da sitzen also in einer Szene die Vertreter der heute berühmten, berüchtigten Rating-Agenturen, die noch Tage vor dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers und dem Versicherungskonzern AIG die höchste Kredit-Note AAA gegeben haben (in Frankreich gibt es übrigens noch eine höhere Note, AAAAA, das ist das Gütezeichen für die Andouillettes, superfettige und eklig leckere Würste, aber das ist eine andere Geschichte). Da sitzen also diese Würste, also diese Männer sitzen da und sollen den amerikanischen Kongressabgeordneten erklären, wie sie zu ihren hasardeurhaften Bewertungen gekommen sind - und die sagen einfach, zusammengekauert und ihr Gesicht zerfurcht vom eigenen Lügenleben, seltsam breiig in ihrem Auftritt und fast schon zwischen ihren Worten verschwunden, obwohl sie noch da sitzen: Die sagen einfach "Das ist doch nur eine Meinung", "das ist doch nur unsere Meinung", "also, ich würde sagen, das ist doch nur eine Meinung".
Und die wird man ja wohl noch mal sagen dürfen. Seltsam nur, dass diese "Meinung" schon bald darauf und besonders in diesem Krisenjahr 2011 wieder "Wahrheit" wurde. Seltsam, dass diese so meinungsfreudigen Rating-Agenturen gerade in dieser Woche, in diesen Monaten die Volkswirtschaften wieder wie Vieh vor sich her treiben. Seltsam auch, dass sie ihre Wurstigkeit schon im Namen tragen: Moody's zum Beispiel heißt ja übersetzt nichts anderes als "launisch, grillenhaft, unbeständig", Fitch klingt wie ein alkoholkranker Privatdetektiv mit einem Hang zum Glücksspiel, und Standard & Poor's trägt nicht nur den Doppelstandard schon im Namen, die Firma ist auch ganz offen damit, dass Armut (poor) Teil ihres Programms ist.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellscha ... 45,00.html