Schock-Video aus S-Bahnhof in München: Polizist kniet minutenlang auf Hals eines Mannes8 Minuten und 49 Sekunden. So lange dauert ein Einsatzvideo, das eine Bundespolizistin mit ihrer Body-Cam aufgenommen hat und das FOCUS Online exklusiv vorliegt. Tatort: der Münchner S-Bahnhof „Isartor“, Gleis 2. Tatzeit: 12. Februar 2020 gegen 19.10 Uhr. Der Film zeigt eine aus dem Ruder gelaufene, in einer Gewaltaktion endende Fahrkartenkontrolle – und wirft viele Fragen auf.
Die Aufnahmen sind schockierend und erinnern an die Festnahme des US-Amerikaners George Floyd, auch wenn die Folgen nicht annähernd vergleichbar sind.
Kontrolle eskaliert: dramatischer Polizei-Einsatz in München
Auch in München setzte ein Polizist sein Knie minutenlang auf die Halsregion eines Mannes und fixierte ihn so am Boden. Bei dem Überwältigten handelt es sich nach Recherchen von FOCUS Online um Jacques M.*, einen 53 Jahre alten Mann, der in den USA geboren wurde und in Frankreich aufwuchs. Jacques M. lebt seit mehr als 20 Jahren in München und ist polizeilich noch nie in Erscheinung getreten (* Name aus Schutzgründen von der Redaktion geändert).Ähnlich wie im Fall George Floyd schnappte der Festgehaltene verzweifelt nach Luft und klagte über gesundheitliche Probleme: „Ich muss erbrechen!“, „Ich erbreche gleich!“ Schreiend, aber vergeblich, forderte er die umstehenden Passanten auf: „Helft mir!“ und „Ich brauche Hilfe!“. Dabei krümmte er sich vor Schmerz („Aaaah“, „Aaaah“, „Aaaah“).
"Hilfe, Hilfe, Hilfe": Überwältigter schreit verzweifeltIm Laufe der Aktion schrie der Mann, der sich vorwiegend auf Französisch artikulierte, insgesamt 32 Mal dasselbe deutsche Wort: „Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe, Hilfe!“ Die Reaktion der Beamten: „Beruhig' Dich jetzt!“ und „Bleiben Sie locker, alles gut.“
FOCUS Online hat das Video vom Polizei-Einsatz in München analysiert, die Hintergründe des Vorfalls recherchiert, mit Anwälten und einem Experten für Polizeirecht gesprochen. Außerdem hat sich die Redaktion entschlossen, den gesamten Film der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So kann sich jeder eine eigene Meinung zu dem Vorfall bilden.
Hier zeigt FOCUS Online das Original-Video der PolizeiZur Wahrung der Persönlichkeitsrechte wurden die Gesichter und Stimmen der Polizisten und Sicherheitskräfte unkenntlich gemacht, dasselbe gilt für den festgehaltenen S-Bahn-Fahrgast Jacques M.
Die Geschichte begann nach FOCUS-Online-Informationen harmlos. Am 12. Februar 2020 um 18.52 Uhr stieg Jacques M. an der Haltestelle „Rosenheimer Platz“ in die S-Bahn ein, Linie S8 Richtung Germering-Unterpfaffenhofen. Der IT-Experte war auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Kurz nachdem er sich hingesetzt hatte, verlangte ein Mitarbeiter der Deutsche-Bahn-Sicherheit (DBS) seinen Fahrschein.
Stein des Anstoßes: Kugelschreiber-Notiz auf Ticket
Jacques M. besaß ein Monatsticket zum Preis von 55,20 Euro. Die sogenannte IsarCard lief vom 17. Januar bis 16. Februar 2020. Um nicht zu vergessen, wann er sich spätestens ein neues Monatsticket kaufen muss, hatte Jacques M. in die Mitte des Tickets „16.02.“ geschrieben, mit blauem Kugelschreiber.
Er zeigte dem Kontrolleur den Fahrschein und wollte ihn wieder einstecken. Doch der Uniformierte verlangte erneut nach dem Ticket, weil er es wegen der handschriftlichen Notiz für ungültig hielt. Er erklärte, dass er eine Strafzahlung erheben und die Fahrkarte einziehen müsse. Jacques M., der sich im Recht sah, weigerte sich und drohte stattdessen, das Ticket zu zerreißen. Außerdem rief er, man würde ihn nur deshalb so schlecht behandeln, weil er „Ausländer“ sei.
Dass er sich schikaniert fühlte, ist kein Wunder. Denn tatsächlich war der Fahrschein von Jacques M. gültig. Das bestätigte die Münchner Verkehrs- und Tarifverbund GmbH (MVV) im Nachhinein gegenüber FOCUS Online.Polizeirechts-Experte: Aktion teilweise „unverhältnismäßig“FOCUS Online hat das Video des Einsatzes von einem Experten der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster analysieren und rechtlich bewerten lassen. Professor Markus Thiel, Spezialist für Öffentliches Recht mit Schwerpunkt Polizeirecht, hält die Maßnahmen der Polizei zumindest in Teilen für „unverhältnismäßig“ und damit für rechtlich problematisch.
Den vollständigen Bericht mit weiteren Details und Video gibt es hier:
https://www.focus.de/politik/deutschlan ... 58380.html