Die Welle der Wut erfasst das LandDem inhaftierten Oppositionellen Nawalny ist es gelungen, Menschen in weit mehr als 120 Städten in Russland zu mobilisieren. Viele kamen das erste Mal. Wächst eine neue Protestbewegung heran? In Russland wird nach den Protesten am Wochenende nun fleißig gezählt: Wie viele Menschen haben sich wo versammelt? Die Angaben darüber variieren wie immer stark. Traditionell geben die Behörden sowieso sehr viel geringere Teilnehmerzahlen bei Demonstrationen an – insbesondere wenn es sich um nicht genehmigte Aktionen handelt. So meldeten sie für Moskau gerade einmal 4000 Menschen, was weit unter dem liegt, was Journalisten beobachteten. Die sprachen von mehr als 20.000 Menschen.
Viel gewichtiger aber ist, dass die Proteste eben nicht nur in den liberalen Protesthochburgen Moskau und Sankt Petersburg stattfanden, sondern in 125 Städten des Landes.
Der Blick auf diese Protest-Landkarte Russlands muss dem Kreml Sorgen bereiten – die vielen markierten Orte, an denen am Samstag demonstriert wurde, von Wladiwostok im Osten des Landes bis Kaliningrad im Westen. Jede Markierung ein Punkt des Aufstands, mal von einigen Hunderten, mal von Tausenden, die ihre Wut und Kritik am Regime von Präsident Wladimir Putin auf die Straßen trugen.
Aktionen auch in den kleineren StädtenFür Alexej Nawalny ist das ein Erfolg. Ihm gelang aus dem Untersuchungsgefängnis heraus, was viele nicht erwartet hatten: Er mobilisierte die Unzufriedenen – und zwar nicht nur in Städten, in denen schon in der Vergangenheit wegen umstrittener Kirchenbauten (Jekaterinburg am Ural), Mülldeponien (Syktywkar im Nordwesten des Landes) und der Erhöhung der kommunalen Abgaben (Nowosibirsk in Sibirien) demonstriert worden war. Sondern auch in kleineren Städten, wie zum Beispiel dem 350.000-Einwohnerort Tschita in Südostsibirien oder Magadan, einer Hafenstadt mit 95.000 Bewohnern im Fernen Osten am Ochotskischen Meer. Sogar auf der von Russland annektierten Schwarzmeerinsel Krim trauten sich Menschen zu demonstrieren, dabei gehen die Sicherheitsbehörden dort massiv gegen Kritiker vor.
So ein Ausmaß der Demonstrationen hat Russland seit Jahren nicht erlebt, Nawalny hat damit Protestgeschichte geschrieben.Dabei gingen die Behörden als Allererstes gegen die Mitarbeiter seiner 40 Regionalbüros vor. Viele wurden weit vor Beginn der Demonstrationen zu mehrtägigen Arreststrafen verurteilt. Es war nicht der einzige Versuch der Abschreckung: Behörden warnten die Menschen fast täglich vor den möglichen Folgen einer Teilnahme an den Protesten, wie etwa dem Verlust des Studienplatzes oder Gefängnisstrafen.
Die Bereicherung der Eliten war nur ein Grund des Ärgers vieler Demonstranten. Einige schwenkten Toilettenbürsten – eine Anspielung auf die vergoldeten Toilettenbürsten, die Nawalny in seinem bereits 80 Millionen Mal angeklickten Enthüllungsvideo über ein Luxusanwesen am Schwarzen Meer zeigt, das er Putin zuordnet. Preis: etwa rund 700 Euro pro Stück - so viel verdienen viele Menschen in den Regionen im Monat nicht.In erster Linie aber ging es der Mehrheit der Protestierenden darum, ihren Unmut über das Unrecht zu zeigen, das Nawalny vom russischen Staat angetan wurde: der Versuch, ihn mit einem militärischen Nervenkampfstoff zu beseitigen, die sofortige Inhaftierung nach seiner Genesung und Rückkehr nach Russland. Gegen die mutmaßlichen Attentäter des Geheimdienstes FSB wird dagegen bis heute nicht ermittelt.Diese Gesetzlosigkeit und staatliche Willkür machen die Menschen wütend, weil sie jeden treffen können. Die Menschen würden Nawalny »als einen von ihnen« wahrnehmen, schreibt Politanalystin Tatiana Stanowaja. Sie spricht von einer »Heroisierung« des Oppositionellen.
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