Auf nach Warschau

So sah das Ausreise-Dokument von Hendrik Haker aus.
Hendrik Haker will nicht zur NVA - unter keinen Umständen. In der Tasche hat er ein gültiges Visum für Polen. Über Warschau will er in die Bundesrepublik flüchten. Am 16. Oktober bricht er auf. Seinen Eltern sagt er, er wolle einen Freund besuchen. "Am 16. Oktober hat Hendrik wirklich nur 'Tschüs' gesagt", erzählt seine Mutter, "aber ich habe geahnt: Er will weg, wahrscheinlich will er über Warschau raus." Per Bahn fährt Hendrik Haker nach Ost-Berlin und von dort aus zehn Stunden lang bis nach Warschau. Dort angekommen, will er eigentlich gleich in die bundesdeutsche Botschaft gehen. Aber dann betrachtet er das Gebäude erst einmal nur von außen. "Irgendwie hatte ich mir das alles ganz anders vorgestellt, ich kannte aus dem Fernsehen nur die vollgepferchte Prager Botschaft mit den chaotischen Szenen dort - in Warschau ist alles viel ruhiger gewesen", erinnert er sich.
Aufruhr im "roten Norden"
Schwerin, 18. Oktober 1989: Im Paulskirchenkeller treffen sich die Mitglieder des Koordinationsausschusses vom Neuen Forum. Eng ist es in den Kellerräumen, 30 Frauen und Männer hocken dort zusammen, doch es muss etwas geschehen, erklärt einer der Teilnehmer: "In Leipzig gehen die Montagsdemonstrationen weiter, verstärkt sogar - nur im 'roten Norden', da passiert überhaupt nichts, hier pennen sie alle noch." Die Gruppe beschließt eine Demonstration für den 23. Oktober. Bis dahin sind es nur wenige Tage, die Zeit drängt. Das Neue Forum ist noch nicht legalisiert, die Demonstration wird offiziell nicht genehmigt. Trotzdem laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.
Am 19. Oktober tagt in Schwerin die Bezirksleitung der SED. Ihr Erster Sekretär ist Heinz Ziegner. Aufgeschreckt durch die Pläne des Neuen Forums plant die Partei - unter Einbeziehung des "Demokratischen Blocks" aus NDPD, LDPD, CDU und DBD - eine Gegenkundgebung, eine "Dialog-Veranstaltung" auf dem Alten Garten, im Zentrum der Stadt, genau am gleichen Ort und zur gleichen Zeit wie die Demonstration des Neuen Forums. Die Parteiführung mobilisiert alle Kräfte, klebt Plakate, wirbt in Betrieben und organisiert zahllose Busse, um SED-Anhänger aus dem gesamten Bezirk nach Schwerin zu fahren.
Von den Vorgängen in Schwerin weiß Hendrik Haker nichts. Am 20. Oktober betritt er die bundesdeutsche Botschaft in Warschau. Probleme gibt es dabei nicht. Er muss lediglich einen Zettel ausfüllen und seine Beweggründe aufschreiben. Er gibt an, dass er nicht zur NVA will. "Andere plausible Gründe hatte ich ja nicht", sagt er. Er glaubt, die kommenden Tage auf einem Stuhl in der Botschaft sitzen zu müssen: wartend, schlafend, so, wie er es im Fernsehen aus Prag gesehen hat. Doch in Polen werden die Flüchtlinge in Hotels oder Ferienwohnungen untergebracht. Es sei beinahe wie im Urlaub gewesen, erinnert sich Hendrik Haker.
Wie die Geschichte ausgeht, erfährt man hier:
https://www.ndr.de/geschichte/chronolog ... ht100.html








Weil es dann absehbar war?

![Mannoman [flash]](./images/smilies/flash.gif)