Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Beitragvon Interessierter » 20. Mai 2020, 10:20

Es ist ein Ende auf Raten: Mehr als ein Jahr dauert der Abbau der "Todesautomaten", wie sie im Westen genannt werden. Am 30. November 1984 montiert die DDR die letzte Selbstschussanlage an der innerdeutschen Grenze ab, nördlich der Autobahn Hamburg-Berlin bei Gudow an der heutigen Landesgrenze von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. SED-Generalsekretär Erich Honecker hatte am 5. Oktober 1983 öffentlich den vollständigen Abbau der rund 60.000 Selbstschussanlagen angekündigt. Bis Ende des Jahres 1984 sollen sie entfernt sein.

Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. SED-Generalsekretär Erich Honecker hatte am 5. Oktober 1983 öffentlich den vollständigen Abbau der rund 60.000 Selbstschussanlagen angekündigt. Bis Ende des Jahres 1984 sollen sie entfernt sein.

Die DDR-Führung setzt mehr als eine Dekade lang auf die Selbstschussanlagen. Im Fachjargon heißt die Vorrichtung SM-70. Die Abkürzung SM steht für Splittermine, die Zahl 70 für das Einführungsjahr 1970. Ziel ist, "Grenzdurchbrüche" in die Bundesrepublik zu unterbinden. Die "Unverletzlichkeit der Grenze" stellt für die DDR-Führung eine vorrangige politische Aufgabe dar. Es gilt die Überzeugung, dass jeder erfolgreiche Fluchtversuch politischen Schaden für die DDR bringe.

An Rehen erprobt

Im Oktober 1970 gibt der Chef der Grenztruppen den Befehl, die Splittermine zu erproben. Diese "versuchsweise Einführung" erfolgt auf einer Länge von etwa 15 Kilometern. Als Versuchsobjekt dienen Tiere. Die Erprobung verläuft aus Sicht der DDR zufriedenstellend: Das von Splitterminen beschossene Wild erleidet zu 75 Prozent tödliche Verletzungen. Das Ministerium für Nationale Verteidigung schlussfolgert: Der mit SM-70 ausgebaute Sperrzaun habe sich "als wirksame Grenzsicherungsanlage erwiesen".

Nicht in Ortschaften

Besonders ausgebildete Pionier-Einheiten beginnen 1971, entlang der Grenze die neue Sperranlage 501 zu errichten - einen drei Meter hohen Streckmetallgitter-Zaun, an dem in drei verschiedenen Höhen Selbstschussanlagen angebracht werden. "Die Splitterminen wurden dort installiert, wo der Grenzverlauf für die Truppen unübersichtlich war oder dort, wo die Mannschaftsstärke nicht ausreichte, um einen bestimmten Grenzabschnitt zu sichern", erklärt Frank Stucke von der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn im Gespräch mit NDR.de. Dabei habe es folgenden Grundsatz gegeben: "Die Splitterminen wurden niemals in Ortschaften oder in deren Nähe aufgestellt."

Honecker trifft die Entscheidung

Den Tod von Flüchtlingen durch die Selbstschussanlagen nimmt die DDR-Führung in Kauf. "Die kinetische Energie der Splittermine reicht aus, um mit Sicherheit Personen unschädlich zu machen, die versuchen, den Sperrbereich der SM-70 zu durchbrechen", heißt es in einem Schriftstück des Ministeriums für Nationale Verteidigung vom 17. August 1971. Aber es gibt auch Bedenken gegen die Splitterminen. Im Führungsgremium des DDR-Verteidigungsministeriums kommt im Dezember 1971 die Frage auf, ob die Minen nicht eine politisch ungünstige Reaktion des Westens hervorrufen können - und ob es unter diesem Gesichtspunkt nicht vorteilhafter sei, Minen mit einer verringerten Wirkung zu entwickeln und einzusetzen.

Verteidigungsminister Heinz Hoffmann schlägt vor, in dieser Frage Erich Honecker als Ersten Sekretär des SED-Zentralkomitees entscheiden zu lassen. Anfang Januar 1972 teilt Hoffmann dem Führungskreis die Antwort Honeckers mit: Die Splittermine soll wie gehabt aufgebaut werden.

100.000 DDR-Mark für einen Kilometer

Bis 1977 ist die Splittermine auf rund 270 Kilometer Länge montiert, 1983 erreichen die Sperranlagen mit den Selbstschussapparaten eine Gesamtlänge von mehr als 400 Kilometern. Die innerdeutsche Grenze hat insgesamt eine Länge von knapp 1.400 Kilometern. Die Installation der Splitterminen kostet nach DDR-Angaben je Kilometer Staatsgrenze etwa 100.000 DDR-Mark. An der Grenze rund um West-Berlin gibt es keine Selbstschussanlagen.

Mehr erfährt man hier:
https://www.ndr.de/geschichte/chronolog ... en100.html
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Re: Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Beitragvon augenzeuge » 20. Mai 2020, 12:16

Die Installation der Splitterminen kostet nach DDR-Angaben je Kilometer Staatsgrenze etwa 100.000 DDR-Mark.


Wie viele Fluchten wurden ungefähr damit verhindert?
Wie viel Geld hätte die DDR für den Freikauf dieser Zahl bekommen?

AZ
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Re: Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Beitragvon Nostalgiker » 20. Mai 2020, 12:35

augenzeuge hat geschrieben:
Die Installation der Splitterminen kostet nach DDR-Angaben je Kilometer Staatsgrenze etwa 100.000 DDR-Mark.


Wie viele Fluchten wurden ungefähr damit verhindert?
Wie viel Geld hätte die DDR für den Freikauf dieser Zahl bekommen?

AZ


Das sind Spekulationen über die es keinen Sinn macht nachzudenken.
Ich nehme zur Kenntnis, das ich einer Generation angehöre, deren Hoffnungen zusammengebrochen sind.
Aber damit sind diese Hoffnungen nicht erledigt. Stefan Hermlin
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Re: Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Beitragvon Kumpel » 20. Mai 2020, 13:00

Ich könnte mir durchaus vorstellen , dass AZ wohl eher die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Anlagen stellt , als nach Heller ,Pfennig und verhinderte Fluchten.
Bedeutsamer ist dabei die Frage wie viele Menschen dabei zu Schaden oder zu Tode kamen.
Einkalkuliert war das ja.
Wobei bei der Akkuratesse der Stasi durchaus vorstellbar wäre , dass da irgenwie so eine Art Nützlichkeits- Wirksamkeitsanalyse geführt wurde.
In der das alles aufgeführt wurde. Wurde sicherlich zuerst zerhäckselt beim Aufräumen.
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Re: Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Beitragvon Ari@D187 » 20. Mai 2020, 15:27

augenzeuge hat geschrieben:
Die Installation der Splitterminen kostet nach DDR-Angaben je Kilometer Staatsgrenze etwa 100.000 DDR-Mark.


Wie viele Fluchten wurden ungefähr damit verhindert?
Wie viel Geld hätte die DDR für den Freikauf dieser Zahl bekommen?

AZ

Letztlich beides völliger Irrsinn. Irgendwas lief da bei der "Befreiung" schief.

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Re: Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Beitragvon Volker Zottmann » 20. Mai 2020, 16:25

Kumpel hat geschrieben:Ich könnte mir durchaus vorstellen , dass AZ wohl eher die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Anlagen stellt , als nach Heller ,Pfennig und verhinderte Fluchten.
Bedeutsamer ist dabei die Frage wie viele Menschen dabei zu Schaden oder zu Tode kamen.
Einkalkuliert war das ja.
Wobei bei der Akkuratesse der Stasi durchaus vorstellbar wäre , dass da irgenwie so eine Art Nützlichkeits- Wirksamkeitsanalyse geführt wurde.
In der das alles aufgeführt wurde. Wurde sicherlich zuerst zerhäckselt beim Aufräumen.


Perfide und teuer.
6 oder 7 Menschen sollen dadurch umgekommen sein, habe ich mal in Sorge vernommen. 2 davon im Harz. Zusätzlich etliche verstümmelte Menschen, die nichts anderes wollten, als Wanderer heute.

Gruß Volker
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Re: Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Beitragvon augenzeuge » 20. Mai 2020, 16:33

Kumpel hat geschrieben:Ich könnte mir durchaus vorstellen , dass AZ wohl eher die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Anlagen stellt , als nach Heller ,Pfennig und verhinderte Fluchten.


So ist es, versteht nicht jeder. [wink]
Allerdings sind die Fragen bewusst gewählt....

Ari@D187 hat geschrieben:
augenzeuge hat geschrieben:
Die Installation der Splitterminen kostet nach DDR-Angaben je Kilometer Staatsgrenze etwa 100.000 DDR-Mark.


Wie viele Fluchten wurden ungefähr damit verhindert?
Wie viel Geld hätte die DDR für den Freikauf dieser Zahl bekommen?

AZ

Letztlich beides völliger Irrsinn. Irgendwas lief da bei der "Befreiung" schief.

Ari


Irrsinn? Denkst doch sonst gern quer.


Info:
Pro Jahr scheiterten ca. 1500- 4200 Fluchten.
Quelle: Bernd Eisenfeld, Die Zentrale Koordinierungsgruppe. Bekämpfung von Flucht und Übersiedlung, Berlin 1995, S. 49

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Re: Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Beitragvon Ari@D187 » 20. Mai 2020, 17:31

augenzeuge hat geschrieben:
Ari@D187 hat geschrieben:
augenzeuge hat geschrieben:
Die Installation der Splitterminen kostet nach DDR-Angaben je Kilometer Staatsgrenze etwa 100.000 DDR-Mark.


Wie viele Fluchten wurden ungefähr damit verhindert?
Wie viel Geld hätte die DDR für den Freikauf dieser Zahl bekommen?

AZ

Letztlich beides völliger Irrsinn. Irgendwas lief da bei der "Befreiung" schief.

Ari


Irrsinn? Denkst doch sonst gern quer.

Sowohl die SM-70 als auch politische Haft, inkl. Freikauf, sind völliger Irrsinn. Was ist daran erklärungsbedürftig? Gehörst Du zu den neuen Querdenkern? [grins]
Letztlich ein Resultat der "Befreiung".

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Re: Das Ende der "Todesautomaten" in der DDR

Beitragvon Interessierter » 28. Mai 2020, 09:14

Todesautomat | Installation und Abbau

2 Js 15/92 - E. Installation und späterer Abbau von Erdminen und Selbstschussanlagen (Splittermine SM-70)

Entsprechend den Vorgaben des Ministeriums für Nationale Verteidigung wurde ab 1971 aufgrund der Anordnung Nr. 6/71 des Chefs Pionierwesen der Grenztruppen vom 7.7.1971 die innerdeutsche Grenze systematisch mit der Splittermine SM-70 aus gerüstet.

Bei der Splittermine SM-70 (spätere Bezeichnung des Sperranlagesystems insgesamt: 501 bzw. 701) handelte es sich um eine in der DDR als Weiterentwicklung eines ursprünglich in der CSSR produzierten Systems gefertigte Splittermine. Sie bestand aus einem metallenen Schusstrichter, gefüllt mit 110 g TNT, versehen mit einer Schicht eingegossener Metallsplitter, die durch Auslösen entsprechender Kontakte zur Detonation führen und als Streugeschosse wirken sollten. Die Wirkungsweite sollte ca. 20 m betragen und in unmittelbarer Nähe tödlich sein.

Im Hinblick auf die erhebliche Streuwirkung der SM-70 sollten die Minen bei Richtungsveränderungen im Sperrenverlauf so angebracht werden, dass bei einer Detonation keine Splitter die Staatsgrenze in Richtung Westdeutschland überfliegen bzw. auf dem Territorium der DDR Angehörige der Grenztruppen bei ihrer Dienstdurchführung verletzen konnten.

Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten wird auf die folgenden Schaublätter Bezug genommen.

In der im November 1971 vorgelegten Kollegiumsvorlage Nr. 23/71 des Ministers für Nationale Verteidigung, eingereicht und unterzeichnet vom damaligen Chef der Grenztruppen Generalleutnant Peter wird zur Wirkungsweise der SM-70 folgendes ausgeführt:

„Mit der Sperranlage SM-70 kann in wirksamer Weise den Forderungen der Grenzsicherung nach einer qualitativ hochstehenden technischen Sicherstellung der Handlungen der Einheiten zur Gewährleistung der Sicherheit der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik entsprochen werden.

Die SM-70 ist eine Mine mit richtungsgebundener Wirkung unter Teilausnutzung des kumulativen Effektes.

Nach erfolgter Detonation breitet sich eine kegelförmige Splittersäule aus, deren Mittelachse richtungsgleich zu der vor der Detonation bestehenden Körperachse der Mine verläuft.

Die kinetische Energie der Splitter reicht aus, um mit Sicherheit Personen unschädlich zu machen, die versuchen, den Sperrbereich der SM-70 zu durchbrechen.

Seit Juni 1971 wurden 10 km Grenzabschnitt in einer Hauptrichtung der Bewegung der Grenzverletzer nördlich Salzwedel durch zwei Anlageneinheiten SM-70 gesperrt. Im Verlauf der Truppenerprobung hat sich der mit SM-70 ausgebaute Sperrzaun als wirksame Grenzsicherungsanlage erwiesen.

Die Splitterwirkung der durch Wild ausgelösten Minen bestätigt die Aussage, dass Personen, die versuchen, die Sperre zu durchbrechen, tödliche beziehungsweise so schwere Schädigungen erhalten, dass sie nicht in der Lage sind, die Staatsgrenze zu verletzen.

Bei einer Gegenüberstellung der Anlagen SM-70 mit Minensperren des Typs 66 stellen sich folgende Vorteile heraus:

Die zuverlässige Sperrwirkung.

Ohne Hilfsmittel und genaue Kenntnis der Funktionsweise ist die Sperre nicht zu überwinden;

Der geringe Kostenaufwand;

5 km Sperrenlänge SM-70 kosten ca. 660.000 Mark, die Minensperre Typ 66 jedoch ca. 970.000 Mark.

Die Möglichkeit, entsprechend der politischen Situation mit den Sperreigenschaften der Anlagen zu variieren, indem scharfe Minen gegen Signal-, Rauchladung und ähnliches kurzfristig ausgetauscht werden können.

Mithin hat sich die SM-70 in der Truppenerprobung bewährt. Sie stellt das gegenwärtig wirksamste Element des technischen Ausbaus der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland dar und ist zum Sperren der Abschnitte geeignet, die durch die Grenzverletzerbewegung am stärksten gefährdet sind.“

Der Kollegiumsvorlage beigefügt waren vier Blatt Anlagen, die schematisch die Anbringung und Wirkungsweise der Splittermine SM-70 darstellen. Ablichtungen dieser vier Schaubilder werden nachfolgend zur Verdeutlichung beigefügt.

Quelle: Schwurgerichtsanklage bei dem Kammergericht, 2 Js 15/92, Seite 143 - 157


Mehr kann man hier u. a. auch über die Erdminen lesen:
https://www.berliner-mauer.de/splitterm ... ussanlagen
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