







1947 wurde das Dorf Steinstücken zum „Fall Steinstücken“. Die dem US-Sektor zugeordnete Exklave sollte an den Bezirk Potsdam abgetreten werden, schon gab die Sowjetische Zone Raucher- und Seifenkarten aus, worauf sich die Gegenseite beeilte, die Sonderzuteilungen der Westsektoren zu streichen. Die Bewohner protestierten, doch der Zehlendorfer Bürgermeister verweigerte sich ihnen, das Berliner Stadtparlament erklärte sich als nicht zuständig, und die US-Militärregierung überhörte den Appell.
Vier Jahre lavierte sich der Ort so durch, dann bereitete die frisch etablierte Deutsche Demokratische Republik dem „unnatürlichen Zustand“ ein gewaltsames Ende.
Es ist ein Tag im Oktober 1951. Über Steinstücken liegt eine unheimliche Stille, die Bewohner bleiben in ihren Häusern. Auf der Dorfwiese lagern zwischen Geschützen und Munitionskästen Soldaten der Roten Armee. Am Orensteinweg klebt an der Wand noch eine westliche Zigarettenreklame, daneben hängt schon die „Bekanntmachung des Rates der Stadt Potsdam“. Westberliner Gesetze verlieren ihre Gültigkeit. Die Mark (Ost) wird Zahlungsmittel. Zuteilungen für Kohlen gibt es in der Grundschule, Straße 34 in Potsdam.
Plötzlich ist auch die Telefonverbindung mit dem Westen unterbrochen, und dem Landbriefträger aus Kohlhasenbrück wird die Zustellung der Post verweigert. Beauftragte der Landesregierung Brandenburg kommen und verkünden dem Dorf die Befreiung. Doch die Bewohner lehnen es demonstrativ ab, bei der Aufklärungsversammlung zu erscheinen.
Obgleich es ein milder Oktober ist, tragen die patrouillierenden Volkspolizisten bereits die Winteruniform. Am Rande des Kiefernwaldes steht ein Lastwagen mit Anhänger: ein Fliegender HO-Laden, mit roten Spruchbändern geschmückt, bietet Schnaps und Kartoffeln an. Aus den Sowjetquartieren am S-Bahnhof Griebnitzsee hört man leise russische Volksmusik.
US-Stadtkommandant Mathewson bezeichnet den Überfall auf die Exklave als Willkürakt, als Verletzung des „44er Abkommens der Europäischen Beratungskommission“, doch wird es noch zehn Jahre dauern, bis sich die USA wieder an ihre Rechte erinnern werden.
Sechs Tage dauert die Besetzung, dann ziehen die Soldaten nach einem unerklärlichen Befehl der Sowjetischen Kontrollkommission ab. In West-Berlin jubelt der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter: „… wieder ein Sieg des Mutes und der Entschlossenheit gegen den Kommunismus!“
Doch der Jubel ist kurz. Gleich am nächsten Tag sind die Volkspolizisten wieder da, umstellen die drei Mann des frisch aus Zehlendorf eingetroffenen Landpostens der Berliner Polizei, verhaften einen Reporter und einen Fotografen.
Ein kurzer Zwischenfall, andere werden folgen.
In den Jahren danach wird Steinstücken nicht zur Ruhe kommen: Blockaden, Belagerungen und Hausdurchsuchungen lösen einander ab. Die einzige Zufahrt, fest in den Händen der DDR, wird mal mit Baumstämmen, dann wieder mit Eisenschienen und Feldsteinen gesperrt. Versorgungsgüter können nur mit Fahrrädern und Handkarren transportiert werden.
Der Landposten der Zehlendorfer Polizei darf nicht mehr bis zum Waldrand patrouillieren.
Die Volkspolizei fordert Passierscheine, Handwerkern wird der Zugang verweigert, nun auch dem einzigen Milchhändler.
Wieder wird ein Briefträger festgenommen.

Die Existenz Steinstückens ist eine Frage der Versorgung. Sie war es in den bösesten Tagen des Kalten Krieges, sie bleibt es in den Zeiten leichter Entspannung. Man arrangiert sich.
Am 22. September 1961 landet General Lucius Clay, Berater des US-Präsidenten Kennedy in Berlin-Fragen, auf der Wiese mitten in der Exklave. Jubel. Blumensträuße. Wein. Das kleine Dorf und der Kontinent Amerika stoßen mit den Gläsern an.
Ein halbes Jahr später werden aus den USA eine Fernsehtruhe und ein Radio mit Stereo-Plattenspieler eingeflogen. Die Geräte gehören allen und werden im Gemeindesaal angeschlossen.
Der vierte Donnerstag im November 1962. Thanksgiving Day. Der US-Kommandant der Sektorenstadt schenkt jedem Steinstückener einen Truthahn – 183 Portionen gefüllte Pute. Zum Nachtisch Kürbiskuchen.
Nun kommt auch wieder einmal täglich der Postbote. Zwischen halb zehn und halb zwölf. Bei Telefonstörungen genießt die Exklave Vorrang. Eine Gemeindeschwester leistet Erste Hilfe. Sie betreut Säuglinge und macht den Botenweg zur Zehlendorfer Apotheke.
Ein Schäferhund erkrankt. Der Amtsarzt findet sich ein und bringt, obgleich ein Verdacht auf Tollwut nicht besteht, den Hund ins Tierheim Lankwitz. Alle vier Wochen kommt der Pfarrer und hält eine Andacht für die Betagten, denen der Kirchgang zur nächsten Gemeinde zu weit ist. Wer stirbt, findet seinen Weg zum Alten Friedhof Wannsee.
Aber immer noch kommen Strom, Gas und Wasser aus der DDR.
Wer in Steinstücken lebt, darf ungehindert die Grenze passieren. Unter den West-Berlinern dagegen ist nur denen der Zugang gestattet, die in der Exklave ihren Zweitwohnsitz angemeldet haben. Es sind in erste Linie Verwandte, als dann die Männer der Feuerwehr, Ärzte und Tierärzte, Handwerker, Postangestellte und Lieferanten. Jede Familie im Dorf beherbergt zur Scheinmiete bis zu zwei Dutzend Untermieter.
So zeigt die Statistik ein merkwürdiges Bild: 192 Personen wohnen tatsächlich hier, doch das Meldeamt in Zehlendorf registriert etwa 2 000 Steinstücken-Bewohner.
Doch selbst derlei geringfügige Befugnisse konnten sich plötzlich und willkürlich ändern.
Wir gehen die Bernhard-Beyer-Straße hinunter, biegen links ein und kommen zum einzigen Ladengeschäft des Ortes, einer Gemischtwarenhandlung wie aus alten dörflichen Zeiten. Dort steht ein Kühlschrank mit einem Fassungsvermögen von zweihundert Litern.
Einst machte er Geschichte, gelangte durch Schlagzeilen wochenlang zu Ruhm. Sein Vorgänger, ein altes Modell, hatte von einem auf den anderen Tag versagt. Wieder einmal war gerade den Handwerkern der Zugang verwehrt, die Tiefkühlware verdarb, die Butter wurde ranzig, Kleinkinder blieben ohne Frischmilch.
Besonders die unversorgten Babys wurden von den Medien hochgespielt und erregten die Öffentlichkeit. Da entschloß sich das Bezirksamt Zehlendorf, diesem Scharmützel des Kalten Kriegs ein Ende zu bereiten: Es schenkte der Gemeinde einen neuen, eben diesen, den heutigen 200-Liter-Kühlschrank.

Durch den Wald von Potsdam führt – 1,2 Kilometer lang – die Zufahrt von der Dorotheenstraße in Kohlhasenbrück nach Steinstücken – mal mehr, mal weniger blockiert. An dieser Stelle blieb einmal ein Krankentransport in einem Schlagloch stecken, an einer anderen nahm man wieder einmal einen Briefträger fest. Hier stoppte man einen Milchmann, dort eine Feuerwehr. Da hinten an der Schranke stand oftmals der Bürgermeister der Nachbargemeinde und winkte hinüber – hilflos.
Und heute noch ist jedes Loch und jede Sperre im Slalomverkehr eine Erinnerung.
Juni 1971. Längst ist der Wald zur breiten Schneise abgeholzt. Sichtfeld. Schußfeld. Nun ist inmitten die Behelfszufahrt ihrem Ende nahe. In einem Jahr wird sie von der neuen Straße ersetzt sein – gemäß dem „Berlin Abkommen für die Neuordnung der Exklaven und Enklaven“.
Im Rahmen des Gebietsaustauschs erhält West-Berlin diesen Korridor zwischen Kohlhasenbrück und Steinstücken. Sieben Meter breit wird die Fahrbahn, hinzu kommen Geh- und Radweg, unbefestigte Rasenkante und eine Randstreifenmulde für die Entwässerung – alles zusammen in einer Breite von 20 Metern.
Die Pläne liegen in der Schublade von Herrn Rothkegel, dem Bürgermeister des CDU-regierten Bezirks Zehlendorf. In seinen Kalender notiert er sich: „28. September 1972 Feierliche Eröffnung“.
Wird er es schaffen?
Wir betreten die Baustelle. Sechs Tage in der Woche wird gearbeitet. Schnell. Denn auch bei Verzögerungen darf der Winter nicht über das Projekt hereinbrechen.
Zur Gewährleistung der Baufreiheit stellt die DDR vorübergehend Randstreifen zur Verfügung – auf beiden Seiten je zehn Meter. Nur ein paar rote Fähnchen kennzeichnen die Grenze zwischen der DDR und dem neu gewonnenen West-Territorium.
Doch eine echte Entspannung ist es nicht. Gleich dahinter steht schon die neue Mauer aus Beton-Fertigteilen. Sie ist für eine lange Zukunft gebaut. Wohl für immer. Etwas entfernt ist Stacheldraht gelagert und wartet auf seine spätere Verlegung zwischen Straße und Mauer.
Keine zwanzig Mann beschäftigt die Baustelle. Handarbeit tritt in den Hintergrund, Maschinen übernehmen das meiste: Planierraupen, Rüttelwalzen, Radlader. Sand muß von weither angefahren werden, denn durch die Rodung der DDR-Bautrupps für Sicht- und Schußfeld der Kollegen von der Grenztruppe ist der Boden verunreinigt und für eine so neue, so schöne Trasse unbrauchbar.
Auf halber Strecke wird ein Brunnen angelegt. Der Wasserdruck vom Königssee war zu schwach und reichte nicht für die ständige Bewässerung der gewalzten Strecke aus. Nun pumpt ein Dieselaggregat der Baustelle eigenes Wasser herauf.
Da! Plötzlich ist die Mauer unterbrochen! Dreißig Meter lang klafft die Lücke. Hier kreuzt der alte, eben noch benutzte Behelfsweg den neuen, bald freigegebenen festen Straßenverlauf. Volkspolizisten haben sich zur verstärkten Einheit versammelt und sich zu beiden Seiten der Lücke postiert.
Sie beobachten uns. Sie verfolgen uns. Nicht für einen Moment setzen sie ihre Feldstecher ab.
995 Meter lang wird das Projekt, 3,5 Millionen DM soll es kosten. Hinzu kommen 1,3 Millionen für den Leitungsbau. Das ist erst einmal die Kalkulation. Von späterer Teuerung wird nicht gesprochen. Denn auch die Versorgung mit Strom und Wasser wird künftig der Westen übernehmen.
Schon immer klagten die Einwohner über schwankende Stromspannung zwischen 110 und 140 Volt. Stärkere als 60-Watt-Glühlampen konnte man nicht verwenden, und auch der Fernseher flimmerte und flimmerte. Die Dörfler klagten über den niedrigen Wasserdruck des Potsdamer Wasserwerks. Die Badewanne zu füllen, dauerte knapp eine Stunde, und in Trockenzeiten spülten nur noch die Toiletten im Erdgeschoß.
Doch als Schikane ist dies der DDR nicht anzulasten. Ganz Babelsberg ringsum leidet an diesem Versorgungsmangel. Ja, zuweilen erlaubten sich die Behörden jenseits, das „ausländische“ Steinstücken vorrangig zu bedienen. Da fuhren drüben entlang der Mauer längst schon die Wagen mit dem Wasser, das in den Häusern des Exklave immer noch weiter aus dem Hahn floß.
Alles soll von nun an besser werden, auch wenn die neuen Herren bislang noch nicht an eine Kanalisation denken. Zu teuer würde ein derartiges Projekt für eine so kleine Gemeinde, und überdies finden sich ja auch ringsum in den Nachbarorten des sogenannten Zonenrandgebiets Sickergruben.

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