
Vielleicht war dieses zusammengeschrumpfte Papierknäuel einmal die Personalakte eines Stasi-Mitarbeiters, der Barbara Große bespitzelte.
Ziemlich genau 30 Jahre liegt der Tag zurück, an dem das Leben von Barbara Große auseinander gerissen wurde. Doch die Erinnerung an die Ereignisse hat bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren: Um sieben Uhr morgens wummerte es an ihrer Wohnungstür in Leipzig, berichtet die heute 65-Jährige.
Ungewöhnlich sei das nicht gewesen. Denn die "Bürger, die die DDR verlassen und in die BRD übersiedeln wollten, bekamen meistens frühmorgens die Reisepapiere und mussten dann innerhalb weniger Stunden ausreisen". So hatte Barbara Große sich das auch für sich, ihren Mann und die beiden Kindern vorgestellt.
"Das ist ja schön, dass Sie kommen, aber wir sind noch gar nicht reisefertig", habe sie zu den Männern, die rasch in den Wohnungsflur drängten, gesagt. Nur waren die Stasi-Mitarbeiter nicht gekommen, um der Familie ihre bevorstehende Ausreise mitzuteilen, sondern um Barbara Große zu verhaften. Die Studioassistentin und Tontechnikerin bei Radio DDR landete im Untersuchungsgefängnis Leipzig. Erst 30 Monate später sollte sie entlassen und ausgebürgert werden.
Einfach war das Leben von Barbara Große in der DDR nie gewesen: Anstatt der Jugendweihe feierte sie Konfirmation. Zum Abitur zugelassen wurde sie nur, weil sie der FDJ beigetreten war. Die im Jahr 1970 geborene Tochter sollte einen holländischen Namen bekommen, was die staatliche Meldebehörde monatelang verbot. Für den Kindergarten meldeten Barbara Große und ihr Mann die Kinder nicht an, weil hier bereits die Kleinsten indoktriniert wurden und verinnerlichen sollten, "dass das Feindesland nicht lernen will, gut zu werden". In der DDR wurden "wir kontrolliert, überwacht, eingeschüchtert und drangsaliert", fasst die Zeitzeugin zusammen. Da sei ihrem Mann und ihr klar gewesen: "Die DDR ist es nicht wert, dass wir in ihr leben und arbeiten wollen."
Das war 1976. Barbara Große stellte den ersten Ausreiseantrag für ihre Familie – und erneuerte das Gesuch jede Woche, reiste regelmäßig zur Ständigen Vertretung der BRD nach Ostberlin, ließ sich in der Deutschen Botschaft in Prag beraten und erreichte schließlich, dass zunächst ihre Mutter in den Westen übersiedeln durfte. "Jetzt war Familienzusammenführung der Grund, weshalb wir ausreisen wollten", erzählt sie. "Da wurde die Stasi hektisch" und handelte. "Landesverräterische Agententätigkeit" zur "Schädigung der Interessen der DDR" wurden ihr vorgeworfen. Barbara Große wurde zum "Staatsfeind Nummer 1" erklärt und inhaftiert, zunächst in Leipzig und später im Frauenzuchthaus Hoheneck. 30 Monate lang. Sie wolle ihre Erlebnisse möglichst "kommentarlos schildern", sagt die Frau, deren Leben für die 15- und 16-jährigen Schüler nur sehr schwer vorstellbar ist.
Doch ihr Leben lässt sich nicht kommentarlos leben, besonders dann nicht, wenn die Bespitzelungen mehr als 3000 "Stasi-Verfolgungsseiten" füllen, wenn es mehr als 400 Telefonprotokolle gibt und wenn Barbara Große sagt, mittlerweile immerhin von 17 Stasi-Mitarbeitern die wahre Identität herausgefunden zu haben. Immer wieder bemüht sich die Referentin um Nüchternheit, etwa als sie einräumt, dass die Personalakten der allermeisten "Bediensteten" vernichtet wurden und nicht rekonstruierbar seien und dabei ein im Wasser zusammengeschrumpftes Papierknäuel zeigt. Bei den weltweit vernetzten Jugendlichen löst das ungläubiges Staunen aus.
Ja, dass es in der DDR Tücher für Geruchsproben gegeben habe, das hat er schon einmal im Fernsehen gesehen, erzählt ein Junge. Aber eine Abkürzung wie etwa "RE" für "rechtwidrig Ersuchende", also Ausreisekandidaten, ist den meisten Schülern unbekannt. Auch dass die Bedrohung des DDR-Regimes über die Ausreise hinaus wirkte, schildert Barbara Große eindringlich. Die Stasi könne überall auf der Welt agieren, sei ihr mitgeteilt worden, was für die in den 1980er Jahren Ausgewiesene bedeutet: "Auch heute stehe ich an Ampeln noch immer weit hinter der Bordsteinkante." Und was der ebenfalls einschüchternde Vermerk "vernichten" auf einer ihrer Akten habe bedeuten sollen, mag sich Barbara Große nicht mehr ausmalen. Denn "zum Glück kam dann die Wende".
http://www.taunus-zeitung.de/lokales/li ... 680,156109








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Gegenüber Kunden und dazu zählte ich auch die in Drewitz verwende ich solche Worte nicht, auch hier habe ich sie lange ausgespart, aber irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen ,zumindest in so einer familären Runde wie hier, etwas mehr Klartext zu sprechen und da halte ich mich oftmals schon sehr zurück. ![Hallo [hallo]](./images/smilies/hallo.gif)
