
Herbert Halli; Aufnahmedatum unbekannt (Foto: privat)
geboren am 24. November 1953 - erschossen am 3. April 1975
in der Zimmerstraße/Ecke Otto-Grotewohl-Straße
an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Mitte und Berlin-Kreuzberg
Herbert Halli war 21 Jahre alt und stammte aus Brandenburg-Plaue. Entgegen seines Antrags und seiner Unterschriftsleistung im Personalausweis fertigte das Volkspolizeikreisamt Brandenburg seinen Ausweis auf den Vornamen Norbert aus. Seit November 1974 war er als Elektromonteur beim VEB Bau- und Montagekombinat, Ingenieurhochbau Berlin, beschäftigt; seit dem 1. April 1975 arbeitete er auf der Baustelle des Palastes der Republik.
Erst nach dem Ende der DDR kam die Wahrheit ans Licht: Darüber, dass Herbert Halli im April 1975 nicht durch einen selbstverschuldeten Unfall, sondern durch gezielte Schüsse an der Mauer gestorben ist, konnte die Staatssicherheit seine Familie und Verwandten, Freunde und Kollegen solange täuschen, bis die Akten zugänglich wurden. Geglaubt habe sie die ihr vermittelte Unfallversion allerdings die ganzen Jahre nicht, berichtete Herbert Hallis Mutter zwanzig Jahre nach der Tötung ihres Sohnes im Jahr 1995.

Herbert Halli: Arbeitsausweis (Ausstellungsdatum: 1974/75) (Quelle: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 20, Bl. 193)
Am 3. April 1975 gibt Herbert Halli seinen Einstand auf der Baustelle „Palast der Republik". Schon um 15.00 Uhr beginnt das Trinkgelage mit den Arbeitskollegen im gemeinsamen Aufenthaltsraum. Gegen 21.00 Uhr verlässt er diesen in stark angetrunkenem Zustand, ohne sich zuvor von seinen Kollegen zu verabschieden. Auch fährt er nicht ins Wohnheim, sondern benutzt den Linienbus 32 in Richtung der Grenze in Berlin-Mitte. An der Endhaltestelle weigert er sich zunächst auszusteigen; vielleicht ist er aber auch bloß eingeschlafen. Es kommt zu einem kurzen Handgemenge mit dem Busfahrer, bei dem er seine Brieftasche mit seinem Personalausweis und weiteren persönlichen Unterlagen verliert. Herbert Halli verlässt schließlich den Bus und läuft in Richtung Grenze. Als der Busfahrer kurz darauf dessen Brieftasche findet und sie der Volkspolizei übergibt, hat Herbert Halli bereits die Sperranlagen nahe der Zimmer-/Otto-Grotewohl-Straße erreicht.[5]
Gegen 21.45 überwindet er einen zwei Meter hohen Metallgitterzaun und die Hinterlandmauer. Bei dem Versuch, sich dem letzten Sperrelement, der Grenzmauer zu West-Berlin, zu nähern, berührt er einen Signalzaun und löst optischen und akustischen Alarm aus. Ein Grenzposten im nahegelegenen Beobachtungsturm eilt nach unten, während sein Postenführer zunächst der Führungsstelle Meldung erstattet, bevor auch er den Turm verlässt. Der erste Posten feuert einen Warnschuss ab. Halli wirft sich zu Boden, und springt im nächsten Moment wieder hoch, um zur Hinterlandmauer zurückzurennen; sein Fluchtvorhaben hat er sichtlich aufgegeben. Aus einer Entfernung von etwa einhundert Metern gibt nun der Postenführer stehend freihändig einen Schuss aus seiner Kalaschnikow ab. Er trifft Herbert Halli in den Rücken, als dieser schon im Begriff ist, unweit des damaligen „Hauses der Ministerien", des ehemaligen „Reichsluftfahrtministeriums" und heutigen Bundesfinanzministeriums, über die Hinterlandmauer zurück nach Ost-Berlin zu klettern. Mit einem Bauchhöhlendurchschuss wird Herbert Halli in das Krankenhaus der Volkspolizei in Berlin-Mitte eingeliefert. Gegen 22.45 Uhr erliegt er dort seinen schweren Verletzungen
Auf der West-Berliner Seite der Grenze scheint niemand den Vorfall bemerkt zu haben. Wegen der „politisch-operativen Situation" – so steht unter anderem das Treffen der Regierungschefs zur Unterzeichnung des KSZE-Abkommens in Helsinki bevor – hält es die Stasi für angebracht, die Umstände seines Todes zu verschleiern. Mit der Volkspolizei vereinbart sie, alle Eintragungen über den Vorfall zu streichen und keine schriftlichen Meldungen abzusetzen. Zugleich verschiebt sie den Todeseintritt um 24 Stunden auf den 4. April 1975 und lässt auf dem Standesamt in der Sterbeurkunde einen Unfall als Todesursache eintragen.[7]
Die Staatsanwaltschaft wird mit einem gefälschten Leichenfundbericht hinters Licht geführt: Demzufolge wurde Halli ohne Hinweise auf Fremdverschulden und ohne äußere Verletzungen tot in einer Baugrube gefunden – von einem fiktiven „Hauptwachtmeister Fritsche", der eigens als Zeuge erfunden wird.
Für seine „vorbildliche Einsatzbereitschaft und Pflichterfüllung" erhält der Todesschütze vier Tage später eine „Medaille für vorbildlichen Grenzdienst"; über die tödlichen Folgen seines Schusses wird er nicht informiert.[8]
Auch die Angehörigen und Arbeitskollegen des Getöteten werden zunächst in dem Glauben gelassen, Herbert Halli sei noch am Leben. Selbst eine Vermisstenanzeige der Mutter nimmt die Volkspolizei noch am 10. April ungerührt entgegen. Erst zwei Wochen später, nachdem man völlig sicher ist, dass der Vorfall weder auf östlicher noch auf westlicher Seite beobachtet wurde, unterrichtet die Staatssicherheit die Mutter und im Anschluss daran die Arbeitsstelle über den Tod des 21-Jährigen – in einer „legendierten" Version. Herbert Halli, so wird mitgeteilt, wäre stark alkoholisiert in eine Baugrube nahe der tschechoslowakischen Botschaft gestürzt und dort am 4. April ohne Ausweis tot aufgefunden worden. Die durchgeführten Untersuchungen hätten ergeben, dass er ohne Fremdeinwirkung ums Leben gekommen sei.
Unter dem Druck der Staatssicherheit verzichtet seine Mutter darauf, den Sohn noch einmal zu sehen und stimmt der Einäscherung des Leichnams zu. Leistungen der staatlichen Sozialversicherung oder der Arbeitsstelle werden der Familie mit der Begründung verwehrt, dass ihr Angehöriger durch eigenes Verschulden umgekommen sei. Am 8. Mai 1975 wird Herbert Halli unter großer Anteilnahme auf dem Friedhof in Brandenburg-Plaue im Grab seines Vaters beigesetzt; das gefälschte Todesdatum der Stasi wird später in seinen Grabstein gemeißelt.
http://www.chronik-der-mauer.de/todesop ... li-herbert
In einem anderen Thread schrieb ich erst kürzlich, dass leider viel zu häufig die Ermittlungsmethoden und deren Schlußfolgerungen, kaum oder wie in diesem Fall, gar nichts mit der Wahrheit zu tun hatten.
Da nutzt es auch gar nichts, wenn Hobbyhistoriker und DDR - Unrecht - Schönredner, versuchen das MfS und Teile der VP als rechtsstaatliche Organe hinzustellen...
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