Harsberg hat geschrieben:tom-jericho hat geschrieben:Jüngeren Lesers soll hier einmal folgender Artikel der Berliner Morgenpost vom 12. Dezember 2007 eine Hilfe sein, wie es uns damals erging und welche Maschinerie bei solchen Unglücken einsetzte.
Denn ein Mann von Gerüchten war ich noch nie.
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http://www.morgenpost.de/printarchiv/be ... uegen.html
Wenn wir den Artikel lesen sollen musst du ihn als Hardcopy einstellen, wir wollen ja kein ABO
Auch ich besitze schon lange kein einziges Zeitungs-ABO mehr:
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Berliner Morgenpost
16. Dezember 2007
Absturz einer Tupolew bei Berlin - eine Katastrophe und viele LügenDer 12. Dezember 1986 ist ein trüber Tag in Berlin. In der Nacht, berichtet die Berliner Morgenpost, ist ein 22-Jähriger über die Mauer von Mitte nach Kreuzberg geklettert und per Anhalter ins neue Leben gefahren.Der 12. Dezember 1986 ist ein trüber Tag in Berlin. In der Nacht, berichtet die Berliner Morgenpost, ist ein 22-Jähriger über die Mauer von Mitte nach Kreuzberg geklettert und per Anhalter ins neue Leben gefahren. Zwei Tage später werden zwei betrunkene DDR-Bürger in einem orangefarbenen BMW mehrere DDR-Schranken durchbrechen, Richtung Osten, "es sollte eine Spritztour nach Hause werden", berichtet die Berliner Morgenpost. Weitere Nachrichten: Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen fordert die DDR auf, ihren Schießbefehl aufzuheben. Andernfalls könne man nicht über die gemeinsame 750-Jahr-Feier der geteilten Stadt reden. Der Wetterbericht kündigt Nebel an.
In Berlin herrscht eine ungemütliche Atmosphäre. Eine, in der möglicherweise auch ein Flugzeug verschwinden kann. Einfach so.
Der 12. Dezember 1986 ist auch in Schwerin ein düsterer Tag. 27 Elternpaare der Klasse 10 a der Ernst-Schneller-Oberschule vertreiben sich die Zeit bis zum Abend mit Fernsehen, Radiohören, mit Bügeln oder anderen Hausarbeiten. Um 21.06 Uhr soll der D-Zug 536 aus Berlin mit ihren Söhnen und Töchtern endlich ankommen. Bereits nachmittags muss die Klasse mit einer Maschine aus Minsk in Berlin-Schönefeld gelandet sein. Die Flugreise in die Sowjetrepublik, heute Weißrussland, ist die Belohnung für eine erfolgreiche Schulkarriere.
Um halb acht beginnt die DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera". Sechs Minuten langweilt die Sprecherin ihre Zuhörer mit einem Nachruf auf den verblichenen Genossen Paul Verner. Die zweite Meldung ist so kurz, dass manche sie überhören, etwa eine halbe Minute: Flugzeugabsturz bei Berlin. Keine Flugnummer, keine Bilder. Dennoch verbreitet sich die Meldung wie ein Lauffeuer in der Stadt.
Angehörige im Ungewissen
Auch Ruth Wurm ist zu Hause. Sie erwartet ihren Mann Horst Wurm zurück, der mit ihrer Tochter Sabine Kellermann nach Minsk geflogen ist - die 32-Jährige ist die Klassenlehrerin der 10 a. Er ist als zusätzliche Begleitperson mitgeflogen, eine zweite Lehrerin war ausgefallen. Ruth Wurm trifft einen Nachbarn im Hausflur, einen Lehrer, der ihre Tochter kennt. "Das ZDF sagt, es war eine Maschine aus Minsk. Doch nicht etwa die von Sabine?" Ruth Wurm läuft zur Polizei. "Was gucken Sie auch Westfernsehen!", ist die grobe Antwort auf ihre besorgte Frage.
"Als am Bahnhof der Zug einfuhr", erinnert sich Ruth Wurm, "stieg kein einziger Mensch aus, den wir kannten." Einige Eltern brechen in Tränen aus, andere werfen sich schreiend auf den Boden. Doch niemand ist da, um ihr Unglück aufzufangen. Schließlich stehen sie allein da. "Wir gingen dann schweigend nach Hause", erinnert sich Ruth Wurm, die heute 79 Jahre alt ist. Sie lebt allein, eine Dame mit silberweißem Haar und sehr gerader Haltung.
Ruth Wurm gehört zu den Menschen, in deren Leben jedes Ereignis, jede Begegnung noch etwas anderes mitzuteilen scheinen als das Offensichtliche. Vielleicht bewahrt sie deshalb ihre Erinnerungen auf wie das Rohmaterial zu einem Buch. Sie schlägt ein Fotoalbum auf: eine Gruppe älterer Damen auf Reisen, fröhlich. Bilder einer Freundschaft, die Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen überdauert hat. Die Gesichter der Freundinnen tragen die Züge derer, denen das Leid von gestern heute Anlass ist, den Moment auszukosten. Ruth Wurm hat die russische Gefangenschaft überlebt und als früh verwaistes Flüchtlingsmädchen in Schwerin zwei jüngere Brüder groß gezogen. Hat sich von der Küchenhilfe zur Schulsekretärin hochgearbeitet. Und sich nicht den Mund verbieten lassen.
Die Aktenordner mit ihren Erinnerungen füllen die Regale ihres kleinen Arbeitszimmers. An den Wänden hängen Farbfotos. Zwei Bilder in Schwarz-Weiß zeigen ihren Mann Horst und ihre Tochter Sabine mit deren zwei kleinen Söhnen im Arm. Sie waren sechs und acht Jahre alt, als ihre Mutter starb. "Für mich sind sie bis heute meine Jungs", sagt Ruth Wurm. Sie war 57, als sie ihre beiden Enkel bei sich aufnahm, so, wie sie gut 40 Jahre zuvor ihre Brüder aufgenommen hatte.
Neben den Sterbeurkunden hat Ruth Wurm Kondolenzkarten abgeheftet. 126 Stück, alle nebeneinander, die Absender gut lesbar, vom Minister bis zum Bischof. "Das hat mir viel Kraft gegeben", sagt sie. Kraft, um mit der Trauer fertig zu werden. Und damit, wie die DDR mit dem 72-fachen Tod umging, der zwar tragisch, vor allem aber politisch unbequem war. Flug Aeroflot 892 aus Minsk nach Berlin war ein sowjetischer Flug. Zweifel am Großen Bruder sind in der DDR nicht angebracht.
Trauerhelfer haben Berichte anzufertigen Eine ehemalige Lehrerin der Ernst-Schneller-Schule erinnert sich: "Nach den ZDF-Nachrichten habe ich Bekannte angerufen, die in der Schulleitung arbeiteten und beim Oberbürgermeister. Doch ich wurde brüsk abgewiesen. Ich solle mich ruhig verhalten, sagten sie." Sie telefonierte trotzdem weiter. Beim dritten Anruf hatte sie "das bewusste Knacken" in der Leitung. "Und dann stand so ein Auto vor der Tür, na ja, wie es eben so war." Später erfährt sie, dass die Schulzahnärztin bereits am frühen Abend die Order bekommen hat, samt ihren ärztlichen Unterlagen der betreffenden Schulklasse nach Berlin zu reisen.
Am Abend holt Ruth Wurm die Enkel zu sich, die immer noch auf die Mutter warten. Als es mitten in der Nacht klingelt, ahnt sie längst, welche Nachricht man ihr überbringen wird. Der Mann, der die Unglücksbotschaft bringt, ist kein Pastor, kein Psychologe und auch kein Polizist. Sondern Parteimitglied.
Im Rathaus hat sich ab 21 Uhr unter Leitung des Oberbürgermeisters eine Arbeitsgruppe formiert. Schulrat, Stadträte, Mitarbeiter des Tiefbauamtes werden herbeizitiert, alles verdiente Genossen, sollen die Hiobsbotschaften überbringen und bei den Formalitäten helfen. Erste Dienstanweisung an die Betreuer: Keine Information an andere. Über alles haben sie Berichte anzufertigen. Die Betreuerliste "wird gegen Quittung an MfS" weitergeleitet, das Ministerium für Staatssicherheit, vermerkt penibel ein handschriftliches Protokoll. Es ist, wie viele andere Akten der Zeit, heute im Stadtarchiv von Schwerin einsehbar.
Viele Schüler kannten sich seit Kinderzeiten Die Liste der Angehörigen gibt nüchtern Auskunft über das Ausmaß der Tragödie. Die Hälfte der Familien wohnt in der gleichen Straße. Ihre Kinder sind Sandkastenfreunde, haben zehn Jahre gemeinsam die polytechnische Oberschule besucht. "Es waren außergewöhnlich gute Schüler", erinnert sich eine damalige Lehrerin der 10 a. "Wenn sie einmal an einer Sache dran waren, dann blieben sie dabei."
Ein Jahr lang haben die 15- bis 17-Jährigen die Reise vorbereitet. In Minsk gibt es ein straffes Programm. Sie sprechen mit gleichaltrigen Sowjetbürgern Russisch, schütteln schüchtern Polit-Oberen die Hand. Sie besichtigen die im sozialistischen Stil wieder aufgebaute Stadt und besuchen Betriebe, in denen einige eine Ausbildung machen sollen. Es ist eine Art fliegendes Klassenzimmer des Sozialismus. Die Stimmung sei "bombig" gewesen, berichtet der 16-jährige Axel Baumann, einer der Überlebenden, später im Krankenhaus. Am letzten Abend hätten sie ordentlich gefeiert. Noch im Anflug auf Schönefeld witzeln sie, ob der Pilot wohl auf der Autobahn landen wolle, die neben dem Flughafen verläuft.
Die Witzeleien der Schüler sind der letzte Versuch, die Angst zu besiegen, die sie alle schon Stunden zuvor erfasst hat. Eigentlich hätte der Flug Aeroflot 892 schon um 12.36 Uhr in Schönefeld enden sollen. Doch um 12.53 Uhr ist die Tupolew im Nebel über Berlin abgedreht nach Prag. Zwei andere Maschinen machten es ebenso.
Im Transitraum in Prag beknien die Schüler Sabine Kellermann, mit dem Zug nach Berlin weiterzufahren. Sabine Kellermann versucht, in Berlin telefonisch eine Erlaubnis dafür zu bekommen. Vergeblich. Um 15.30 Uhr hebt die Maschine wieder ab.
Kurz vor Berlin bemerken die Schüler, dass sie tief und immer tiefer fliegt, über beleuchtete Landebahnen und Straßen. Die TU-134 gleitet über ein Waldstück bei Bohnsdorf. Manche Überlebende erinnern sich später an einen Knall, andere an die Ankündigung einer Notlandung.