Im Tweet eines Spiegel-Redakteurs verbindet der ästhetische sich mit dem politischen Degout; „Ich höre heute mehrfach, ich solle die Ostdeutschen ‘endlich ernst nehmen’. Entschuldigung, ihr kamt 1990 mit nem Trabbi angeknattert und wählt heute mehrheitlich AfD – wie, bitteschön, soll ich euch da ernst nehmen?“ So kaltschnäuzig wurde schon lange nicht mehr aus dem Konsumniveau eine gesellschaftliche Wertigkeit abgeleitet.
Die aus der DDR stammende Welt-Redakteurin Kathrin Spoerr ist eine der wenigen Stimmen, die sich dem Medienchor entgegenstellen. „Der Ostdeutsche steht am Pranger der Westdeutschen“, schreibt sie und schildert eine generelle Erfahrung: „Was immer Menschen, nüchtern oder besoffen, einfallen mag, um sich zu erheitern: Polenwitze, Türkenwitze, Russenwitze – es gehört sich nicht. (…) Die einzige Menschengruppe, für die diese Zurückhaltung nicht galt, waren und sind die Ostdeutschen. (…) Es war schon in den 90er Jahren in gebildeten westdeutschen Milieus, in denen der Gebrauch des Wortes ‘Neger’ oder ‘Zigeuner’ zum sofortigen Ausschluß geführt hätte, völlig normal, sich über ‘Ossis’ zu amüsieren.“
Die Zwänge der politischen Korrektheit, denen der aufgeklärte, linksliberale, rote und grüne Altbundesbürger sich unterwirft, rufen nun mal nach Entlastung. Er verschafft sie sich auf Kosten derer, denen er 1990 zähneknirschend Zutritt und die formale Gleichstellung zubilligen mußte. Da diese sich numerisch, sozial, politisch, gesellschaftlich und diskursiv in schwacher Position befinden, ist das Verfahren risikolos und ergibt zudem den Mehrwert süßer Rache.
Um den Wahlerfolg der AfD im Osten zu erklären, werden jetzt wieder Reporter ausziehen, um möglichst stereotype Bilder einzusammeln. Auf der Suche nach dem schuldigen Ostdeutschen werden Reporter den „ostdeutschen Mann“ suchen und finden, der in kurzen Hosen, mit getunneltem Ohrläppchen und Totenkopftattoo an der Havel steht und Zander angelt. Seht ihn an, die lächerliche, gefährliche Figur. Radikal, inhuman, ungebildet. Und auch noch schlecht gekleidet. Das wird die Botschaft sein.
Der Ostdeutsche war dem Westen lange eine Witzfigur. Jetzt ist er auch eine Hassfigur.https://www.welt.de/print/welt_kompakt/ ... Osten.htmlFür die politischen, akademischen, medialen Funktionseliten, für die Schwarmintelligenzler und befristeten Zuarbeiter – von denen viele heimlich am Selbstzweifel würgen – liegt darin die Gefahr des Status- und Jobverlusts und eine tiefe narzißtische Kränkung. Diese entlädt sich im Haß und der Pathologisierung des ungehobelten Dunkeldeutschen aus dem Osten.
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