von pentium » 12. Juli 2026, 13:18
Die Wahrnehmung des Massakers von Wolhynien ist in Polen und in der Ukraine unterschiedlich. Viele Polen betrachten die Ereignisse in Wolhynien als Völkermord. In der Ukraine überwiegt die Tendenz, die Tragödie von Wolhynien (dort der übliche Begriff), in einen größeren Kontext der schwierigen polnisch-ukrainischen Beziehungen vor 1939 und während des Zweiten Weltkrieges einzuordnen. Dabei wird die UPA in der Ukraine vor allem im Zusammenhang mit ihrem Engagement im Kampf um die Unabhängigkeit von den Sowjets und von der antiukrainischen Politik Polens gesehen. Die dunklen Seiten der Geschichte eines Teils der Mitglieder dieser Organisation sind in der Ukraine weniger bekannt.
Schon in der kommunistischen Ära bildeten sich in der Volksrepublik Polen und der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik voneinander abweichende Interpretationen der Massaker heraus, die sich nach dem Systemumbruch 1989/91 weiter vertieften. Gemein war ihnen die ideologische Kontrolle über die Geschichtsschreibung und die Unterdrückung nationaler Spannungen. Während in der Volksrepublik Polen eine sehr begrenzte, aber ideologisch kontrollierte Forschung möglich war, blieb das Thema in der Ukrainischen Sowjetrepublik stärker tabuisiert.[60]
Laut dem polnischen Historiker Paweł Machcewicz unterlag das Thema in der Volksrepublik strenger Zensur, weshalb es nur in Publikationen polnischer Emigranten behandelt worden sei. Die Massaker hätten in Polen weder erforscht noch öffentlich erwähnt werden dürfen. Da die Sowjetunion als „befreundetes Volk“ galt, wäre jede Thematisierung des polnisch-ukrainischen Konflikts als antisowjetisch interpretiert worden. Zugleich waren die 1945 verlorenen Ostgebiete – also die an die Sowjetunion abgetretenen östlichen Territorien des Vorkriegspolens – tabu, da jede Bezugnahme darauf als revisionistisch und grenzpolitisch gefährlich galt.[61]
Dem hält der ukrainische Historiker Roman Hrytskiv entgegen, dass es in der Volksrepublik Polen trotz dieser Tabuisierung eine begrenzte historiografische Beschäftigung mit dem Thema gegeben habe. Diese Auseinandersetzung erfüllte jedoch nicht die Kriterien unabhängiger Forschung, sondern war Teil der staatlichen Geschichtspolitik. Dabei wurden die Massaker laut Hrytskiv nicht als eigenständiges historisches Problem behandelt, sondern die UPA lediglich als „terroristische“, „faschistische“ und „antipolnische“ Bewegung dargestellt. Damit sollte die „Aktion Weichsel“ (1947), die Zwangsdeportation von etwa 150.000 Ukrainern, als notwendige „Verteidigungsmaßnahme“ gegen den „ukrainischen Untergrund“ legitimiert werden.[60]
In drei von Hrytskiv differenzierten Phasen – von den späten 1950er- bis zu den 1980er-Jahren – blieb diese Grundstruktur bestehen. Historiker wie Ignacy Blum, Jan Gerhard, Wiesław Szota, Antoni Szcześniak oder Edward Prus reproduzierten das offizielle Deutungsmuster, demzufolge der Konflikt Ausdruck des „ukrainischen Faschismus“ gewesen sei und die Zwangsdeportationen eine „Sicherungsmaßnahme“ darstellten. Dabei seien die eigentlichen Massaker systematisch ausgeblendet worden.[60]
In der Ukrainischen Sowjetrepublik blieb der ukrainisch-polnische Konflikt besonders stark tabuisiert. Die Doktrin der „Völkerfreundschaft“ zwischen Polen und Ukrainern schloss jede Diskussion über ethnische Gewalt aus, da sie das Bild zweier „Bruderstaaten“ gefährdet hätte. Forschung, Publikation oder auch nur die Erwähnung der Massaker von Wolhynien galten als „antisowjetisch“ und „nationalistisch“.[62]
An die Stelle wissenschaftlicher Aufarbeitung traten laut dem Historiker Denys Schatalow die Memoiren sowjetischer Partisanen – etwa von Pjotr Werschigora, Aleksej Fjodorow oder Georgi Bakradse –, die von staatlichen Verlagen in hohen Auflagen verbreitet wurden. Alle drei waren Kommandeure der sowjetischen Partisanenbewegung in der Westukraine und Helden der Sowjetunion. Die nach ideologischen Vorgaben verfassten Texte blendeten unbequeme Fakten aus, integrierten propagandistische Passagen und verwandelten persönliche Erinnerungen in ein Instrument staatlicher Geschichtspolitik. Sie vermittelten das offizielle Narrativ, die UPA sei eine „faschistische Bande“ und ein „Werkzeug der deutschen Besatzer“, während die Sowjetpartisanen als Befreier und Beschützer der Bevölkerung erschienen.[62]
Zentral war dabei laut Schatalow die These, die Massaker von Wolhynien seien auf Befehl der deutschen Besatzungsmacht erfolgt, die nationale Konflikte bewusst provoziert habe. Diese Darstellung diskreditierte den ukrainischen Nationalismus, entlastete die ukrainische Bevölkerung, die als „getäuschtes Opfer“ galt, und rechtfertigte die sowjetische Herrschaft in der Westukraine als Befreiung vom „faschistischen und nationalistischen Terror“. So entstand in der Ukrainischen Sowjetrepublik ein Deutungsmuster, das die Massaker von Wolhynien als Folge einer „deutschen Verschwörung“ interpretierte, während der eigentliche Konflikt zwischen Polen und Ukrainern ausgeblendet blieb – ein Narrativ, das bis 1991 das sowjetische Geschichtsbild in der Ukraine prägte.
wiki