

Edelknabe hat geschrieben:Um nochmal kurz zum Anfang zu kommen Balu, denn ich wollte den Fred einfach nicht von Anfang an durchforsten. Was war eigentlich damals der Grund, warum Ihr beiden jungen Kerlchen gen Grenze aufgebrochen seit? Etwa ein beschissener Zensurenspiegel, oder gar Unzufriedenheit über dies und Jenes...? Das mit der Partei eh...das muss dir nicht leid tun. Fast jeder Fred triftet hier ab und ja es stimmt, das bringt auch manchmal ne gewisse Würze rein, als Punktgenau und verbissen nur am Thema zu bleiben.
Rainer-Maria

Balu hat geschrieben:Unser Grund? Ja, Stress mit der Schule und den Eltern. Nichts spektakuläres also. Wir waren keine Helden, keine Freiheitskämpfer, sondern einfach nur zwei "dumme"Jungs die von zu Hause weglaufen wollten.
Und warum der Westen? Die Erklärung ist so einfach wie verrückt, weil man dort drüben deutsch sprach. Wir waren 15, fast 16 und wollten nie wieder nach Hause zurück. Etwas über 2 Jahre in der DDR verstecken um die Volljährigkeit abzuwarten war klar unmöglich. Polen und die Tschechei, leicht erreichbare Ziele, aber dort spricht man kein deutsch. Also auf ins andere Deutschland - Gedanken von zwei "Kindern" die wir damals beide noch waren...
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Balu hat geschrieben:Hallo zusammen und vielen Dank für Eure Begrüßen.![]()
@Neun und @ Danny,
Die Frage ob sich das Ganze gelohnt hat, bzw. ob es das Ganze wert war lässt sich nicht mit einem Ja oder Nein beantworten. Wir waren 15 Jahre jung, ich habe meinen 16. Geburtstag in der Untersuchungshaftanstalt des MfS "Roter Ochse" in Halle "gefeiert".
Damals hat sich mir diese Frage nicht gestellt weil meine (Gedanken)Welt wesentlich kleiner war. Ich hatte andere Probleme als mir derartig philosophische Fragen zu stellen. Und meine Sichtweise heute als 50jähriger lässt sich mit damals ja nun gar nicht vergleichen. Insofern ist diese Frage nicht wirklich abschließend zu beantworten.
Was die Gerichtsverhandlung in Magdeburg 1996 anbelangt, ich bin weder ein Richter noch ein Racheengel! Was ich von der Verhandlung erwartet hatte war eine faire und offene Aufarbeitung der Geschehnisse vom 08.12.1979. Was ich bekam war ein Richter der alles tat um die beiden Schützen zu den einzigen Opfern des damaligen Tages zu machen. Sicherlich, irgendwo waren die beiden auch Opfer des damaligen Systems, keine Frage! Aber sich ausschließlich darauf berufen zu wollen ist mir etwas zu einfach.
@Augenzeuge
Mit meinen Eltern hatte ich bereits vor meiner Haftentlassung "Frieden geschlossen". Da ich auf Bewährung entlassen wurde stand ich während meiner 3jährigen Berufsausbildung ohnehin unter Kontrolle. Mein damaliger Klassenlehrer in der BBS war auch der Melder zum MfS. Das wusste ich aber bereits damals schon. Im Großen und Ganzen konnte ich mich nicht beklagen. Es gab zwar immer mal kleine Spitzen die ich ertragen musste. So durfte ich zwar in Buna als Schichtleiter arbeiten, aber mein Genosse Abteilungsleiter hat erfolgreich alles getan das mir die Mister Schule verwehrt blieb. Und auf meinen Grundwehrdienst durfte ich auch buchstäblich bis zum letzten Tag warten, so das alle meine direkten Vorgesetrzten jünger waren als ich. Aber wie gesagt, das waren Kleinigkeiten. Im Großen und Ganzen konnte ich ein ganz normales DDR Leben führen. In wie weit ich über meine Bewährungszeit hinaus unter der Beobachtung des MfS stand kann ich nicht sagen. Ich habe es bis heute bewusst vermieden meine Stasi Akte zu studieren. Wenigstens diese Enttäuschung wollte ich vermeiden.
@ Thalassa und @ Neun
Wir waren zwar noch Teenager, aber das man Stacheldrahtzäune, Mienen und bewaffnete Grenzsoldaten nicht aus Langeweile aufbietet machte auch uns deutlich das wir was verbotenes tun. Insofern waren wir schon "Täter".
Die Art und Weise jedoch, wie mit uns als Tätern umgegangen wurde macht uns aus meiner Sicht aber auch gleichzeitig zu Opfern.
@ Spartacus
Wie ich damit klar komme? Lange Zeit habe ich versucht zu verdrängen und zu vergessen. Leider war mir dies bis heute nicht möglich da immer wieder Leute in meine Leben traten welche alles wieder los treten wollten. Heute, nach so langer Zeit habe ich es als einen Teil meines Lebens akzeptieren gelernt. Und so kann ich damit Leben und auch darüber reden und lebe ein ganz normales Leben, etwas das Heiko nicht kann.
@ all
Wenn ich das richtig sehe sind in diesem Forum wohl offensichtlich beide Seiten vertreten, sprich Vertreter des damaligen Systems in der DDR als auch Gegner des selben. Darum nochmal, es geht mir nicht darum zu verurteilen oder zu verdammen, sondern es geht mir einfach nur um die Wahrheit und darum offen und vor allem ehrlich mit der damaligen Zeit und allem was dazu gehört umzugehen. Ich kann und will Albrecht und Meyer keine Absolution erteilen! Sie hatten die Waffen in ihren Händen und ihre Finger am Abzug. Und sie bewegten diesen Finger, das tat kein Piotrowski und auch kein Goldhahn für sie! Es waren die beiden ganz allein! Und es waren auch ganz alleine Albrecht und Meyer die bestimmt hatten in welche Richtung sie schießen! Sie kannten ihre Waffen und deren Wirkung im Dauerfeuer! Sie lagen beide in der Deckung und ließen uns auf 20 bis 30 Meter heran kommen bevor sie ohne vorherigen Anruf und ohne Warnschuss das Feuer auf uns eröffneten! Sie kannten das Gelände und auch den Alarmablauf des Grenzregimes, das heißt sie wussten ganz genau das uns der Rückweg bereits versperrt war.
Wir haben uns vom Bimmelzaun an den ganzen Weg bis zum Ort des Geschehens an der Schneise der Stromtrasse entlang bewegt. Ein anderer Weg war nicht möglich da der "Urwald" rechts und links der Schneise viel zu dicht war. Das heißt das dies auch der einzige mögliche Rückweg für uns war! Als wir an den Waldrand kamen und vor uns offenes Feld bis zum zweiten Zaun sahen, (ja wir sahen diesen zweiten Zaun vom Waldrand aus, also kann das Wetter wohl nicht soooo schlecht gewesen sein wie behauptet wurde), bewegten wir uns am Waldrand entlang nach rechts um aus der Sichtweite dieses links von uns stehenden Wachturmes zu kommen. Als wir meinten dies geschafft zu haben änderten wir die Laufrichtung direkt in Richtung Zaun und somit direkt auf Albrecht und Meyer zu. Es war zwar etwas diesig und es fiel leichter Nieselregen zu der Zeit. Aber es war erst kurz vor 16 Uhr und somit selbst zu dieser Jahreszeit noch hell genug das die beiden uns genau sehen konnten! Sie luden beide ihre Waffen durch worauf hin ich mich fallen lies und Heiko versuchte zurück zu laufen. Aber zurück wohin? Selbst wenn er die Schneise erreicht hätte, durch den Wald selbst konnte er ja auf Grund seiner Dichte nicht fliehen, also selbst wenn er die Schneise erreicht hätte, was wäre denn geschehen? Der Weg in der Schneise selbst war schon unwegsam genug und am anderen Ende warteten bekanntlich auch schon Posten auf uns. Das Argument das ich in dem anderen Thread gelesen habe, von wegen das Grenzverletzer zurück laufen um dann quer zu gehen und es an anderer Stelle erneut zu versuchen war für uns nicht möglich. Es gab für uns nur die Schneise als einigermaßen begehbares Areal! Und während des ganzen Weges lief Heiko ein bis zwei Meter hinter mir. Da aber, ob nun aus Albrechts oder aus Meyers Waffe auch Geschosse über mich hinweg gingen ist die Aussage der Beiden sie hätten nur auf den flüchtenden Heiko das Feuer eröffnet auch falsch und damit auch die Ablehnung meiner Nebenklage durch Richter Kupfer eine von mehreren seiner Fehlentscheidungen!
Nochmal, es geht mir hier nicht um Verurteilung! Und ich kann auch sehr gut nachvollziehen wie die Beiden sich gefühlt haben mussten als ihnen klar wurde das wir auf sie zu kommen und nicht auf irgend ein anderes Posten Paar. Ich musste meinen Wehrdienst 1989 abhalten, genau in der heißen Wendephase. Wir wurden vorzeitig vereidigt und mussten unsere Grundausbildung vorzeitig beenden. Und wir haben auch jeden Tag gebannt die Nachrichten verfolgt und gebetet das von Berlin kein Befehl kommt gegen die eigene Bevölkerung mit der Waffe in der Hand aus zu rücken. Ich muss aber leider auch ganz klar sagen das ich dem Meyer seine Betroffenheit abnehme und die Tatsache das er bis heute unter seinem Teil der Geschehnisse dieses Tages leidet. Das ich aber bis heute kein Verständnis für den Albrecht habe. Denn der hat bis heute nichts begriffen, egal ob aus fehlendem Niveau oder aber aus reinem Selbstschutz.
Gruß "Balu"
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Nov65 hat geschrieben:Dem Rainer nehme ich die Sicht auf die DDR und deren Feind im Westen als damals junger Mensch ab.Da stand er nicht allein mit seiner Überzeugung. Viele haben nicht genügend nachgedacht und die Parolen überprüft.
Nur heute sollte er doch eine andere haben oder etwa nicht?
Andreas
Volker Zottmann hat geschrieben:Ich stehe immer noch mit Rafimo, dem Anwalt, in Kontakt. Auch er liest hier fleißig mit.
Seit 2 Tagen bin auch ich dabei, den ganzen Thread noch mal mit neutraler Sicht zu lesen.
Für mich ergibt sich daraus, Rafimos mühselige Recherche vor 2 Jahren war sehr nah am Geschehen. Und was ist er angefeindet worden....
Doch wer es objektiv nochmals liest, sieht ihn nun bestätigt.
Uwe Fleischhauer selbst beschreibt es ja ebenso, und er ist der Einzige der es wissen kann. Die Sicht war noch so gut, dass die Jungen als solche erkannt werden konnten. Immerhin haben sie, noch bei 30 m bis zu den Grenzern und den weiter dahinter stehenden Streckmetallzgrenzzaun deutlich sehen können.
Es gibt folglich keine Entschuldigung, schutzweise Anderes zu behaupten.
Er bestätigt auch die totale menschliche Entgleisung des Brehme.
Balu fragt auch, ob der Schießende nicht hätte anders reagieren können? Nämlich etwas höher halten und Löcher in den Sternenhimmel schießen? Selbst der wegrennende sichtbar unbewaffnete Heiko war nie eine Gefahr für die Grenzer.
Und diesbezüglich meine ich, ist es unerheblich aus welchem Anlass die Jungen türmen wollten. Das war auch nie der Streitpunkt.
Was Balu mächtig erschüttert, sind die falschen Äußerungen Jahre später im Radioreport. Der Sprecher macht sensationshaschend mehr und ein Eberhardt Otto (Oetten) offenbar auch.
Das Gute an diesem Thread ist: Er hat aufgeklärt und bewirkt, dass Balu nun endlich doch noch den Radiomitschnitt hörte und das Skript dazu lesen konnte.
Selbst wenn es bei ihm erneut Wunden aufreißt, wird er gestärkt daraus hervorgehen.
Somit hat sich aus meiner Sicht des Rafimos Beharrlichkeit ausgezahlt. Wirklich Schuldige sind benannt und Anregungen zum Nachdenken gab es zur Genüge.
Uns allen wünsche ich ein besseres offenes Forum!
Gruß Volker
vs1400 hat geschrieben:Volker Zottmann hat geschrieben:Die Sicht war noch so gut, dass die Jungen als solche erkannt werden konnten. Gruß Volker
ich frage mich wiederholt, wie du zu dieser aussage kommst.
vs




Mir ging es um die Wahrheit und die Anerkennung der begangenen Fehler durch die Beiden.
Balu hat geschrieben:...Hallo Danny
Eigentlich gibt es da nichts wirklich spektakuläres zu berichten. Entgegen anderer Geschichten von anderen "Straftätern" wurde ich von allen Beteiligten aus den Reihen des MfS recht anständig behandelt.
Die erste Nacht war etwas anstrengend. Zuerst wurde ich in der Kompanie vernommen, nachdem ich mich ausziehen mußte und eine Kleidungsstück- und Körperkontrolle über mich ergehen lassen mußte. Irgendwann später wurde ich dann von der Kompanie nach Wernigerode gebracht. Dort kam eine zweite Vernehmung. Danach lernte ich zum ersten mal einen Gefangenentransporter von innen kennen. Die Dinger waren echt nichts für Leute die unter Klaustrophobie leiden. In dem Ding wurde ich noch in der selben Nacht nach Magdeburg gebracht. Dort durfte ich duschen, bekam eine Gefangenenkluft verpasst und durfte zur nächsten Vernehmung. Während dieser Vernehmung gab es dann auch endlich was zu futtern und eine Tasse Pfefferminztee dazu. Danach durfte ich ein klein wenig schlafen. Am nächsten Tag ging es wieder " in die grüne Minna" und auf den Weg in mein zu Hause für die nächsten knapp fünf Monate - den "Roten Ochsen" in Halle \S.
Ein paar Tage allein in einer Zelle, danach wechselnde "Untermieter". Am Mittwoch oder Donnerstag nach meiner Verhaftung bekam ich auch endlich meine Brille wieder die ich ja in dem UAZ auf dem Weg zur Kompanie verloren hatte. Danach hörten endlich meine Kopfschmerzen auf.
Die Vernehmungen waren ganz ok, ich hatte ja auch keine Geheimnisse die ich zu verschweigen versuchen mußte. Mir wurde völlig rechtswidrig sogar vor meinem 16. Geburtstag das Rauchen gestattet. Ich bekam meine Zigaretten ausgehändigt welche ich bei meiner Verhaftung im Gepäck hatte und zu jeder Vernehmung gab es eine Schachtel Semper auf Kosten des Volkseigentums.![]()
Mit dem Geld das ich bei mir hatte durfte ich "einkaufen" und mein erster Zellengenosse brachte mir bei mit Blättchen und losen Tabak zu überleben.
Ob es Zufall war oder auch nicht, auf jeden Fall bekam ich als Pflichtverteidiger einen Anwalt aus Leipzig um den mich wohl jeder Insasse in der verbotenen Sektion des Ochsen beneidet hätte. Ich habe seinen Namen vergessen, aber er arbeitete damals mit dem berühmten Dr. Vogel zusammen. Aber konnte auch nicht dafür sorgen das ich zwei Jahre bekam. Ein Jahr Freiheitsstrafe für den versuchten ungesetzlichen Grenzübertritt im schweren Fall, so lautete das Urteil. Danach blieb ich noch ungewöhnlich lange im Ochsen. Vermutlich hätten die mich am liebsten das ganze Jahr dort behalten, damit ich auf keinen Fall mit anderen Jugendlichen reden kann. Aber Anwalt hatte irgendwann Stress gemacht und so kam ich dann in die Jugendstrafvollzugsanstalt nach Dessau. Das erste dort war eine Belehrung des dortigen MfS Menschen das ich den wahren Grund meiner Verurteilung zu verschweigen hatte. Ich wurde von ihm kurzer Hand in einen Kfz Dieb umfunktioniert. Irgendwann kam aber die Wahrheit raus, ich weiß bis heute nicht wie. Auf jeden Fall machte mich die Tatsache das ich die Jungs dort belogen hatte nicht wirklich beliebter...
Ich begann dort eine Lehre zum Montageschlosser. Mitte August hieß es plötzlich mitten in der Nachmittagsfreizeit auf dem Hof: "Fleischhauer, Sachen packen, Du gehst nach Hause"!
Mein Vater war da wohl dem Staatsanwalt so lange auf den Zeiger gegangen bis der einer vorzeitigen Entlassung zugestimmt hatte. Der Grund dafür war das ich kein weiteres Jahr verlieren sollte. Wäre ich im Dezember raus gekommen hätte ich weder die Schule weiter machen können noch eine richtige Lehre beginnen, da es dafür ja feste Termine Anfang September gab. In die Schule wollte ich nicht zurück und eine große Auswahl für einen Abgänger der 8. Klasse gab es zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Neben Abfüller in der Brauerei, Ausbaumaurer, Industriemaler stand noch der Chemiefacharbeiter zur Auswahl. Für den habe ich mich dann entschieden, weil der wenigstens noch nach etwas vernünftigen klang.
Gruß Balu


vs1400 hat geschrieben:hi Danny,
die radioreportage hab ich leider nicht gefunden, doch ne komplettmitschrift der sendung als pdf ... SWR2 FEATURE, welches nicht weniger informativ ist.
gruß vs![]()
ps.: gutes post deinerseits.
Volker Zottmann hat geschrieben:Warum musst Du Dich mit fremden Federn schmücken? Die Info habe ich im Namen des gesperrten User Rafimo eingestellt!
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