von Edelknabe » 3. Oktober 2012, 18:14
Ich fand vor nicht allzulanger Zeit noch einen guten Text, die Quelle füge ich unten an, was vielleicht Rüganers Fragen noch unterstützen könnte.
Es ist interessant, wenn hier einige von Euch schreiben, "...sie wurden missbraucht...", "...zum glück nicht schießen mussten...", "...das sie leider andere dazu ermutigt haben..." usw. . Wenn Ihr so fühlt, seid Ihr dann heute auch bei Antikriegsdemos dabei?
Was wäre passiert wenn es nur eine"Mauer" ohne "Bewacher" gegeben hätte, wären dann nur friedliebende Bürger und konsumverblendete rüber gemacht? Oder ....
Gruß (und)
Freundschaft
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Es geht doch um das Schiessen auf die eigenen Landsleute, auf Zivilisten die einfach irgendwie die Nase voll hatten und nicht warten wollten oder konnten bis sie vielleicht mal ausreisen dürfen, nicht um Kriege mit irgendwelchen anderen Hintergründen, in die man als Soldat zieht um sein Land zu verteidigen, wo man ein klares Feindbild hat.
Viele, gerade auch vorallem Jugendliche, sind im Suff, aus einer Laune heraus, die Flucht angetreten (kenne da auch welche).
Natürlich verteidigte man sein Land auch an der Grenze, aber wohl kaum darin, indem man seine Landsleute, Zivilisten erschiesst.
Der Vergleich mit der Antikriegsdemo hinkt also etwas.
Ich bin z.B. kein Pazifist und wär ich in der BRD aufgewachsen, wär ich kein Zivi geworden sondern GWD-Soldat, weil ich so erzogen wurde meinem Land zu dienen.
Als ich zum Wehrdienst eingezogen wurde, war ich sowas von politisch grün hinter den Ohren, grüner gehts nicht.
Wir schauten zu Hause kein Westfernsehn, darum bekam ich auch nichts weiter mit wenn jemand geflüchtet oder erschossen wurde, und es hat mich damals auch garnicht interessiert, dass war Politik.
Ich hatte absolut keinen Plan, dass ich an der Grenze auf meine Landsleute schiessen soll.
Ich ging in dem Glauben an die Grenze mein Land gegen den Feind zu schützen, den Frieden zu bewahren, so war ich erzogen, darum lehnte ich den Grenzdienst auch nicht ab.
Der Feind stand für mich im Westen, mein Feindbild war klar, der Imperialismus.
Selbst in der Ausbildung in Eisenach realisierte ich nicht deutlich genug, dass ich auf meine Landsleute zu schiessen habe.
Ich realisierte zwar, dass es Leute geben soll die Flüchten wollten, doch uns wurde es in der Ausbildung so verklickert, oder besser gesagt mit dem Hammer eingemeisselt, dass dies alles Verbrecher, Diebe, Straftäter und Mörder ala Weinhold sind.
Das es so viele normale Flüchtlinge gab, Menschen wie du und ich, dass war mir garnicht bewusst, weil auch meine Kindheit und Jugend in einem Staatstreuen Umfeld stattfand.
Selbst an der Grenze dann, war ich mir dessen nicht bewusst, was ich da eigentlich tue, denn zum Grenzdienst war ich nicht eingeteilt und bekam von vielen Dingen garnichts mit.
Heute, mit Abstand, Alter, neuen Erfahrungen und neuem Wissen, wird mir erstmal klar was hätte passieren können und mit welcher Schuld ich hätte mich im Falle des Falles bis zum Lebensende rumschlagen müssen.
Ich möchte nicht in der Haut derer stecken, die geschossen und auch noch die 10 getroffen haben.
Weniger wegen der Prozesse, sondern wegen der Last die man dann zu schleppen hatte und viele bis heute noch zu schleppen haben.
Wir waren doch halbe Kinder oder junge Familienväter und keine Cowboys.
Mauer ohne Bewacher-> DDR vermutlich irgendwann 50% weniger Einwohner.
Obwohl ich mir da bei einer offenen Grenze und besseren Lebensbedingungen in der DDR garnicht sicher bin.
Ich zähl mich zu denen, die ihre Heimat nicht verlassen hätten, hab ich bis heute nicht, also da hätte das Leben in der DDR um ein mehrfaches schlechter sein müssen ehe ich das Weite gesucht hätte.
Das Verlassen, bei fehlendem Schutz mit Waffengewalt, war auch der taktische Grund, warum man uns Soldaten hat dumm sterben lassen.
Nun streitet euch mal nicht sondern versucht nüchtern zu analysieren.
Ich versuche mal zusammen zu fassen und beschreibe dabei meine Sicht, meine Empfindungen.
1. Einen Schiessbefehl, der das direkte Töten eines GV zum Inhalt hatte gab es nicht, ich denke das sehn die meisten auch so.
Die Handlungsfolge war deutlich festgelegt und sollte es zum Schusswaffengebrauch kommen, dann zielen auf die Beine.
Wie das Zielen und Treffen in einer Lage vor Ort funktioniert, haben wir auch schon zutreffend erörtert.
So wurden wir instruiert, so lautete unser Befehl, Befehlsverweigerung zieht allgemein immer Konsequenzen nach sich.
2. Viele GWD-Soldaten (ich schliesse mich in den Kreis der 99% ein), hatten im Kopf die feste Vorstellung und Meinung, würden sie nicht schiessen, oder absichtlich auf Tontauben, so gäbe es Konsequenzen in Form von Haft, Arrest, Gericht oder was auch immer, da ein Befehl missachtet wurde.
Wo dieses Gedankengut entstand, weis ich nicht, vermutlich in der Ausbildung.
Wir hatten glaube 100 Stunden Politunterricht, in de 3 Monaten Ausbildung die ich hatte, und wurden dort sowas von geimpft.
Bei meiner staatstreuen Vorbelastung, durch meinen Lebensweg im Elternhaus und Umfeld, war es sicher ein leichtes mich davon zu überzeugen das nur Verbrecher flüchteten und ich hätte wohl auch geschossen.
Man hat uns im Politunterricht alle toten Grenzer gezeigt, mit massig Bildern aus den Ermittlungsakten von den Schauplätzen, um auch den letzten dazu zu bewegen abzudrücken wenns draufan kommt.
Gehirnwäsche nennt man das, bei mir, wegen meiner staatstreuen Vorbelastung, wohl eher eine Veredlung und Verfestigung.
3. Ich gehe davon aus, dass es den Vorgesetzen bis zur Führung bekannt war, dass die GWD so dachten, denn sonst wär die Weisung, die in den 80zigern erfolgte, die rainman2 nannte, nicht geheim gewesen.
4. Man hat sie aber vermutlich wissentlich in ihrem Glauben belassen.
Man darf aber "zugute" halten, dass es taktisch wohl garnicht anders möglich war.
Wobei "zugute" zu gut ist, ich würde es eher als den Versuch zu verstehen bezeichnen.
5. Man darf aber trotzdem von Missbrauch reden, wie es Rügianer tat, denn es geht hier nicht um den Schmuggel einer Rolle Trops aus dem Konsum, sondern um das mögliche Töten von Zivilisten, den eigenen Landsleuten, die definitiv wohl nur in der Minderheit tatsächlich Verbrecher waren.
Der Staat sah das natürlich anders, anfangen bei der Ablehnung des Staates bis zur Verletzung der Grenze.
Kaum einer von uns GWD Grenzern ist als Todesschütze an die Grenze gekommen, und wohl jeder wollte ohne einen Schuss wieder nach Hause.
Man hat also um der Erhaltung des Landes in kauf genommen, dass sich halbe Kinder zum "Mörder" machen und bis an ihr Lebensende damit zu kämpfen haben.
Darum stimme ich Rügianer in seinen Ausführungen auch zu, dass hier wissentlich Missbrauch stattfand.
Und um nochmal die 99% zu strapazieren, hätten die GWD gewusst, dass sie straffrei bleiben, wenn sie entgegen ihres empfangenen Befehls nicht auf eine Person schiessen, dann hätten vermutlich 99% von den GWD nie einen Schuss abgegeben und die Grenztoten, würden sich heute vermutlich, geschätzt im unteren 2 stelligen Bereich ansiedeln.
Aber bevor sich der eine oder andere jetzt freut, ich hätte politisch die Seiten gewechselt, nein das hab ich nicht und hab es auch nicht vor.
Nur was sich die Staatslenker der DDR so geleistet haben, dass ging garnicht, und war auch letztendlich der Untergang.
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LG Rainer
Die Quelle. Angelos Forum in "Zögern Sie nicht, auch nicht bei Frauen und Kindern/Verfasser LO-Wahnsinn
Rainer-Maria fand ich gut, sehr treffend sein Text.