Republikflucht in die Freiheit

Republikflucht in die Freiheit

Beitragvon Interessierter » 26. Mai 2020, 09:24

Spätsommer 1989: Hendrik Haker und seine Mutter Gerlinde fahren zu Freunden nach Dresden. Auf dem Rückweg nach Schwerin sprechen sie über Hendriks Einberufung zur NVA. Hendrik hat gerade seine Ausbildung abgeschlossen und soll noch vor dem Studium zur Armee - am 2. November soll er einrücken. "Irgendwie hat er mit dem Thema angefangen und dann vorsichtig gefragt, was ich wohl davon halte, wenn er weggehe. Ich habe sinngemäß geantwortet: 'In der heutigen Situation wäre es mir lieber, du wärest in Hamburg als hier!' Danach haben wir nie wieder über dieses Thema geredet", erinnert sich Gerlinde Haker. Hendrik wertet die Antwort seiner Mutter als stilles Einverständnis: "Das hatte ich als ein Okay verstanden, obwohl sie das nicht so klar ausgesprochen hat damals."

Auf nach Warschau


Bild
So sah das Ausreise-Dokument von Hendrik Haker aus.

Hendrik Haker will nicht zur NVA - unter keinen Umständen. In der Tasche hat er ein gültiges Visum für Polen. Über Warschau will er in die Bundesrepublik flüchten. Am 16. Oktober bricht er auf. Seinen Eltern sagt er, er wolle einen Freund besuchen. "Am 16. Oktober hat Hendrik wirklich nur 'Tschüs' gesagt", erzählt seine Mutter, "aber ich habe geahnt: Er will weg, wahrscheinlich will er über Warschau raus." Per Bahn fährt Hendrik Haker nach Ost-Berlin und von dort aus zehn Stunden lang bis nach Warschau. Dort angekommen, will er eigentlich gleich in die bundesdeutsche Botschaft gehen. Aber dann betrachtet er das Gebäude erst einmal nur von außen. "Irgendwie hatte ich mir das alles ganz anders vorgestellt, ich kannte aus dem Fernsehen nur die vollgepferchte Prager Botschaft mit den chaotischen Szenen dort - in Warschau ist alles viel ruhiger gewesen", erinnert er sich.


Aufruhr im "roten Norden"

Schwerin, 18. Oktober 1989: Im Paulskirchenkeller treffen sich die Mitglieder des Koordinationsausschusses vom Neuen Forum. Eng ist es in den Kellerräumen, 30 Frauen und Männer hocken dort zusammen, doch es muss etwas geschehen, erklärt einer der Teilnehmer: "In Leipzig gehen die Montagsdemonstrationen weiter, verstärkt sogar - nur im 'roten Norden', da passiert überhaupt nichts, hier pennen sie alle noch." Die Gruppe beschließt eine Demonstration für den 23. Oktober. Bis dahin sind es nur wenige Tage, die Zeit drängt. Das Neue Forum ist noch nicht legalisiert, die Demonstration wird offiziell nicht genehmigt. Trotzdem laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Am 19. Oktober tagt in Schwerin die Bezirksleitung der SED. Ihr Erster Sekretär ist Heinz Ziegner. Aufgeschreckt durch die Pläne des Neuen Forums plant die Partei - unter Einbeziehung des "Demokratischen Blocks" aus NDPD, LDPD, CDU und DBD - eine Gegenkundgebung, eine "Dialog-Veranstaltung" auf dem Alten Garten, im Zentrum der Stadt, genau am gleichen Ort und zur gleichen Zeit wie die Demonstration des Neuen Forums. Die Parteiführung mobilisiert alle Kräfte, klebt Plakate, wirbt in Betrieben und organisiert zahllose Busse, um SED-Anhänger aus dem gesamten Bezirk nach Schwerin zu fahren.

Von den Vorgängen in Schwerin weiß Hendrik Haker nichts. Am 20. Oktober betritt er die bundesdeutsche Botschaft in Warschau. Probleme gibt es dabei nicht. Er muss lediglich einen Zettel ausfüllen und seine Beweggründe aufschreiben. Er gibt an, dass er nicht zur NVA will. "Andere plausible Gründe hatte ich ja nicht", sagt er. Er glaubt, die kommenden Tage auf einem Stuhl in der Botschaft sitzen zu müssen: wartend, schlafend, so, wie er es im Fernsehen aus Prag gesehen hat. Doch in Polen werden die Flüchtlinge in Hotels oder Ferienwohnungen untergebracht. Es sei beinahe wie im Urlaub gewesen, erinnert sich Hendrik Haker.

Wie die Geschichte ausgeht, erfährt man hier:
https://www.ndr.de/geschichte/chronolog ... ht100.html
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Re: Republikflucht in die Freiheit

Beitragvon augenzeuge » 26. Mai 2020, 11:05

Doch in Polen werden die Flüchtlinge in Hotels oder Ferienwohnungen untergebracht. Es sei beinahe wie im Urlaub gewesen, erinnert sich Hendrik Haker.


Verständliche Entscheidung. Ich wäre unter den Umständen auch nicht mehr zur NVA gegangen.

Sehr clever gemacht! Ein Visa für die CSSR gab es ja nicht. Aber das es damals so einfach war, wusste keiner.

Die Pfiffe werden lauter, "Gorbi"- und "Freie Wahlen! Freie Wahlen!"-Sprechchöre erklingen. SED-Chef Heinz Ziegner brüllt: "Eines sei jedoch ebenso klar hier gesagt: Für Ratschläge, die darauf zielen, den Sozialismus zu beseitigen, haben wir weder Zeit noch Ohr!"


Wie kommt er darauf, dass freie Wahlen gleichzeitig das Ende des Sozialismus fordern? [grin] Weil es dann absehbar war?

Was wollte er?
Pünktlich am 2. November klingelt es bei Familie Haker an der Haustür. "Vor der Tür stand ein Herr in Zivil, er hat sich vorgestellt: Er sei von der Nationalen Volksarmee, und er möchte Hendrik Haker sprechen. Ich habe dann zu ihm gesagt: 'Den möchte ich auch gern sprechen, aber er ist nicht hier.'"


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Re: Republikflucht in die Freiheit

Beitragvon Edelknabe » 26. Mai 2020, 17:30

Nee nicht noch solche, fünf Minuten vor der Angst....Seitenwechseler. Was soll das denn....heute irgendwem was sagen?

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Re: Republikflucht in die Freiheit

Beitragvon Kumpel » 26. Mai 2020, 18:40

Ach und du wusstest Anfang November 89 , dass es fünf vor 12 war?
Ich dachte du hast nichts mitbekommen weil ständig am arbeiten.
Kumpel
 

Re: Republikflucht in die Freiheit

Beitragvon Edelknabe » 26. Mai 2020, 19:08

Gute Frage Kumpel. Nur, was soll ich dir drauf antworten? Stimmt, ich war arbeiten, auch Montags wo die halbe Strasse zum späten Nachmittag zur Demo in die Leipziger Innenstadt lief. Da stieg ich gerade in mein Auto, zur Feierabendschicht.Ich frage mich nur, warum man drüber schreibt, "wo doch der Drops schon, bereits gelutscht war."

Rainer Maria

PS: Da fällt mir ein, du damalige NVA- Panzertruppe, weil, irgendwo mal gelesen? Oder erzählte das Einer? Kommt das hin, von deiner Größe her?
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Re: Republikflucht in die Freiheit

Beitragvon Kumpel » 27. Mai 2020, 05:21

Edelknabe hat geschrieben:Stimmt, ich war arbeiten, auch Montags wo die halbe Strasse zum späten Nachmittag zur Demo in die Leipziger Innenstadt lief. Da stieg ich gerade in mein Auto, zur Feierabendschicht.


Bist du da aus Überzeugung nicht mit ?
Was hast du in dem Moment gedacht als die Massen Richtung Innenstadt gelaufen sind?
Sind deine Kollegen hin gegangen? Wie war die Stimmung in deinem VEB am nächsten Tag?
Erzähl mal Edelknabe.
Kumpel
 

Re: Republikflucht in die Freiheit

Beitragvon Edelknabe » 27. Mai 2020, 05:31

Nee nee Kumpel, erst erzählst du mal, vielleicht von der deiner Panzertruppe? Im übrigen war ich zu der Zeit schon paar Jahre nicht mehr im VEB, war im Privatbetrieb (max. 8 Beschäftigte).Geben und Nehmen Kumpel, du kennst doch das alte Spiel.

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Re: Republikflucht in die Freiheit

Beitragvon Kumpel » 27. Mai 2020, 07:16

Du weist schon viel zu viel Edelknabe.
Ich weiß von dir viel weniger.
Bist du sicher , dass du nicht doch irgendwann mal was unterschrieben hast? [flash]
Kumpel
 

Re: Republikflucht in die Freiheit

Beitragvon Interessierter » 27. Mai 2020, 11:22

Zitat Kumpel:
Bist du sicher , dass du nicht doch irgendwann mal was unterschrieben hast?


Die Frage ( keine Behauptung ) scheint vielleicht gar nicht so unbegründet zu sein, wenn man bedenkt, dass ein Bürger ungeahndet und permanent " Volkseigentum in sein Privateigentum " umwandeln konnte und außerdem dazu berufen wurde Todesautomaten, die unbedingt geheim bleiben sollten, an der Grenze anzubringen?

Aber vielleicht hat ja der Edelknabe eine Erklärung dafür?
Interessierter
 


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