Im Klammergriff des Haftalltags

Im Klammergriff des Haftalltags

Beitragvon Interessierter » 19. Oktober 2016, 13:54

Die jungen Leute im märkischen Premnitz, die Lehrlinge im Chemiefaserwerk waren begeistert. Vor kurzem hatten sie einen neuen Sender mit Highlights der Rolling Stones und der Beatles auf ihren Transistorradios entdeckt. Im Sommer 1970 gab sich die am Premnitzer See versammelte Jugend ausschließlich diesem Hörgenuss hin. Eine lockere Moderation hatte sie eingestimmt: »Hier spricht Radio Rasendes Europa am verkannten Wegrand! Ihr hört nun die heißeste Musik der 60er und 70er Jahre!« Urheber des Rock-Musik-Vergnügens war der Student der Elektrotechnik an der TU Dresden Alwin Lache, 21 Jahre alt und in den Semesterferien wieder in Prem-nitz zu Hause. Über einen selbstgebauten Sender ließ er Tonbänder laufen, auf denen englischsprachiger Rock zu hören war, überspielt von AFN oder BFBS, den amerikanischen und britischen Rundfunksendern, oder auch von RIAS, SFB und NDR.

Diese Ungeheuerlichkeit hatte die Kreisdienststelle des MfS in Rathenow alarmiert. Am 7. Juli 1970 wurde Alwin Lache festgenommen und in die Potsdamer Untersuchungshaftanstalt des MfS gebracht. Das Gefängnis hieß im Volksmund »Lindenhotel«, denn es lag in der Lindenstrasse, die dann in DDR-Zeiten den Namen Otto-Nuschke-Strasse bekam.

Alwin Lache, der erfolgreiche Rundfunkbastler, wurde laut offizieller Urteilsbegründung »wegen Beeinträchtigung der Sicherheit im Funkverkehr – Vergehen gem. § 205 StGB – zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr« verurteilt. Dem geheimen Operativ-Vorlauf der Stasi-Kreisdienststelle Rathenow zufolge wurde er jedoch »wegen illegalen Betreibens eines 20 Watt-Senders und der damit verbundenen politisch-ideologischen Zersetzungstätigkeit« und Hinweisen auf »staatsfeindliche Hetze« inhaftiert. In vergleichbaren Fällen hatten Geldstrafen ausgereicht, doch dieser »staatsfeindliche« Lache gehörte hinter Gitter; das MfS bestimmte das Maß der Strafe. Solche Informationen sowie längere Auszüge aus den persönlichen Stasi-Akten sind als Ergänzung allen Erlebnisberichten angefügt. So ergibt sich ein umfassendes Bild des jeweiligen Falles und Schicksals, wird die subjektive Ebene um aufschlussreiche, historisch belegbare Hintergründe ergänzt. Hier bietet das Buch mehr als vergleichbare pure Opferberichte.

Die Auswahl der Interviewpartner ist alles andere als einseitig. Sie reicht vom 14-jährigen Schüler Peter Runge, der im russischen Geheimdienstgefängnis zu Lagerhaft in Sachsenhausen verurteilt wurde, weil er bei der Maidemonstration weiße Nelken trug, bis hin zum Betriebsdirektor Hermann F., der vier Jahre vor seiner Verhaftung 1982 noch aus der Hand Erich Honeckers den Nationalpreis für Wissenschaft und Technik erhalten hatte. Als Direktor eines großen Maschinenbaubetriebes fand Hermann F. für aus der BRD importierte mit der Lieferfirma, um notwendige Ersatzteile rasch zu beschaffen. Prinzipienstarre, Bürokratismus und ein tief verwurzeltes Misstrauen des MfS sorgten für eine Verurteilung zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft wegen »Verletzung des Außenhandelsmonopols der DDR.«

Der vollständige Beitrag hier:
http://www.horch-und-guck.info/hug/arch ... 323-rohde/

Das sind weitere Beispiele wie Menschen unter dieser DDR - Diktatur teilweise, willkürlich und völlig unangemessen zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Hinzu kommt noch, dass teilweise vom MfS das Strafmass vorgegeben wurde.
So sah die unabhängige Justiz in dieser Diktatur aus. PFUI DEIBEL
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Re: Im Klammergriff des Haftalltags

Beitragvon AkkuGK1 » 19. Oktober 2016, 14:28

das kann ja gar nicht sein. In dieser DDR gab es keine Missstände. Schon gar nicht in der Justiz! Die war die Gerechtigkeit überhaupt. Da könnt ihr jeden fragen in der DDR.
König von Deutschland, das kann ich mir richtig vorstellen, die Gefängnisse wären voll mit Gesperrten - ich bin raus.
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Re: Im Klammergriff des Haftalltags

Beitragvon Volker Zottmann » 19. Oktober 2016, 21:08

Hallo Wilfried,
ich habe mir ja das "Lindenhotel" ausgiebig angeschaut, schrieb ja schon darüber. Eine dicke Broschüre über Häftlinge, in beiden nacheinander folgenden Diktaturen, habe ich dort mitgenommen. Der Runge-Fall ist ebenso dabei. 16 war er "schon" etwa, als ihn das alles ereilte. Er stammt übrigens auch aus Halle/ Saale, wie der Heiko Runge.
Ich schicke Dir dieses Heft. Erschütternd, was man da an Einzelschicksalen erfährt. Unterschiede zur NS-Zeit gibt es kaum, denn viele Insassen verschwanden jeweils auf Nimmerwiedersehen, später nicht mehr in KZs, dafür aber wurden sie zur Erschießung nach Moskau verbracht. Zumindest bei allen Politischen ist immer nur Willkür im Spiel gewesen.

Gruß Volker
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Re: Im Klammergriff des Haftalltags

Beitragvon Interessierter » 24. Februar 2018, 14:12

Häftlingsprotest in der DDR - "Beten Sie mit uns, dass das hier friedlich abläuft"

Hilfeschrei in letzter Minute: Hunderte Häftlinge besetzten in den letzten Tagen der DDR die Dächer ihrer Gefängnisse. Sie fürchteten, im Wiedervereinigungstaumel vergessen zu werden.

Bild
Verhandlung: Wenige Tag vor der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 besetzten Hunderte Strafgefangene in der ganzen DDR die Dächer ihrer Strafanstalten. Das Foto zeigt Innenminister Peter-Michael Diestel auf dem Dach der Untersuchungshaftanstalt in Leipzig bei Verhandlungen im Juli 1990.

Eigentlich wollte Johannes Drews über "Glaubens- und Lebensfragen" diskutieren. Wie es der katholische Pfarrer seit Monaten in der Strafvollzugseinrichtung Brandenburg an der Havel tat. Doch an diesem Abend des 19. September 1990 wollte sich keine Ruhe einstellen.

Gegen 22 Uhr verließ Drews die Haftanstalt. Es war bereits nach Mitternacht, als das Telefon in seiner Wohnung schrillte. Gerade hatten die Wachen die vermissten Häftlingen entdeckt - im Licht eines Scheinwerfers saßen sie hoch oben auf dem alten Verwaltungsgebäude der Haftanstalt.

Drews raste mit seinem roten Wartburg zum Gefängnis. Bis heute hat er die Worte eines Häftlings im Kopf: "Na, Pfarrer, jetzt können Sie nur noch mit uns beten, dass das hier friedlich abläuft."

In den folgenden Tagen besetzen Hunderte Gefangene in der gesamten DDR Dächer von Haftanstalten oder traten in den Hungerstreik. Sie hatten Angst, im Wiedervereinigungstaumel vergessen zu werden.

"Menschenunwürdig"

Fast 25.000 Verurteilte saßen im März 1989 in den Gefängnissen des Arbeiter- und Bauernstaates ein. Und machten die DDR zumindest in diesem Bereich zum Spitzenreiter. Während in der Bundesrepublik nur 66 von 100.000 Bürgern inhaftiert waren, waren es in Ostdeutschland 149.

DDR-Richter verhängten gemäß dem ideologisch beeinflussten Strafgesetzbuch hohe Freiheitsstrafen - gerade bei politischen Straftaten wie der versuchten Republikflucht. Von rechtsstaatlichen Verhältnissen war das Land weit entfernt: Die Stasi erpresste in manchen Fällen Geständnisse, ein freier Zugang zu einem Anwalt war nicht gewährleistet.

Die Strafgefangenen fristeten ihr Leben in maroden und überfüllten Haftanstalten wie etwa in Brandenburg an der Havel. Einst für rund 1900 Häftlinge errichtet, pferchte der DDR-Strafvollzug bisweilen bis zu 3000 Männer in das größte Gefängnis des Landes ein. Bei einer Pressekonferenz am 5. Dezember 1989 durfte Drews, der seit über einem Jahr dort Gefängnisseelsorger war, zum ersten Mal die Zellen der Gefangenen sehen. "Die Unterbringung war menschenunwürdig", erinnert er sich im Gespräch mit einestages. "Ein kleiner Haftraum war mit zwölf Gefangenen belegt. Dreistockbetten, ein kleiner Tisch und vier Stühle."

Bild
Unwürdig: Strafgefangene lebten in DDR-Gefängnissen meist unter unwürdigen Bedingungen. Die Zellen waren klein und überbelegt, die Bausubstanz oft marode. Das Bild wurde 1990 in einer Berliner Untersuchungshaftanstalt aufgenommen.

Mit dem Bericht und weiteren Fotos geht es hier weiter:
http://www.spiegel.de/einestages/dachbe ... 52979.html
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Re: Im Klammergriff des Haftalltags

Beitragvon Interessierter » 1. Februar 2019, 13:16

Hölle DDR-Knast: Ex-Häftlinge mahnen

120 politische Häftlinge waren in der DDR im Stahlwerk Brandenburg unter unwürdigen Bedingungen zu Zwangsarbeit eingesetzt worden. Es gab körperliche Gewalt und Todesdrohungen. Die Interessengemeinschaft ehemaliger politischer Brandenburger Häftlinge hat Betroffene und Sachverständige zur Tagung ins Industriemuseum eingeladen.


„Man sieht uns nichts an. Seelische Verletzungen hinterlassen keine sichtbaren Spuren“, sagt Jürgen Sydow von der Interessengemeinschaft ehemaliger politischer Brandenburger Häftlinge 1945-1989. Die Öffentlichkeit auf die Leiden der Betroffenen aufmerksam zu machen, ist das Anliegen der Interessengemeinschaft, die sich im Juni 2015 gegründet hat.

Bei ihrer Tagung am Samstag im Industriemuseum haben Betroffene und Sachverständige die Problematik aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. „120 politische Häftlinge sind im Stahlwerk Brandenburg unter menschenunwürdigen Bedingungen zu Zwangsarbeit eingesetzt worden. Dieses Thema wurde überhaupt noch nicht aufgearbeitet“, sagte Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Roland Garve, ehemaliger politischer Häftling, las aus seinem Buch „Unter Mördern. Gefängnisalltag in der DDR“.

Erardo Rautenberg, Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg, berichtete über die Strafverfolgung von übergriffigen Justizvollzugsbediensteten. Zwei von ihnen aus der Strafvollzugsanstalt Cottbus mit den Spitznamen „Roter Terror“ und „Arafat“ seien wegen schweren Gefangenenmisshandlungen – unter anderem Scheinexekutionen - jeweils zu mehrjährigen Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt worden. Zehn weitere kamen mit Bewährungsstrafen davon. 92 verdächtige Todesfälle könnten wohl nie mehr aufgeklärt werden, da die Leichen ausnahmslos verbrannt worden seien, so Rautenberg.

Jürgen Sydow hat zehn Monate als politischer Häftling in mehreren Gefängnissen der ehemaligen DDR eingesessen, unter anderem sechs Monate im berüchtigten Stasiknast Cottbus, davon drei Monate in Isolationshaft. Er habe nach seiner Haftzeit – Sydow wurde 1975 von der Bundesrepublik Deutschland frei gekauft – nie wieder einem Menschen vertrauen können.

Obwohl in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, war Sydow in der FDJ und bei den Jungen Pionieren. Er feierte Erfolge als erfolgreicher Sportler im Schießsport. Er hat Bauingenieurwesen in Cottbus studiert und durfte als 22-jähriger Student schon selbstständig Projekte bearbeiten. Doch er hatte einen kritischen Geist. „Der Amtskirche habe ich schon länger kritisch gegenüber gestanden.“ Nachdem Sydow mehrmals Zeuge wurde, wie in der DDR Vergehen mit zweierlei Maß gemessen wurden, stand er auch dem Staatswesen kritisch gegenüber. Im Urlaub in Ungarn traf er sich öffentlich mit einem Mitarbeiter der Botschaft der BRD, um die Möglichkeiten einer Ausreise zu erkunden. Auf dem Weg zu einer Freundin, die in Ungarn nahe der Grenze zu Österreich wohnte, wurde er lange vor der Grenze von einer Streife angehalten und verhaftet. Drei Wochen Isolationshaft in Budapest, dann Überstellung in die DDR. Da er kein Geständnis unterschrieb, erpresste man ihn damit, dass man seinen Vater inhaftieren würde, der Beweismittel versteckt habe. Da unterschrieb Sydow, wohl wissend, dass es solche Beweismittel gar nicht gab.

http://www.maz-online.de/Lokales/Brande ... nge-mahnen
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