Schmuggel: Mit gelöschtem Licht

Schmuggel: Mit gelöschtem Licht

Beitragvon Werner Thal » 27. Juni 2020, 10:17

DER SPIEGEL - 12/1952 - SCHMUGGEL Mit gelöschtem Licht

Seit Wolfgang Schulz, ein 47jähriger Handelsvertreter in Braunschweig, von seiner letzten Fahrt in die Sowjetzone
mit einem Schußloch im Nummernschild zu seinem besorgten Weib heimgekehrt ist, wimmelt er alle Kunden ab,
die ihm das Braunschweiger Straßenverkehrsamt noch gelegentlich vor die Glastür schickt: "Nein, nein, vorerst fahre
ich nicht mehr hinüber."

Schulz, von der sowjetzonalen Kripo gesucht, will zunächst einmal abwarten, wie es mit der Wiederherstellung der
deutschen Einheit wird, bevor er seine restlichen sieben Motorräder aus Magdeburg holt.

Der ehemalige Schirrmeister beim Kraftfahrpark der 13. Panzer-Division glaubt einer der letzten Überlebenden der
wegen ihrer Gefährlichkeit langsam aussterbenden Berufssparte der interzonalen Auto-Schmuggler zu sein. Das mit
dem Schußloch war eine Berufs-Panne gewesen.

Schulz hatte gerade einen Personenkraftwagen, Marke DKW, welcher der Firma Ernst Hugo Seemann, früher Magdeburg,
heute Osterode, gehört, über die von ihm besonders frequentierte Kreuzung beim Zonengrenzdorf Beendorf
geschaukelt, als es hinter ihm knallte. Es gab einen blechernen Schlag. Aber erst in Helmstedt hatte Schulz dann
Zeit, nachzusehen, was passiert war.

Das Schußloch im Nummernschild war nicht das einzige Malheur, das Wolfgang Schulz während seiner rund
dreijährigen Berufspraxis hatte. Einmal, als er auf einem eigenen Motorrad, das er in den Westen schmuggeln wollte,
auf den Waldrand nordwestlich von Beendorf zujagte, wurde er plötzlich angerufen. "Ich sehe gerade noch, wie zwei
Volkspolizisten ihre Karabiner vom Rücken reißen. Gleich darauf pfeift es mir auch schon um die Ohren." Aber Schulz
war im Wald.

Bei einem anderen Mal begegnete er im selben Wald einer berittenen Russen-Streife. Die Russen sprengten von rechts
her auf einem schmalen Waldpfad auf ihn zu. "Stoi, stoi!" brüllten sie. Schulz war wieder per Motorrad. "Ich reiße das
Rad herum und jage quer zwischen die Bäume hinein, die beiden Iwans mit verhängten Zügeln hinter mir her."

Schulz entkam den beiden Russen damals nur dadurch, dass er kombinierte: "Galoppierende Reiter können nicht
schießen. Noch weniger treffen. Am wenigsten einen Motorradfahrer, der im Wald zickzack fährt."

Auf die Idee den schwarzen Grenzverkehr gewerbsmäßig auszuüben, war Wolfgang Schulz gekommen, nachdem er sein
eigenes 13. Motorrad heil über die Grenze gebracht hatte.

Inzwischen hatte es sich nämlich herumgesprochen, welche kecken Touren der ehemalige Schirrmeister ritt. Die ersten
Kunden kamen und drückten bei Schulzens in Braunschweig, Göttingstraße Nr. 4, auf den Klingelknopf. Es waren Leute,
die aus der Sowjetzone geflüchtet waren und ihre Kraftfahrzeuge dort zurücklassen mußten. Wolfgang Schulz sollte sie
ihnen nachträglich über die Grenze holen.

Später bekam Schulz seine Aufträge sogar durch Heinz Bomhauer, einen leitenden Angestellten des Straßenverkehrs-
amtes in Braunschweig, vermittelt. "Die Grenzwachen auf der westdeutschen Seite waren jedesmal informiert, wenn ich
von drüben erwartet wurde", sagt Schulz.

....und hier liest es sich weiter.....:

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Re: Schmuggel: Mit gelöschtem Licht

Beitragvon augenzeuge » 27. Juni 2020, 10:36

Wahnsinn, wie clever er war.

AZ
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Re: Schmuggel: Mit gelöschtem Licht

Beitragvon Werner Thal » 27. Juni 2020, 10:45

augenzeuge hat geschrieben:Wahnsinn, wie clever er war.

AZ


Das alles war ja auch theoretisch bis Ende Mai 1952 möglich. Aber dann wurden so nach und nach
die ersten Grenzsperren installiert. Und in der beschriebenen Gegend westlich und nordwestlich
von Beendorf ganz bestimmt.
Von Wolfgang Schulz war dann auch in dieser Beziehung nichts mehr zu hören.

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