Leuchtreklame in der DDR

Wie entwickelte sich die Wirtschaft der DDR, wie die der Bundesrepublik während der Teilung Deutschlands. Welche Anzeichen gab es für die Entwicklung? Was waren die Ursachen?
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Leuchtreklame in der DDR

Beitragvon Interessierter » 2. März 2020, 10:43

Es werde Licht

Wettleuchten statt Wettrüsten: Um mit dem schillernden Westen mitzuhalten, starteten DDR-Betriebe in den fünfziger Jahren eine Lichtrevolution. Bunte Leuchtreklame sollte die sozialistische Moral und den Absatz von Ost-Produkten beflügeln - leider hatte manche Werbung einen Haken.

Der Staatsratsvorsitzende war nicht amüsiert. Als Walter Ulbricht Ende der sechziger Jahre Dresden besuchte, schlenderte er auch am preußischen Schloss Albrechtsberg vorbei, das zu seinen Ehren in "Pionierpalast Walter Ulbricht" umbenannt worden war. Doch was musste der greise Staats- und Parteichef da lesen? "Pionierpalast alter Ulbricht"! Ein Buchstabe der großen Neonschrift war erloschen. Empört verlangte Ulbricht, dass der Lapsus sofort behoben werden solle.

Frank Müller war damals Chef des einzigen Dresdner Herstellers von Lichtwerbeanlagen. "Es war ein sehr regnerisches Wochenende", erinnert er sich an den grotesken Vorfall, von dem er beteuert, dass er sich genauso abgespielt habe. "Die Isolation der Leuchtschrift war schlecht, so dass der Buchstabe ausfiel. So etwas passierte fast täglich bei Lichtwerbeanlagen." Seine Firma ließ den Defekt reparieren, doch als Ulbricht am nächsten Tag an dem Elbschloss vorbeikam, schien ihn die Leuchtreklame erneut zu verspotten: Diesmal musste er "Pionierpalast Walter bricht" lesen.

"Sofort kam der Befehl von amtlicher Stelle der SED, die Neonschrift ganz abzureißen", berichtet Müller, der binnen weniger Tage die teuren Neonbuchstaben abmontierte. Gleichzeitig habe ein offizieller Erlass verlangt, Lichtanlagen müssten künftig so gestaltet werden, dass solch sinnentstellende Wortschöpfungen nicht mehr möglich seien.

Die hellste Stadt der Republik

Leipzig war eine der ersten Städte, in denen der neue Geist spürbar wurde. "Unsere Stadt muss als Handelsmetropole von Weltgeltung selbstverständlich ein modernes Gesicht haben, auch bei Nacht", forderte die "Leipziger Volkszeitung" 1955. Die Stadtverwaltung organisierte flugs ein Preisausschreiben und belohnte die beste Idee für ein "Leipzig im modernen Licht" mit stattlichen 1000 Mark. Schon bald leuchteten nachts nicht nur die Werbetafeln der Ketten Konsum und HO, sondern auch die Schriftzüge kleinerer Geschäfte. Als "hellste Stadt unserer Republik" pries 1957 ein Werbefachblatt die Messestadt.

Doch auch in anderen Städten der Republik veränderte sich langsam das nächtliche Bild. Trafos wurden montiert und Kilometer von Kabel und Neonröhren verlegt. Ganze Straßenzüge wurden aus der Dunkelheit gerissen. Leuchtende Zierfische schwammen auf einmal in Berlin wie von Zauberhand durch Neon-Wasserblasen, ein blau-weißes "M" wurde zum Markenzeichen der Berliner Markthalle und ein Pinguin mit gelben Augen lud die Leipziger zum Eisschlecken in die Milchbar ein.

Die Konstruktion solcher Lichtanlagen verlief jedoch nicht problemlos: Zwar gab es in Thüringen hervorragende Glasbläsereien, doch mangelte es an Transformatoren und Hochspannungskabeln. Buchstaben aus Acrylglas, hinter denen Neonröhren montiert wurden, mussten mühsam mit der Stichsäge ausgeschnitten werden, da es kein Spezialwerkzeug gab. Überhaupt konnten nicht einmal ein Dutzend Firmen Leuchtwerbung herstellen. Mit der gewandelten Einstellung der DDR-Spitze zur Lichtreklame waren sie plötzlich hoffnungslos überbucht.

Werbung für Mangelwaren

"Wir haben uns regelmäßig mit den Kollegen aus Leipzig um Aufträge gestritten", berichtet Frank Müller, "und zwar darum, die Aufträge nicht machen zu müssen". Müller leitete seit 1967 die Dresdner Firma Neon-Müller, die sein Vater in der Weimarer Republik gegründet hatte, und koordinierte den Bau einiger spektakulärer Großprojekte: So montierte er etwa auf einem 17-geschossigen Hochhaus einen rotierenden Würfel mit einer Kantenlänge von fünf Metern. Die tonnenschwere Anlage, die Werbung für sowjetische Autos machte, musste in Einzelteile zerlegt und gar per Interflug-Hubschrauber auf das Hochhaus transportiert werden. Die Konstruktion kostete insgesamt fast eine halbe Million Ostmark.

Müllers Firma baute in Dresden auch eine 140 Meter lange Werbeanlage für die Elektroindustrie oder montierte den geschwungenen Neon-Schriftzug "Trink Margonwasser", der heute unter Denkmalschutz steht. Dabei benötigten manche der beworbenen Firmen eigentlich keine zusätzliche Aufmerksamkeit. "Es war schon absurd, mit viel Aufwand für Radeberger Pils oder die Möbelindustrie zu werben, wenn Bier knapp war oder man Jahre auf Möbel warten musste", erzählt der heute 73-Jährige.

In Wahrheit sei es der DDR gar nicht um Verkaufswerbung gegangen. "Das war reine Präsenzwerbung", erklärt Müller, "es ging nur darum zu zeigen, welche Industriezweige es gibt, welche Produkte wir produzieren und zu sagen: Seht her, wir haben etwas zu bieten!" Gleichzeitig habe die Lichtreklame die Städte attraktiver und lebendiger gemacht.

"Der Sozialismus siegt"


Mitunter setzte die Regierung Neonlicht aber weitaus plumper als Mittel der Propaganda ein. So musste Neon-Müller pünktlich zum 1. Mai 1968 den roten Schriftzug "Der Sozialismus siegt" auf ein Dresdner Hochhaus installieren. Die meterhohen Lettern "Plaste und Elaste aus Schkopau", Werbung für Chemieprodukte, leuchteten nicht zufällig direkt am Straßenrand der Transitautobahn – sie sollten auch den Klassenfeind beeindrucken. Und für den Berliner Alexanderplatz plante die SED 1969 für sechs Millionen Mark die aufwändigste Werbeanlage der DDR. Die zehn Quadratmeter große Bildwand sollte pünktlich zum 20. Jahrestag der DDR fertiggestellt sein.

Doch die Partei überschätzte die Möglichkeiten der heimischen Firmen: Der beauftragte Familienbetrieb aus Leipzig konnte den engen Zeitplan nicht einhalten, so dass am Geburtstag der DDR Bilder per Handsteuerung gezeigt werden mussten. Weil die Bildwand auch Jahre später noch nicht einwandfrei funktionierte, wurde sie diskret wieder abgebaut.

Andere ambitionierte Projekte scheiterten dagegen an der politischen Revolution: Als Gegenentwurf zum Kurfürstendamm plante Honecker Mitte der Achtziger eine großzügige Bebauung der Berliner Friedrichstraße. Doch zum Bau großer Lichtanlagen kam es kaum noch: Nur wenige Jahre später fiel die Mauer – und als nach dem rauschenden Fest das Massensterben der einstigen DDR-Betriebe begann, eroberte die Westwerbung schleichend und unaufhaltsam die Städte des Ostens.

https://www.spiegel.de/geschichte/leuch ... 46692.html
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Re: Leuchtreklame in der DDR

Beitragvon zonenhasser » 2. März 2020, 13:07

„Mein Leipzig lob‘ ich mir“ leuchtet wieder über der Stadt
Kaum eine Leuchtreklame ist den Leipzigern so ans Herz gewachsen. Und nun ist sie zurück: „Mein Leipzig lob‘ ich mir“ strahlt seit Donnerstagabend wieder über der Stadt.



Ein warmer Sommerabend. Samtige Dämmerung, perfekt für so einen Moment: Ein Countdown von zehn bis eins und sie strahlt wieder über der Stadt, die historische Leuchtreklame „Mein Leipzig lob‘ ich mir“ und „Willkommen in Leipzig“ in vier Sprachen. Dazu zur Feier des Tages ein Feuerwerk. An den Höfen am Brühl weihten Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und Centermanager Robin Spanke mit Gästen am Abend den runderneuerten Schriftzug ein.

Nach 5450 Arbeitsstunden verhelfen nicht nur 185 Liter Grundierungsfarbe und 126 Liter Decklack der 42 Jahre alten Reklame zu neuem Glanz. Der Clou sind die LED-Neonflex-Schläuche, die wie die alten Röhren ihr Licht rundum abstrahlen. Rund 2200 Meter modernstes Leuchtmittel winden sich nun durch den fast 100 Meter langen Schriftzug.

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Der Schriftzug „Willkommen in Leipzig“ sei, so Oberbürgermeister Jung, nicht nur besonders schön, sondern für die Leipziger auch „in besonderer Weise identitätsstiftend“. Es sei eine Botschaft, die nach Deutschland und nach Europa gehe, nach dem Motto: „Willkommen, lasst uns eine offene Gesellschaft sein.“

Die Höfe am Brühl erfüllen mit der Montage einen städtebaulichen Vertrag und haben nach eigenen Angaben rund 400.000 Euro in die denkmalgerechte Restaurierung investiert.

Tradition und Moderne

Tradition und moderne Technik vereint – dieses Credo haben Höfe-Manager Spanke und Gerd Martin vom Unternehmen Caralux in den vergangenen Monaten der Restaurierung immerzu wiederholt. Das Ergebnis: Durch die Umrüstung von Neon auf LED brauchen die Betreiber nur rund 20 Prozent der bisherigen Energie. Die Betreiber verwenden dafür zu 100 Prozent „grünen Strom“ der Stadtwerke.

Eine lichtabhängige Steuerung sorgt dafür, dass sich Goethes berühmtes „Faust“-Zitat „Mein Leipzig lob‘ ich mir“ den Lichtgegebenheiten anpasst. Der 15,92 Meter breite und 4,92 hohe Schriftzug thront auf der südlichen Seite der Höfe am Brühl und erleuchtet sanft die City. Besucher werden zudem auf Deutsch, Englisch, Russisch und Französisch willkommen geheißen.

Auch Peter Lorenz, Chef des angrenzenden Marriott-Hotels, äußerte sich bei der Präsentation erfreut: „Die Leuchtreklame geht um 22 Uhr aus. Das ist ein sehr guter Kompromiss.“ Ein Rechtsstreit um eine mögliche Störung der Hotelgäste durch die Leuchtreklame konnte beigelegt werden. Lorenz fügte gar hinzu: „Meine Gäste lieben Geschichten und ,Mein Leipzig lob’ ich mir’ ist in vielerlei Hinsicht eine gute Geschichte.“

30 Tonnen schwerelos

Rund 30 Tonnen wiegt die Reklame, die in den vergangenen Wochen mit Kränen auf das Dach der Höfe gewuchtet und montiert wurde. Die fünf Meter hohen Lettern sind aus der Nähe noch beeindruckender als aus der Ferne. An diesem samtigen Sommerabend nimmt das Licht ihnen jegliche Schwere. Ein perfekter Abend für diesen Moment.

Von Evelyn ter Vehn und Anton Zirk

© lvz.de 27.07.2018
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