DDR-Tour von Jazz-Legende Louis Armstrong

DDR-Tour von Jazz-Legende Louis Armstrong

Beitragvon Werner Thal » 4. Februar 2020, 09:32

DER SPIEGEL - Geschichte

DDR-Tour von Jazz-Legende Armstrong

Louis In Leipzig

1965 trat Louis Armstrong das erste und einzige Mal in der DDR auf. Statt Gage gab es Teleskope von Carl Zeiss,
angeblich auch Waffen und Antiquitäten. Beteiligt an dem Geschäft war ein früherer Buddy (Kumpel) von Al Capone.

Das konnte nicht sein Ernst sein, dachte Karlheinz Drechsel. Ein Gag, völlig illusorisch. Fragte ihn der Abteilungsleiter
der DDR-Künstleragentur tatsächlich, ob er Lust habe, eine Louis Armstrong-Tournee als Moderator, Reiseleiter und
Dolmetscher zu begleiten?

Der Musikjournalist Drechsel ist einer der größten Jazz-Kenner der DDR. Aber für ihn war dieses Sujet lange Zeit ein
Forschungsobjekt wie für einen Hobbyastronomen das Weltall - unerreichbar. Wie gern wäre er mal nach New Orleans
geflogen, der Wiege des Jazz, wie gern mal in einem Jazzklub in New York gesessen. All das war verboten. Und nun
sollte er bald eine ganze Woche mit einem der Heroen seiner Lieblingsmusik verbringen? Für Drechsel schien das
vollkommen irreal.

Doch das Angebot, das er an jenem Februartag 1965 bekam, war keineswegs ein Scherz - so unwahrscheinlich es auch
schien: Die (Berliner) Mauer stand noch nicht mal vier Jahre. Der Kalte Krieg war auf dem Höhepunkt. Der Jazz - die
amerikanischste aller Musikformen - galt als eines der größten Tabus. Für den damaligen Staats- und Parteichef
Walter Ulbricht war Jazz schlicht "Affenmusik". Bis zu seiner Tournee in der DDR gab es hier keine einzige Schallplatte
von Armstrong zu kaufen. Und trotzdem ließ der alte Apparatschik das Gastspiel zu.

Die ersehnte Aufwertung

Als Armstrong am 19. März 1965 in Berlin-Schönefeld landete, wurde auch deutlich, warum. Der Chef der DDR-Künstler-
agentur, Ernst Zielke, hielt zum Empfang eine ellenlange Rede. Auf Deutsch, politisch gefärbt, Frieden, Sozialismus,
Arbeiterklasse, Völkerfreundschaft, und so weiter und so fort. Für den Kulturfunktionär bedeutete der Besuch eine
Aufwertung der DDR. Seht her - so die Botschaft - einer der größten Stars der Welt kommt in unser schönes Land.
So las sich das später in der "Schweriner Volkszeitung" (SED-Bezirkszeitung): "Dass Armstrong (...) in die DDR kam,
ist auch ein Beweis unseres wachsenden politischen und wirtschaftlichen Ansehens in der Welt."

Ansehen hatte jedoch allenfalls Armstrong bei den DDR-Bürgern. Der Trompeter und Sänger gab 17 Konzerte in acht
Tagen, das erste am 20. März im alten Friedrichstadtpalast, das letzte am 8. April in Schwerin. Zwischendurch gastierte
er in Leipzig, Magdeburg und Erfurt. Dass die Kulturhochburg Dresden fehlte, lag an den Bedingungen des Managements,
das Spielstätten mit mindestens 3000 Plätzen verlangte. Die gab es nur in fünf Städten. So kam es, dass die All-Star-Band
vor allem in Sporthallen spielte. Fast 60.000 Menschen kamen zu den Konzerten, es wurde neben den Auftritten des
Moskauer Bolschoi-Ballets das erfolgreichste Gastspiel des Jahres in der DDR.

https://www.spiegel.de/geschichte/louis ... 24665.html

PS: Laut Wikipedia hat die Schweriner Sport- und Kongresshalle eine Kapazität von (derzeit) 5184 Sitzplätzen, maximal
8000 Plätzen. Sie wurde 1962 eröffnet.
Louis Armstrong war in Schwerin im Bahnhofshotel einquartiert.

W. T.
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