Kempowskis Rostock-Besuch

Alles was in den Zeitraum nach der Wende gehört. Das Zusammenwachsen von zwei grundverschiedenen Systemen, Probleme, Erwartungen, Empfindungen usw.

Kempowskis Rostock-Besuch

Beitragvon Werner Thal » 3. Februar 2020, 11:47

DER SPIEGEL Geschichte

Kempowskis Rostock-Besuch

"Fotografieren Sie das mal!"

1990 kehrte Walter Kempowski in seine Heimatstadt Rostock zurück, wo ihn die Sowjetunion 42 Jahre
zuvor verhaftet hatte. Siegfried Wittenburg war dabei - und machte historische Bilder von der verlassenen
Wohnung des Schriftstellers.

Walter Kempowski blickte zum Kreuzgewölbe der mächtigen, gotischen Marienkirche in Rostock.
"Sehen Sie dort oben den goldenen Stern auf blauem Grund? Wenn Sie mir den runterholen, gebe ich Ihnen
1000 D-Mark."

Ich wußte nicht, ob der berühmte Schriftsteller scherzte. Die Revolution, die Deutschland im Herbst 1989
erfasst hatte, war jetzt, im Januar 1990, noch nicht beendet. Jeden Donnerstag demonstrierten Tausende
in Rostock für freie Wahlen. Zudem war ohne eine frei konvertierbare Währung auch die lang ersehnte
Reisefreiheit nicht viel wert.

Alles, was in der DDR dringend benötigt wurde, gab es nur für D-Mark. Die Aussicht auf 1000 (D)-Mark
war also verlockend für mich. Dann hörte ich Walter Kempowski sagen: "Ach, neben dem Stern befindet sich
eine Luke. Es ist ja ganz einfach. So gibt es nur 500 (D)-Mark."

Eine erbarmungslose Strafe

Es war eine Nachricht in der Zeitung, die mich überhaupt erst zu dieser Begegnung geführt hatte:
"Walter Kempowski kommt nach Rostock." Ich war wie elektrisiert. Eine Rückkehr nach all den Jahren in jene
Stadt, von der seine Erfolgsromane so sehnsüchtig erzählen!

Als Sohn einer bürgerlichen Familie hatte er seine Heimatstadt zuletzt vor fast einem halben Jahrhundert
gesehen: 1948 im Alter von 19 Jahren. Nach dem Krieg war er Verkäufer in einem PX-Shop der amerikanischen
Besatzungsmacht in Wiesbaden - und nun besuchte er seine Mutter in Rostock. Sein sechs Jahre älterer Bruder
Robert führte dort die väterliche Reederei weiter und hatte Frachtpapiere gesammelt, die beweisen sollten,
dass die sowjetische Besatzungsmacht weit mehr Demontagegüter abtransportieren ließ, als im Potsdamer
Abkommen mit den Alliierten vereinbart war.

Diese Beweise wollte Walter Kempowski den Amerikanern übergeben, doch der sowjetische Geheimdienst
verhaftete ihn. Ein Militärtribunal verurteilte ihn zu 25 Jahre Arbeitslager; auch seine Mutter wurde zu
jahrelanger Zwangsarbeit verurteilt. Für einen Jugendlichen, der bei Kriegsbeginn noch ein Kind gewesen
war und in den letzten Kriegstagen seinen Vater verloren hatte, war das eine Strafe ohne Erbarmen.

Kempowski verbüßte acht Jahre Haft im Zuchthaus Bautzen. Als er 1956 vorzeitig entlassen wurde, ging rt
zunächst zu seiner Mutter, die nach Hamburg gezogen war, holte das Abitur nach und wurde anschließend
in Niedersachsen Lehrer. 1969 erschien sein literarisches Erstlingswerk "Im Block. Ein Haftbericht.", in dem
er seine Erlebnisse in Bautzen verarbeitete.

Kempowskis Romane waren in der DDR verboten. Die Sowjets waren die Befreier, die Guten, und wer an
diesem staatlich inszenierten Mythos kratzte, bekam ein Problem. Doch die verbotene Literatur befand
sich im Bücherregal unserer Familie. Als ich sie las, verstand ich sie nicht vollständig, denn mein bis dahin
in der "sozialistischen Gesellschaft" erworbenes Geschichtsbewusstsein war ein anderes. Auch an die
Verfilmungen, im Westfernsehen ausgestrahlt, konnte ich mich erinnern, doch die "sozialistische"
Realität war inzwischen eine andere.

...auch hier geht es weiter:

https://www.spiegel.de/geschichte/walte ... 12737.html

W. T.
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Re: Kempowskis Rostock-Besuch

Beitragvon zonenhasser » 3. Februar 2020, 13:36

Walter Kempowskis Romane und Verfilmungen habe ich sehr gern gelesen bzw. geschaut. Er litt ja lange Zeit darunter, literarisch nicht anerkannt gewesen zu sein, auch weil er konservativ war.

Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein. […] Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt. - 2007
Die “Rote Fahne” schrieb noch “wir werden siegen”, da hatte ich mein Geld schon in der Schweiz.
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