DDR-Flucht: BG 14 war pünktlich

DDR-Flucht: BG 14 war pünktlich

Beitragvon pentium » 1. Februar 2020, 15:12

Noch immer wird der genaue Hergang der spektakulären Flucht des Rostocker Segelmachers Willy Gaeth, die beinahe zum ersten bewaffneten Zusammenstoß zwischen der DDR-Marine und Booten des Bundesgrenzschutzes geführt hätte, von offiziellen Stellen geheimgehalten. Tatsächlich verlief das Rettungsunternehmen auf See genau nach Plan: Gegen 18 Uhr am 15. Juli passierte die Rostocker Segeljacht "Tornado" mit Willy Gaeth, seiner Frau und seinen beiden Söhnen an Bord die Drei-Meilen-Zone vor der mecklenburgischen -- Küste und nahm Kurs auf das in internationalen Gewässern kreuzende westdeutsche Patrouillen-Boot BG 14 "Duderstadt". Das Grenzschutz-Fahrzeug stand zu dieser Zeit auf Position 54 Grad 34,5 Minuten Nord und 12 Grad 36,5 Minuten Ost. Die Koordinaten waren dem Grenzschutz-Kommando in Bad Bramstedt kurz zuvor in einem anonymen Brief, der die Gaeth-Aktion detailliert ankündigte, übermittelt worden.

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41458319.html

Die Grenzschützer hatten daraufhin beschlossen, während einer ohnehin in die Gewässer um Rügen geplanten Einsatzfahrt zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort zu sein. Sechs Seemeilen von der DDR-Küste entfernt nahm "Duderstadt"-Kommandant Kurt Seekamp die Flüchtlinge an Bord und die Gaeth-Jacht ins Schlepptau. Mehr als eine Stunde später kreisten fünf gefechtsklare DDR-Boote vom 2. Geschwader der Grenzbrigade Küste den westdeutschen Schleppzug ein und versuchten. BG 14 in Ost-Gewässer abzudrängen. Auf den DDR-Booten standen Entergruppen bereit, Schwimmwesten umgeschnallt, die Schlauchboote klar zum Aussetzen. Die Gefechtsstationen an den Sehneilfeuerkanonen waren besetzt, die Matrosen trugen Stahlhelme. Auch auf der "Duderstadt" wurden die Maschinengewehre justiert und Maschinenpistolen an die Besatzung ausgegeben. Kommandant Seekamp ("Zeitweilig paßte zwischen die und uns nur eine Mütze") rief Hilfe über Funk herbei.

Erst um 23.15 Uhr gaben die DDR-Verfolger auf und drehten ab. Nach dem mißglückten Manöver will Ost-Berlin nun offenbar wenigstens die Flucht-Jacht "Tornado" (Eigner: Willy Gaeth) wiederhaben. Begründung für die DDR-Demarche in Bonn: Die "Tornado" sei "gewaltsam" entführt worden.

04.08.1975
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Re: DDR-Flucht: BG 14 war pünktlich

Beitragvon Sperrbrecher » 1. Februar 2020, 17:20

pentium hat geschrieben:Nach dem mißglückten Manöver will Ost-Berlin nun offenbar wenigstens die Flucht-Jacht "Tornado" (Eigner: Willy Gaeth) wiederhaben. Begründung für die DDR-Demarche in Bonn: Die "Tornado" sei "gewaltsam" entführt worden.....

Die haben es doch des Öfteren so darzustellen versucht, als seien die DDR-Menschen
gewaltsam von Menschenhändler in die Bundesrepublik verschleppt worden. Dabei
war es doch gerade die DDR-Führung, welche die eigenen Bürger gegen Bares in den
Westen verkauft hat.

Bei einem dieser Gespräche, die bei meinen Einreisen in die DDR nicht zu umgehen
waren, wollte der Gesprächspartner in Zolluniform von mir wissen, wie denn meine Einstellung zu diesen "Menschenhändlern" sei? Meine Antwort hat ihm sicher nicht
gefallen, denn ich sagte ihm, dass ich es mir kaum vorstellen könne, das jemand
mit Gewalt gezwungen werde müsse, in so ein unbequemes Versteck in einen PKW
oder LKW zu steigen, um in den Westen zu gelangen und mich persönlich es sehr
erfreut hätte, wenn mir eine solche Hilfe zuteil geworden wäre.

Der wusste doch ganz genau wer ich war und dass ich selbst aus der DDR geflohen
war bzw. illegal das Land verlassen hatte.

Diese "Gespräche" bei meinen Einreisen in die DDR endeten erst zu dem Zeitpunkt, als
ich geheiratet hatte und zusammen mit meiner Frau die DDR besuchte. Da wollte man gegenüber der Ausländerin anscheinend einen guten Eindruck erwecken und verkürzte
das vorher durch die Gespräche bedingt zeitaufwändige Einreiseprozedere erheblich.

Wie ich dann später aus meiner Akte erfahren konnte, geschah das etwa zum gleichen Zeitpunkt, als der Bearbeiter meiner Akte empfahl, diese zu archivieren, "weil keine präzisen Erkenntnisse zu meinem genauen Fluchtweg mehr zu ermitteln seien...."
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