DDR-Autor lockte Fluchthelfer in Falle

DDR-Autor lockte Fluchthelfer in Falle

Beitragvon Interessierter » 1. Februar 2020, 12:06

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Volkspolizisten und Arbeiter der DDR beim Errichten der Berliner Mauer 1961 im Norden Berlins - dpa

Der Schriftsteller Henning Pawel täuschte mehrfach seine Flucht vor und half so der Stasi bei der Jagd auf "Staatsfeinde".

Er zählt zu den beliebtesten Kinder- und Jugendbuchautoren. Viele seiner Werke erschienen in renommierten Verlagen. Besonders viele Fans hat Henning Pawel, 69, im Osten Deutschlands. Von 1990 bis 1993 war er Vorsitzender des Thüringer Schriftstellerverbands.

Mit seinen Büchern überzeugte der in Erfurt lebende Pawel Leser wie Kritiker. 2001 sollte er den Friedrich-Gerstäcker-Preis der Stadt Braunschweig erhalten. Doch kurz nach der Nominierung flackerte der Verdacht auf, Pawel habe für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet.

Der Schriftsteller wies die Vorwürfe empört zurück und sprach von „frei erfundenen Lügen“. Später räumte er ein, in den 70er-Jahren unter dem Decknamen „Oertel“ Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi gewesen zu sein. Zugleich erklärte Pawel, er habe sich dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gegenüber stets „unkooperativ“ verhalten und niemanden verraten. „Bis heute“, behauptet der Autor auf seiner Internet-Seite, „kann kein Name eines Geschädigten genannt werden.“

FOCUS hat ein Opfer Pawels gefunden: Karl-Heinz Debach, heute 62 Jahre alt, aus Nürtingen in Baden-Württemberg. 1976 wurde Debach in der DDR verhaftet und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Entscheidenden Anteil daran hatte Henning Pawel alias IM „Oertel“.

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Die innerdeutsche Grenze bei dem Dorf Hötensleben in Sachsen-Anhalt. - DW

Stasi-Akten zu dem Vorgang belegen, dass Pawel, anders als von ihm dargestellt, eine wichtige Rolle im MfS spielte: Er diente als Lockvogel für die Jagd auf Staatsfeinde. Demnach täuschte er seinem Umfeld mehrfach vor, die DDR illegal verlassen zu wollen. Als westdeutsche Fluchthelfer am vereinbarten Treffpunkt erschienen, schlug die Stasi zu.

In seinen Berichten schwärmte das MfS, Pawel sei es gelungen, „kriminelle Menschenhändlerbanden“ aus der Bundesrepublik „zum Handeln anzuregen“. Für die von dem Schriftsteller getäuschten Helfer bedeutete das: Stasi-Verhöre, Gefängnis, gebrochene Biografien.

1976 war Karl-Heinz Debach 25 Jahre alt und politisch eher desinteressiert. In dieser Zeit traf der gelernte Klempner einen Mann, der ihm einen gut bezahlten, aber gefährlichen Job anbot: Er sollte DDR-Bürgern zur Ausreise verhelfen.

Die erste Familie - ein Elternpaar mit achtjährigem Sohn aus Sachsen - brachte Debach im Juni 1976 über die Grenze. Er hatte die Ostdeutschen im Kofferraum seines Autos versteckt und nach Westberlin geschmuggelt.

Bei seinem zweiten Auftrag sollte der Fluchthelfer eine fünfköpfige Familie ausschleusen. Am 14. August 1976 fuhr Debach in einem Mercedes Richtung Osten. Gegen 19 Uhr passierte er den Grenzübergang Hirschberg, um 21.40 Uhr erreichte er das Gebiet Niemegk südlich von Berlin.

Am Kilometerabschnitt 27, neben einer Notrufsäule, stoppte Debach. Dort sollte er die DDR-Familie aufnehmen. Der Fahrer rief die vereinbarte Losung. Es waren die Vornamen der fluchtwilligen Eltern: „Henning und Edith.“ Kurz darauf kamen bewaffnete Männer aus dem Gestrüpp. Einer schrie: „Hände hoch!“


Das MfS bejubelte die Aktion. Berichte von der Festnahme des Fluchthelfers landeten sogar auf dem Tisch von Stasi-Chef Erich Mielke.

Für Debach brach eine bittere Zeit an. Das Bezirksgericht Neubrandenburg verurteilte ihn zu vier Jahren Haft. Im Juli 1978, knapp zwei Jahre nach seiner Festnahme, kam Debach frei und kehrte zurück in die Bundesrepublik. Dort stand er vor dem Nichts. Sein Auto, die Möbel, Kleider - alles war verkauft worden oder im Müll gelandet. Sein Konto hatte die Bank längst aufgelöst.

Debach brauchte Jahre, um das Erlebte zu verkraften. Vergeblich rätselte er, warum er in die Hände des SED-Regimes gefallen war. Nach dem Zusammenbruch der DDR konnte er die Gründe in seiner Stasi-Akte nachlesen: Er war in einen Hinterhalt gelockt worden.

Bei weiteren Nachforschungen erfuhr Debach, dass er nicht das einzige Opfer der perfiden Masche war. In einem Brief bestätigte ihm die Stasi-Unterlagen-Behörde, IM „Oertel“ habe dem MfS „die Festnahme mehrerer Fluchthelfer ermöglicht“. Debach fand heraus, wer sich hinter dem IM verbarg - und stellte 1997 Strafanzeige wegen „politischer Verdächtigung und Freiheitsberaubung“.

https://www.focus.de/politik/deutschlan ... 09565.html
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