Eine Stadt, zwei Geschichten

Eine Stadt, zwei Geschichten

Beitragvon Interessierter » 22. September 2019, 09:56

Zwei BILD-Reporter über ihre Kindheit in Ost und West

Die Reporter am Checkpoint Charlie: Schilde (r.) wuchs an der Frankfurter Allee in Lichtenberg (8. Stock, 4 Zimmer, 80 qm) auf, Bieder in der Neuköllner Gropiusstadt (19. Stock, 2,5 Zimmer, 70 qm)

Berlin – Zwei Journalisten und Kollegen, beide im Februar 1974 in Berlin geboren und aufgewachsen. Jan Schilde, Lokalchef von B.Z/BILD Berlin, im Osten. Er verbrachte seine Kindheit in der Neubausiedlung Frankfurter Allee Süd (Lichtenberg). Matthias Bieder, B.Z./BILD-Berlin-Blattmacher, im Westen. Er lebte in der Gropiusstadt (Neukölln). Beide sprechen über ihre Kindheit „in der Platte“.

Jan: Sagte man bei euch eigentlich „Platte“?

Matthias: Nein, wir wohnten in der Gropiusstadt oder Hochhaussiedlung.

Jan: Wir sagten Neubaugebiet.

Matthias: Meine Eltern zogen Anfang der Siebziger ein (19. Stock, 2,5 Zimmer, 70 qm). Aber eigentlich hätten sie dort gar nicht wohnen dürfen. Das waren ja Sozialwohnungen und dafür haben meine Eltern zu viel verdient.

Jan: Meine Eltern zogen auch kurz vor meiner Geburt ein (8. Stock, 4 Zimmer, 80 qm). Vorher wohnten sie in Prenzlauer Berg. 3 Zimmer, kein Bad, noch mit Zinkbadewanne in der Küche. Die Platte war Luxus, echtes Privileg.

Matthias: Bei uns genauso. Die Gropiusstadt war noch kein sozialer Brennpunkt, von Christiane F. habe ich als Kind nichts mitbekommen. Wir wohnten ruhig am Stadtrand. In der Gropiusstadt lebten viele Rentner, eher Menschen aus einfachen Schichten. Aber auch viele Kinder.

Jan: Bei uns auch, überall waren Kinder. Unsere Siedlung lag aber mitten in der Stadt. Zwischen Friedrichshain und Alt-Lichtenberg. Bei uns lebte die richtige Berliner Mischung, vom Schauspieler bis zum Straßenfeger. Eingeschult wurde ich in eine alte Jugendstilschule, die von der Kriegszerstörung verschont geblieben war. Da kamen damals schon die Decken runter, wie heute. Wo bist du zur Schule gegangen?

Matthias: In einer katholischen Schule, ich wurde u. a. von Nonnen unterrichtet, obwohl ich gar nicht katholisch war. Wenn die Schule vorbei war, haben wir viel Quatsch gemacht, auch schon mal Wasserbomben aus dem 19. Stock geschmissen.

Jan: Oh ja! Wir haben auch alles Mögliche runtergepfeffert, oben aus den 21-Geschossern. Meine Eltern haben viel gearbeitet. Wir haben uns auf Spielplätzen und auf dem nahen Bahngelände rumgetrieben und ich habe osttypisch viel Sport gemacht.

Matthias: Was denn?

Jan: Eishockey. Sieben Tage die Woche, im Leistungszentrum Hohenschönhausen. Für ein Kind eine fürchterliche Tortur. Später Fußball.

Matthias: Wir hatten es übrigens sehr grün, ganz im Gegensatz zum Vorurteil der grauen
Siedlungen.

Jan: Wir auch. Ab 1987 wurden aber wegen der Wohnungsnot noch kleinere Platten dazwischengebaut.

Matthias: Ich konnte aus dem 19. Stock über die Mauer gucken, aber da war nicht viel. Brandenburger Dorf, dazwischen Pferdekoppeln.

Jan: Da wohnte meine Mutter als Kind, in Bohnsdorf. Ich konnte über die Stadt sehen. Wir brauchten zehn Minuten mit der U-Bahn zum Alex.

Matthias: Bei uns war man mit der U-Bahn ganz schnell am Hermannplatz. Hattet ihr eigentlich ein Auto?

Jan: Ja, einen Lada, eierschalenfarben, mit Westgeld vom Großvater gekauft.

Matthias:
Mein Vater hatte einen 123er Mercedes, orange. Die erste große Reise ging nach Dubrovnik in Jugoslawien.

Jan: Wir waren meist an der Ostsee oder in Mecklenburg, zweimal auch in Ungarn am Balaton, einmal in Moskau und Leningrad.

Matthias: Reisen aus West-Berlin starteten mit dem Wagen ja in Dreilinden. Da standen wir erst mal in der Schlange und mussten die Papiere zur Kontrolle abgeben. Aber mein Vater hatte bis Anfang der Achtziger Transitverbot. Also flogen wir immer erst nach Hannover.

Jan: Warst du auch in Ost-Berlin?

Matthias: Ja, relativ häufig sogar. Mein Vater hatte viele Kontakte in die DDR-Kulturszene. Ich erinnere mich an den Übergang am Bahnhof Friedrichstraße. Die Resopal-Gänge, die Glasscheiben und Kontrollen. Als man rauskam, war man in einer anderen Welt. In einem Hotel-Restaurant an der Friedrichstraße stand z.B. Rumpsteak auf der Karte, es war aber Leber.

Wie sah eigentlich dein Kinderzimmer aus? Ich hatte nämlich gar keins. Dafür habe ich mich im Wohnzimmer breitgemacht. Das war komplett vollgestellt mit Antiquitäten.

Mit dem Bericht und Fotos geht es hier weiter:
https://www.bild.de/regional/berlin/kin ... .bild.html
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