Die Todesstrafe im sozialistischen Einheitsstaat

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Die Todesstrafe im sozialistischen Einheitsstaat

Beitragvon Interessierter » 10. März 2019, 11:40

Vollzug im Verborgenen

Strikteste Geheimhaltung und falsches Spiel: Selbst unmittelbar vor der Hinrichtung durch Erschießen wusste ein in der DDR zum Tode Verurteilter oft nicht, was ihm bevorstand. Und danach ließ man die Leiche einfach verschwinden. Angehörige suchen noch heute ihre Toten.

Nachdem der Richter das Urteil verlesen hat, bricht Werner Teske zusammen. Es lautet: "Todesstrafe aufgrund vollendeten schwerwiegenden Landesverrats". Sein Vergehen: Als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hatte sich Teske Mitte der 70er Jahre mit dem Gedanken getragen, in den Westen zu fliehen. In die Tat umgesetzt hat er diese Idee jedoch nie, obwohl er bei seinen Dienstreisen in die Bundesrepublik mehrmals Gelegenheit dazu gehabt hätte.

Als sein angeblicher Landesverrat aufgeflogen war, schlug das MfS Teske vor, alles zuzugeben. Man würde ihn offiziell verurteilen und ihm dann unter anderem Namen ein neues Leben ermöglichen. Teske willigte ein. Erst im Gerichtssaal merkte der ehemalige Stasi-Hauptmann, dass ein falsches Spiel mit ihm getrieben worden war. Aus den Akten geht heute hervor, dass sein Tod von Anfang an geplant war.

Am 26. Juni 1981 wird Werner Teske in der Leipziger Justizvollzugsanstalt in der Alfred-Kästner-Strasse durch Genickschuss hingerichtet. Der 39-Jährige war, nach heutiger Kenntnis, der letzte von knapp 200 Verurteilten, bei denen die DDR-Justiz die Todesstrafe vollstreckte.

Wie wichtig der DDR-Führung die Verheimlichung der Hinrichtungen war, zeigt auch deren Prozedere. Die zum Tode Verurteilten wurden meist nachts mit einem Gefangenentransport in die Vollzugsanstalt nach Leipzig in der Alfred-Kästner-Strasse gebracht. Weder die Anstalt, von der aus der Verurteilte seine letzte Fahrt antrat, noch das Gefängnis in Leipzig wussten von dem Schicksal, das ihn ereilen würde. Dort war lediglich ein enger Personenkreis, zu dem der Anstaltsleiter, sein Stellvertreter und der Haftarzt gehörten, eingeweiht.

Damit auch keiner der Mitarbeiter der Leipziger Vollzugsanstalt etwas von der Vollstreckung bemerkte, wurde der Gefangene über einen zweiten Eingang auf der Rückseite des Gebäudes "angeliefert", der nur den Eingeweihten bekannt war. Der weitere Ablauf war minutiös in der Vollstreckungsordnung geregelt. In einem Einzelhaftraum wurde dem Verurteilten zunächst verkündet, dass nun die Vollstreckung des Todesurteils bevorstand. Meist weil sein Gnadengesuch vom Staatsratsvorsitzenden, zunächst Walter Ulbricht und später Erich Honecker, abgelehnt worden war. Hier wurde ihm noch ein letzter Wunsch zugebilligt und er durfte einen Abschiedsbrief schreiben.

Wie sich nach der Wende herausstellte, gaben die Zuständigen diese letzten persönlichen Zeilen jedoch nie an die Familie weiter, was auch erklärt, warum viele nicht genau wussten, was mit ihrem Angehörigen passiert war und es nur ahnen konnten. Anschließend wurde der zum Tode Verurteilte in den Hinrichtungsraum geführt. Kurz nachdem er den Raum betreten hatte, feuerte der Henker, Hermann Lorenz, der gleichzeitig stellvertretender Anstaltsleiter war, mit einer schallgedämpften Armeepistole einen unerwarteten Nahschuss in den Hinterkopf ab. Er hatte die ganze Zeit im Verborgenen hinter der Tür gestanden.

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Die Exekution durch Genickschuss wurde in Leipzig erst seit 1968 vollzogen. Bis dahin wurden die Delinquenten mit der sogenannten "Fallschwertmaschine" enthauptet (Foto: Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten). Die Verankerungen der Pritsche und der Porzellanausguss im Fußboden, damit das Blut abfließen konnte, erinnern noch heute daran. Hollitzer vermutet, dass die Vollstreckungsmethode aus zweierlei Gründen gewechselt wurde. "Zunächst einmal ging es wohl um die Sicherheit der Gefängnismitarbeiter. Man muss sich vorstellen, so ein Schuss in den Hinterkopf erfordert viel weniger Personal als der Tod durch die Guillotine."

Geriet zum Beispiel ein sehr kräftiger Verurteilter in Angst und Panik und fing an, um sich zu schlagen, wenn man ihn auf die Pritsche schnallen wollte, konnte das für die Beteiligten unter Umständen gefährlich werden. Außerdem wollte man dem Verurteilten durch einen unerwarteten Nahschuss unnötige Qualen ersparen, so Hollitzer. Manchmal habe auch das Fallbeil geklemmt, was die Leiden des Hinzurichtenden nur unnötig verlängert habe. So sei es beispielsweise einmal im Nacken eines zu Exekutierenden steckengeblieben.


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