DER HASE IM "GLÜCK"

Bücher, die nicht in den Bereich politische Systeme oder Grenze gehören.

DER HASE IM "GLÜCK"

Beitragvon Bogenschütze77 » 22. Dezember 2018, 12:59

Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts

Der Hase im "Glück"

Buchtipp von Bogenschütze77

Es scheint, des Hasen "Glück" sei besiegelt. Noch in der Ballade "Der Hase im Rausch" - u.a. vorgetragen von dem unvergesslichen Schauspieler Eberhard Esche - erkennt Meister Lampe auch im trunkenen Zustand den hungrigen und gierigen Feind, den Löwen. Heutzutage aber weiß dieses Raubtier sich und seine Kumpanen geschickt zu tarnen, andere zu täuschen und auszutricksen. So nahezu unerkannt treiben sie, die mitunter unterwürfigen und speichelleckenden Hasen, in Scharen um die Welt und jagen sie. Werner Rügemer, Dr. phil., geboren 1941, Publizist, hat – wie andere unzählige Autoren von kritischen Sachbüchern ebenfalls – die Schar der "Löwen" unter die Lupe genommen. Schließlich möge so manchem Hasen der Weg zum wahren Glück gewiesen werden. Und so hat er es in seinem neuen Sachbuch "Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts" (360 Seiten) auf den Punkt gebracht, was die Welt seit der Finanzkrise von 2007 mehr und mehr erschüttert und jegliche lohnabhängigen "Hasen" erschauern lässt.

Der „Zauber“ der Verführung: Wie sieht eine Täuschung aus? Der Autor leuchtet sehr genau hinein in den Filz der Finanzwelt. Doch bevor sich der wissbegierige und lesehungrige Leser da hinein begibt, seien vorweg typische Beispiele nicht nur der bekannten Symptome und Motive der Kapitaldiktatur aufgelistet, sondern auch die Methoden der Verflachung von Inhalten und Zusammenhängen, eben der Verblödung der im Banne der westlichen Frohlockungen devot lebenden „Hasen“, der abhängig Beschäftigten.

So haben BlackRock&Co - wir kommen später darauf zurück - hunderttausende der wichtigsten Unternehmer der Realwirtschaft im Griff, schreibt der Autor auf Seite 8. Sie entscheiden über Arbeitsplätze, Arbeits-, Wohn-, Ernährungs- und Umweltverhältnisse, über Produkte, Gewinnverteilung, Armut, Reichtum, Staatsverschuldung. Die Weltkonzerne dringen in die feinsten Poren des Alltagslebens von Milliarden Menschen ein. Sie forschen aus, krempeln um und hängen mit Geheimdiensten zusammen. Auf Seite 13: Im westlichen Kapitalismus wachse der private Gewinn, aber die Arbeits- und Lebensqualität der abhängig Beschäftigten sinke. Die Infrastruktur wie beispielsweise bezahlbare Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser, Fern- und Nahverkehr werden „vernachlässigt, abgeschrumpft, verschlechtert oder privatisiert und verteuert“. Gleichzeitig, so der Autor, wachsen die Ausgaben u.a. für Rüstung, Luxusautos, Luxuswohnungen. Fazit: Es muss vernebelt werden, wie verbrecherisch Konsumenten ausgesaugt, überwacht und vor den Karren der Gewinnmaximierung und wiederholten militärischen Expansionen gespannt werden.

Fallen wir gleich mit der Tür ins Haus: Da bezeichnen (siehe Seite 212) Leiharbeitsvermittler in den USA Arbeitssuchende als „Hasen, die gegenseitig um das nächste Arbeitshäppchen um die Wette rennen“. Zynisch werden sie als Selbständige bezeichnet, „damit der Auftraggeber ihnen keine Beiträge zur Renten-, Arbeitslosigkeits- und Krankenversicherung und keine Krankheits- und Urlaubstage bezahlen muss“. In Wahrheit sind es Tagelöhner.

Ziele und Motive: Sie sind zum Beispiel an zahlreichen Textstellen abzulesen: Die Bank stehe traditionell auf der Seite der Politik der Regierenden; wir haben das Vertrauen der Kunden, wir machen sie glücklich; „Alle Leben haben den gleichen Wert“, den Ärmsten wolle man die Chance geben, ihr Leben zu ändern; bei Amazon-Gründer Jeffrey Bezos heißt es, er wolle die Grenzen der Menschheit sprengen, er sei gegen jede Form verbindlicher Gemeinschaftlichkeit; Google/Alphabet: „Wir wollen die Welt zu einem besseren Ort machen“; Seite 175: Internetkonzerne versprechen die Verbesserung des menschlichen Lebens und der Menschheit, sie spähen dafür die Daten ihrer Kunden aus, Facebook sei ein mächtiges neues Werkzeug, „um mit den Menschen verbunden zu bleiben, die man liebt, um ihre Stimmen hörbar zu machen und um Gemeinschaften und Unternehmen zu bilden“; Seite 180: Facebook als NATO-Instrument; Facebook und Amazon möchten „die lästige Beschäftigung lebendiger, selbständig nachdenkender Menschen überwinden; Seite 197: man propagiere den „rationalen Egoismus“ der Individuen, „die sich gegen alle Vergemeinschaftungen und den Staat wehren müssen … „Sie müssen von Führern mit Führermentalität angeführt werden“; mehr Gewinn und weniger Personal, sagen Unternehmensberater; Seite 224: man propagiere die „offene Gesellschaft“ - Öffnung für westliche Finanzakteure und die NATO, verbunden mit Varianten antidemokratischer Politik.

Methoden: Seite 191: Der Wahrheitsbegriff wird als unzulässig, als wissenschaftlich diskreditiert bezeichnet, es gebe nur Meinungen, als Ersatz für Wahrheit sollen Neutralität und das Verbot von Theoriefindung herhalten, es gehe um eine kapitalkompatible Mitte, universelle Menschenrechte, Arbeitsrechte und das Völkerrecht seien keine Kriterien; verlogene Informationspolitik, wobei einzelne Tatsachen angeführt werden um den Wahrheitsgehalt vorzutäuschen; Leiharbeit; Teilzeitarbeit; Beeinflussung der Politik durch Geldgeber; Überwachung, ob Mitarbeiter an Demonstrationen teilnehmen; keine Anerkennung von Sozial- und Arbeitsrechten in den USA; Seite 240: Man plädiere für „automatisierte Kriegsführung: Roboter werden nicht müde, sie haben keine Angst, … eignen sich hervorragend für die militärische Drecksarbeit.

Vernebelte Raubtierwelt: Bereits in der Einleitung verweist Werner Rügemer auf die marktwidrige und auf Gemeinkosten erfolgte Rettung der bankrotten Großbanken, die ein wenig reguliert und entmachtet wurden. An ihre Stelle traten – weitgehend unreguliert und unbekannt – Kapitalorganisationen wie BlackRock und weitere Finanzakteure. Sie seien, so der Autor, die Eigentümer der alten Banken und Börsen und der wichtigsten Unternehmen. Dazu zählen u.a. die von traditionellen Großbanken und die von ihnen geförderten und beherrschten Aufsteiger des Internets: Apple, Microsoft, Google/Alphabet, Amazon, Facebook, Uber oder AirBnB. Auf Seite 23 wird der im Jahre 1994 gegründete BlackRock als der größte Kapitalorganisator der westlichen Wertegemeinschaft charakterisiert. Durch seine Insiderposition und durch den Aufkauf kleinerer Finanzakteure schnellte das verwaltete Vermögen 2018 auf über 6 Billionen US-Dollar, „etwa 20 mal so viel wie der Haushalt des reichsten und mächtigsten EU-Staates“. BlackRock gilt aufgrund ihres wirtschaftlichen und politischen Einflusses als „heimliche Weltmacht“.

Kommentar des Autors, S.8: „Sie praktizieren eine neue, noch asozialere Form der brutalen Akkumulation des privaten Kapitals.“ „Die Eigentümer sind nicht nur brutal, sondern auch feige und lichtscheu.“ Viele Menschen lassen sich durch deren Vertreter und ihrer „schleimigen und basisdemokratischen“ Sprache täuschen, besitzen sie ja schließlich Rückendeckung durch Gesetze und staatliche Duldung.

Das spannende Buch liest sich wie ein Politkrimi. Es beeindruckt auch auf folgenden über 200 Seiten mit seinen ausgesprochen vielen Beispielen zu Hedgefonds, Investmenbanken Privatbanken Dienstleistern, Internetkapitalisten und Aussagen über eine zivile Privatarmee des transatlantischen Kapitals. Es ist kein Buch von philosophischen Leitsätzen, sondern gibt faszinierende Einblicke in eine Welt, die weitgehend im Dunkeln liegt und deren Auswirkungen man im Alltag pausenlos begegnen muss.

Besondere und beachtenswerte Kapitel sind jene, die sich mit dem Verhältnis der USA / EU beschäftigen sowie – sehr lobenswert – mit der erfolgreichen Entwicklung in China, dem kommunistisch geführten Kapitalismus.

Autor Werner Rügemer verspricht, sein Buch sei ein allgemeinverständlicher Abriss zum Aufstieg der neuen Finanzakteure. Dennoch erwarten selbst begierig interessierte Leser und Studierende eine Unmenge an Fakten und Begriffen, die allemal wieder und wieder hinterfragt werden sollten, will man in die Tiefe der kapitalen Welt eindringen.

Nach dem Lesen dieses Bildungsbuches mit 360 Seiten ist der sehr interessierte Leser um etliche politische aktuelle Zusammenhänge reicher. Der Autor zerrt die Figuren des Finanzkapitals, die das Sagen haben in der westlichen Welt des Geldes, ans Tageslicht. Mit Namen und Adressen. Und wie sie miteinander verflochten sind. Sich gegenseitig die Bälle zuspielen und sich mittels Krediten und Schulden höchste Gewinne einpeitschen. Der Bürger ist wie in einem Spinnennetz gefangen, das niemandem ein Schlupfloch lässt. Er ist wie der Hase im Rausch, der alles mit sich machen lässt. Oder doch nicht? Wahres Glück sieht anders aus.

Des Speichelleckers Blick ist nun geschärft und mit nachahmenswertem Tatendrang möge der Hase seine Verlautbarung wiederholen:

"Dem Hasen schwoll der Kamm, er brüllt in seinem Tran:
'Was kann der Löwe mir? Bin ich sein Untertan?
Es könnte schließlich sein, dass ich ihn selbst verschlinge.
Den Löwen her, ich ford’re ihn vor die Klinge!
Ihr werdet seh’n wie ich den Schelm vertreibe,
Die sieben Häute, Stück für Stück, zieh ich ihm ab von seinem Leibe
Und schicke ihn dann nackt nach Afrika zurück!“


Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Gemeinverständlicher Abriss zu den neuen Finanzakteuren

360 Seiten, 19,90 Euro, Papyrossa-Verlag, Köln.

Werner Rügemer, Dr. phil., geboren 1941, Publizist, Mitbegründer der Aktion gegen Arbeitsunrecht. Zahlreiche auch international beachtete Bücher. Zuletzt bei PapyRossa: »Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet. Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft, Geschichte und Kultur«.
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Re: DER HASE IM "GLÜCK"

Beitragvon zoll » 12. Januar 2019, 19:30

Interessanter Beitrag aus einem interessanten Buch. Ist eine Diskussion wert.
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