Die Freiheit der Grenzkaninchen

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Die Freiheit der Grenzkaninchen

Beitragvon Interessierter » 3. Dezember 2018, 10:43

Kolumne von Julia Boek

Als Berlin noch eine geteilte Stadt war, war ich ein Kind, das am Ostseestrand vor weitem Horizont spielte. Dort gab es keine Mauer. Die Seegrenze der DDR war imaginär und existierte nicht vor meinen Kinderaugen.

Ein- oder zweimal fuhr mein Vater damals unseren Trabi Kombi, grau-weiße Pappe mit braunem Dach, über die ruckelige Autobahn in die Hauptstadt der DDR. Erinnere ich mich an Ostberlin, fallen mir die Wassertreter-Schwäne im Plänterwald ein und Hochhäuser, in einem übernachteten wir. Im Konsum an der Ecke gab es Vanilleeis am Stiel und Schokoladenmilch aus dreieckigen Tetrapack-Tüten, die ich in den Holzregalen unseres Konsums zu Hause im Norden nie gesehen hatte.

Eine Erfahrung aber, die ich damals nicht machen konnte, sammelte ich vor ein paar Tagen in Nikosia, der geteilten Inselhauptstadt auf Zypern.

Die uniformierten GrenzerInnen an den türkischen und griechischen Grenzposten der nur 50 Meter breiten Pufferzone prüften unsere Pässe mit einer Mischung aus gekonnter Ignoranz und einer Genauigkeit, die einen Generalverdacht ausdrückte.

Sehr viel freundlicher waren sie zu den Katzen. Während wir in der Schlange warteten, schnurrten die grauen, schwarzen und weiß-braun getigerten ihnen um die Beine. Einige Kater schliefen genüsslich im Schatten großer Verbotstafeln, andere stiefelten schnurstracks über die Green Line.

So mutig waren die Mauerhasen in Berlin damals nicht. Im Gegenteil: Weil sie von Natur aus ängstlich waren, war das mehr als 160 Kilometer lange, streng bewachte Niemandsland zwischen Ost- und Westberliner Mauer für die Wildkaninchen ein ideales Zuhause. Hier konnten sie ungestört auf den Graswiesen fressen, unterirdische Stollen, manche 500 Meter lang und bis zu 4 Meter tief, graben.

Auf viele wirkten die Hasen ermutigend


Die Panzerspeeren boten gute Versteck- und Sonnenschutzmöglichkeiten, und die Grenzsoldaten, die die Kaninchen nicht jagen durften, waren friedlich. Die Berliner Mauerhasen vermehrten sich rasend schnell, bald schon saßen sie zu Hunderten auf der Grenzwiese.

Auf viele Ost- und Westberliner wirkten die eigenwilligen Grenzkaninchen im Todesstreifen ermutigend. Der Mauerhase wurde zum Symbol, zur Kunst. In Ostberlin war das alternative Kinderfest um den Künstler Manfred Butzmann, der unter der Hasenfahne die Flaggenmanie der DDR persiflierte, ein Symbol für Befreiung. Auf der Westberliner Seite widmete der französische Maler Thierry Noir den Kaninchen 1985 ein großes Mauerbild – als Hommage an ihren Mut und ihre Schläue.

Denn die Tiere leben es vor: Sie kennen keine Mauern. In ihrem Bewusstsein existieren keine territorialen, ideologischen, kulturellen oder ethnischen Grenzen. Vielmehr beanspruchen sie die Freiheiten, die sie zum Leben brauchen. Das ist wahrhaftig aufgeklärt.

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Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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