Interview mit Fluchthelfer Joachim Rudolph

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Interview mit Fluchthelfer Joachim Rudolph

Beitragvon Interessierter » 29. November 2018, 07:38

„Wir sahen es als unsere moralische Pflicht“

G/GESCHICHTE-Autorin Janina Lingenberg sprach mit Joachim Rudolph, der 1961 aus der DDR flüchtete und anschließend unter Einsatz seines eigenen Lebens auch anderen zur Flucht verhalf.

Sie sind ja dann relativ zeitnah geflüchtet.

Joachim Rudolph: Am 1. September bin ich noch mit der vollen Absicht nach Dresden gefahren, dort mein Studium fortzusetzen und abzuschließen. Was ich aber dort noch gesehen und erlebt habe, hat mich dann nach zwei, dreischlaflosen Nächten in unserem Wohnheim veranlasst, mich auf eigenen Wunsch exmatrikulieren zu lassen. Ich wollte unbedingt zu meinen Freunden nach Berlin zurück, um mit ihnen zu diskutieren, wie es nun weiter geht und was wir nun tun werden und können. Einer meiner Freunde hatte bereits nach der Grenzschließung den Entschluss gefasst, einen Fluchtversuch nach Westberlin zu machen. Alles das geisterte in meinem Kopf herum. Ich habe keine Perspektive mehr für mich in der DDR gesehen.

Ich war damals 22 Jahre alt und konnte und wollte mir nicht vorstellen, den Rest meines Lebens in diesem unfreien, diktatorisch regierten Staat DDR zu verbringen. 

Nach zwei weiteren schlaflosen Nächten in Ostberlin habe ich dann zu diesem Freund gesagt: „Lass‘ uns gemeinsam einen Fluchtweg suchen und gemeinsam einen Fluchtversuch organisieren.“ In der Nacht vom 28. zum 29. September 1961 ist uns dann gemeinsam von der DDR, in Schildow, über ein großes Grasfeld und durch das Tegeler Fließ die Flucht nach Lübars gelungen.

Warum haben Sie so vielen Menschen zur Flucht verholfen? Auch unter dem Einsatz Ihres Lebens. War es für Sie selbstverständlich? Oder war es auch Kampf gegen den sozialistischen Staat?

Joachim Rudolph: Diese Fragen sind für mich leicht zu beantworten. Erstens habe ich mich ja selbst trotz der Risiken zur Flucht aus der DDR entschlossen. Das war keine leichte und keine spontane Entscheidung, wegen meiner Familie, meinen Freunden und der Lebensgefahr. Deshalb konnte ich mir sehr gut vorstellen, in welcher Situation sich Menschen befinden, die mit ihrem Fluchtversuch noch länger gezögert hatten. Deshalb waren mein Freund und ich gern bereit, noch einmal die Risiken auf uns zu nehmen. Wir sahen es als unsere moralische Pflicht zu helfen.

Zweitens durften ab dem September 1961 auch die Westberliner nicht mehr nach Ostberlin. Entsprechend war die Stimmung bei den Westberlinern geprägt von großen Aggressionen gegen alles, was mit der DDR zu tun hatte. Und wir waren ja in der Zwischenzeit auch West-Berliner geworden.
 Ein weiteres Motiv war, den Staat der DDR auf diese Art und Weise zu schädigen und „zu bekämpfen“.

https://www.g-geschichte.de/zeitgeschic ... m-rudolph/
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Interview mit Fluchthelfer Joachim Rudolph

Beitragvon zonenhasser » 29. November 2018, 10:45

Gelegentlich gebe ich den Schülergruppen auch den Hinweis, sie mögen wachsam sein und ihre Stimme bei den Wahlen einer der demokratischen Parteien geben, um ein langsames Hineindriften in ein solches unfreies System zu verhindern.
Die “Rote Fahne” schrieb noch “wir werden siegen”, da hatte ich mein Geld schon in der Schweiz.
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