Wie die SED zwei Brüder entzweite

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Wie die SED zwei Brüder entzweite

Beitragvon Interessierter » 4. Oktober 2018, 14:57

In den Achtzigerjahren drang der Kalte Krieg in die letzten Winkel der sozialistischen Arbeitswelt - und hinterließ Spuren in Familien. Das bekamen auch Siegfried Wittenburg und sein Bruder im Westen zu spüren.

Dieding kehrte mit ernstem Gesicht von einer Besprechung mit dem Abteilungsleiter zurück. "Wir kriegen einen neuen Meister", berichtete er, "Fiete kommt. Dann weht hier an anderer Wind!"

Dieding war aktiver Christ, von Beruf Radartechniker und Stellvertreter des Leiters einer Servicestelle eines volkseigenen Rostocker Großbetriebs, die in einer ofenbeheizten Holzbaracke auf der Hohen Düne eine kleine Werkstatt unterhielt und zivile Schiffstechnik der Volksmarine betreute. Dieding war dorthin entsandt worden, weil er wegen seiner unverblümten Meinungsäußerungen für eine andere Servicestelle, bei der auch Schiffe aus dem NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet) betreut wurden, als nicht tragbar galt.

Dieding war mein Kollege. Mich schickte man 1970 mit Beginn des 2. Lehrjahrs in die Holzbaracke auf Hohe Düne, weil ich ganz in der Nähe bei meinen Eltern wohnte. Ich lernte, UKW-Funk- und Radartechnik instand zu setzen, auf Masten und in Schiffsbäuche zu klettern, Öfen zu heizen, Werkstatt und Klo zu reinigen, Pilze für das Mittagessen zu suchen, Doppelkopf zu spielen und gelegentlich Bräu zu trinken, wenn es einen Anlass zum Feiern oder mal keine Arbeit gab. Wir empfanden uns weit abseits des real existierenden Sozialismus als eine Art Strafkolonie, der wir mehr positive Seiten abgewinnen konnten als unsere Kollegen, die auf den Westschiffen auf jedes Wort achten mussten. Die Löhne unterschieden sich nicht.

Auf Platt erzählte Dieding, was er von Fiete wusste: 1929 geboren, als Pimpf in der Hitlerjugend auf den Feind eingeschworen und als 16-Jähriger im Volkssturm auf die Amerikaner gehetzt. Nach der Befreiung und der Besetzung des Ostens durch die Rote Armee schwenkte er auf die rote Linie um. Der Betrieb schickte ihn als durchsetzungsstarken SED-Genossen zum Aufbau der Fischfangflotte auf die Färöer und nach Kuba. Warum Fiete nun die Leitung unseres kleinen und verwahrlosten Kollektivs in einer abseits gelegenen Welt übernehmen sollte, blieb jahrelang ein Rätsel.

Es dauerte nicht lange, und die erste Daumenschraube zog an. Auf Initiative der staatlichen Betriebsleitung forderte Fiete alle Kollegen auf, ihre Kontakte zu Verwandten im NSW, einschließlich Bundesrepublik, einzustellen sowie jede zufällige Begegnung mit Personen aus den Staaten des Klassenfeinds zu melden. Die Reaktionen der Kollegen waren zwiespältig: "Ich habe keine Verwandten im Westen", sagten die einen. "Ich möchte diesen Arbeitsplatz behalten", sagten die anderen, und unterschrieben unter leisem Protest die ihnen vorgelegte Verpflichtungserklärung.

Drei Kollegen verweigerten die Unterschrift: Dieding, mein Lehrfacharbeiter und ich. Denn ich hatte einen Bruder, der 1959 als der Älteste von uns vier Geschwistern über die Sektorengrenze von Ost- nach Westberlin flüchtete und es durch Qualifizierung im Rhein-Main-Gebiet zu Wohlstand brachte.


Hier geht es weiter:
http://www.spiegel.de/einestages/ddr-al ... 26448.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Wie die SED zwei Brüder entzweite

Beitragvon augenzeuge » 4. Oktober 2018, 18:12

Ich machte ihm klar, dass es nicht um meinen Bruder, sondern um unsere gemeinsamen Eltern gehe, die nichts dafürkonnten, dass die SED ihre geliebten Söhne als sich gegenüberstehende Feinde einstufte. Schließlich hat der Friedensstaat das Ziel, allen Menschen eine glückliche Zukunft zu ermöglichen.


Sehr gut! [super]

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Re: Wie die SED zwei Brüder entzweite

Beitragvon Edelknabe » 4. Oktober 2018, 18:46

Der war schön....so im Vortext:

"Dieding war aktiver Christ, ......."
textauszug ende

Was war eigentlich ein "aktiver Christ" in der damaligen DDR? Köstlich ne, ging der jeden Sonntag zum Gottesdienst? Oder wie versteht man das heute..."aktiver Christ"?

Rainer-Maria...und überlege gerade...was war ich denn gleich....im Damals, der DDR?
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Re: Wie die SED zwei Brüder entzweite

Beitragvon steffen52 » 4. Oktober 2018, 18:55

Edelknabe hat geschrieben:Der war schön....so im Vortext:

"Dieding war aktiver Christ, ......."
textauszug ende

Was war eigentlich ein "aktiver Christ" in der damaligen DDR? Köstlich ne, ging der jeden Sonntag zum Gottesdienst? Oder wie versteht man das heute..."aktiver Christ"?

Rainer-Maria...und überlege gerade...was war ich denn gleich....im Damals, der DDR?

Sage mal R.M. bist Du schon in den Alter das Du die Dinge nicht mehr auseinander halten kannst, wer ein Christ ist und wer ein aktiver Christ ist? Ist
heute genau noch so. Hallo nachdenken!!! [hallo]
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Re: Wie die SED zwei Brüder entzweite

Beitragvon Edelknabe » 4. Oktober 2018, 18:59

Erklär das bitte mal genauer...Steffen? Weil, ich bin da ehrlich nicht so ....

Rainer-Maria....und was bist du eigentlich? Aktiv, Passiv...Sonstiges?
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Re: Wie die SED zwei Brüder entzweite

Beitragvon pentium » 4. Oktober 2018, 19:11

Edelknabe hat geschrieben:Der war schön....so im Vortext:

"Dieding war aktiver Christ, ......."
textauszug ende

Was war eigentlich ein "aktiver Christ" in der damaligen DDR? Köstlich ne, ging der jeden Sonntag zum Gottesdienst? Oder wie versteht man das heute..."aktiver Christ"?

Rainer-Maria...und überlege gerade...was war ich denn gleich....im Damals, der DDR?


Wat is´ne Dampfmaschin´? Da stelle ma uns mal janz dumm, und sagen, en Dampfmaschin´ iss ne jroße, runde, schwarze Raum mit zwei Löchern. Durch das eine kommt der Dampf rein, un das andere krieje ma späta ...
-- Lehrer Bömmel in Die Feuerzangenbowle

Aktiver Christ...ist eben Jemand..die aktiv am Gemeindeleben teilnimmt...so richtig verstehe ich die Frage nicht Rainer-Marin...und ja da geht man Sonntags zum Gottesdienst.

....
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Re: Wie die SED zwei Brüder entzweite

Beitragvon steffen52 » 4. Oktober 2018, 19:13

Edelknabe hat geschrieben:Erklär das bitte mal genauer...Steffen? Weil, ich bin da ehrlich nicht so ....

Rainer-Maria....und was bist du eigentlich? Aktiv, Passiv...Sonstiges?

Solltest Du wieder mal online sein da werde ich Dir was dazu schreiben. Aber jetzt musst Du ja ins Bett um morgen die Presse den Leuten vor
die Tür zu legen. [hallo]
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Re: Wie die SED zwei Brüder entzweite

Beitragvon Volker Zottmann » 4. Oktober 2018, 19:21

Edelknabe hat geschrieben:Der war schön....so im Vortext:

"Dieding war aktiver Christ, ......."
textauszug ende

Was war eigentlich ein "aktiver Christ" in der damaligen DDR? Köstlich ne, ging der jeden Sonntag zum Gottesdienst? Oder wie versteht man das heute..."aktiver Christ"?

Rainer-Maria...und überlege gerade...was war ich denn gleich....im Damals, der DDR?


Ach Rainer, Dir muss alles erklärt werden.
Es hieß in der DDR nicht aktiver Christ. Es war der Aktivist. Um all die anderen kümmerte sich die Staatssicherheit, selbst im Hochwasser führenden Muldetal. [grins]

Gruß Volker
http://baupionier.zottmann.org/
http://Mein-DDR-Leben.de/

Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
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Re: Wie die SED zwei Brüder entzweite

Beitragvon augenzeuge » 4. Oktober 2018, 21:15

Edelknabe, auch daran ging die DDR zugrunde. Den Guten nahm man die Chance.....
https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q= ... qV8vWiuLmC

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