Prostitution in der DDR

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

Prostitution in der DDR

Beitragvon Interessierter » 28. September 2018, 10:00

Wie „IM Melanie“ dem MfS Informationen beschaffte

Das älteste Gewerbe der Welt war in der DDR auf ganz andere Weise lukrativ als im Westen.
Und die Stasi lag fast immer mit unter der Decke.
In DDR-Bars jagten junge Frauen im Auftrag des MfS nach westlichen Gästen.


Halle (Saale) -

Das Mädchen wird an einem Sommerabend aufgegriffen, mitten in der Innenstadt von Halle. Zwei Polizisten bemerken ein Pärchen in einem Auto, routinemäßig werden die Papiere kontrolliert. Das Mädchen, gerade 18 Jahre alt, stammt aus Halle. Der Mann, mit dem sie zusammen ist, hat einen jugoslawischen Pass.

Nichts Kriminelles, keine Straftat weit und breit. Doch die Staatssicherheit, die die eingehenden Meldungen der Polizei routinemäßig prüft, sieht hier das, was sie einen „Ansatzpunkt“ nennt. Die 18-Jährige ist bereits zweimal zuvor in Gesellschaft von Personen angetroffen worden, die in der sogenannten Reisedatenbank der Abteilung VI des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) erfasst sind.

„Sie ist westlich eingestellt und verherrlicht die westliche Lebensweise“, vermerkt die Akte. Keine Kritik, sondern ein Grund mehr für Leutnant Horst Frauendorf, die junge Frau an ihrem Arbeitsplatz in einem großen Kaufhaus zu kontaktieren. Das Ziel ist, so steht es in der Akte, das lebensfrohe Mädchen als Inoffizielle Mitarbeiterin zu gewinnen, um ihre Verbindungen ins „Jugomilieu“ (MfS) zur Überwachung der in der DDR beschäftigten Arbeiter aus dem wegen seiner Alleingänge misstrauisch beäugten Bruderland zu nutzen.

DDR-Staatssicherheit kochte Menschen weich

Die Frau lehne „kategorisch ab“, notiert Frauendorf nach dem ersten Treff. Aber das MfS hat Methoden, Menschen weichzukochen. Allein die Angst, immer wieder kontaktiert zu werden, ändert die Ansicht der Hallenserin. Aus „politischer Überzeugung“, so steht es in der Akte, die das MfS unter dem Namen „IM Melanie“ führen wird, willige sie ein, Ausländer aus dem nicht-sozialistischen Ausland und Jugoslawien im Auge zu behalten.

IM Melanie ist nicht allein. Gerade die wenigen Ausländer, die sich zumeist aus beruflichen Gründen in der DDR aufhalten, gelten der Staatssicherheit als Gefahrenquelle. Nicht von ungefähr, wie die Unterlagen zeigen, die jetzt in der Außenstelle der Jahn-Behörde in Halle aufgetaucht sind: Mal singen bundesdeutsche Monteure „nach 22.20 Uhr faschistische Lieder“ wie ein IM Rose aus der Clubgaststätte in Halle-Süd berichtet. Mal versuchen harmlos wirkende Bauarbeiter in Schkopau die „Infiltration mit dem Gedankengut staatsmonopolistischer Herrschaftskreise“. Mal schmuggeln Ungarn hochwertige Konsumgüter ein, mal werden bei Jugoslawen „westliche Drogen in größerer Menge“ entdeckt.

DDR: Stasi-Akten voller Lügen und Schmeichelei

Die Akten sind ein Abgrund an Lügen, Schmeichelei und Notwehr, aufgeschrieben in konspirativen Wohnungen, die „Peter“ heißen. Hier sitzen MfS-Offiziere wie Frauendorf oder sein Kollege Hoffmann aller zwei Wochen mit ihren „Jugonutten“ (MfS-Akte) zusammen, um Ausländer in der DDR gemäß einer zentralen Planungsvorgabe von Minister Erich Mielke „unter operativer Kontrolle“ zu halten und „operativ zu bearbeiten“.

Für das MfS aktiv: Realität holt gelogene Dementi ein

Stasi-Chef Erich Mielke liegt meist mit im Bett, wie die Akten verraten. Mehrfach äußern Anna und Melanie den Verdacht, andere Stammbesucherinnen der einschlägigen Treffs arbeiteten für das MfS. Eine schwierige Situation für Frauendorf und Hoffmann, die es ja genau wissen, nun aber glaubwürdig dementieren müssen.

Im Fall von IM Melanie, die nach mehreren Lektionen mit „fachlich-tschekistischen Grundkenntnissen“ (MfS) ausgestattet ist und eine „positiv-operative Entwicklung“ nimmt, holt die Realität das gelogene Dementi ein. Schon im Frühjahr 1987 äußert die 20-Jährige, sie habe eine „allgemeine Unlust an der Zusammenarbeit“ mit dem MfS. Hoffmann greift noch einmal in die Kasse und spendiert für 54,10 Mark ein Geburtstagsgeschenk - Kosmetikartikel aus der Jugendmode. IM Melanie aber ist verloren. Noch im Sommer schließt die Staatssicherheit ihre Akte.

https://www.mz-web.de/mitteldeutschland ... fte-329664
Junge Frauen sollten für das MfS „den wahren Grund des Aufenthaltes“ liefern

Neben Kellnern, Kneipern und Hotelmitarbeitern, die für die Stasi versuchen, „den wahren Grund des Aufenthaltes“ von Bauarbeitern, Handlungsreisenden oder Wissenschaftlern aus dem Westen festzustellen, sind es vor allem junge Frauen wie Melanie, die gleichaltrige Anna und die etwas ältere Lisa, die für die Staatssicherheit interessant sind. Sie alle verkehren Mitte der 80er Jahre in einem sinnenfrohen Milieu aus Nachtbars und Kneipen in der Chemiearbeiterstadt Halle, immer auf der Suche nach dem schnellen Spaß, aber auch nach der großen Liebe.

Es ist keine Prostitution im landläufigen Sinne, was die Mädchen betreiben. Zwar fahren sie normalerweise trotzdem zweimal im Jahr zur Leipziger Messe hinüber, wo ausländische Besucher 200 Westmark für „einmal GV“ zahlen, wie es in den Stasi-Akten heißt. Aber auch zwischen heimischen Adressen wie dem „Tusculum“, dem „Scirocco“ und der Panorama-Bar gibt es Westgeld-Präsente von Holländern, Bulgaren und Libyern.
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Re: Prostitution in der DDR

Beitragvon augenzeuge » 28. September 2018, 10:59

Stasi-Chef Erich Mielke liegt meist mit im Bett, wie die Akten verraten.


[laugh]

Die Frau lehne „kategorisch ab“, notiert Frauendorf nach dem ersten Treff. ........Aus „politischer Überzeugung“, ...willigte sie dann ein.

Das da keiner vom MfS drüber gestolpert ist.... [flash]
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Re: Prostitution in der DDR

Beitragvon Edelknabe » 28. September 2018, 17:01

Na das trifft es doch schon eher, dies aus dem Link vom Interessierten:

"Es ist keine Prostitution im landläufigen Sinne, was die Mädchen betreiben."
textauszug ende

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Re: Prostitution in der DDR

Beitragvon Interessierter » 25. Dezember 2018, 09:32

Geil für Mielke und westliche Moneten

Uta Falks Recherche zur Prostitution in der DDR in „VEB Bordell“ läßt die Auftragsarbeit der Huren für das MfS relativ unterbelichtet. Wichtig ist das Buch als Beitrag zur Mentalitätsgeschichte, weil es einen der wenigen Freiräume in der DDR ausleuchtet – den Sex  ■ Von Udo Scheer

Es kam selten vor, daß sie es zu toll getrieben. Die „flotte Moni“, eine attraktive Sachbearbeiterin in Karl-Marx-Stadt, lockten wie viele andere in der DDR der Traum von der weiten Welt und der Luxus. Ihre Leidenschaft für die Exotik westlicher Männer rief die Volkspolizei auf den Plan, genauer, deren Stasi-Abteilung K1. Die stellte geplante Republikflucht durch Schleusung fest und übergab den Vorgang dem MfS.

Ob die Staatssicherheit das Nummerngirl als Lockvogel zur Aushebung einer „feindlichen Menschenhändlerbande“ benutzte, ist Uta Falks Geschichte der Prostitution in der DDR nicht zu entnehmen. Die Autorin und Soziologin geht in „VEB Bordell“ zwar auf „Die Vernunftehe zwischen Prostitution und Staatssicherheit“ ein, stützt sich für die siebziger und achtziger Jahre jedoch überwiegend auf Presseveröffentlichungen und Gespräche mit Prostituierten, Barkeepern, Taxifahrern ..., ohne Akten und Dokumente heranzuziehen. So entwirft sie ein aufschlußreiches, teilweise voyeuristisches Panorama der Prostitution für Devisen. Die geheimdienstliche Dimension des Gewerbes ist mit dieser Methode nicht auszuloten. Sie ist jedoch ahnbar, wenn ein Ex- Stasi-Mitarbeiter zitiert wird, dem zufolge 95 Prozent der HwG- Personen (Personen mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr) zugleich für sein „Organ“ arbeiteten. [laugh]

Angesichts der 1968 erfolgten Erhebung der Prostitution zum Straftatbestand (§249, bis fünf Jahre Haft) hatten die Herren von der geheimen Front auch bei der „flotten Moni“ leichtes Spiel, sie sich „auf Basis von Wiedergutmachung“ dienstbar zu machen. Fortan empfing sie als IM „Petra Meyer“ westliche Diplomaten und Geschäftsleute. Im Land der Trabis und Wartburgs fuhr sie Mercedes: „Manchmal habe ich 5.000 Mark West pro Auftrag verdient und danach 1:12 getauscht.“ Das entsprach fünf Jahresgehältern eines Lehrers. Der Sex mit ihrem Führungsoffizier ging dann eine Nummer zu weit. Ihre IM-Akte weist Dekonspiration aus – den Tabubruch. Man trennte sich einvernehmlich: „Ich konnte weiter so ausschweifend leben, wie ich wollte.“

Weiter geht es hier:
http://www.taz.de/!1347371/
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Re: Prostitution in der DDR

Beitragvon augenzeuge » 25. Dezember 2018, 10:33

1:12 getauscht


Solche Leute gab es? 1:5 empfand ich schon viel, die gab es in den Wechselstuben schon, aber das kann nur eine außergewöhnliche Ausnahme gewesen sein.

AZ
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Re: Prostitution in der DDR

Beitragvon Volker Zottmann » 25. Dezember 2018, 10:47

Schwarz zu tauschen war auch uns im letzten DDR-jahr nicht fremd. Wenn, dann immer 1:5.
Kurz nach der Grenzöffnung fehlten wir 2 Mark um etwas Bestimmtes im Baumarkt "Bauhaus" Stöckheim gei Braunschweig einkaufn zu können. Da habe ich mit einem Westdeutschen 50 Ost zu 5 West getauscht.

Gruß Volker
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Re: Prostitution in der DDR

Beitragvon andr.k » 25. Dezember 2018, 22:23

Interessierter hat geschrieben:Geil für Mielke und westliche Moneten

Uta Falcks Recherche zur Prostitution in der DDR in „VEB Bordell“ läßt die Auftragsarbeit der Huren für das MfS relativ unterbelichtet. Wichtig ist das Buch als Beitrag zur Mentalitätsgeschichte, weil es einen der wenigen Freiräume in der DDR ausleuchtet – den Sex  ■ Von Udo Scheer

Es kam selten vor, daß sie es zu toll getrieben. Die „flotte Moni“, eine attraktive Sachbearbeiterin in Karl-Marx-Stadt, lockten wie viele andere in der DDR der Traum von der weiten Welt und der Luxus. Ihre Leidenschaft für die Exotik westlicher Männer rief die Volkspolizei auf den Plan, genauer, deren Stasi-Abteilung K1. Die stellte geplante Republikflucht durch Schleusung fest und übergab den Vorgang dem MfS.

Ob die Staatssicherheit das Nummerngirl als Lockvogel zur Aushebung einer „feindlichen Menschenhändlerbande“ benutzte, ist Uta Falcks Geschichte der Prostitution in der DDR nicht zu entnehmen. Die Autorin und Soziologin geht in „VEB Bordell“ zwar auf „Die Vernunftehe zwischen Prostitution und Staatssicherheit“ ein, stützt sich für die siebziger und achtziger Jahre jedoch überwiegend auf Presseveröffentlichungen und Gespräche mit Prostituierten, Barkeepern, Taxifahrern ..., ohne Akten und Dokumente heranzuziehen. So entwirft sie ein aufschlußreiches, teilweise voyeuristisches Panorama der Prostitution für Devisen. Die geheimdienstliche Dimension des Gewerbes ist mit dieser Methode nicht auszuloten. Sie ist jedoch ahnbar, wenn ein Ex- Stasi-Mitarbeiter zitiert wird, dem zufolge 95 Prozent der HwG- Personen (Personen mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr) zugleich für sein „Organ“ arbeiteten. [laugh]

Angesichts der 1968 erfolgten Erhebung der Prostitution zum Straftatbestand (§249, bis fünf Jahre Haft) hatten die Herren von der geheimen Front auch bei der „flotten Moni“ leichtes Spiel, sie sich „auf Basis von Wiedergutmachung“ dienstbar zu machen. Fortan empfing sie als IM „Petra Meyer“ westliche Diplomaten und Geschäftsleute. Im Land der Trabis und Wartburgs fuhr sie Mercedes: „Manchmal habe ich 5.000 Mark West pro Auftrag verdient und danach 1:12 getauscht.“ Das entsprach fünf Jahresgehältern eines Lehrers. Der Sex mit ihrem Führungsoffizier ging dann eine Nummer zu weit. Ihre IM-Akte weist Dekonspiration aus – den Tabubruch. Man trennte sich einvernehmlich: „Ich konnte weiter so ausschweifend leben, wie ich wollte.“


Schade dass du keine Bücher über das K I liest. Dieses von dir hier vorgestellte Buch wäre ein guter Ansatz dafür. Dein Smiley zeigt was dich an diesem Thema wirklich interessiert.
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