Mit Vollgas in die Freiheit

Mit Vollgas in die Freiheit

Beitragvon Interessierter » 16. September 2018, 07:53

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Oktober 1964 in Freiburg: Der Hechinger Student Karl Heinz Schäfer steigt aus dem eigens angeschafften Fluchtauto, einem englischen Austin-Sportwagen.

Alles schön und gut, das mit dem silbernen Mauerfall-Jubiläum. Magdalena und Karl Heinz Schäfer ist ihr Goldjubiläum wichtiger: Vor 50 Jahren haben sie spektakulär den Eisernen Vorhang überwunden.

Der DDR entkommen, das war bis zum 9. November 1989 nur unter Lebensgefahr möglich. Im Jahr 1964, die Mauer war erst drei Jahre alt, hätte niemand darauf gewettet, dass der innerdeutsche Grenzwall jemals wieder fallen würde. Deshalb fasste damals ein deutsch-deutsches Liebespaar einen riskanten Entschluss: Flucht aus dem Osten über die tschechisch-österreichische Grenze.

Dr. Karl Heinz Schäfer, pensionierter Lehrer für Geschichte und Politik, und in Hechingen vor allem bekannt als Diakon und sein Engagement für den Missionskreis, hatte seine spätere Frau Magdalena 1957 über eine Brieffreundschaft kennengelernt. Das erste Mal getroffen haben sich beide drei Jahre später, als der Abiturient aus Hohenzollern auf Klassenfahrt nach Berlin war. Ab sofort hatte der junge Hechinger eine Freundin, die in der Nähe von Cottbus lebte. Der Mauerbau 1961 unterbrach die Beziehung jäh. Eine Ausreise aus der DDR war streng untersagt. Das Paar hat es trotzdem versucht - und wurde von den ostdeutschen Bürokraten ausgelacht.

Ab dem 27. September 1964 waren beide wieder zusammen. Dazu allerdings brauchte es eine hoch riskante Aktion. Vor fünf Jahren, zum 20. Jubiläum des Mauerfalls, hat Karl Heinz Schäfer erstmals öffentlich über die Flucht in James-Bond-Manier berichtet. Alles war bis ins Detail geplant: Der Student hatte sich einen älteren Austin-Sportwagen gekauft - ein Cabrio, dessen Frontscheibe nach unten geklappt werden konnte.

Das hatte einen triftigen Grund: An besagtem Septembertag fuhr der damals 23-Jährige in der Abenddämmerung langsam auf den Grenzübergang Pressburg/Wien zu. Kurz vor dem Schlagbaum, der den Osten vom Westen trennte, gab er Vollgas, zog den Kopf ein und raste gen Österreich. Im winzigen Kofferraum: Freundin Magdalena, mit Stahlplatten extra geschützt. Die waren durchaus angebracht: Es fielen Schüsse, aber die trafen zum Glück nicht den Fluchtwagen, sondern das Grenzgebäude der verdutzten Österreicher.


Die Flucht war absolute Geheimsache gewesen, auch die Familien hatten nichts gewusst. Die DDR schaltete danach auf Schikane: Als das Paar 1968 heiratete, durfte nur die Mutter der Braut nach Hechingen kommen, weil sie schon im Rentenalter war. Magdalena Schäfer war 1975 dank der Annäherungspolitik von Willy Brandt erstmals wieder in der alten Heimat.

Zum Mauerfall-Jubiläum hat in dieser Woche der Südwestrundfunk über die lebensgefährliche Flucht des Hechinger Ehepaars berichtet. Karl Heinz Schäfer war immer der Ansicht gewesen, dass kein Aufheben mehr davon gemacht werden soll. Davon ist er abgerückt. Denn er stellt fest, dass die Erinnerung an die deutsch-deutsche Teilung verblasst. Und das soll nicht sein.

https://www.swp.de/suedwesten/staedte/h ... 20127.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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