Damals im Osten

Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 19. Oktober 2018, 09:23

Leben in der DDR – Zeitzeugen befragt

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Zeitzeugin Angelika Cholewa.

Wie war das Leben in der DDR? Eine interessante und berechtigte Frage von Zehntklässlern, die erst zehn Jahre nach der Wende geboren wurden. DDR-Geschichte war eine Zeit lang aus den Geschichtsbüchern verschwunden, jetzt aber wieder ein Thema, sagt Claudia Franke, Geschichtslehrerin am Philipp-Melanchthon-Gymnasium in Herzberg.

Sie und ihre Kollegin Kerstin Kiehl haben mit den Schülern der beiden 10. Klassen viel über die DDR-Geschichte geredet. Neben der "Theorie" im Unterricht haben die jungen Leute zu Hause mit Personen aus dem familiären Umfeld darüber gesprochen, wie sie die DDR erlebt haben. Die Jugendlichen konnten Vorträge erarbeiten und Essays schreiben, so Claudia Franke. Einige, so die Lehrerin, seien sehr erstaunt gewesen, dass Ältere die DDR zurückhaben wollten, wegen der sozialen Bindungen und der Kontakte zu den Mitmenschen.

Die Zehntklässler haben sich auch mit Flucht und Vertreibung auseinandergesetzt. Ihr Exkurs in das Leben in der DDR endete mit einem Projekttag zum Thema "Erinnerung ist Zukunft - Flucht und Ausreise aus der DDR". Dazu nutzten die Pädagogen die Unterstützung der Deutschen Gesellschaft - ein Verein zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa. Die Gesellschaft bietet Gespräche mit Zeitzeugen für Jugendliche und junge Erwachsene an. So hatten die Herzberger Gymnasiasten Madeleine Petschke von der Deutschen Gesellschaft und die Zeitzeugin Angelika Cholewa in ihrer Schule zu Gast. Madeleine Petzschke hielt einen einführenden Vortrag zum Thema mit einigen Ausführungen zu Alltag und Widerstand in der DDR.

Angelika Cholewa konfrontierte die Schüler mit Erlebnissen, die den meisten bis dahin fremd waren. Die 1955 in Naumburg geborene Frau gelangte als 17-Jährige in die Fänge der Staatssicherheit, sie sollte ihre Mitschüler ausspionieren. Eindringlich schilderte sie ihre Gefühle, von einem Tag auf den anderen ausgeliefert zu sein, niemandem mehr vertrauen zu können. Sie sprach über die Enge des Lebens in der DDR, die sie nicht aushalten konnte und über einen gescheiterten Fluchtversuch, der sie als politische Gefangene in das Frauengefängnis Hoheneck mit seinen unvorstellbaren Zuständen brachte. Sie erzählte, wie sie 1983 für 64 000 D-Mark freigekauft wurde, und auch in der BRD lange nicht zurecht kam.

Vor fünf Jahren habe sie ihre Stasi-Akte gelesen und festgestellt, dass auch dort nicht die Wahrheit drin stand. Wieder sah sie sich ohnmächtig ausgeliefert, wieder ging ein großer Riss durch die Familie. Ihre Botschaft an die jungen Menschen in Herzberg: immer sie selbst zu bleiben und sich nicht verbiegen zu lassen, zu reden über das, was sie erleben und zuzuhören.

Die Schüler, die sich gut auf die Begegnung vorbereitet hatten, fragten sie auch nach ihrer Meinung zur aktuellen Flüchtlingssituation. Sie habe sich noch nicht ausreichend genug damit auseinandergesetzt und auch keine Lösung parat, antwortete Angelika Cholewa. Aber sie halte es für sehr problematisch, Menschen, die aus einer ganz anderen Kultur kommen, in Deutschland zu integrieren. Man müsse die anderen Kulturen respektieren, sonst könne man sie nicht verstehen.

Die Schüler haben nach den gut zweieinhalb Stunden in der Aula ein interessantes Fazit gezogen. Sie hätte einen guten Einblick über die für sie unvorstellbare Zeit bekommen, sagte ein Mädchen. Frau Cholewa hätte ganz andere Eindrücke von der DDR vermittelt als ihre Eltern, meinte eine andere Schülerin. Sie habe sich vorgenommen, immer in den Spiegel schauen zu können, sagte eine weitere.

Sie sei dankbar, dass die Jugendlichen zugehört und Fragen gestellt haben, entgegnete Angelika Cholewa. Sie freue sich, wenn sie ihnen etwas mitgeben konnte.

https://www.lr-online.de/lausitz/herzbe ... id-3866559
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 21. Oktober 2018, 09:50

Nach Verwandtenbesuch 14 Jahre in DDR gefangen

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Sind seit 60 Jahren verheiratet: Margot und Dieter Jeske aus Sande. Die beiden besuchten 1961 Verwandte in der DDR, als die Mauer gebaut wurde und mussten im Osten bleiben. Bild: Oliver Braun

Als Dieter Jeske 1955 mit seiner Fußballmannschaft von Turbine Görlitz zu einem Freundschaftsspiel nach Darmstadt reiste, da traf der wendige Mittelfeldspieler zwar auch ins Tor, viel wichtiger aber war: Er schoss sich auch ins Herz der damals 21-jährigen Margot, die ein Jahr später seine Frau werden sollte. „Es war ein ereignisloser Sonntag und ich beschloss, mit meiner Freundin Lieselotte zum Fußballplatz herüberzugehen“, sagt Margot Jeske. Da entdeckte sie dann Dieter Jeske und stupste ihre Freundin an: „Der kleine Dribbler da hinten, der ist ja süß....“

Margot und Dieter kamen sich in den drei Tagen, in denen er mit seiner Fußballmannschaft noch in Darmstadt blieb, näher. „Sehr nahe sogar...“, lächelt Margot Jeske.

Doch die Entfernung war nicht unproblematisch für die junge Liebe: Dieter Jeske musste zurück nach Görlitz, wo er als Stahlbauer und Schlosser arbeitete, Margot blieb in Darmstadt und verdiente sich ihr Auskommen als Büglerin. Das Paar schrieb sich Liebesbriefe, besuchte sich gegenseitig, bekam eine Tochter und schließlich wurde am 14. Juli 1956 – vor genau 60 Jahren – in Görlitz geheiratet. Eine kurze Zeit lebte das junge Paar im Osten, zog dann zurück nach Darmstadt und besuchte im August 1961 Verwandte von ihm in der DDR. Es waren schicksalhafte Tage: In Berlin wurde über Nacht die Mauer gebaut, die DDR riegelte sich ab, Margot und Dieter Jeske saßen fest, konnten nicht mehr zurück. „Es kamen Volkspolizisten, uns wurden die Ausweise abgenommen. Ich musste mich innerhalb von 24 Stunden entscheiden, auszureisen, oder bei meinem Mann und meiner Tochter in der DDR zu bleiben.“

Margot Jeske entschied sich für die Liebe und ließ Geschwister und ihre Mutter in Hessen zurück. 14 Jahre lang lebte das junge Paar unfreiwillig in der DDR. Margot Jeske musste Kranführerin lernen, arbeitete in einer Waggonbaufirma, wo Staub und Dreck und chemische Sub­stanzen ihre Lungen angriffen. „Wir waren 14 Jahre in der DDR gefangen“, sagt Margot Jeske, erst 1975 wurde das Paar mit weiteren DDR-Bürgern im Zuge eines Devisengeschäfts „freigekauft“.

Die Jeskes konnten nicht einfach nach Darmstadt zurück, sondern wurden Wilhelmshaven zugeteilt. Dort bauten sie sich eine neue Existenz auf. 1990 zog das Paar nach Sande, dort hatte sich die Tochter ein Haus gekauft. Eine Pflegetochter, zu der sie heute noch innigen Kontakt halten, lebt mit Mann und vier Kindern in Sachsen.

Ihre Diamantene Hochzeit wollen die Jeskes mit ihrer Familie und guten alten Freunden in Görlitz feiern. Ihre Töchter haben ihren inzwischen 81 und 82 Jahre alten Eltern eine Überraschungsfeier vorbereitet.

https://www.nwzonline.de/friesland/kult ... 07298.html
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 23. Oktober 2018, 14:19

Herbsterinnerungen

Am 9. Oktober 1989 kommt es in meiner Heimatstadt Halle/Saale wahllos zu zahlreichen, gewalttätigen Übergriffen durch Polizei und Angehörige der Staatssicherheit. Dies geschieht im Anschluss an das montags stattfindende Friedengebet in der "Marktkirche".

von Steffi Beckmann

6. November 1989

Seit vier Wochen bereits bin ich mit meiner Tochter in "Sankt Georgen". Die Mahnwache begann am 10. Oktober 1989. Pfarrer Hans H. öffnete die Pforten seiner Kirche unter dem Motto "Freiheit für die zu Unrecht Inhaftierten", auf Grund der Übergriffe am Abend des 9. 10. 1989. War es wirklich nur ein Zufall, als ich mit meiner Tochter am Abend des 10. Oktobers an der Kirche vorbei fuhr? Sie sah die Kerzen auf den Mauern brennen, die Leute welche unablässig durch die weit geöffneten Pforten strömten. Dann sagte sie: "Mami, ich glaube die feiern hier ein Fest, lass uns doch einfach hineingehen und nachschauen." Wir gingen und blieben.

Der Bericht der Zeitzeugin geht hier weiter:
https://www.mdr.de/damals/archiv/artikel7540.html
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 27. Oktober 2018, 09:00

Die Braut im Kornfeld

von Lotti Buchwald


Lothar war kurz nach dem zweiten Weltkrieg geboren worden und als die Mauer gebaut und die Grenze für alle dicht gemacht wurde, gerade erst den Kinderschuhen entwachsen. Als er seinen Wehrdienst antrat, verließ er zum ersten Mal für längere Zeit die Berge und Täler seiner Heimat, um flachere Gefilde zu erkunden. Und dort, kaum waren die ersten Schießübungen verhallt, traf ihn ein Pfeil aus Amors Bogen. Er verliebte sich bis über beide Ohren. Doch mit seinem auserkorenen Mädchen kamen gleichzeitig auch fast unüberwindliche Schwierigkeiten auf ihn zu.

Wie gern hätte er Gerlinde seinen Eltern einmal vorgestellt, aber das war einfach nicht möglich. Als das Verhältnis inniger wurde, man sprach inzwischen vom Heiraten, erkannten alle Beteiligten die ganze vertrackte Situation in ihrer totalen Ausweglosigkeit. Lothar war ein äußerst Heimat verbundener Mensch. Die Verlobung sollte deshalb in der schönen Umgebung seines Elternhauses gefeiert werden. Da die zukünftige Braut aber richtigerweise weder mit ihm verwandt noch sonst irgendwie mit seinem Heimatort verflochten war, erhielt sie natürlich auch keinen Passierschein. Und ohne diesen Schein kam Gerlinde offiziell weder ins grenznahe Elternhaus des Bräutigams, noch konnte sie dort in aller Öffentlichkeit seine Braut werden.

Aber Not und Liebe machen bekanntlich erfinderisch, und wo viel Liebe ist, gibt es auch viele Wege.

Die ganze Geschichte hier:
https://www.mdr.de/damals/archiv/artikel7828.html
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Volker Zottmann » 27. Oktober 2018, 12:25

Die dort beschriebene Materialbeschaffung spiegelt genau unser Landleben.
Nur wer selbst was anzubieten hatte, konnte gewiss sein, selbst mal Begehrtes zu bekommen. Geld war die zweitwichtigste Währung in der DDR. Die simple Verrechnungseinheit eben. Ohne Beziehungen aber, ließ es sich nur sparen....

Gruß Volker
http://baupionier.zottmann.org/
http://Mein-DDR-Leben.de/

Die Weite Deines Horizonts ist Frage Deiner Sicht.
Der Große sieht ihn breiter, der Kleine leider nicht.
(Volker Zottmann)
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Nostalgiker » 27. Oktober 2018, 12:57

Ja, ja die Anekdoten mit dem 100% Wahrheitsgehalt ......

und einzig und allein die Planwirtschaft ist Schuld das ein Treckerfahrer zu dämlich ist zum wenden .....
Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere mich gerne hätten.

Eindeutigkeit der Absicht wurde bei ihm zur Zweideutigkeit des Handelns
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 31. Oktober 2018, 11:23

Vortragsabend „DDR – Geschichte aus 1. Hand“ in Forchheim

Dipl.Ing. Schudt (80), derzeit wohnhaft in Dechsendorf bei Erlangen, hat Glück gehabt. Doppeltes Glück sogar, wie er vor dem Männerkreis der Pfarrei Don Bosco Forchheim bekundete. Er wuchs in Ilmenau auf und war nach seinem Studienabschluss als Lehrbeauftragter an der Charite der Alexander-Humboldt – Universität in Ostberlin beschäftigt. Er hat in Zeiten der DDR am eigenen Leib spüren müssen , was es heißt in einer Diktatur zu leben.

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Hans-Peter Schudt

Der Männerkreis Don Bosco hatte ihn zu einem Vortragsabend unter dem Titel „DDR – Geschichte aus 1. Hand“ als Zeitzeugen eingeladen. Der Referent lebte viele Jahre in einem Staat, in welchem ein Staatsratsvorsitzender per Federstrich ein „Lebenslänglich“ in ein sogleich vollstrecktes Todesurteil umwandeln konnte. Bei Schudt waren es, wie er authentisch erzählte „nur“ fünf Jahre Gefängnis. Von dieser Strafe musste er aber nur ein gutes Jahr absitzen, bevor man ihn, wie insgesamt 34000 DDR – Bürger an die Bundesrepublik „verkaufte“. „Freigekauft“ nannte man es damals, so Schudt. Der ostdeutsche Staat erlöste für Schudt etwa 40 000 D-Mark. Insgesamt beschaffte sich die DDR auf diese Weise Devisen in der Größenordnung mehreren Milliarden DM.

Die Anklage gegen den Elektroingenieur aus dem Thüringischen Ilmenau lautete auf „Verleitung zur Republikflucht“. Hans-Peter Schudt wusste von den Fluchtplänen einiger Bekannter, verriet sie aber nicht. 1965 wurde er deshalb inhaftiert, 1966 erhielt er seinen Prozeß und wurde dafür, dass er sein Wissen nicht an das Ministerium für Staatssicherheit verriet, zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Schuth belegte mit vielen Dokumenten, die er sich nach der Wende aus der Stasi-Unterlagenbehörde beschaffte, dass es sich bei der DDR beileibe nicht um einen Rechtsstaat handelte. 18 – jährige Oberschüler, die sich für freie Wahlen einsetzten, wurden zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, der Staatsratsvorsitzende konnte ohne Verfahren und Anhörungen Urteile umwandeln und verwerfen. Es gab eine von der Politik gelenkte Justiz.

Schuth sprach von 90.000 hauptamtlichen und 190.000 inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit im Jahr der Wende 1989. Hinzukamen Informanten aus Schulen und Betrieben. Über verdächtige Personen wurden von sogenannten „Quellen“ Dossiers angelegt, die ebenso groteske wie banale Züge aufwiesen. Über ihn, so Schudt, wurden insgesamt 3000 Seiten angelegt. Darin wurde deutlich, wie sehr die Stasi in das Leben des Einzelnen eingedrungen ist und der Einzelne im Alltag ausspioniert wurde. Hans-Peter Schudt, der nach seiner Übersiedlung bei der Fa. Siemens in leitender Funktion tätig war, bezeichnete dabei die „Lüge“ in der DDR als gängiges Kampfinstrument gegenüber unliebsamen Personen, aber auch zur positiven Darstellung verfehlter Planungsziele.

https://www.wiesentbote.de/2016/03/18/v ... forchheim/
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