Damals im Osten

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Beitragvon Interessierter » 2. September 2018, 11:28

Der Sprechchor

von Karl-Hans Arndt

Zur FDJ-Studienjahresleitung bestellt zu werden war - sofern damit nicht liiert - nicht gerade erfreulich. Insbesondere dann nicht, wenn neben drei ernst dreinschauenden Jugendfreunden auch noch zwei reifere Herren mit Parteiabzeichen einem konzentriert entgegenblickten und nach einigen scheinheiligen Fragen sofort zur Sache kamen.

Wie ich denn das gemeint hätte mit den tapferen Rotgardisten des Bürgerkrieges, die nicht weglaufen konnten!? Die Vorgeschichte war diese: Vorlesung Gesellschaftswissenschaften mit Darlegung der tapferen Roten Garden gegen die feigen Weißgardisten. Mit meinem losen Maul bemerkte ich zu meinem Nachbarn, dass es da besonders tapfere rote Maschinengewehrschützen gegeben hatte. Die liefen überhaupt nicht weg. Sie hatten nämlich nur noch ein Bein und konnten das gar nicht.

Der Nachbar hatte keine Miene verzogen, aber gemeldet hatte er es offenbar. Das konnte sehr schnell zum Rausschmiss führen. Bei solchen Delikten fackelte man 1956/57 nicht lange an der Humboldt-Universität zu Berlin. Was blieb übrig, als blauäugig zu tun und es anders und anerkennend gesagt zu haben. Das nahm man mir zwar nicht so richtig ab. Aber eine Gegenüberstellung wollte man wohl auch nicht.


Ganz ungeschoren kam ich aber nicht davon. Es gab eine Aufgabe zur Bewährung. Nämlich die Ehre, den Sprechchor der Medizinischen Fakultät für den 1. Mai 1957 zu bilden, zu trainieren und anzuführen. Für die Kandidaten würde man sorgen. Treffpunkt nächsten Donnerstag 15.00 Uhr im alten Hörsaal der Anatomie. Und da saßen dann 50 bis 60 Kommilitonen der Vorklinik mit verdrossenen Gesichtern. Es waren die, die man auch dazu verknackt hatte, als Bewährung im Sprechchor mitzuwirken. Delikte waren z. B. Westkinobesuch, Ostgeldumtausch, Studienbummelei oder - wie auch in meinem Fall- unvorsichtige Sprüche.

Ich baute mich vor dem Auditorium auf, stellte mich als Mitbetroffenen vor und verwies auf die dringende Notwendigkeit, jetzt nicht weiter aufzufallen, vor allem nicht negativ. Dann wies ich darauf hin, dass ein Sprechchor nur ein Lacher wäre, wenn er nicht das Richtige rufe und wenn er zu leise sei. Aus der langen Liste der vorgegebenen Parolen hatte ich drei herausgesucht. In Erinnerung ist mir nur noch "Helft ein einig Deutschland schaffen - ohne atomare Waffen..." (Konnte man damals noch laut sagen). Die drei Parolen schrieb ich an die Tafel und merkte an, dass ich schon welche ausgewählt hätte, die man laut rufen könnte. Das fand auch allgemeine Zustimmung.

Dann erklangen je dreimal im Hörsaal die Sprüche, dass die Fenster schepperten, und nach 25 Minuten waren alle entlassen. Am Morgen des 1. Mai trafen wir uns hinter dem Roten Rathaus. Der Sprechchor war fast vollständig, und wir wurden gleich hinter der Fakultätsleitung an die Spitze der Mediziner platziert.

Nach einem nochmaligen "Probebrüller", dass den vor uns schreitenden Mitgliedern der Leitung fast die Kopfbedeckungen herunterfielen, setzte sich unser Marschblock in Bewegung. Rechtzeitig vor der Ehrentribüne auf dem Marx-Engels-Platz stieß ich den Tambourarm nach oben, und schon erscholl erfreulich laut: "Helft ein einig Deutschland schaffen..."

Es kam auch auf der Tribüne sehr gut an, sodass der Jubelredner von oben herab die Medizinische Fakultät begrüßte und "unseren jungen Medizinern künftige große Studienerfolge" und dergleichen wünschte. Das baute natürlich auch den Chor erheblich auf, und er wurde jetzt erst richtig warm. Unser Block war längst an der Tribüne vorbei, da krähten wir immer noch unsere Parolen, heiß auf weiteren Beifall.

Der kam dann auch regelmäßig, konnte man doch die Sprüche wirklich vertreten. Auf jeden Fall war der Sprechchor ein Erfolg. Das wurde mir auch anerkennend von den Freunden der FDJ-Studienjahresleitung mitgeteilt. Leider war es damit für mich nicht erledigt. Aufgrund der bewiesenen "organisatorischen und leiterischen" Befähigung nötigte man mich, in die FDJ-Studienjahresleitung kooptiert zu werden. Die alsbaldige Wahl war reine Formsache; jeder war froh, dass es ihn nicht traf.

https://www.mdr.de/damals/archiv/artikel7612.html

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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 3. September 2018, 11:27

Adenauer befreite ihn aus der Hölle

Drei Jahre kämpfte Günther Rehbein ums Überleben: In der Mittelschule Bad Kötzting erzählt er seine tragische Geschichte.

Bild
Aufrecht sitzen, Hände auf die Oberschenkel: Günther Rehbein schildert den Schülern die Haltung, in der er ungezählte Stunden verbrachte. Foto: rh

Drei Jahre Kampf ums Überleben

„Ich bin heute bei Ihnen, um Ihnen zu zeigen, welch schreckliche Verbrechen es in der DDR gegeben hat“, begann der 82-Jährige ins Thüringen der 50er Jahre. Als junger Mann hatte er damals über die Verhältnisse im Osten und die Ausbeutung durch die sowjetische Besatzungsmacht geschimpft. Das musste er bitter büßen: Von einem Stasi-Spitzel denunziert, wurde der damals 19-Jährige vom Arbeitsplatz weg verhaftet. Monatelang wurde er als Spion und Aufrührer verdächtigt, verhört, geschlagen, gefoltert, bis er ein falsches Geständnis unterschrieb. Auf dieser Basis wurde er von einem sowjetischen Tribunal 1952 zu 25Jahren Haft verurteilt, zu verbüßen in einem der berüchtigten sowjetischen Lager, Gulag genannt.

In der einem Konzentrationslager ähnlichen Hölle aus Eis und Schnee im sibirischen Workuta überstand Rehbein drei lange Jahre. Er herrschten Hunger, Kälte, überharte Arbeit und Willkür der Aufseher, die bis zu einem Massaker reichte, als Lagerinsassen bessere Bedingungen erstreiken wollten. Seine Familie und Angehörige zu Hause hatten von seinem Schicksal keine Ahnung.


Mit leiser Stimme, und auch nach über einem halben Jahrhundert danach sichtlich bewegt, las Rehbein den Schülern aus seiner Biografie „Gulag und Genossen: Aufzeichnungen eines Überlebenden“ vor. Er schilderte die Verhältnisse in den Lagern und Gefängnissen und zu welch perfiden Grausamkeiten Menschen fähig waren. Die Gräuel plastischer machte ein selbst produziertes Video von Orten seiner Gefangenschaft.

Sein Leben verdanke er dem ersten westdeutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer. „Er hat mir mein zweites Leben geschenkt“. Adenauer hatte in zähen Verhandlungen mit dem sowjetischen Staatschef Chruschtschow bewirkt, dass 1955 deutsche Zwangsarbeiter aus Sibirien in ihre Heimat zurückkehren durften. Rehbein wollte zurück nach Hause, wo er seine Frau und seine Tochter vermutete. Aus Unkenntnis über sein Schicksal hatte die Frau jedoch einen neuen Partner, die gemeinsame Tochter zur Adoption freigegeben.

Bis zur Wende 1989 stand Rehbein jahrzehntelang mit dem DDR-Regime auf Kriegsfuß, wurde bespitzelt, erhielt Arbeitsverbot, musste zwischen 1967 und 1971 sogar erneut in Haft, weil er seinen Denunzianten von 1952 verprügelt hatte.

Das ganz persönliche Happy End

„Habt ihr Fragen?“, beendete Rehbein seine Biografie. Es dauerte eine Weile, bis er eine Reaktion erhält, die Jugendlichen sind sichtlich beeindruckt. Was in ihren Köpfen vorgeht, zeigt die erste Frage, wie das denn zusammenpasse, seine Geschichte und das oft gehörte „Es war doch nicht alles schlecht, damals in der DDR...“

Rehbein wiegt den Kopf, bittet um Differenzierung. „Viele haben nichts gewusst, wissen zum Teil noch heute nichts, oder wollen es nicht...“ sagt er dann. Die Erinnerung an den angeblichen Zusammenhalt der DDR-Bürger basiere auf dieser Unwissenheit, was an der Mauer und in den Gefängnissen passierte, wer wen bespitzelte, plus die stillschweigende Allianz gegenüber „denen da oben“.

Für Rehbein ist Duckmäusertum keine Basis für eine Gesellschaft. „Und weil ihr die Zukunft seid, müsst ihr das wissen, um es einmal besser zu machen.“ Um aufzuklären, sei er trotz seines stolzen Alters jährlich rund 30000 Kilometer kreuz und quer durch Deutschland unterwegs.

Neben dem Zuspruch für seine auch mehrfach ausgezeichnete Aufklärungsarbeit, hat sich 2012 der ganz persönliche Traum des Günther Rehbein erfüllt: Nach einer im TV gesendeten Info-Versammlung erhielt er eine Mail einer Frau aus Karlsruhe, die ihn als ihren Vater erkannt hatte: „Nach 56 Jahren konnte ich sie wieder in meine Arme schließen“, schließt er – und nicht nur die Schüler müssen dabei schlucken.

https://www.mittelbayerische.de/region/ ... 03818.html
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 4. September 2018, 09:28

Alexander Wiegand: Der Heißener hat Zeitgeschichte erlebt und erlitten

Alexander Wiegand spielt mit seinen Kindern Maria und Luis und deren Freundinnen Finja und Thea das Brettspiel Across the iron curtain, auf Deutsch: Über den Eisernen Vorhang. Es ist das Spiel seines Lebens. Denn es geht auf dem Spielbrett, auf der man die Europakarte sieht vom grauen Ostblock in den Grünen Westen zu kommen.

Was hier spielerisch vermittelt wird, hat der 75-jährige Heißener als bitteren Ernst erlebt. Denn als Fernfahrer hat er in den drei Jahrzehnten zwischen Mauerbau und Mauerfall insgesamt 130 Menschen von Ost nach West gebracht. Wiegands Kinder und ihre Freundinnen und auch die schon etwas älteren Kinder und Jugendlichen können sich das heute gar nicht mehr vorstellen, dass der europäische Kontinent in den Zeiten des Kalten Kriegs zwischen dem kommunistischen Osten und dem demokratischen Westen durch einen Eisernen Vorhang getrennt war und es Menschen bei Strafe und unter Lebensgefahr verboten war, frei von Ost nach West zu reisen. Allein an der Berliner Mauer haben rund 150 Menschen ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Leben bezahlen müssen.

Die deutsche Teilung traf ihn persönlich


Deshalb stellt sich Wiegand auch an Schulen und Hochschulen als Zeitzeuge für Gespräche mit der jüngeren Generation zur Verfügung. Und er hat eine Geschichte zu erzählen, die film- und bühnenreif ist. „Ich wusste von Anfang an: Da musst du was tun“, erinnert sich Wiegand an den 13. August 1961. Den erlebte der damals 21-Jährige bei seinen Schwiegereltern in der damaligen DDR.
Und so machte er seinen LKW, in dem er unterschiedlichste Materialien von Westdeutschland in die DDR und die damalige CSSR brachte zu einem Fluchtwagen. Sein erster Einsatz als Fluchthelfer galt der ostdeutschen Freundin eines Arbeitskollegen. Lange ging alles gut.

Doch dann war Verrat im Spiel und Wiegand wurde 1972 bei einer Fluchthilfeaktion an der deutsch-tschechischen Grenze verhaftet, als er versuchte eine sudetendeutsche Familie aus der kommunistischen CSSR in die Bundesrepublik zu bringen. Für viereinhalb Jahre musste der Fluchthelfer, wegen vermeintlichen „Menschenhandels“ hinter Gitter. Während seiner Haft, die ihn auch in das berüchtigte Stasi-Gefängnis Bautzen brachte, lernte er unter anderem den tschechischen Schriftsteller und späteren Staatspräsidenten Vaclav Havel kennen. Mit ihm blieb er bis zu dessen Tod (2011) freundschaftlich verbunden.

Geschunden, aber nicht gebrochen

Obwohl er während seiner Haft einen hohen gesundheitlichen Preis bezahlen musste, weil er in den Gefängnissen der kommunistischen Diktatoren auch Folter erdulden musste, ließ sich Wiegand nie brechen. 1976 konnte der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher beim damaligen Staats- und Parteichef der CSSR, Gustav Husak, Wiegands Freilassung erreichen.

Wiegand kam zurück in den Westen Deutschlands und arbeitete nach einer Erholungsphase weiter als Fernfahrer und Fluchthelfer. Warum? „Das hat mit meinem christlichen Glauben zu tun“, sagt Wiegand. Heute ist er mit einer Frau aus dem diktatorisch regierten Weißrussland verheiratet und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe der Caritas. Dort arbeitet auch seine heutige Frau, die aus dem ebenfalls diktatorisch regierten Weißrussland kommt. Doch jetzt muss sich der Mann, der sich gerne und oft um andere Menschen kümmert, um sich selbst kümmern. Denn obwohl Wiegands Leistungen und Leidenswege als Fluchthelfer im Kalten Krieg ausgezeichnet und dokumentiert worden ist, muss der 75-Jährige bis heute um die Anerkennung seiner Opferrente als inhaftierter Fluchthelfer kämpfen. Doch auch heute gilt für Wiegand: „Ich kämpfe und gebe nicht auf.“ Gleichzeitig möchte er auch auf diesem Weg über die Mülheimer Woche und den Lokalkompass an seine Mitmenschen die Botschaft weitergeben: „Wenn unser gemeinsames Leben auf dieser Erde gelingen soll, dürfen wir nicht immer nur an uns selbst denken, sonder müssen auch den anderen im Blick haben.

https://www.lokalkompass.de/muelheim/po ... 70929.html
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 7. September 2018, 14:23

Ein Stasi-Opfer berichtet

Fürstenfeldbruck - Rainer Schneider (58) weiß, wovon er spricht, wenn er von Missständen in der DDR erzählt: Er bekam die Macht der Staatssicherheit, dem Geheimdienst der DDR, am eigenen Leib zu spüren.

Heute ist er Vorsitzender des Vereins Freiheit, der sich um die Interessensvertretung von ehemaligen Gefangenen der Stasi kümmert. Schneider besucht Schulen, um den Jugendlichen einen Einblick zu gewähren. Der 58-Jährige ist bei seinen Großeltern aufgewachsen. Mit der Stasi hatte er bis zu seinem 17. Lebensjahr keinen Kontakt. Weil er aber in einen Beruf gedrückt wurde, den er nicht ausüben wollte, nämlich Brauer, und anderen persönlichen Erfahrungen, wollte er die DDR verlassen. Diesen Wunsch äußerte er in einem unvorsichtigem Moment gegenüber einem Freund, der diese Geschichte an die Stasi verkaufte.

Schneiders damalige Freundin wohnte in Dresden: „Ich wollte mit gepackten Taschen zu ihr fahren. Wenn etwas Festes daraus geworden wäre, wäre ich in der DDR geblieben, wenn nicht, wäre ich über die grüne Grenze geflohen.“ Doch schon am Erfurter Hauptbahnhof war seine Reise zu Ende. „Mit drei Autos haben sie mich abgeholt und zum Verhör gebracht.“ Eine Tatsache, die er heute noch lachhaft findet: „Ich war 17 Jahre alt und hatte keine Ahnung von Nichts. Trotzdem hat man einen Aufstand gemacht, als ob ich ein Staatsfeind wäre.“

1972 musste er zehn Monate in der Jugendstrafvollzugsanstalt verbringen. „Schon beim ersten Verhör habe ich alles gestanden, was sie hören wollten. Man wird so unter Druck gesetzt, das man nicht anders kann. Man will nur aus dieser Situation heraus.“

Während dieser Zeit bekam seine Freundin seinen Sohn, nach seiner Entlassung heiratete das Paar. Erst 1974 fruchteten die Ausreiseanträge, die Familie wurde in die Bundesrepublik ausgebürgert und wohnt seitdem in München. Nach der Wende hat Schneider Einsicht in seine Stasi-Akte genommen und festgestellt: „Selbst nachdem ich ausgereist war, hatte mich der Geheimdienst immer noch im Visier.“

https://www.merkur.de/lokales/fuerstenf ... 52640.html
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 8. September 2018, 10:17

Ungeschönte Rückblenden in den Alltag der DDR

Lauta. Werner Braune ist heute ein Pfarrer im Ruhestand. Doch 47 Jahre, nachdem er einst die Stadt Lauta als seine zweite Pfarrstelle verlassen hat und als Landespfarrer in die Diakonie nach Schwerin abberufen wurde, sitzt er nun wieder in dem Lausitzer Städtchen.

Im Gemeinderaum der Kirche Lauta-Dorf stellte er am Samstag sein autobiografisches Buch "Abseits der Protokollstrecke - Erinnerungen eines Pfarrers an die DDR" vor. Schonungslos und zugleich mit einer Prise Humor gibt er darin Rückblenden auf die Zeit der DDR. Auch seine Jahre von 1962 bis 1970 als Pfarrer in Lauta kommen darin vor.

Schon 2009 hat Werner Braune sein 224 starkes Buch herausgegeben. Der Zeit in Lauta widmete Braune elf Seiten. Am meisten erinnerte er sich an den Dreck in dieser Stadt. "Wenn die Kinder im Sandkasten spielten, musste man sie danach erst duschen, um sie wieder voneinander unterscheiden zu können", berichtete er mit einem Augenzwinkern. Auch bauliche Mängel an der Kirche oder im Frommelheim sind ihm im Gedächtnis geblieben. Positiv erinnere er sich an eine sehr lebhafte und junge Gemeindearbeit, in der man für jedes Problem eine Lösung gefunden hat.

Generell scheint Braune ein Mann zu sein, der nie aufgab und mit einem unerschütterlichen Gottvertrauen und klaren Vorstellungen immer wieder gute Wege in Situationen fand, die aussichtslos schienen. So reflektiert Braune in seinem Buch zwar mit einer eher nüchternen Sprache, dafür aber sehr detailliert und kenntnisreich sowie mit einer Spur von Ironie die Unannehmlichkeiten, gegen die die Kirche in der sozialistischen Diktatur kämpfte. Offen berichtet er unter anderem von der Beschneidung der Reisefreiheit, den Kampf um Baumaterialien oder die Bespitzelung von Mitarbeitern durch die Staatssicherheit.

Letzteres beschreibt er eindrücklich in dem Kapitel "Verkündigung besonderer Art", indem er von der Diakonissen-Schwester Ruth berichtet, die aus ihrem Ruhestand in Westdeutschland eine Karte in die Stephanus-Stiftung schickte, in der Braune von 1979 bis zu seinem Ruhestand 2001 die Leitung inne hatte. Braune berichtet: "Die Karte von Schwester Ruth erhielten wir zwei Mal. Zum ersten Mal als wir sie im Postfach der Stiftung fanden. Das zweite Mal in den Akten der Stasi im Jahr 1992".

Ende der 1980er-Jahre geschah dann das Unerwartete. Als die Machthaber der DDR aufzuhalten versuchten, was nicht mehr aufzuhalten war, agierte Braune als besonnener Mittelsmann, der Erich Honecker in Lobetal, im einstigen Pfarrhaus seiner Kindheit, kurzzeitig ein sicheres "Asyl" verschaffte. Für Braune sei diese Aktion ein "wichtiger Baustein für eine weitere friedliche Entwicklung" gewesen. Dennoch, so beschreibt er es, war es für ihn irgendwie komisch, den einst mächtigsten Mann der Republik im Schlafanzug in seinem einstigen Kinderzimmer zu begegnen.

Braune verliert bis zum Ende der Lesung nicht seinen Humor, macht aber gleichzeitig auch im ernsten Ton aufmerksam auf die DDR-Vergangenheit. Denn kurz vor seinem Tod soll Erich Honecker gesagt haben, dass er die Kirche liebe und es in der DDR zu keinen ernsthaften Differenzen zwischen Staat und Kirche gekommen sei. Makaber, wie Werner Braune findet, denn der Alltag sah aus seiner Sicht anders aus. Als Zeitzeuge erinnert er sich an ein System, das sich als humanistisch verstand, aber die Würde des Menschen oft missachtete.

https://www.lr-online.de/lausitz/hoyers ... id-4031347
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 10. September 2018, 09:54

Mauerfall: Wahl-Koblenzerin saß im DDR-Zuchthaus

Knapp ein halbes Jahr hat Elke Schlegel in Stasi-U-Haft und im Gefängnis zugebracht. Ihr "Verbrechen": Sie wollte raus aus der DDR. Dafür stellte sie gemeinsam mit ihrem heutigen Mann Thomas und dem gemeinsamen Sohn Tony einen Ausreiseantrag. Wenn andere jetzt euphorisch den Jahrestag des Mauerfalls feiern, ist die Wahl-Koblenzerin zumindest ein bisschen skeptisch.

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Bilderalben aus einer anderen Zeit: Die Koblenzerin Elke Schlegel wurde vor 30 Jahren in der DDR inhaftiert, weil sie weg wollte. Frei zu sein, reisen zu dürfen, das war ihr wichtig. Nach insgesamt einem Jahr Haft kaufte die BRD sie frei. Doch vergessen wird sie ihre Erlebnisse nie können.
Foto: Sascha Ditscher


Viele Jahre hat sie gar nicht geweint. Es waren einfach keine Tränen mehr da. Doch irgendwann, bei irgendeinem Film, da brachen sie aus ihr heraus. Und manchmal konnte Elke Schlegel dann gar nicht mehr aufhören, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Wenn andere jetzt euphorisch den Jahrestag des Mauerfalls feiern, ist die Wahl-Koblenzerin zumindest ein bisschen skeptisch. Denn dass Deutschland vereinigt ist, bedeutet für sie auch, dass sie überall auf "Wachteln" treffen kann. So haben sie und ihre Mitgefangenen 1984 das Wachpersonal im Frauengefängnis Hoheneck genannt. Knapp ein halbes Jahr hat Elke Schlegel in Stasi-U-Haft und im Gefängnis zugebracht. Ihr "Verbrechen": Sie wollte raus aus der DDR. Dafür stellte sie gemeinsam mit ihrem heutigen Mann Thomas und dem gemeinsamen Sohn Tony einen Ausreiseantrag. Und dafür ging sie auch auf die Straße.

Es ging um Freiheit, nicht um Bananen, sagt Elke Schlegel. Darum, reisen zu dürfen und seine Meinung sagen zu können. Dafür hat sie teuer bezahlt. Immer wieder wurde sie verhaftet, als sie 1984 bei den sogenannten "Stillen Protesten" in Jena auf die Straße ging, einmal sogar vom eigenen Bruder, dem keine andere Wahl blieb, weil er sonst enorme Schwierigkeiten bekommen hätte. Stundenlange Verhöre, immer wieder.

"Und dann haben sie uns geholt", erinnert sich die zierliche 56-Jährige, während sie in ihrem gemütlichen Esszimmer auf der Karthause sitzt. Sie erzählt ganz ruhig, aber ihre Hände verraten ihre Anspannung: Wenn sie nicht gestikuliert, knibbeln die Finger am Glas, an der anderen Hand, am Ring. Keine Sekunde sind die Hände ruhig.

Thomas und sie kamen in Stasi-U-Haft. Einzelhaft, immer wieder Verhöre. Dann nach drei Monaten das Urteil: 19 Monate Haft für sie, 18 Monate Haft für Thomas. Der kleine Tony, damals gerade ein gutes Jahr alt, blieb bei ihrer Mutter, sagte bald zu ihr "Mutti". Ob und, wenn ja, wann die richtige Mama ihn wiedersehen würde, das war völlig unklar. Und das war das Schlimmste.

Wenn Tony nicht gewesen wäre, dann hätte das junge Paar versucht, über die Grenze zu fliehen oder mithilfe von Schleusern in den Westen zu kommen. Aber das wäre für das Kind zu gefährlich gewesen. "Und wir waren uns auch irgendwie sicher, dass unserem Ausreiseantrag stattgegeben wird", sagt Elke Schlegel und muss fast lachen. "So naiv waren wir!" Naiv, das blieb sie nicht lange. Der Alltag erst in Untersuchungshaft und dann in der Zelle mit 42 Frauen in Hoheneck zeigte ihr mit brutaler Macht, wie das Leben aussehen kann.

Wie es ist, als politischer Häftling ganz unten in der Hierarchie zu sein. Wie es ist, von der Zellenältesten, einer Kindsmörderin, das schlechteste Bett zugewiesen zu bekommen – das oberste von Dreien, das man nicht ordentlich machen konnte, wenn man nicht auf das untere treten durfte. Das aber gerade verboten die anderen ihr, sodass sie wegen Unordentlichkeit ständig Ärger mit den "Wachteln" bekam. Wie es ist, von anderen Frauen sexuell bedrängt zu werden. Wie es ist, mitten in der Zelle eine der beiden offenen Toiletten zu nutzen und schon währenddessen immer die Wasserspülung zu betätigen, damit es bloß nicht stinkt und keine der anderen Frauen sauer wird. Wie es ist, die Norm beim Arbeitsdienst nicht zu schaffen und deshalb keine Schreiberlaubnis zu bekommen. Wie es ist, vor lauter Ekel das nasse Brot und stinkende Fleisch nicht essen zu können.

Was ihr da fast zum Verhängnis wurde, rettete sie unverhofft: Elke Schlegel magerte bis auf 38 Kilo ab und brach zusammen. Doch statt zwangsernährt zu werden, geschah ein kleines Wunder: Die BRD kaufte sie frei, sie durfte weg. "Erst habe ich mich geweigert, in den Bus zu steigen: Ohne Thomas und Tony wollte ich auf keinen Fall weg! Aber dann kam einer, der hatte Thomas im Gefängnis getroffen, und der sagte: Du musst. Thomas geht es gut, der kommt nach."

Und sie ging. Wohin sie will, wurde sie im Auffanglager in Gießen gefragt. "Ich wusste ja nicht, wo es Arbeit gibt und wo es schön ist", sagt Elke Schlegel. Aber der Cousin wohnte in Neuwied und ein paar andere Verwandte auf dem Westerwald. "Da hab ich gedacht, Koblenz ist gut. Ich will es zwar allein schaffen, aber wenn ich doch Hilfe brauche, dann ist es nicht weit."

Lange blieb sie nicht allein: Auch Thomas durfte bald ausreisen. Die beiden zogen in eine kleine Wohnung. Das erste, was sie anschafften, war ein Kinderzimmer: "Wir wussten ja nicht, wann wir Tony zurückbekommen und wollten auf jeden Fall vorbereitet sein." Ein Jahr etwa dauerte es, bis Elke Schlegel die Erlaubnis bekam, ihren Sohn abzuholen. Als er am Bahnsteig stand mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, erkannte er sie nicht. Erst langsam näherten sich Mama, Papa und Sohn wieder an.

Warum sie das immer und immer wieder erzählt, fragte sie ein Schüler einmal bei einem Zeitzeugen-Gespräch. Wo sie doch jetzt gut angekommen ist im Westen, gern reist, eine gemütliche Wohnung hat. Ob es nicht besser wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen. "Das kann ich nicht", sagt Elke Schlegel. Sie erzählt es vor allem für sich. Und damit es nicht vergessen wird, was sie und andere erlebt haben – und womit sie heute noch leben müssen. Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme. Zurzeit kann sie nicht arbeiten, kann keine geschlossenen Räume ertragen und fühlt sich immer ein bisschen wie auf der Flucht. Vielleicht auch deswegen sind sie und ihr Mann Thomas schon so oft umgezogen.

Denn immer wieder kann es zu Situationen kommen, die die 56-Jährige wieder 30 Jahre zurückbringen. Wie kürzlich bei einer Autofahrt, als sie einer frischen Bekannten gegenüber erwähnte, dass sie in der DDR im Knast gesessen hat. "Ich war Aufseherin", sagte die daraufhin lapidar. Und da hat Elke Schlegel bei Tempo 100 die Autotür aufgemacht. Sie wollte nichts wie weg.

https://www.rhein-zeitung.de/region/lok ... FpCMiAwfcc
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Re: Damals im Osten

Beitragvon augenzeuge » 11. September 2018, 18:39

Ein Jahr etwa dauerte es, bis Elke Schlegel die Erlaubnis bekam, ihren Sohn abzuholen.


Schade das man diesen Leuten, die das zu verantworten hatten, nicht habhaft werden konnte. Oder durfte. [mad]

AZ
Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst und durch Nichtgebrauch dahinschwindet. Keiner darf für sich den Besitz der Wahrheit beanspruchen, sonst wäre er unfähig zu Kompromiß und überhaupt zu Zusammenleben.
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Re: Damals im Osten

Beitragvon Interessierter » 15. September 2018, 12:33

Der Weg in die Freiheit
Günther Werner berichtet über Verfolgung und Verhaftung in der DDR


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Zeitzeuge Günther Werner erzählte in der Schule am Lindhoop über seine Haft in der DDR.

Kirchlinteln - Das war für die Schüler der Abschlussklassen in der Schule am Lindhoop Geschichtsunterricht zum Anfassen beziehungsweise zum Zuhören. Der Zeitzeuge und politische Gefangene in der DDR Günther Werner berichtete über seine Biographie und Erlebnisse während seiner Haftzeit in den DDR Gefängnissen.

Der gebürtige Dresdener war von den vielen Fragen der Schüler sehr beeindruckt, die sie zuvor im Unterricht ausgearbeitet hatten. Antworten gab der 76-Jährige in einer lockeren Erzählung mit Fakten seines Werdegangs. Als vier Jahre junges Kind erlebte er die Bombennacht in Dresden. Es folgten prägende Erlebnisse in einem totalitären System. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, was das bedeutet, in einem Staat aufzuwachsen, der einen permanent bevormundet, streng nach sowjetischem Vorbild. Denn in der Schule hörten wir was ganz anderes als zu Hause, besonders im Fach Staatsbürgerkunde“, machte Werner einen Zeitsprung in das Alter seines Publikums.

Deswegen suchte er mit seinen Freunden kleine Fluchtpunkte und machte gerne mit seiner Clique Ausflüge nach Westberlin, um die dortige Freiheit zu genießen. So auch am Vorabend des Mauerbaus. Am Abend des 12. August 1961 beschloss er, nach Dresden zurückzufahren, da er am nächsten Tag auch in der elterlichen Kneipe arbeiten musste. Nach dem Morgen des 13. August 1961 sah die Welt aber anders aus und die Berliner Mauer stand. „Ab dann kamen wir uns wie eingesperrt vor“, schilderte Werner seine Emotionen nach dem Wochenende.

Fluchtversuche blieben ohne Erfolg

Dann gärte es in Werner und es gab nur noch eine Überlegung: „Wie komme ich hier weg!“ Nachdem einige unentdeckte Fluchtversuche ohne Erfolg blieben, hörte er im Westradio Rias das Gedicht „Die Freiheitsglocke“. Dadurch fühlte er sich zum Widerstand gegen das DDR-Regime berufen und beschloss, mit seinem Kumpel Losungen an Wände in Dresden zu malen. „Die Mauer in Berlin muss weg“, „Ulbrichts Terror erinnert an Hitler“ und „Für freie Wahlen unter UN-Kontrolle“ war nur eine Auswahl der insgesamt 13 Losungen, die von der Staatssicherheit minutiös im Verhörprotokoll festgehalten wurden. Denn beim nächtlichen Verteilen von Flugblättern wurde er schließlich von zwei Volkspolizisten verhaftet und in die Untersuchungshaft der Staatssicherheit verbracht.

Nach tagelangen Verhören mit Schlafentzug musste er sein Dasein in einer Einzelzelle mit nur zwei Metern Breite fristen. „Es gab nur Klo und Matratze“, so Werner. Die Zeichnung von seiner Zelle und seinem Bewegungsradius beeindruckte die Schüler sehr. Drei Jahre Zuchthaus, so lautete die Strafe im Haftarbeitslager im erzgebirgischen Oelsnitz. „Mitgefangene haben dort gesessen, nur weil sie einen Witz erzählt haben“, erzählte Werner den erstaunten Schülern. Täglich musste im Steinkohlebergwerk des „Karl-Liebknecht-Schachtes“ schwer geschuftet werden. Werner schmiedete Ausbruchs- und Fluchtpläne. Ein Mitgefangener, der Unteroffizier bei den Grenztruppen war, sollte die Flucht in den Westen organisieren. Der Ausbruch klappte, doch an der Zonengrenze schnappte die Falle zu. Der besagte Unteroffizier hatte alles verraten und die ganze Gruppe wurde festgenommen. Weitere zehn Jahre Zuchthaus drohten, diesmal in Torgau.

Dann kam die Erlösung

Verrat wurde auch in anderem Zusammenhang von Werner eindrucksvoll geschildert, da sein eigener Vater als Kneipenwirt informeller Mitarbeiter der Stasi gewesen sei. „Im Suff erzählten die Gäste meinem Vater alles und deswegen war er der ideale IM für die Stasi“, erinnerte sich Werner.

Nach wenigen Monaten in Torgau kam die Erlösung. Werner wurde vom Westen freigekauft. Eindrucksvoll schilderte er noch die Fahrt in den Westen und seine Begegnung mit dem DDR-Anwalt Vogel, der die Freikäufe politischer Gefangener organisierte.

Werner selbst genoss die Freiheit und lebt, nach einem erfolgreichen Berufsleben, seit nunmehr 20 Jahren in Verden.

https://www.kreiszeitung.de/lokales/ver ... 69435.html
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