DDR-Besuche : Informationen – wichtiger als Geschenke

Wie waren die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges? Wo waren die Unterschiede? Gab es Gemeinsamkeiten?
Wie wurde die Politik auf beiden Seiten vermittelt?

DDR-Besuche : Informationen – wichtiger als Geschenke

Beitragvon augenzeuge » 29. August 2018, 15:55

Januar 1980 - Der deutsch-deutsche Reiseverkehr macht dem SED-Regime Sorgen

Haben Sie keine Geschenke mitgebracht?“ fragt der uniformierte Zöllner in der Abfertigungsbaracke am Grenzübergang Bornholmer Straße im Norden von Berlin. Nein, keine Geschenke – der „Reisende“, als der er hier offiziell eingestuft wird, will nur zu einem Spaziergang nach Ostberlin. „Gar keine Geschenke?“ fragt der Mann noch einmal und es klingt beinahe enttäuscht. Doch ob die Enttäuschung sich darauf bezieht, daß es nichts zu kontrollieren und zu verzollen gibt, oder darauf, daß einer nichts mitbringt in die DDR, das ist nicht auszumachen. Die meisten Besucher, die diesen Kontrollpunkt passieren, haben natürlich Geschenke mit, und obwohl der Andrang mehr als doppelt so stark ist wie üblicherweise, geht die Abfertigung einigermaßen zügig.

Für die Tage um Weihnachten und Neujahr hatten rund 170 000 Westberliner Besuchsanträge bei den fünf „Büros für Besuchs- und Reiseangelegenheiten“ des Senats abgegeben. Wieviele Besuchsgenehmigungen außerdem von den Gastgebern in der DDR bei den dort zuständigen Dienststellen für Westberliner Verwandte beantragt worden sind, läßt sich nicht abschätzen. Die Zahl der Bundesbürger, die über Westberlin zu Tagesbesuchen nach Ostberlin gefahren sind, dürfte während der Feiertage etwa bei 100 000 gelegen haben. Ungefähr ebenso viele Besucher sind vom Bundesgebiet aus direkt in die DDR gereist, und im kleinen Grenzverkehr werden es noch einmal 50 000 gewesen sein. Genauere Angaben gibt es nicht, denn einmal werden die Reisenden in die DDR, wenn überhaupt, von ganz verschiedenen Behörden gezählt, und zum anderen sind Pressereferenten dieser Behörden zwischen den Feiertagen so schwer zu finden wie echte Weihnachtsmänner.

An den Grenzübergängen, die sowohl für Westberliner als auch für Bundesbürger zugelassen sind – Bornholmer Straße, Dreilinden, Heerstraße – berichten Westberliner Polizisten, daß etwas weniger Westberliner zu Eintagesbesuchen in die DDR gefahren sind als vor einem Jahr. Zahlreiche Berliner haben die günstige Lage der Feiertage zu kurzem Skiurlaub in den Alpen genutzt. Aber der Andrang der Westdeutschen ist offensichtlich stärker gewesen. Viele sind gleich für mehrere Tagemit Kind und Kegel, mit Koffern und Paketen in die DDR gefahren. Auch die vollbeladenen Autos wurden in der Regel reibungslos abgefertigt. Obwohl Geschenke, wenn ihr Wert eine bestimmte Summe überschreitet, mit durchschnittlich 20 Prozent „Genehmigungsgebühr“ verzollt werden müssen, waren die Zollbediensteten der DDR nicht besonders streng.

Was die Westbesucher so mitbringen, das ist in der DDR meistens hochwillkommen: Spirituosen, Zigaretten, Seife und Kosmetika, Schuhe und Bekleidung aller Art, Werkzeug und Heimwerkermaschinen, Haushaltsgeräte, Autozubehör, auch Bargeld für den Umtausch in Intershop-Gutscheine.

Aber nicht wenige DDR-Bürger reagieren auch empfindsam: Die Geschenke der Verwandten aus dem Westen wollen ihnen wie die herablassende Gabe von Wohlstandsbürgern vorkommen, mit der sie sich den Eintritt in die DDR erkaufen. Eine Ostberlinerin, die über den Andrang von Westbesuchern zu den Feiertagen stöhnt, sagt beinahe resignierend: „Aber sie bezahlen ja dafür.“ Diese Haltung ist sicher nicht die Regel, aber sie zeigt doch, daß der Besucherstrom auch seine Tücken hat.

Gänzlich unerwünscht sind die Westbesucher natürlich der DDR-Führung. Verteidigungsminister Hoffmann hat Mitte Dezember auf der letzten Tagung des SED-Zentralkomitees erklärt: „Es ist für keinen von uns ein Geheimnis, daß unsere Werktätigen im Interesse der Entspannung und der Verwirklichung der Beschlüsse der europäischen Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit bewußt eine Reihe ökonomischer und politischer Belastungen auf sich genommen haben, die mit dem millionenfachen Besucherverkehr aus der BRD und aus Westberlin, mit den vergrößerten Möglichkeiten des Einwirkens der gegnerischen Massenmedien und den erforderlichen Maßnahmen zur Verstärkung der Grenzsicherung und staatlichen Sicherheit zur Abwehr von offenen und verdeckten feindlichen Anschlägen zusammenhängen.“

Welche ökonomischen Belastungen der DDR durch den innerdeutschen Reiseverkehr entstehen, ist freilich nicht ganz ersichtlich. Jährlich reisen ungefähr 3,6 Millionen Bundesbürger in die DDR; weitere 1,4 Millionen Westdeutsche gehen zu Tagesbesuchen von West- nach Ostberlin. Im kleinen Grenzverkehr werden noch einmal 480 000 Besucher gezählt. Diese Zahl wird im kommenden Jahr noch steigen, weil weitere fünf Landkreise in die Vereinbarungen über den grenznahen Verkehr einbezogen werden, und weil die Straßenbenutzungsgebühren in Zukunft von der Bundesregierung pauschal bezahlt werden. Die Westberliner machen weitere 3,3 Millionen Ostbesuche im Jahr. Das sind zusammen fast neun Millionen Besuche jährlich.

Rechnet man zusammen, was für diese Besuche an Visum- und Straßenbenutzungsgebühren angebracht wird, wieviel Geld der Mindestumtausch einbringt, was für Geschenke mitgenommen werden und was im Intershop für die Verwandten gekauft wird, dann fließen der DDR Devisen und Waren im Werte von mindestens 300 Millionen Mark zu. Berücksichtigt man noch, daß viele Besucher für teure Hotels und Pauschalreisen viel Geld ausgeben, und daß sie auch für den eigenen Bedarf im Intershop kaufen, dann erhöht sich diese Summe noch einmal ganz erheblich.

Und auch die 1,6 Millionen DDR-Bürger, die jährlich in die Bundesrepublik reisen – darunter sind 1,4 Millionen Rentner – bringen beträchtliche Mengen an Bargeld und Geschenken in die DDR. Die Schätzung, daß der innerdeutsche Reiseverkehr der DDR also insgesamt rund eine Milliarde D-Mark im Jahr einbringt, ist deshalb kaum zu hoch gegriffen. Einen ökonomischen Schaden hat die DDR von diesen Reisen ganz offenkundig nicht.
Und die Kosten der Grenzsicherung sind schließlich keine Folge von Entspannungspolitik und Besuchsvereinbarungen, sondern eine Folge des politischen Systems der DDR.

Gegen die politischen Belastungen des Reiseverkehrs hat sich die DDR nach Möglichkeit abzuschirmen versucht. So mußten sogenannte „Geheimnisträger“ in Behörden, Betrieben und bewaffneten Organen sich schriftlich verpflichten, keine Kontakte zu westlichen Verwandten und Bekannten mehr zu unterhalten. Als Geheimnisträger gelten dabei auch schon die Inhaber ganz untergeordneter Positionen, selbst Pförtner von Amtsgebäuden oder Platzwarte von staatlichen Kohlenhandlungen. Bei Familienfeiern müssen die Gastgeber deshalb oft wählen, ob sie lieber den Neffen, der gerade seine Wehrpflicht bei der Volksarmee leistet, oder die Verwandten aus dem Westen einladen wollen; beides geht nicht.

Die Kontaktverbote werden streng überwacht und doch nicht immer eingehalten. Der Westbesuch in der eigenen Wohnung, das Westauto vor der Haustür bleibt nicht verborgen. Irgendein Nachbar berichtet immer, und dann bleiben der Hinweis auf die geleistete Unterschrift, die Rüge durch Vorgesetzte oder Parteifunktionäre nicht aus.

So treffen sich viele der angeblichen Geheimnisträger mit ihren Freunden und Verwandten aus dem Westen in Restaurants oder zu Spaziergängen, oder sie bitten ihre Besucher, wenigstens das Auto zwei Straßen weiter abzustellen. Geheimnisse wollen sie natürlich nicht ausplaudern; um so begieriger sind sie aber, mehr über den Westen zu erfahren, über politische Meinungen und Reaktionen, über Trends und Hoffnungen. Wer auf Grund seiner Funktion ständig der hauseigenen Propaganda ausgesetzt ist, der hat oft ein besonders großes Bedürfnis nach unverfälschten Berichten. Informationen sind wichtiger als Geschenke.

Nicht für die Werktätigen, wie Verteidigungsminister Hoffmann behauptet, sondern für die DDR-Führung sind also die millionenfachen Besuche aus dem Westen eine politische Belastung. Sie hält ihren Staat für so labil, daß sie jede Information von draußen und jedes unkontrollierte Gespräch als gefährlich empfindet, als Luftzug an einem ängstlich behüteten Kartenhaus. Aber nicht die DDR wird durch den Besucherstrom unterspült, sondern die Doktrin der DDR-Führung, daß sich die Deutschen längst in zwei verschiedene, strikt gegeneinander abgegrenzte Nationen aufgeteilt hätten. Wo Hunderttausende von Menschen gerade zu Weihnachten und Neujahr in einen Staat fahren, der um einiges unwirtlicher ist als die österreichischen Skigebiete, da bestehen noch Bindungen, die konkreter sind als Ideologien.


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