Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Interessierter » 7. August 2018, 09:51

Anhand der Biografien ehemaliger Nazis in der DDR werden die immanen­ten Widersprü­che des „re­al­sozialistischen“ Antifa­schismus sichtbar. Ein prominentes Beispiel stellt der vermeintliche Berliner Antifaschist Rudolf Dörrier dar, der es in der DDR schaffte, seine SS-Vergangenheit zu verstecken.

Aus­gangspunkt dieses Antifaschismus war die Reduktion der Ana­lyse der Ur­sachen des (Hitler-) Faschismus allein auf den politisch-ökonomischen Sektor. Jedoch ergab die Verstaatlichung der Großin­dustrie, des Großgrundbesitzes, der Banken und Handelskonzerne nicht die Befreiung der ostdeut­schen Bevölke­rung von rassistischen oder autoritären Überzeugungen, son­dern die Kon­sti­tuierung ei­ner Gesell­schaft, in der Angehörige der ehemaligen fa­schis­tischen Eliten funktio­naler Bestandteil der von Kom­munist*innen dominierten Eliten wurden.

Diese Entwick­lung hatte für das ge­sellschaftliche und in­dividuelle Bewusstsein der Ostdeut­schen tief­greifende Folgen. Trotz aktiver Beteiligung am Nazi-System wurden ehemaligen Nazis Karrieren er­möglicht, ohne dass sie poli­tisch oder ju­ristisch zur Ver­antwor­tung gezogen worden wä­ren. Einzelne Bei­spiele von verurteilten Nazis fallen kaum ins Gewicht gegen die große Zahl von un­be­helligt gebliebenen Tätern.

Der 3. Parteitag der SED im Juli 1950 beschloss, die Wurzeln des Fa­schismus wären in der DDR ausge­rottet. Auf der mittle­ren Funktionärs­ebene war die SED auf die ehemaligen Nazis als Teil der Funktionselite ange­wiesen und sie war deshalb be­reit, auch zur Absicherung ihrer Machtansprü­che, ein informelles Bündnis mit ih­nen einzugehen. Hiermit hat sich die SED still­schwei­gend dar­auf ver­ständigt, Rassisten oder Antisemiten wirken zu lassen, ohne sich um de­ren mögliche kriminelle Vergangenheit als Nazis zu kümmern.

So funktionierten, unter­halb der obersten Ebene, ehemalige Nazis in leitenden Stellungen, ebenso wie es in Westdeutsch­land der Fall war.[1] Die wissenschaftlichen Analy­sen über den Prozess der Entnazifizierung für die SBZ/DDR zeigen, daß es die „Stunde Null“ auch dort in Wirklichkeit nicht gab.[2] Über ehemalige Nazis wurden in der SBZ/DDR keine systematischen Forschungen angestellt.

Märchen als Biographie

Einen besonderen Fall der Vertuschung stellt der ehemalige SS-Mann im KZ Sachsenhausen, Rudolf Dörrier, dar. Dörrier wurde am 18. September 1899 in Braunschweig geboren. 1926 lernte er Lily Wassmund kennen, deren Vater in Berlin ein kleiner, jüdischer Un­ternehmer war, der ein pharmazeutisches Ver­sandgeschäft betrieb; so kam Dörrier 1927 zum ersten Mal nach Berlin-Pankow. 1929 erhielt er eine Anstellung als Werbeleiter für technische Literatur beim jüdischen Julius-Springer-Ver­lag und wohnte als Junggeselle in der Hiddensee­straße. Im August 1930 heirateten Rudolf Dörrier und Lily Wassmund und bewohnten eine neue Woh­nung in Berlin-Pankow in der Hiddenseestraße 2. Im März 1933 kam ihre Tochter Vera zu Welt.

Die Schwie­gereltern, Mar­garete und Julius Wassmund wurden am 31. Juli 1942 vom Bahnhof Grundwald zum KZ The­resienstadt deportiert, wo Julius Wassmund am 11. Ja­nuar 1943 und seine Frau Margarete am 22. Februar 1943 getötet wurden.[3] Im Oktober 1939 erhielt Dörrier eine Einberufung zur Wehrmacht und war vom 16. Oktober 1939 bis zum 24. September 1940 Soldat der Wehrmacht. In seinem Aufsatz in dem Band „Jüdi­schen Leben in Pankow“ gibt er an, er sei „Ende Januar 1945 […] von der Truppe ent­lassen“ worden. In Wahrheit wurde er am 19. Januar 1945 von der SS nach Berlin-Pankow entlassen.

Trotz dieses Werdegangs ist Dörrier in Berlin-Pankow auch über seinen Tod hinaus ein bekannter Mann mit öffentlichem Ansehen. Dies erreichte er, indem er seine Zeit als SS-Untersturmführer in der Wachmannschaft des KZ Sachsenhausen sein gesamte Leben lang verschwieg.[4] Nach den Unterlagen der Gedenkstätte Sachsenhausen trat er am 21. Mai 1944 als Unterschar­führer in die Waffen-SS ein und begann gleichzeitig seine Tätigkeit als Wachposten im KZ Sachsenhausen. Am 19. Januar 1945 wurde er nach Berlin-Pankow entlassen.[5]

Dörrier erfand danach mehrfach Ge­schichten über diese Zeit, die ihn als unbescholtenen Mann erscheinen ließen. Der „Berliner Monatsschrift – Publikation zur Stadtgeschichte“ gab er im Jahre 2000 ein Inter­view, worin er sich ausführlich über seine Biografie äußerte.[6] Demnach war er vom 17. Juni 1917 bis September 1918 Soldat des kai­serli­chen Heeres und wurde bei Cambrai im Norden Frankreichs von den Engländern gefangen genommen und ab 6. Oktober 1919 kehrte er zurück nach Braunschweig. Vom nach den Nie­der­landen geflohenen deutschen Kaiser fühlte er sich „verraten“ und „damit ging auch meine bür­gerliche Haltung über Bord, und ich wandte mich nach links, ohne damals einer Partei an­zugehören. Ich kann sagen mein Herz schlug links“.[7]

Im Interview mit der Berliner Monatsschrift stellt Dörrier es so dar, dass er „von 1929 bis 1945“ im Springer-Verlag tätig gewesen sei. Ende Mai 1945 erhielt er in Berlin-Pankow eine Anstellung als Stellvertreter des Amtsleiters im neu gegründeten Amt für Büchereiwesen.

Getarnt als Antifaschist

Vom 23. Oktober bis zum 1. November 1947 wurde im Rathaus in Pankow vor einem sowjeti­schen Militärgericht gegen den ehemaligen Lager­kommandanten des KZ Sachsenhausen sowie gegen „15 schwer belastete Angehörige des Be­wachungskommandos“ verhandelt, wobei die „meisten der Henker“ eine lebenslängliche Haftstrafe erhielten, die sie im Gulag Workuta ver­brachten.[8] Für Dör­rier bestand durch diese Gerichtsverhandlung potentiell die Gefahr, als Teil der SS-Wachmann­schaft entdeckt zu werden. Wie er diese Klippe umschifft hatte, geht aus den vorlie­genden Un­terlagen nicht hervor.

Von 1947 bis 1965 war er Leiter der Bibliotheken im Bezirk Berlin-Pankow. Nach der Zwangs­vereinigung der SPD mit der KPD, war Dörrier Mitglied der SED geworden und wurde somit als „Antifaschist“ wahrgenommen. Bis 1990 leitete er die von ihm gegründete „Ortschronik Pankow“, zunächst mit Ausstellungen im Rathaus Pan­kow und ab 1974 in der Heynstraße 8. In der DDR erhielt er vom Kulturbund die „Johannes-R.-Becher-Medaille“ in Gold – seine Frau Lily Dörrier, sie arbeitete ehrenamt­lich, erhielt die „Johannes-R.-Becher-Medaille“ in Sil­ber. Zu seinem 100. Geburtstag erhielt er die „Ehrenmedaille für Verdienste um den Be­zirk Pan­kow“ und am 31. März 2000 erhielt er, für seine Verdienste, das Bundesverdienstkreuz am Bande, dass ihm im Rathaus Pankow von der Bezirksbürgermeisterin Giesela Grunwald (PDS), überreicht wurde. Der Tagesspiegel attestierte Dörrier am 28. März 2000, dass seine „Suche nach der historischen Wahrheit […] über Pankows Grenzen hinaus anerkannt“ worden wäre.

Am 7. Dezember 2002 verstarb Rudolf Dörrier im Krankenhaus Maria Heimsuchung und wurde im Ehrenhain vom Pankower Friedhof III begraben. An seinem Wohnhaus in der Hid­denseestraße 9 wurden zwei Erinnerungstafeln angebracht. Im Jahr 2004 erhielt die „Ru­dolf-Dörrier-Grundschule“ diesen Namen, nachdem sich ein Schülerprojekt mit seinem Leben und Wirken befasst und ihn noch zu Lebzeiten kennengelernt hatte.

Seine Zeit als SS-Mann blieb öffentlich bis zum Jahr 2017 ein gut gehütetes Geheimnis; die HA IX des MfS hatte spätestens ab Anfang der 1970er Jahre Kenntnis von seiner Zeit als SS-Mann im KZ Sachsenhausen. Die Antwort auf die Frage, ob und wie das MfS sich gegenüber Dörrier verhalten hatte, bleibt (vorerst) unbeantwortet.

https://direkteaktion.org/gescheiterte- ... -doerrier/
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon augenzeuge » 7. August 2018, 11:56

Sehr interessant. Wer hat dazu weitere Informationen?

Warum hat das MfS so unterschiedliche Betrachtungsweisen gegenüber Nazis gehabt?
AZ
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon zonenhasser » 7. August 2018, 14:20

Paradebeispiel für die Wandlung vom Nationalsozialisten zum Kommunisten ist der erste Generalstaatsanwalt der DDR, Dr. Ernst Melsheimer:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Melsheimer

In einem Prozess brüllte er den Angeklagten an:

Sie Schmeißfliege, Sie widerliches, dreckiges Subjekt

© https://www.zeit.de/1956/14/ernst-melsheimer
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon andr.k » 7. August 2018, 21:09

augenzeuge hat geschrieben: Wer hat dazu weitere Informationen?


Lt. BStU gab es in der SBZ und DDR von 1945 bis 1990 insgesamt 12 890 Verurteilungen. Von 1945 bis 1949 (SBZ) wurden 390 478 Nazis aus führenden Positionen in Politik, Justiz, Bildung, Wirtschaft und anderen Bereichen entfernt.

augenzeuge hat geschrieben:Warum hat das MfS so unterschiedliche Betrachtungsweisen gegenüber Nazis gehabt?
AZ


Welche meinst Du?
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon andr.k » 7. August 2018, 21:55

Interessierter hat geschrieben:Diese Entwick­lung hatte für das ge­sellschaftliche und in­dividuelle Bewusstsein der Ostdeut­schen tief­greifende Folgen. Trotz aktiver Beteiligung am Nazi-System wurden ehemaligen Nazis Karrieren er­möglicht, ohne dass sie poli­tisch oder ju­ristisch zur Ver­antwor­tung gezogen worden wä­ren. Einzelne Bei­spiele von verurteilten Nazis fallen kaum ins Gewicht gegen die große Zahl von un­be­helligt gebliebenen Tätern.


In Westdeutschland führte die Verzahnung staatlicher Funktionen und Institutionen mit Parteistrukturen nach 1945 dazu, dass ehemalige SS-Mitglieder ihre früheren staatlichen Funktionen an anderer Stelle wieder ausüben konnten.

Zu nennen sind hier Richter, Staatsanwälte, Polizisten, Ärzte, Lehrer, Offiziere, Beamte, usw. Ihr Fachwissen war für den Aufbau der Bundesrepublik so wichtig, dass ihre Tätigkeit für den Nationalsozialismus nach 1945 bewusst ausgeblendet wurde.

Wieder in Funktion, stellten sie sich gegenseitig Persilscheine aus, ließen belastende Dokumente verschwinden und beugten Recht und Gesetz zu ihrem Vorteil. Infiziert und durchdrungen von der zwischen 1933 und 1945 herrschenden Ideologie und Moral, hat diese Elite nachfolgende Generationen wesentlich geprägt.

Quelle: Heiko Buschke, Rechtsextremismus und nationalsozialistische Vergangenheit in der Ära Adenauer. Campus, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-37344-0, S. 64 ff.
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon augenzeuge » 7. August 2018, 21:57

andr.k hat geschrieben:
augenzeuge hat geschrieben:Warum hat das MfS so unterschiedliche Betrachtungsweisen gegenüber Nazis gehabt?
AZ


Welche meinst Du?


Ich meine diesen Fall im Vergleich mit Barth. Warum wurde der eine verfolgt, bestraft, der andere nicht?

AZ
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Grenzwolf62 » 7. August 2018, 22:03

Wer zur Waffen-SS gezogen wurde und Wachdienst im KZ machen musste, muss ja nicht zwangsläufig eigenhändig Menschen umgebracht haben .
Wenn man eine Ortschaft wie Oradour mit ausräuchert sicherlich schon.
Ich habe mich nun auch entschlossen für eine bessere Welt Verzicht zu üben.
Als erstes verzichte ich auf zu viele Kommas.
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon augenzeuge » 7. August 2018, 22:06

Grenzwolf62 hat geschrieben:Wer zur Waffen-SS gezogen wurde und Wachdienst im KZ machen musste, muss ja nicht zwangsläufig eigenhändig Menschen umgebracht haben .
Wenn man eine Ortschaft wie Oradour ausräuchert schon.


Das ist klar. Das bestimmt das Strafmaß, aber nicht die Anklage. Warum werden dann Wachleute heute noch verurteilt?
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon andr.k » 7. August 2018, 22:21

augenzeuge hat geschrieben:
andr.k hat geschrieben:
augenzeuge hat geschrieben:Warum hat das MfS so unterschiedliche Betrachtungsweisen gegenüber Nazis gehabt?
AZ


Welche meinst Du?


Ich meine diesen Fall im Vergleich mit Barth. Warum wurde der eine verfolgt, bestraft, der andere nicht?

AZ

Redest Du jetzt von Barth, Heinz, geb. am 15. 10 1920?
B. wurde vom Stadtgericht Berlin am 7. 6. 1983 und vom Obersten Gericht der DDR am 10. 8. 1983 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
In Abwesenheit wurde Barth auch vom Gericht Bordeaux 1953 wegen Ermordungs- und Vergeltungsmaßnahmen in Abwesenheit verurteilt.
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon andr.k » 7. August 2018, 22:22

Grenzwolf62 hat geschrieben:Wer zur Waffen-SS gezogen wurde und Wachdienst im KZ machen musste, muss ja nicht zwangsläufig eigenhändig Menschen umgebracht haben .
Wenn man eine Ortschaft wie Oradour mit ausräuchert sicherlich schon.

Bei H. Barth, stand ja nicht nur "Oradour" auf der Tagesordnung.
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon andr.k » 7. August 2018, 22:28

augenzeuge hat geschrieben:Warum wurde der eine verfolgt, bestraft, der andere nicht?


Im zuständigen Archiv des MfS waren derzeitig 31 "SS-Offiziere Barth" karteimäßig erfasst, ohne dass ihnen konkrete Verbrechen zugeordnet werden konnten. Bis zur Festnahme von Heinz Barth erfolgten seitens der französischen Justizorgane keinerlei Informationen über die Verurteilung und Suche dieses Nazi- und Kriegsverbrechers.

Ausgangspunkt für einen vagen Verdacht auf die Beteiligung von Heinz Barth an dem Massaker von Oradour ergab eine im Dokumentationszentrum des MdI der DDR aufgefundene Karteikarte des SS-Panzerregiments "Der Führer", die auf Namen und Geburtsdatum des Heinz Barth ausgestellt war.

Seine Inhaftierung am 14. Juni 1981 beruhte auf dem erarbeiteten dringenden Tatverdacht seiner Beteiligung an den Mord- und Vergeltungsaktionen im Zusammenhang mit dem Attentat auf Heydrich in der Tschechoslowakei.

Barth war anschließend im Ermittlungsverfahren geständig, am Massaker von Oradour beteiligt gewesen zu sein. Der Generalstaatsanwalt der DDR richtete ein Rechtshilfeersuchen an den französischen Justizminister, worauf umfangreiche Beweismittel zu Barth übermittelt wurden.

Das Oberlandesgericht Brandenburg setzte auf Beschwerde des Klägers mit Beschluss vom 10. Juli 1997 die Vollstreckung der Reststrafe zur Bewährung aus.

Zur Begründung heiß es: "Wegen des Alters und der Krankheit des Klägers sowie der langen Haft und der Tatsache, dass er sich zu seiner Schuld bekannt und von den Taten distanziert habe, sei die Aussetzung der Reststrafe zur Bewährung jedoch gerechtfertigt."

Barth beantragte eine zusätzliche Kriegsopferrente in Höhe von 2 300,- DM, die er für einige Jahre auch erhielt.
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon augenzeuge » 8. August 2018, 09:13

Ok. Meine Frage zielte hierauf:

Vom 23. Oktober bis zum 1. November 1947 wurde im Rathaus in Pankow vor einem sowjeti­schen Militärgericht gegen den ehemaligen Lager­kommandanten des KZ Sachsenhausen sowie gegen „15 schwer belastete Angehörige des Be­wachungskommandos“ verhandelt, wobei die „meisten der Henker“ eine lebenslängliche Haftstrafe erhielten, die sie im Gulag Workuta ver­brachten.[8] Für Dör­rier bestand durch diese Gerichtsverhandlung potentiell die Gefahr, als Teil der SS-Wachmann­schaft entdeckt zu werden. Wie er diese Klippe umschifft hatte, geht aus den vorlie­genden Un­terlagen nicht hervor.


Ich denke, man hätte ihn ebenfalls wie die anderen Angehörigen des Wachkommandos verurteilen müssen. Er hat ja nichts anderes als sie getan.

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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon karnak » 8. August 2018, 09:27

Grenzwolf62 hat geschrieben:Wer zur Waffen-SS gezogen wurde und Wachdienst im KZ machen musste, muss ja nicht zwangsläufig eigenhändig Menschen umgebracht haben .
Wenn man eine Ortschaft wie Oradour mit ausräuchert sicherlich schon.

Zur Waffen - SS Gezogene wurden nicht zum Wachdienst im KZ eingesetzt, dass Geschäft erledigten die Totenkopf Verbände und dort war man freiwillig und sehr wahrscheinlich ein überzeugter Nationalsozialist.
" Denn sie hassen am Andersdenkenden nicht nur die andere Meinung, zu der er sich bekennt,sondern auch die Vermessenheit, selbst urteilen zu wollen. Was sie ja doch selbst nie unternehmen und im Stillen sich dessen bewusst sind."
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Volker Zottmann » 8. August 2018, 09:35

karnak hat geschrieben:
Grenzwolf62 hat geschrieben:Wer zur Waffen-SS gezogen wurde und Wachdienst im KZ machen musste, muss ja nicht zwangsläufig eigenhändig Menschen umgebracht haben .
Wenn man eine Ortschaft wie Oradour mit ausräuchert sicherlich schon.

Zur Waffen - SS Gezogene wurden nicht zum Wachdienst im KZ eingesetzt, dass Geschäft erledigten die Totenkopf Verbände und dort war man freiwillig und sehr wahrscheinlich ein überzeugter Nationalsozialist.

Das stimmt nur bedingt.
Zumindest im letzten Kriegsjahr war für Eingezogene jeder Einsatz möglich. Da hatte der junge Wehrpflichtige keinerlei Einfluss drauf.

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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon karnak » 8. August 2018, 11:49

Aber nicht als Wachmann im KZ , da wurde Kanonenfutter gebraucht, natürlich auch bei den kämpfenden Einheiten der SS aber eben nicht auf einem ungefährlichem Wachturm.
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon zonenhasser » 8. August 2018, 13:21

Mit der Einrichtung einer immer größeren Zahl von Außen-
lagern wurden 1944/45 verstärkt „volksdeutsche“ und aus
-ländische SS-Männer in den KZ-Wachdienst einbezogen.
In vielen Außenlagern des KZ Neuengamme bewachten ab
1942 auch Polizeiangehörige, später auch Angehörige des
Zolls, der Post, des Werkschutzes und der Reichsbahn die
Häftlinge.
http://media.offenes-archiv.de/ss2_2_thm_2109.pdf
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon karnak » 8. August 2018, 13:33

Kann schon sein, irgendwo außen rum, die Hölle haben sie aber nicht gesehen, oder waren dort als man keine Zeit mehr für die Hölle hatte, als sich die " richtigen Deutschen" schon auf die neue Zeit eingerichtet haben. Als die Hölle noch stattfand waren dort jedenfalls zuverlässige Nationalsozialisten eingesetzt und keine Wehrpflichtigen der Waffen SS.
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Spartacus » 8. August 2018, 17:46

Frage: Stimmt es, dass nicht nur SS-Angehörige, sondern auch Wehrmachtssoldaten als Wachen im Konzentrationslager eingesetzt wurden?

Antwort: Die ersten Wachen des KZ Dachau im März 1933 waren Angehörige der Bayerischen Landespolizei, ehe nach wenigen Wochen die SS das vollständige Kommando über das Lager übernahm. In der Folgezeit stellte die SS auch alle Wachmannschaften im KZ Dachau; diese Männer waren freiwillig und oft noch vor Kriegsbeginn in SS und NSDAP eingetreten.

In der zweiten Kriegshälfte wurden schließlich auch „Volksdeutsche“ zum Wachdienst im Konzentrationslager herangezogen: Bei ihnen handelte es sich um Angehörige deutschsprachiger Minderheiten, die außerhalb des Reichsgebietes lebten und im Verlauf des Krieges zur Waffen-SS eingezogen wurden. Außerdem befahl Adolf Hitler im Frühjahr 1944 auf Vorschlag des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, dass auch Wehrmachtssoldaten für den KZ-Dienst in die SS übernommen werden konnten, wenn sie über 40 Jahre alt und für den Frontdienst nicht (mehr) verwendungsfähig waren. Die Dachauer Lagerführung setzte vor allem in den großen Außenlagerkomplexen Kaufering und Mühldorf neben den bisherigen SS-Mitgliedern viele Wehrmachtssoldaten und „Volksdeutsche“ ein.


Du wirst mir nun nicht erzählen, dass die nix mitbekommen haben? [mad]

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denn es gibt ja noch zum Glück, als Beruf die Politik.

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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Volker Zottmann » 15. März 2019, 19:12

Volker Zottmann hat geschrieben:
karnak hat geschrieben:
Grenzwolf62 hat geschrieben:Wer zur Waffen-SS gezogen wurde und Wachdienst im KZ machen musste, muss ja nicht zwangsläufig eigenhändig Menschen umgebracht haben .
Wenn man eine Ortschaft wie Oradour mit ausräuchert sicherlich schon.

Zur Waffen - SS Gezogene wurden nicht zum Wachdienst im KZ eingesetzt, dass Geschäft erledigten die Totenkopf Verbände und dort war man freiwillig und sehr wahrscheinlich ein überzeugter Nationalsozialist.

Das stimmt nur bedingt.
Zumindest im letzten Kriegsjahr war für Eingezogene jeder Einsatz möglich. Da hatte der junge Wehrpflichtige keinerlei Einfluss drauf.

Gruß Volker


Ich glaube fest, dass es den Einen oder Anderen von Euch interessiert:

Unser Forum wird aufmerksam gelesen!
Aufgrund genau meiner Einlassungen zu dieser Materie hat mich vor wenigen Tagen die Tochter von Herrn Rudolf Dörrier, Vera Dörrier-Breitwieser angerufen.
Inzwischen haben wir 3 Gespräche geführt und heute allein weit über eine Stunde.
Sie ist mir der "Aufarbeitung" durch den Historiker Dr. Harry Waibel nicht einverstanden. Seine Sicht ist falsch und recht einseitig. Verzerrt dadurch ein ganzes Lebensbild.
Mir sind nun Einzelheiten bekannt, die ich hier aus Rücksicht, denn Frau Dörrier-Breitwieser ist inzwischen 86 Jahre alt, nicht ausbreite. Sie ist eine hellwache wissbegierige Frau, belesen, hat Bücher verfasst und vieles in Gedichtform verarbeitet. So auch ihre Flucht über Bahnhof Friedrichstraße.
Zumindest gefiel Ihr mein Verweis hier im Forum auf Tatbestände der Verfahrensweise, wie man damals auch zur SS kommen konnte, gut. Ihrem Vater, der mit einer Jüdin verheiratet war, blieb damals jedenfalls nur ein Weg, den ich aber nicht darlege.

Wenn wie beschrieben, der Stasi auch seit den 1970ern seine komplette Biographie vorlag, hat es tatsächlich Gründe gehabt, alles an Legende so zu belassen, wie sie bekannt war.

Fest steht für mich nach unsere sehr langen und sicher nicht letzten Unterhaltung, dass mit dem Anschneiden einer einzelnen unverschuldeten Facette im Leben, dieses Leben nicht einfach diffamiert werden darf. Das ist aber geschehen, so wie ich das einschätze.


Gruß Volker
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Edelknabe » 15. März 2019, 19:49

Wie passt das denn, im Anfangstext:

"In Wahrheit wurde er am 19. Januar 1945 von der SS nach Berlin-Pankow entlassen."
textauszug ende

Und dann, paar Monate vor Kriegsende, was war der Mann dann? Etwa Zivilist, Reservist, Versehrter etc? Das ist doch ne Ente....oder?

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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Edelknabe » 16. März 2019, 10:37

Unser Volker telefoniert bestimmt noch mit des Mannes Tochter. Mal sehen was der alten Dame zu diesem Jahresanfang 1945 bekannt ist, wie Vatern somit den Rest der Monate bis zur Kapitulation zugebracht hatte?

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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Volker Zottmann » 16. März 2019, 10:55

Kannst Du nicht lesen? Ich schrieb, mehr nicht zu sagen. Nur eben soviel, dass die Ausführungen des Historikers nicht korrekt sind.
Ich kenne die Gründe, nun, wieso und warum der Mann zur SS kam. Wenn Du alles lesen würdest, käme da vielleicht auch ein Funken von eigener Erleuchtung.

Gruß Volker
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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Edelknabe » 16. März 2019, 11:06

Also Volker, wie Einer damals zur Waffen SS kam, darüber hatte mir der ehemalige Lebenskamerad meiner Mutter genug erzählt.Eben über seinen Werdegang. Und nee, wenn nicht auch gut.Bleiben halt der Februar und März, April....und paar Tage im Mai beim Soldaten/Gefreiten Dörrier," hatte vielleicht noch Resturlaub?"

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Re: Gescheiterte Entnazifizierung in der DDR – Rudolf Dörrier

Beitragvon Volker Zottmann » 16. März 2019, 11:20

Hättest Du gelesen, wüsstest Du: trat er am 21. Mai 1944 als Unterschar­führer in die Waffen-SS ein
Nur soviel: Mit diesem Schritt verhinderte er die Verfolgung seiner jüdischen Frau und seiner Tochter.

Es ist wie in allen Diktaturen, dass durch simples Mitlaufen der Familie Ungemach erspart bleiben konnte.
Bewerten muss das jeder Mensch für sich, was dessen kleineres Übel ist.
Historiker hin oder her... sie wissen oft absolut nichts zu den momentanen Beweggründen des einzelnen Individuums.
Herr Dörrier hat hautnah erlebt, was mit seinen jüdischen Schwiegereltern geschah. Sie wurden im KZ Theresienstadt ermordet.

Und nun [mundzu]

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