Der Herr des alten Grenzturms

Wie sieht es heute an der ehemaligen innerdeutschen Grenze aus?

Der Herr des alten Grenzturms

Beitragvon Interessierter » 16. Juli 2018, 14:58

Bad Lauterberg. Eine hässliche graue ­Fassade, zugige dünne Fenster, keinerlei Komfort – eine Traumimmobilie sieht anders aus. Ein Premium-Standort ist es auch nicht gerade: rund herum nur Bäume, Felder und eine kleine Straße, sonst weit und breit nichts.

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Stolzer Besitzer: Fredi Willig hat den Grenzturm gekauft und mit Freunden saniert. (Heidi Niemann)

Trotzdem wollte Fredi Willig diesen Turm unbedingt haben. Der heute 65 Jahre alte Rentner ist in Bartolfelde, einem Ortsteil von Bad Lauterberg, aufgewachsen. Etwa einen Kilometer südlich verlief die Grenze zur DDR. Dort stand auch ein Turm, von dem aus die Grenze überwacht wurde. Nach dem Fall der Mauer im November 1989 wurden viele Grenzanlagen und Türme abgerissen. Für Fredi Willig stand damals fest: „Dieser Grenzturm muss als Erinnerung an die deutsche Geschichte erhalten bleiben.“ Da keine staatliche Institution am Erhalt ­interessiert war, kaufte er den Turm privat.

Vorher hatte er allerdings langwierige Verhandlungen mit diversen Behörden führen müssen. Willig ließ nicht locker, bis er schließlich 2001 vom Bundesvermögensamt in Erfurt ein 20 000 Quadratmeter großes Grundstück mitsamt dem Turm erwerben konnte. „Man muss schon ein bisschen ­verrückt sein, wenn man so etwas macht“, sagt der 65-Jährige und schmunzelt. Der Turm war in einem miserablen Zustand. Wie so oft bei leer stehenden Gebäuden, hatten Unbekannte im Inneren alles verwüstet und mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war: „Sämtliche Fensterscheiben waren kaputt, die Treppenstufen herausgerissen, die Kabel verkohlt, der Keller voller Steine“, erzählt Willig.

Gemeinsam mit Freunden hat er dann nach und nach den Turm renoviert, so dass er wieder begehbar war. „Ein Jahr haben wir dafür gebraucht“, erzählt Willig. Anders als in manchen Grenzlandmuseen ist nur wenig von der Originalausstattung erhalten. „Das hier ist kein Museum, das Gebäude steht auch nicht unter Denkmalschutz“, sagt der Turmbesitzer. Die wenigen Dinge, die noch vorhanden waren, wurden aber wieder eingebaut – etwa die einzige erhaltene Treppenstufe und auch das Treppengeländer. In den Räumen sind auch eine Fahne, Uniformen, Mützen, Wimpel, ein Honecker-Bild und andere Relikte aus DDR-Zeiten zu sehen. Die Gegenstände hat Willig von anderen Orten zusammengetragen. Ein etwas kurios anmutendes Original ist eine Windrose, die im Obergeschoss des Turms auf die Decke aufgemalt war – offenbar brauchten die Grenzer trotz all der Überwachungstechnik auch ganz simple Orientierungshilfen.

Überhaupt die Technik. „239 Kabel habe ich in diesem Turm gefunden“, erzählt Willig. Der Grenzturm bei Bartolfelde war ein sogenannter Führungspunkt. Von dort aus wurden die umliegenden Abschnitte der insgesamt 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze mit aufwendiger Funk- und Nachrichtentechnik überwacht und die Einsätze koordiniert. Vor allem im Winter ­dürfte der Wachdienst oben im Turm kein angenehmer Arbeitsplatz gewesen sein, meint Willig. Zwar habe es einen Elektro-Ofen gegeben. „Aber es ist nie richtig warm geworden.“ Dies hätten ihm einstige Grenzsoldaten erzählt, die damals dort eingesetzt gewesen waren.

Heute können Besucher vom Wachturm aus einen grandiosen Ausblick genießen. „Bei gutem Wetter kann man bis zum Brocken sehen und sogar den Dampf der Brockenbahn erkennen“, sagt Fredi Willig. Von dort oben kann man auch den alten Kolonnenweg sehen, den damals die Grenztruppen benutzten. Dass der Verlauf so gut zu erkennen ist, ist auch Fredi Willig und seinen Helfern zu verdanken: Mit Zustimmung der Behörden haben sie den Weg, der völlig zugewuchert war, wieder freigeschnitten. Darüber freuen sich vor allem Wanderer und Radfahrer, weil sie so die einstige innerdeutsche Grenze erwandern beziehungsweise erfahren können.

https://www.weser-kurier.de/region/nied ... 67423.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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