Barfuß durch den Todesstreifen

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Barfuß durch den Todesstreifen

Beitragvon Interessierter » 13. Juli 2018, 11:35

Der Weg in die Freiheit beträgt nur wenige Meter. Die Gelegenheit ist einmalig, aber auch lebensgefährlich. „Jetzt oder nie“, denkt Eberhard Grzyb und zieht seine schweren Bauarbeiterschuhe aus, um schneller rennen zu können.

Im Spätsommer 1969 bereiten sich die SED-Genossen in Ost-Berlin auf den 20. Jahrestag der DDR vor. Für das große Propaganda-Ereignis am 7. Oktober soll sogar die Mauer „verschönert“ werden. Und so ist der damals 28-jährige Gerüstbauer mit seiner Brigade des VEB Baureparaturen Berlin-Mitte direkt im Grenzstreifen an der Zimmerstraße eingesetzt.

„Für solche Arbeiten wurden normalerweise nur überprüfte und systemtreue Leute genommen. Denn man bekam extra einen Passierschein für das Sperrgebiet“ , erinnert sich Eberhard Grzyb.

An diesem sonnigen 3. September 1969 sitzt der damals zweifache Familienvater im Todesstreifen direkt gegenüber des Axel-Springer-Verlages. Grzyb macht Mittagspause, kaut seine Stullen und beobachtet die Posten auf dem Wachturm an der Lindenstraße. Drei Offiziere, die ihn eben noch auf ihrem Kontrollgang ansprachen, sind hinter Häusern verschwunden. „Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprintete mit einer Bauleiter los“, so Eberhard Grzyb.

Direkt vor dem Signalzaun steht eine Mischmaschine. Der Gerüstbauer klettert auf das Gerät und über den Zaun. Jetzt muss er die Höckersperre überwinden. Und das mit der Leiter unter dem Arm. Er rennt über den Kolonnenweg, stellt die Leiter an die Mauer. Fast scheitert die Flucht noch: „Im Sandboden verkantete sich das olle Ding. Außerdem fehlte eine Sprosse.“

Die Grenzer auf dem Turm haben den Flüchtling bemerkt und schießen.

„Durch die Posten der NVA/Grenze wurde sofort bei der Feststellung dieses Tatgeschehens das Feuer eröffnet und insgesamt 18 Schuß abgegeben“, notiert die Stasi später. Salven schlagen knapp neben dem Gerüstbauer ein. „Querschläger prallten ab und pfiffen an meinem Kopf vorbei. In diesem Kugelhagel musste ich die Leiter zurechtrücken, bis sie endlich fest stand.“

Am Abend zuvor hatte er nach Feierabend mit seinen Kollegen beim Bier zusammengesessen. Da entstand die Idee, abzuhauen. Ein Kollege wollte mit ihm zusammen flüchten. Doch er bekam Magengrummeln, ging nach Hause. Für Eberhard Grzyb gibt es jetzt kein Zurück mehr. „Ich atmete noch einmal tief durch und stieg auf die letzte Sprosse. Oben auf der Mauer waren Glasscherben eingelassen. Ich zog mich hoch und sprang rüber.“

Auf der anderen Seite der Zimmerstraße sieht er eine offene Tür. Es ist der Eingang zum Papierkeller des Springer-Verlages. „Da habe ich mich reingerettet und bin zwei Mitarbeitern in die Arme gelaufen.“

Der Barfuß-Flüchtling wird in den Journalistenclub im Hochhaus des Springer-Verlages gebracht: Grzyb: „Ich wurde in einen schweren Ledersessel gesetzt und bekam einen Whisky. Ein Springer-Mitarbeiter besorgte mir Schuhe. Leider sagte ich ihm in der Aufregung die falsche Größe – zwei Nummern zu klein.“

Erst 48 Jahre später erfährt Eberhard Grzyb beim BILD-Interview, wie knapp die Kugeln ihn damals verfehlten. Er sitzt erneut im Journalistenclub, im gleichen Sessel wie damals und blättert in Unterlagen des Bundesarchivs. In der „Vertraulichen Verschlußsache VS-Nr. H 04189“ des DDR-Grenzregiments ist die Flucht genau dokumentiert. „Grenzposten erkannte den Grenzverletzer als sich dieser auf dem Betonmischer befand.“ Und weiter heißt es: „Einschuß in der Leiter“. Nur wenige Zentimeter fehlten damals, und der heutige Großvater wäre getroffen worden.

Eberhard Grzyb fasst nach seiner Flucht in West--Berlin schnell Fuß. „Vier Wochen später hatte ich eine Arbeit als Gerüstbauer, drei Monate später eine Wohnung.“ Nur einmal bereut er kurz, dass er die DDR verlassen hat. „Das war an einem grauen Novembertag zwei Monate nachdem ich abgehauen war. Ich wollte zurück zu meinen Kindern und Freunden, stand schon am Grenzübergang. Im letzten Moment bin ich wieder umgekehrt.“

Seine beiden Kinder aus erster Ehe sieht er erst nach dem Fall der Mauer wieder. Eberhard Grzyb lernt eine neue Frau im Westen kennen, wird noch mal Vater eines Sohnes. „Ich habe Dinge in meinem Leben immer spontan entschieden und nie groß geplant. So war es auch mit der Flucht. Sonst hätte es wahrscheinlich auch nicht geklappt.“

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Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Barfuß durch den Todesstreifen

Beitragvon Grenzwolf62 » 13. Juli 2018, 13:32

Die zurückgelassene Frau und die beiden Kinder haben sich bestimmt gefreut wie Bolle das Vater in der Freiheit war.
Na wenigstens konnten die Kinder Papa 20 Jahre später wieder in die Arme schließen.
Sex und Golf können Spaß machen auch wenn man davon nicht viel Ahnung hat.
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