Vater vor Augen der Kinder erschossen

Vater vor Augen der Kinder erschossen

Beitragvon Interessierter » 5. Juli 2018, 14:14

Was haben Sie getan am Samstagabend, 6. August 1977, kurz vor 18 Uhr? Manche Familien haben vielleicht gegrillt. Oder sind vom Baden heimgekommen. Um diese Zeit versteckt sich Familie Schmidt aus Staßfurt (DDR) im Wald hinter der Grenze, wenige Kilometer von Mähring entfernt. So nah. Und doch bleibt die Tragödie unsichtbar.

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Aus den Akten: Durch dieses Loch im Zaun krabbelte erst Familie Schmidt, dann die Grenzwache. 200 Meter weiter fielen die Schüsse. Bild: ÚSTR

Schon einmal ist ein Fluchtplan des Ingenieurs Gerhard Schmidt (38) gescheitert: Im September war er von der Grenzwache Cheb in der Siedlung Lipová kontrolliert worden. Jetzt, ein Jahr später, unternimmt er einen neuen Anlauf. Diesmal hat er seine Frau und die drei Kinder dabei. Die Familie trifft schon bei der Anreise Vorsichtsmaßnahmen. Die Mutter kommt mit Dirk (6, Namen geändert) und Birgit (5) mit dem Zug in die CSSR. Der Vater fährt mit dem Ältesten, Martin (10), über den Straßenübergang in den tschechoslowakischen Bruderstaat.

Im Grenzort Boží Dar im Erzgebirge treffen sich die Fünf und fahren nach Marienbad. Von dort sind es noch etwa 14 Kilometer bis Broumov (Promenhof). Der kleine Ort liegt unmittelbar an der Grenzzone. Für Zivilisten ohne Berechtigungsschein ist das Betreten dieses Sperrgebiets entlang des Eisernen Vorhangs verboten. Bis nach Bayern sind es ab Broumov noch etwa vier Kilometer.

Es gelingt der Familie, im dichten Böhmerwald ungesehen bis nach vorne zum Signalzaun zu gelangen. Die eigentliche Staatsgrenze ist hier noch etwa 1600 Meter entfernt. Der Zaun steht unter Schwachstrom. Die tödlichen 5000-Volt-Starkstrom-Zäune sind zu dieser Zeit schon abgebaut. Jetzt setzt die tschechoslowakische Grenzwache auf ein ausgeklügeltes Alarmsystem. Bei Berührung wird in der Alarmzentrale der Grenzwache ein Signal ausgelöst.

Es ist kurz vor 18 Uhr. Gerhard Schmidt durchschneidet mit einer Zange den Draht - und wird dabei gesehen. Milan P. (20) geht etwa 200 Meter nördlich auf dem Weg entlang des Zaunes Patrouille. Der Grenzsoldat läuft mit dem Maschinenkarabiner ("Sturmgewehr") auf Schmidt zu. Dem Ingenieur ist es indessen gelungen, das Loch groß genug zu schneiden. Die Familie wartet wenige Meter entfernt zwischen den Bäumen. Eltern und Kinder schlüpfen durch die Öffnung. Familie Schmidt rennt um ihr Leben. Das Ziel: der nahe dichte Wald. Immer in Richtung Westen.

Familie ergibt sich

Auch Milan P. krabbelt durch den Draht und setzt hinterher. Er gibt danach zu Protokoll, dass er wie vorgeschrieben "Stuj!" (Halt) gerufen habe und eine Warnsalve in die Luft abgab. Als ihm noch etwa 70 Meter auf den Familienvater fehlen, habe er zwei Gewehrsalven auf den Flüchtenden abgegeben. Die erste trifft nicht. Bei der zweiten habe sich Schmidt "unnatürlich gestreckt", so Milan P. Dann fällt der Deutsche zu Boden. Die Frau ergibt sich mit den Kindern. Inzwischen hat ein zweiter Soldat aufgeschlossen: Vratislav K. (21), der vom Wachturm aus auf die Schüsse aufmerksam wurde. Er hat seinen Diensthund dabei, der frei läuft.

Gerhard Schmidt blutet aus Bauch und Brust. Er stirbt später im Krankenhaus in Plana. Ehefrau und Kinder werden an die DDR ausgeliefert. Dirk (Jahrgang 1970) wird wenige Tage später sieben Jahre alt.

Eine alte Tatortskizze zeigt, dass die Schmidts die Grenze südlich von Mähring, etwa auf Höhe des Ortes Griesbach, überqueren wollten. Der Signalzaun war in diesem Abschnitt über 1,5 Kilometer von der Landesgrenze entfernt. Der Bericht der tschechoslowakischen Grenzwache, wonach der Tatort 400 Meter vor der Grenze und 200 Meter hinter dem Signalzaun lag, kann nicht stimmen. Auch der ÚDV zweifelt das an. Die Prager Behörde zur Aufklärung von Verbrechen des Kommunismus geht von über 1600 Metern aus, die Gerhard Schmidt noch von der Freiheit trennten. Es hätte "mildere Mittel" geben müssen, die DDR-Bürger an der Flucht zu hindern, so der ÚDV.

Der Schusswaffengebrauch ist gesetzlich geregelt: Geschossen werden darf mit Warnung, "gegen Personen, die unberechtigt die Staatsgrenze überschritten haben oder dies versuchen." Der Grenzverletzer ist mit "Stuj" anzurufen. Flüchtet er, ist ein Warnschuss abzugeben. Danach darf ein gezielter Schuss zur Verhinderung der Flucht abgegeben werden. Die Staatsgrenze darf "grundsätzlich" nicht überschossen werden.

Der dritte Anlauf

Für den Tod des dreifachen Vaters wird nie jemand bestraft. Die Soldaten werden belohnt. Milan P. bekommt Sonderurlaub. 2001 wird gegen ihn ermittelt, das Verfahren aber "wegen Verjährung" eingestellt. 2008 erstattet der ÚDV im Fall Schmidt erneut Anzeige "wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit". Auch dieses Verfahren findet seinen Abschluss 2016 mit dem Hinweis, dass alle Täter verstorben oder mögliche Straftaten verjährt seien.

Die Prager "Platform of European Memory and Conscience" hat 2017 nun den dritten Anlauf unternommen. Gerhard Schmidt ist einer der vier Todesfälle, zu denen die Staatsanwaltschaft Weiden und das Landeskriminalamt München Ermittlungen aufgenommen haben. Direktorin Neela Winkelmann hat im Vorfeld Kontakt zu einem der Söhne aufgenommen, die aus nächster Nähe miterleben mussten, wie der Vater erschossen wurde. Er lehnte das Gespräch ab: Den Glauben an Gerechtigkeit habe er verloren.

https://www.onetz.de/weiden-in-der-ober ... 13567.html
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Vater vor Augen der Kinder erschossen

Beitragvon Grenzwolf62 » 5. Juli 2018, 14:48

Tja, so war das damals, nicht gut, aber wer versuchte die militärisch gesicherten Grenzen des Warschauer Paktes zu überwinden musste leider damit rechnen schlimmstenfalls erschossen zu werden.
Gut das das nun schon alles so lange her ist und wir heute die Freiheit haben, obwohl wir sie manchmal gar nicht mehr zu schätzen wissen.
Sex und Golf können Spaß machen auch wenn man davon nicht viel Ahnung hat.
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