Schüsse am Heiligen Abend 1970 töten Christian Peter Friese

Schüsse am Heiligen Abend 1970 töten Christian Peter Friese

Beitragvon Interessierter » 3. Juli 2018, 15:20

Naumburg/Berlin -

Als Christian Peter Friese in Berlin aus dem D-Zug steigt, ist die Stadt bereits in Weihnachtsstimmung. Leichter Schnee fällt, die Dunkelheit kündigt sich an. Der junge Mann macht sich auf den Weg nach Treptow. Sein Ziel: eine Gartenanlage in der Köllnischen Heide.

Die Parzellen mit ihren Lauben liegen unmittelbar an der Mauer, ermöglichen ein Versteck. Christian Peter Friese verbirgt sich, beobachtet die DDR-Grenzsoldaten. Stunde um Stunde vergeht. Kurz nach Mitternacht bricht Friese auf. Er übersteigt die Hinterlandsperre, kriecht unter dem Signalzaun hindurch, läuft mit schnellen Schritten in Richtung Mauer. Da krachen die Schüsse. Friese sackt zusammen, stirbt.

An diesem 25. Dezember des Jahres 1970 kommt um 0.03 Uhr ein weiterer von insgesamt 140 Menschen - wie später ermittelt wird - an der Grenze, die Ost- und Westberlin trennt, zu Tode: Christian Peter Friese aus Naumburg. In der Domstadt jedoch gibt es bis heute keinerlei Ort, der an den tragischen Mauer-Tod des Heiligen Abends 1970 erinnert.

Grenzsoldaten feuern 98 Schuss auf den Flüchtenden

Das Regiment 37 des Grenzkommandos Berlin-Mitte der Nationalen Volksarmee hat die „Verhinderung eines Grenzdurchbruches mit Anwendung der Schusswaffe und tödlichen Verletzungen“ in einem Bericht akribisch festgehalten. Er ist im Archiv der Berliner Stasi-Unterlagen-Behörde zu finden.

Demnach war die 3. Grenzkompanie, die den Abschnitt zwischen Treptow im Osten und Neukölln im Westen in jener Weihnachtsnacht zu bewachen hatte, durch einen Zug der 1. Grenzkompanie verstärkt worden. Wohl deshalb, weil die Genossen vermuteten, vor allem eine solche Nacht würden „Grenzverletzer“ nutzen, um das ungeliebte Land zu verlassen.

Auch Christian Peter Friese mag sich das gedacht haben, mag gehofft haben, über Weihnachten sei der Grenzstreifen weniger bewacht als an normalen Tagen. Von zwei Seiten aus, jeweils aus Richtung der Wachtürme jedoch eröffnen die Soldaten sofort das Feuer, als sie den Flüchtenden bemerken. Insgesamt fallen 98 Schüsse.

Mutter von Christian Peter Friese wird zu absolutem Schweigen verpflichtet

Auch auf Westberliner Seite bleibt das Geschehen nicht unbemerkt, zumal dort einige der Projektile einschlagen. Ein Schupo beschimpft die DDR-Grenzsoldaten deshalb mit dem Ruf: „Ihr Schweine, ihr habt geschossen.“ Die bringen den Leichnam 16 Minuten nach den tödlichen Schüssen mit einem Trabant-Kübelwagen in den Postenbereich Kölnische Heide. Von dort erfolgt der Transport in das gerichtsmedizinische Institut der Humboldt-Uni.

Der am Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertages 1970 von zwei Ärzten der Uni-Klinik ausgestellte Totenschein vermerkt als Todesursache „Brust- und Bauchdurchschuss“. Helene Friese jedoch, die bis 1996 in der Naumburger Poststraße 11 wohnte, kann die wahre Todesursache ihres Sohnes nur ahnen. Von der Stasi wird sie zu absolutem Stillschweigen verpflichtet, die Urne Christian Peters wird unter Beobachtung von Staatssicherheitsleuten anonym in Naumburg auf dem Friedhof in der Weißenfelser Straße beigesetzt. Die offizielle, von der Stasi vorgeschriebene Version lautet: „Tod durch Verkehrsunfall“. Ihr Sohn sei mit einem Auto gegen einen Baum gefahren, sein Leichnam bereits eingeäschert.

Die Stasi nötigt der Mutter noch eine Erklärung ab, in der sie die amtlichen Organe bittet, „im Interesse meines Ansehens in gleicher Weise zu argumentieren“, wie Martin Ahrends, Udo Baron und Hans-Hermann Hertle für ihre Recherchen zum Buch „Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 - 1989: ein biografisches Handbuch“ herausgefunden haben.

Für Helene Friese, die 1921 geboren wurde und die am 28. Mai 2010 in Weißenfels, wo sie zuletzt wohnte, verstorben ist, muss das Verbergen des Wissens um den Tod ihres Sohnes quälend gewesen sein. Auch nach der Wende erfährt sie keine Genugtuung. Denn 28 Jahre nach den Todesschüssen werden die an der Tat beteiligten Grenzsoldaten in einem Verfahren vor dem Berliner Landgericht freigesprochen, weil ihnen keine Tötungsabsicht nachgewiesen und der eigentliche Todesschütze nicht festgestellt werden kann, wie die Richter einräumen müssen.

West-Fernsehen berichtet von Todesopfer an der Mauer

Als Helene Friese am 24. Dezember 1970 ihren Sohn, der im selben Haus wohnt, zum Essen holen will, kann sie ihn nicht finden. Eine Ahnung überkommt sie, die sich verfestigt, als sie feststellen muss, dass ein Fotoalbum, ein Tonbandgerät und Kleidungsstücke fehlen. „Ich dachte sofort, dass er jetzt tatsächlich nach Berlin gefahren wäre, um zu flüchten“, gibt sie 1992, von der Naumburger Polizei im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen die Todesschützen befragt, den Bediensteten Auskunft.

Als sie am ersten Weihnachtsfeiertag im West-Fernsehen vom Tod eines jungen Mannes an der Berliner Mauer erfährt, wird aus der Ahnung beinahe Gewissheit. Bange Tage vergehen, bis sie am 7. Januar 1971 von der Staatssicherheit vom Tod ihres Sohnes - allerdings mit einer Lüge - unterrichtet wird. Dabei war Christian Peter ihr einziges Kind.

Der längere Beitrag geht hier weiter:
https://www.naumburger-tageblatt.de/lok ... -29385732#
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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Re: Schüsse am Heiligen Abend 1970 töten Christian Peter Friese

Beitragvon Volker Zottmann » 3. Juli 2018, 18:30

Und immer das Gleiche! Warum wurde jeder Grenzmord vertuscht?
Die waren sich im vollen Bewusstsein Unrecht zu tun, anzuordnen.
Den Angehörigen meines Kollegen, der 1971 bei der NVA umkam, hat man auch nie gesagt, was passierte. Sein Opa ist dran zerbrochen. Fredy hätte sein militärisches Begräbnis samt dem Belügen der Eltern auch nie gutgeheißen. Wenn Unfälle geschehen, soll man sie benennen. Sind es Verbrechen, dann erst recht.

Gruß Volker
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