Die Mär vom deutschen Zahlmeister

Themen welche die EU betreffen.

Die Mär vom deutschen Zahlmeister

Beitragvon Interessierter » 30. Juni 2018, 08:59

Wenn es um Europa geht, kursiert in Deutschland die ewige Angst, es könnte uns etwas kosten. Zeit für einen Aufklärungsversuch. Bevor es für uns richtig teuer wird.

Zu den mit Abstand blödesten Reaktionen auf jedweden Vorschlag, Geld auszugeben, gehört das Lamentieren darüber, dass wir Deutschen dann ja "schon wieder" zahlen sollen - weil wir das angeblich ständig tun. So eine Art deutscher Standardseufzer, wenn die Welt wieder mal schlecht zu uns ist.

Die Behauptung, dass Deutschland ständig für alles immer furchtbar viel zahlen müsse, wird nur durch ständiges Wiederholen nicht richtiger, sondern eher zum Totschlagargument gegen alles, was mit Geldausgeben zu tun hat. Klar, wir zahlen nach Adam Riese in Bedarfsfällen in der Regel mehr als, sagen wir, Malta. Das wäre nur umgekehrt auch ein bisschen ungerecht für die paar Malteser, wenn sie genauso viel aufbringen müssten wie gut 82 Millionen Deutsche.

Richtig ist auch, dass Deutschland jährlich mehr Geld in den EU-Haushalt zahlt, als es von dort bekommt. So richtig zum Großlamento gegenüber Südländern reicht das allerdings auch nicht; ebenso wenig wie die derzeit hierzulande eifrig verbreitete Vermutung, der französische Präsident wolle, wenn er ein Euro-Budget vorschlägt, wieder einmal nur Geld von Deutschland. Dreiste Behauptung. Per Saldo zahlen nämlich auch die Italiener und die Franzosen mehr an die EU, als sie von dort bekommen - nur dass sie darüber nicht alle Tage so mitleiderregend jammern.

Was die Deutschen netto beitragen, entsprach 2016 ganzen 0,35 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Jahres. Sprich: Für die EU-Kasse müssen wir rechnerisch gut einen Tag im Jahr konzentriert arbeiten. Ist sozusagen am 2. Januar in der Regel erledigt. Wenn das für so ein bisschen Frieden und Förderung stabiler Absatzmärkte für unsere Exportunternehmen mal kein attraktives Arrangement ist!

Der Befund wird auch durch den Verweis auf die jüngste Euro-Rettung nicht schlechter. Im Gegenteil: Seit es die Eurokrise gibt, scheint sich der Eindruck, wir müssten immer anderen Geld schenken, endgültig verselbstständigt zu haben; so sehr, dass unsere Bundestagsabgeordneten in seltener Allmachtsfantasie deshalb auch über alles mitentscheiden wollen, was etwa im sorgsam beaufsichtigten Griechenland passiert. Irre.

Deutschland profitiert finanzpolitisch auf bizarre Art von der Krise


Ins Groteske bewegen sich hiesige Zahlmeister-Wehklagen, seit Deutschland finanzpolitisch auf bizarre Art von der Krise sogar zu profitieren begonnen hat. Die Regierung keines anderen Landes hat, ohne selbst zu kriseln, dank der Eskalation seit 2010 so viel Geld gespart - allein weil Anleger in so einer Krise panikartig in sichere Anlagen wie deutsche Staatsanleihen flüchten und der Finanzminister dank der hohen Nachfrage irgendwann kaum oder gar keine Zinsen mehr auf die eigenen Schulden zahlen muss - wodurch Wolfgang Schäuble gängigen Schätzungen zufolge in seiner Zeit dreistellige Milliardenbeträge gespart hat.

Warum? Weil die anderen kriseln. Der deutsche Finanzwart hat selbst vom Drama der Griechen noch profitiert - und drei Milliarden Euro Zinseinnahmen auf die Kredite dorthin eingesteckt, wie das Ministerium kürzlich einräumen musste. Ein Befund, der umso irrer wirkt, als Schäuble bei den Griechen dereinst wie manisch darauf pochte, dass noch eine und noch eine Milliarde gekürzt wird - egal, ob dadurch Krankenhäuser schließen mussten. Zahlmeister Griechenland? Zumindest hat der Grieche de facto noch einen schönen Beitrag dazu geleistet, dass wir in Deutschland dank guter Haushaltslage jetzt Steuersenkungen in Aussicht gestellt bekommen. Da kann unser Steuerzahlerbund ruhig mal eine Dankeskarte nach Athen schicken.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/sozial ... 15496.html

Diesen Inhalt sollten ganz besonders die User lesen, die hier immer wahrheitswidrig behaupten, dass Deutschland der große Zahlmeister der EU wäre...
Auch aus Steinen die einem in den Weg
gelegt werden,
kann man was schönes bauen
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